Predigten

Jesaja 61,1-10



Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde, 

es ist in vielen Kulturen eine alte Gewohnheit, sich zum Neuen Jahr alles Gute zu wünschen. Die Wünsche werden dann auch konkretisiert: Gesundheit, Erfolg, Glück, und manches andere.

Das sind wohlgemeinte Wünsche. Sie entspringen alle dem einen Wunsch, unser Gegenüber möge ein gutes Jahr erleben.

Es ist eine freundliche und wohlwollende Haltung gegenüber unseren Mitmenschen. Und solche Wünsche zu empfangen, lässt uns ja einerseits auch aufatmen und freuen, weil es jemand gut mit uns meint.
So weit so gut – ich vermute, ihr habt in den vergangenen Tagen viele solcher Botschaften und Grüße persönlich und/oder per WhatsApp oder Email bekommen.

Gleichzeitig sind wir ja aber auch nicht naiv. So sehr wir uns über diese Wünsche freuen und so gern wir auch gute Wünsche verschicken, unsere Lebenserfahrung zeigt: auch in diesem Jahr werden wir nicht nur Einfaches und Gutes erleben.

Unsere Erfahrung weiß, auch in diesem Jahr werden wir uns nicht nur freuen und mit den schönen Seiten vom Leben beschäftigen, sondern auch vor Herausforderungen stehen. Manche von uns leben weiter mit ihren chronischen Krankheiten. Andere sind weiter in finanzieller Not. Manche von uns werden Unvorhergesehenes erleben, ein plötzlicher Tod, eine schwere Diagnose, Liebeskummer, Sorgen bei der Arbeit und in der Schule.

Nein, niemand von uns ist naiv.

Gleichzeitig, obwohl oder vielleicht, weil wir nicht naiv sind, lesen wir in der Bibel. In der Bibel lesen wir Abschnitte, die sich anhören wie Neujahrswünsche.

Hört euch den Predigttext aus dem Buch Jesaja an.

Jesaja 61, 1-10


1 Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; 

2 zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, 

3 zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des Herrn«, ihm zum Preise.

4 Sie werden die alten Trümmer wieder aufbauen und, was vorzeiten zerstört worden ist, wieder aufrichten; sie werden die verwüsteten Städte erneuern, die von Geschlecht zu Geschlecht zerstört gelegen haben. 

5 Fremde werden hintreten und eure Herden weiden, und Ausländer werden eure Ackerleute und Weingärtner sein. 

6 Ihr aber sollt Priester des Herrn heißen, und man wird euch Diener unsres Gottes nennen. Ihr werdet der Völker Güter essen und euch ihrer Herrlichkeit rühmen. 

7 Dafür, dass ihr doppelte Schmach trugt, und für die Schande sollen sie über ihren Anteil fröhlich sein. Denn sie sollen das Doppelte besitzen in ihrem Lande. Sie sollen ewige Freude haben.

8 Denn ich bin der Herr, der das Recht liebt und Raub und Unrecht hasst; ich will ihnen den Lohn in Treue geben und einen ewigen Bund mit ihnen schließen. 

9 Und man soll ihr Geschlecht kennen unter den Völkern und ihre Nachkommen unter den Nationen, dass, wer sie sehen wird, erkennen soll, dass sie ein Geschlecht sind, gesegnet vom Herrn.

10 Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. 


Was mir dabei im Zusammenhang mit dem neuen Jahr und den vielen guten Wünschen auffällt, will ich hervorheben: Wie immer, es wäre zu dem Abschnitt noch viel mehr zu sagen.

  1. Zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn und einen Tag der Rache Gottes

Gerne höre ich den ersten Halbsatz, die Verkündigung eines gnädigen Jahres des Herrn. Das ist so ganz in der Linie mit unseren Neujahrswünschen, die ich eben beschrieben habe. Sicher seid auch ihr beim Hören über die zweite Hälfte innerlich gestolpert: Einen Tag der Rache Gottes. Die meisten von uns haben es schwer mit der Rache Gottes. Ja, auch ich habe es nicht einfach damit. Denn mir missfällt wie der Gedanke von der Rache Gottes in der Kirchengeschichte von Priestern und Bischöfen genutzt wurde, um den Gläubigen Angst zu machen. Solange die Gläubigen mit großer Angst vor der Rache Gottes leben und den Tag des Gerichts fürchten wie die Pest, solange funktionierte die autoritäre Struktur der Kirche.

Angst machen und damit Einfluss ausüben. Das ist eine alte, furchtbare Strategie, die autoritäre Systeme stützt und den Gedanken von Demokratie und Gleichberechtigung unterwandert. 

Dieses hören viele von uns also mit und betonen deshalb die Gnade und Güte Gottes. Ich stimme dem zu und darin liegt ja auch der Ursprung unseres lutherischen Erbes: Die Befreiung von einem angsteinflößenden Gott. Das hat und hatte seine Berechtigung.

Doch damit werden wir Jesaja noch nicht gerecht und womöglich auch nicht unserem Gott. Eben genau so wenig, wie wir unserem Leben gerecht werden, wenn wir von ihm nur Gutes und Güte und Hoch-Zeiten erwarten.

Der Gedanke eines Tags der Rache Gottes ist bei Jesaja in erster Linie eine Wiedergutmachung, ein Trost für diejenigen, die unter den unrechten und bösen Taten eines autoritären Systems leiden.

Was meine ich damit: Der Tag der Rache Gottes steht hier in unmittelbarem Zusammenhang mit den folgenden Versen: zu trösten alle Trauernden, 3zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des Herrn«, ihm zum Preise“.

Merkt ihr: der großen Gruppe der Bevölkerung, den sogenannten einfachen Männern und Frauen, die in einem autoritären Babylonischen Reich lebten, der Gewalt von Herrschern hilflos und ohnmächtig ausgeliefert, denen wurde gesagt: eines Tages wird sich dieser Zustand ändern. 

Es ist geradezu grotesk, dass diese Verse dann später, wie eben von mir beschrieben, benutzt wurden, um den sogenannten einfachen Männern und Frauen, den Gläubigen Angst zu machen.

Die einzigen, die durch die Ankündigung eines Tages der Rache Gottes Angst bekommen sollten, sind diejenigen, die ihre Autorität, ihre Herrschaft missbrauchen.

Jesaja nimmt in Aussicht und damit steht Jesaja in alter jüdischer Tradition, dass es aufhören soll und kann, dass Menschen ihre Macht über andere Menschen missbrauchen. Es soll aufhören, dass Menschen mit Gewalt regieren. Es soll aufhören, dass sich Herrschende bereichern auf Kosten der Bevölkerung. Es soll nicht sein, dass die Herrschenden in Palästen und Villen, in Saus und Braus leben, während den sogenannten einfachen Menschen das tägliche Brot, Strom, reines Wasser und ein Dach über dem Kopf fehlen.

Gottes Trost, um es nochmal deutlich zu sagen ist gebunden und verbunden mit dem Gedanken, dass Gerechtigkeit wächst und die ungerechte Verteilung und Teilung der Welt ein Ende hat.

  1. So weit so gut. Damit sind wir bei der Frage: wie soll das sein? Gehen wir zurück zu unseren guten Neujahrswünschen? In der Regel denken wir gar nicht so weit: wir überschütten Menschen einfach mit den guten Wünschen. Doch lasst uns mal die Gelegenheit nutzten, um darüber nachzudenken: verstärken wir damit die Illusion, dass ein gutes Leben ein Leben ohne Krankheit, ohne Sorgen, ohne Leid ist. Und schaffen wir auf diese Weise zusätzliches Leid, weil alle die, die nun mal krank sind, Sorgen haben, durch schwere Erfahrungen gehen am Ende den Eindruck haben müssten: Sie sind nicht gesegnet. Ohne unsere wohlgemeinte Gewohnheit von guten Wünschen überzustrapazieren, möchte ich doch hinaus auf das, was bei Jesaja anders ist. 

Das ist der Anfang dieses Abschnitts. Jesaja sagt von sich: „Der Geist Gottes, des Herrn ist auf mir – er hat mich gesalbt -  den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen;“

Jesaja sieht es als seine Aufgabe, aktiv zu werden, damit das gnädige Jahr des Herrn nicht nur ein frommer Wunsch bleibt, von dem jeder ahnen kann, dass er sich nicht von selbst erfüllt.

Jesaja schüttet also nicht einfach gute Wünsche aus, sondern geht tiefer: Wenn es ein gnädiges Jahr werden soll, dann liegt es auch an mir, dafür etwas zu tun. Ganz konkret: diejenigen zu unterstützen, denen das Leben schwere Erfahrungen zumutet. Damit es ein gutes Jahr wird, wird den Kranken nicht einfach Gesundheit gewünscht, sondern es wird angekündigt, dass die Wunden verbunden werden. Eine gute medizinische Versorgung für alle, die sie brauchen.

Es wird in Aussicht genommen, dass die zu Unrecht in Armut lebenden, frei werden: ihre Kreditgeber können sie nicht länger gefangen halten und die Armut von Generation zu Generation weitergeben. 

Also bessere Chancen für die, die aufwachsen in Wellblechhütten, bessere Schulmöglichkeiten. Das bedeutet Menschen in allen Leitungspositionen mit einem Bewusstsein für ihre Aufgabe: Das Leben der sogenannten einfachen Männer und Frauen im Blick zu haben und alles dafür zu tun, dass es ihnen besser geht.


Ja und leider, dass geht nicht, ohne ganz gezielt auch aufzudecken und anzuklagen, wer sein Amt und seine Leitungsaufgabe, seine Regierungsaufgabe schlecht erfüllt. Ja, wir als weißer Bevölkerungsteil werden damit vorsichtig sein in diesem Land – doch wir werden hoffentlich nicht in die Falle treten, dass es ein Problem von „schwarz und weiß“ ist. Wir werden sicher klug und besonnen handeln, aber doch eben auch nicht einfach zusehen, wie der größte Teil unserer Bevölkerung ausgeliefert ist und bleibt dem Mutwillen derer, die sich unrecht bereichern.

Jesaja sieht darin seine Aufgabe: es ist keine einfache Aufgabe, ein prophetisches Amt einzunehmen: mit kluger Diplomatie doch weiter daran zu arbeiten, dass Frieden in der Welt wird und wir uns nicht einfach wie das Blaue vom Himmel wünschen.

Jesaja ist und war nicht der Einzige, der dieses Amt übernommen hat. Der Evangelist Lukas erzählt im vierten Kapitel seines Evangeliums, dass Jesus diese Stelle aus Jesaja 61 auf sich bezieht.

In den Evangelien lesen wir dann wie Jesus das verstanden und gelebt hat: er hat manches Mal mutig kritisiert und ganz konkret einige Schriftgelehrte und einige Pharisäer zur Rede gestellt.

Er hat aber nicht nur fromme Reden gehalten und andere kritisiert. Jesus ist nicht zum Besserwisser geworden, der sich zurückzieht und aus der Distanz weiß, wie man besser regieren und leiten würde: Jesus war ansprechbar für die, die unter dem Unrecht litten. Er hat Wunden verbunden. Menschen geheilt.

Um nun den Bogen zu unserem ersten Sonntag im neuen Jahr zu machen: Mit jedem guten Wunsch, den wir aussprechen, geht die Frage einher: „Was habe ich damit zu tun, damit dieser Wunsch wahr wird?“


Was habe ich damit zu tun, dass es Frieden gibt: den weltweiten, aber auch den Frieden in der Familie, in der Gemeinde, am Arbeitsplatz?

Wozu hat Gott mich berufen in diesem Jahr?

Reicht es, dass ich jemandem Gesundheit wünsche? Was meine ich damit? Kann es sein, dass wir genauer werden mit unseren Wünschen: Vielleicht wünsche ich jemandem ausreichend Kraft, mit seiner Krankheit zu leben. Vielleicht wünsche ich jemandem, dass er mit dem Schweren, das in diesem Jahr auf ihn zukommt, zurechtkommen wird. Vielleicht wünsche ich ihm Vertrauen, dass tiefer ist als sein Zweifel. 

Wenn ich anfange, meine Wünsche genauer zu formulieren, dann bin ich in Gedanken wirklich bei dem, dem ich etwas wünsche.

Dann praktiziere ich beides: die schöne Gewohnheit der guten Wünsche und werde doch nicht naiv -, sondern glaube, dass ich mit meinem Leben etwas bewirken kann.

So wie Jesaja und wie Jesus und wie die vielen nachfolgenden Juden und Christen, die jeweils da, wo sie leben solche Hoffnungsträger geworden sind.
Mit diesem schönen Bild will ich schließen: Terebinthen der Gerechtigkeit. Das können wir sein auch in diesem Jahr.

Es lohnt sich eine ganze Predigt über diese heiligen Bäume zu halten und ihre Bedeutung in der Bibel. 

Am Anfang von Jesaja wird eine welke, abgestorbene Terabinthe beschrieben und als Bild für den Zustand des Volkes genommen. Später bei Jesaja spricht er davon, dass der Baum sogar abgehauen wurde. Und dann: ja, auch aus einem abgehauenen Baum kann neues Leben enstehen: es sprosst wieder.

Hier am Ende des Buches die Aussicht: Viele Terabinthen.


Am Anfang dieses Jahres, in einer Welt, in der viel abgehauen und verwelkt ist, vielleicht auch in unserem persönlichen Leben: Da sieht Jesaja, dass die Kraft Gottes durch ihn und durch viele andere dazu führen kann, dass die Welt hier und da besser wird: Immer da, wo ein trauriger Mensch getröstet wird, ein ängstlicher Mensch frei wird von seiner Angst. Wo Menschen ihre Verantwortung verstehen, ihre Positionen und ihre Arbeit mit Hingabe erfüllen und das Wohl aller im Blick behalten.

Das ist nicht naiv. Das ist Erfahrung: Lest die Berichte von „Brot für die Welt“ oder anderer Hilfsorganisationen. Hört den Eltern zu, deren Kinder im Baby Therapie Zentrum sind. Macht euch das dankbare Lächeln bewusst, von denen die auf Lebensmittel in Winterveld warten. Denkt an die Mütter, die stolz und zuversichtlich ihre kleinen Frühchen in den mit liebe genähten Kangerutüchern tragen.


Möge es so ein gnädiges Jahr des Herrn werden und lasst uns darauf vertrauen, dass Menschen, die ihre Autorität missbrauchen auf Dauer nicht damit durchkommen.