2015-08-09 - 10. Sonntag nach Trinitatis - Pastor Dr. Christian Nottmeier

(Predigttext: Lk 19, 41-48)


41 Und als er nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie

42 und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen.

43 Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen

44 und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.
Die Tempelreinigung
45 Und er ging in den Tempel und fing an, die Händler auszutreiben,

46 und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus sein«; ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht.

47 Und er lehrte täglich im Tempel. Aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten und die Angesehensten des Volkes trachteten danach, dass sie ihn umbrächten,

48 und fanden nicht, wie sie es machen sollten; denn das ganze Volk hing ihm an und hörte ihn.


Liebe Gemeinde,


Orte der Träume, orte der Sehnsüchte, die hat wohl jeder Mensch. Solche Orte mögen verbunden sein mit eigenen Lebenserfahrungen, wichtigen Ereignissen. Es können reale Orte sein, die man besucht hat, aber auch solche, an denen man selbst nie war und die gleichsam „nur“ –aber was heißt hier schon „nur“ – in Gedanken existieren. Ein Ort, der ein solche Sehnsucht, einen Traum, darstellt ist zweifellos die Stadt Jerusalem, der Ort, der erst Juden, dann Christen und schließlich auch Muslimen zur Heiligen Stadt geworden. Vielfach zerstört, bis heute um kämpft und für die Menschen eben wohl auch mehr, als die Steine der Häuser, die Orte der religiösen Heroen, sondern zugleich ein Sehnsuchtsort, der über diese Welt hinaus weist. „Nächstes Jahr in Jerusalem“ war so ein Ausspruch im osteuropäischen Judentum. Das himmlische Jerusalem, in dem die Ordnung dieser Welt nicht mehr gelten, weil sie auf wunderbare Weise ganz und heil geworden ist, ist ein anderes Bild für diese Sehnsucht.


Und aus diesen Sehnsüchten reißt uns die Brutalität Text heraus, der über viele Jahre Predigttext für diesen Sonntag wahr. Allerdings klingt er eher nach nach Wehrmachtsbericht als nach Heiliger Schrift, diese Worte aus dem 2. Kön 25, 8-12


„Am siebenten Tage des fünften Monats, das ist das neunzehnte Jahr Nebukadnezars, des Königs von Babel, kam Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, als Feldhauptmann des Königs von Babel nach Jerusalem und verbrannte das Haus des HERRN und das Haus des Königs und alle Häuser in Jerusalem; alle großen Häuser verbrannte er mit Feuer. Und die ganze Heeresmacht der Chaldäer, die dem Obersten der Leibwache unterstand, riss die Mauern Jerusalems nieder. Das Volk aber, das übrig war in der Stadt, und die zum König von Babel abgefallen waren und was übrig war von den Werkleuten, führte Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, weg; aber von den Geringen im Lande ließ er Weingärtner und Ackerleute zurück.“


Hört man diesen Text, malt man sich aus, was da geschieht, was doch in der Antike hundertfach geschehen ist und was Jerusalem noch zwei Mal bevorsteht, die Zerstörung dieser Stadt, dann möchte man fast weinen. So wie es Jesus mit tiefsten Mitleid getan hat, bevor er in die Stadt einzog, vorausahnend, was die Römer wenige Jahrzehnte später tun würden – wie haben das im Evangelium als unserem eigentlichen Predigttext gehört.

 

Die Bilder der Zerstörung aus Israel und Palästina begleiten uns auch heute manchmal. Millionenfach reproduziert erschrecken sie, machen hilflos, wütend, betäuben. Körper werden blutend aus einem explodierten Bus getragen. Dörfer werden bombardiert, Häuser planiert, Menschen vertrieben, Angehörige von politischen Gegnern ausgewiesen.


"Jesus sieht die Stadt und weint." (Lukas 19)
Ein Bild der Zerstörung malt der Bericht aus 2. Könige. Und Jesus sieht das wieder kommen, dieses Mal durch die Römer.
Das Haus des Herrn - niedergebrannt.
Das Haus des Königs - niedergebrannt.
Alle großen Häuser - niedergebrannt.
Die Mauern Jerusalems - niedergerissen.


Juda ist am Ende. Der Krieg gegen Babylon ist verloren. Die Hauptstadt liegt in Schutt und Asche. Jerusalem hat keine wirtschaftliche und politische Zukunft mehr.


Um dem Volk den letzten Rest an Hoffnung zu nehmen, werden die Gebildeten und Verantwortlichen, die Mächtigen und Klugen, die selbstbewussten Handwerker und die Studierten vertrieben. Weggeführt aus Jerusalem ins Exil nach Babylon - damit sich ja kein Widerstand mehr regen kann. Nur die Weinbauern und Ackerleute dürfen bleiben. Aus der blühenden Stadt Jerusalem wird ein Ackerbürgerdorf.

 

Was sollen wir tun angesichts solcher Bilder? Was können wir anderes tun als weinen?


Zulange haben Christinnen und Christen diesen Text gehört - und nicht geweint über das Leid, das Menschen damals in Palästina widerfahren ist. Sie haben sich bestätigt gesehen in ihrem Bild vom Judentum. "Muss es so nicht denen gehen, die von Gott abfallen?" "Muss es so nicht denen gehen, die Gottes Sohn nicht annehmen?" Zu lange ist über diesen Text so gepredigt worden, dass christliche Gemeinden nicht geweint haben, sondern sich bestätigt gefühlt haben in ihrem Überlegenheitsgefühl: "Wie gut, dass wir nicht so sind, wie diese da!" "Wir sind das neue Volk Gottes, wir haben das Judentum beerbt!" Zu lange ist dieser Text gelesen worden von Stimmen, die jüdische Menschen abschätzig betrachtet und behandelt haben.


"Jesus sieht die Stadt und weint." Was ändert sich, wenn ich die Worte aus dem zweiten Königsbuch mit den Augen von Jesus lese?


Zunächst einmal: Jesus sieht die Stadt! Er schaut nicht weg. Er sieht, dass die Häuser niedergebrannt und die Menschen verschleppt werden. Er ist nicht so von seiner Idee fasziniert, so auf seinen Weg fixiert, dass er nichts mehr um sich herum wahrnimmt. Er nimmt er sich Zeit, inne zu halten und zu schauen: Wie leben die Menschen hier? Wo leben sie in Frieden miteinander, wo feiern sie miteinander und - wo verlaufen die Trennungslinien? Was zerreißt die Menschen? Was bringt sie dazu, ihre Hoffnung auf ihre eigene Macht zu setzen: Ihre Geschichte? Ihre Wut? Wo liegen die religiösen Verführungen und die Dämonisierungen des anderen, des Feindes?


Jesus sieht die Stadt. Er ist Realist! Er sieht, dass Menschen manchmal nicht erkennen, "was zum Frieden dient" (Lk. 19, 42). Dass sie sich nicht auf den Weg machen können, auf dem Segen liegt. Warum geht das nicht? Weil große Bilder den Blick verstellen – und das gilt nicht nur für die große Politik im Nahen und uns doch so fernen Osten, sondern auch für unsere Welt mit ihren großen und kleinen Problemen: die anderen sind die Feinde. Da bleibt keine Wahrnehmung der Zwischentöne; da werden die vielen kleinen Bemühungen um Frieden und Versöhnung übersehen. Da verschwinden die einzelnen. Da gibt es nur noch Gerüchte, was dieser oder jene wieder gesagt und getan hat.


Jesus sieht die Stadt, sieht die Sehnsüchte und Träume, die sich damit verbinden anders - nicht als Spielball globaler Interessen, nicht als Stätte eine apokalyptischen Kampfes zwischen Gut und Böse, nicht als Eigentum der einen oder der anderen, sondern als von Gott geschenkten Ort, in dem christliche Palästinenser, jüdische und muslimische Araberinnen und Araber, jüdische Israelis und alle anderen gemeinsam leben. Jesus sieht die vielen einzelnen und ihre Wege miteinander, ihre Freundschaft und ihre Feindschaft. Er sieht die Menschen, Ebenbilder Gottes.

 

"Jesus sieht die Stadt und weint."


Wenn ich die Fernsehbilder von Terror und Gewalt sehe, will ich lieber anderes tun: mich verkriechen, schreien, dem Bösen Einhalt gebieten, die Augen zumachen, die Bösen verurteilen.
Jesus tut dies nicht. Er schaut und weint. Er weint mit den Traurigen. Er greift nicht mir Macht ein. Er geht seinen Weg und stellt sich, ganz unpopulär, ganz unpolitisch, auf die Seite der Leidenden.


Er weint über seine Ohnmacht. Doch er gibt seine Verantwortung nicht ab, zieht sich nicht in Hass oder Depression zurück. Wenige Verse später, im Tempel, wirft er die hinaus, die um ihres Interesses willen das Bethaus zur Räuberhöhle machen.


Er weint über die Leiden. Doch er verliert die Hoffnung nicht. Jerusalem, das Urbild unserer Städte, der Ort, wo Menschen verschiedener Religionen und Kulturen, verschiedener Herkunft und Hautfarbe, verschiedenen Standes und Geschlechts miteinander leben, wird nicht untergehen. Gott ist treu. Er wird seine Stadt bewahren. Gottes Treue zu seinem Volk, zu denen, die zu ihm gehören, hört nicht auf. Sie trägt durchs Leid und durch die Zerstörung, sie trägt auch da, wo die Verzweiflung die Frage noch Gott fast vergessen lässt. Und sie trägt in Gestalt des Volkes Israel eben auch sein Volk, in dessen Geschichte sich Gottes Treue zu seinen Verheißungen widerspiegelt, indem es Halt fand in den Worten und Ordnungen Gottes, in der Tora, die nicht an Orte und Staaten und Länder gebunden ist.


Auch das zweite Buch der Könige endet mit dieser Hoffnung gegen den Augenschein, denn Jojachin, der König von Juda, wird in Babylon begnadigt und der König von Babel "redete freundlich mit ihm". Im Moment der Zerstörung hört Gottes Geschichte nicht auf, nein, sie fängt erst richtig an. Denn an die Stelle der äußeren Ordnungen treten die Ordnungen Gottes, die den Menschen ins Herz geschrieben sein sollen.


Und Jesus? Er sieht diese Stadt, er sieht die Träume und Sehnsüchte: er sieht das Großartige daran; aber er sieht auch, wie diese Sehnsüchte, diese Ideale umschlagen können in Konflikt und Gewalt und in Leid, körperlich ebenso wie seelisch; er sieht, wie Menschen – vielleicht aus bestem Wissen und Gewissen - nicht erkennen, was dem Frieden dient. Und rennt nicht weg, sondern stellt sich den Tränen, stellt sich dem Leid.


"Jesus sieht die Stadt und weint."


Amen.