(Predigttext: Mk 7, 31-37)
31 Und als er wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte.
32 Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege.
33 Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und
34 sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf!
35 Und sogleich taten sich seine Ohren auf und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig.
36 Und er gebot ihnen, sie sollten's niemandem sagen. Je mehr er's aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus.
37 Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.
Liebe Gemeinde,
gut erinnere ich mich an meine Großmutter. Oft war ich als Kind in den Winterferien bei ihr. Sie wohnte in der Nähe von Hildesheim in einem kleinen Häuschen im Park eines alten Gutshofes. Das war ein richtiges Kinderparadies. Ein verwilderter Park, ein alter Kartoffelkeller und im Winter ein zugefrorener Teich. Nach einem langen Tag gab es abends dann auf dem alten Sofa, das sie aus ihrer Berliner Wohnung noch während des Krieges retten konnte, heiße Milch mit Honig. Und dann legte sie oft ihre alten Platten auf. Besonders ein Lied kam immer wieder, ein Schlager der frühen vierziger Jahre, vorgetragen mit der tiefen Stimme Zarah Leanders: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen ...“. Und dann begann meine Oma zu erzählen von früher: von ihrem schon lange verstorbenem Mann, vom Überleben mit zwei Kindern, während der Mann als Soldat an der Front ist, von den Bombennächten; davon wie ihre Kinder erschreckten, als der Vater nach fünf Jahren Gefangenschaft vor der Tür stand. Ich gestehe, manchmal konnte ich die Geschichten nicht mehr hören und war auch irgendwann etwas genervt von diesem Lied mit dem Wunder:
„Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn und dann werden tausend Märchen wahr.
Und darum wird einmal ein Wunder geschehn und ich weiß, daß wir uns wiedersehn!“
Später habe ich gelernt, welche propagandistische Kraft gerade solche Schlager und entsprechende Filme für die seelische Mobilisierung der Heimatfront gehabt haben. Geschickt nahmen sie die Sehnsüchte der Menschen auf, rührten sie an, inszenierten heile Gegenwelten, während die Welt ringsum materiell wie moralisch zerbrach. Wunder und die Sehnsucht nach ihnen ist zutiefst menschlich, allzumenschlich, aber eben deshalb auch missbrauchbar.
Mit Wundern verbinden sich Sehnsüchte und Hoffnungen, erfüllbare ebenso wie unerfüllbare. Wunder geschehen immer wieder, aber sie sind nicht verfügbar. Wunder öffnen Raum und Bewusstsein für das Außeralltägliche, mitten im Alltag. Sie lassen aber auch verführbar werden. Die Sehnsucht nach ihnen kann dann von der Bewältigung des Alltags und der Solidarität mit den Bedrängten und Verfolgten ablenken.
Wie das mit Kindererinnerungen ist, sie graben sich einem ein. Und mir kommt beim Thema Wunder immer dieses Lied ins Ohr– auch bei dieser Wundergeschichte aus dem Markus-Evangelium. Diesen Wundergeschichten wohnt mit unserem neuzeitlichen Blick natürlich eine Zwiespältigkeit inne. Viel wird über den Wert und die Wahrscheinlichkeit räsoniert, ob es wirklich so gewesen ist. Einer oberflächlichen Religionskritik sind sie Beweis dafür, dass das doch ein merkwürdiger Glaube sei, der einfach so Naturzusammenhänge durchbreche. Ein solcher Glaube sei eben doch nur vormodern und trage wie diese Geschichten kaum noch etwas für andere aus.
Wie gut, denke ich dann, daß Markus ein schlichter, aber eben auch guter Erzähler ist. Und weil das so ist, lohnt es, seinen Spuren zu folgen und sich aufzumachen in jene gewiss vormoderne Welt dieser Geschichte. Denn vielleicht ist sie uns doch ganz nah, weil es um Menschen geht mit Ängsten, Sehnsüchten, auch nach Wundern, nach der großen Wende im Leben, danach, dass alles anders wird. Denn auch wenn die Zeiten wechseln, bleibt der Mensch derselbe.
Ein Mensch, taubstumm, wird zu Jesus gebracht. Eine große Menge hat sich um beide versammelt. Eigentlich ist allen klar, was jetzt passieren wird. Man lechzt nach dem Wunder, das gleich passieren wird, will es endlich mit eigenen Augen sehen, was der Wundertäter aus Nazareth, von dem alle soviel erzählen, denn nun so drauf hat. Alle erwarten ein weiteres Meisterstück.
Jesus allerdings tut genau das nicht. Er will keine öffentliche Demonstration seiner Macht auf Kosten des Mannes, der da zu ihm gebracht wurde. Menschen bloß zu Mitteln des eigenen Zwecks zu degradieren, das ist seine Sache nicht. Und so nimmt Jesus den Taubstummen zur Seite. Vermutlich fühlt Jesus, wie sehr dieser Mensch sich sehnt, endlich reden, endlich hören zu können. Aber ebenso erkennt er die enttäuschten Hoffnungen. Jesus wird nicht der erste sein, der sich an seiner Heilung versucht. Und wer garantiert, dass es dieses Mal klappt? Wer garantiert, dass der Taubstumme nicht wieder nur zum Demonstrationsobjekt der Macht eines anderen wird? Wer garantiert, dass die Hinwendung, die Jesus ihm zeigt, wirklich ihm, dem Taubstummen selbst gilt?
Dass Jesus den Taubstummen nun beiseite nimmt, zeigt allerdings wie sehr es ihm um diesen Menschen selbst geht. So was ist dem Taubstummen vermutlich noch nicht passiert. Jesus zeigt seine wirkliche Liebe. Der Taubstumme soll erkennen: Jesus geht es um mich und um mein Leben, um nichts anderes. Ich bin vor ihm wertvoll, so wertvoll, dass er das ganze Volk hier allein lässt. Alles nur für mich.
Und nun steht der Kranke Jesus gegenüber – Auge in Auge. Jesus fasst ihn an, legt ihm den Finger in das Ohr, berührt seine Zunge. Genau die Körperteile, die dem Kranken seinen Kontakt mit der Außenwelt erschweren, ihn in seiner Wahrnehmung der Welt nur aufs Sehen und auf nichts anderes begrenzen. Man könnte das lieblos nennen. Warum erinnert Jesus ihn so auch noch an seine Gebrechen? Vergrößert er damit nicht seinen Schmerz? Jesus legt die Finger in die Wunden. Auch das kann allerdings heilende Kraft haben: den Schwerz, die Verletzung nicht beschönigen, sondern zu benennen, klar noch einmal ans Licht zu bringen.
Nun geschieht ein drittes. Jesus „sah auf zum Himmel und seufzte.“ Wieder keine Worte, sondern konkrete Gesten. Eine Zeichensprache, die auf den Taubstummen eingeht. Jesus weist ihn mit dem Blick nach oben, auf Gott und seine Hilfe will er zeigen. Dazu kommt das Seufzen, vermutlich so wie das Gestammel, zu dem der Kranke noch fähig ist. Jesus ist solidarisch mit seinem Leiden, er macht sich ihm gleich, seufzt wie er, hofft auf Hilfe. Der Seufzer wird zum Gebet aller Gebete, das Jesus und der Kranke teilen: „Herr hilf, sei mit mir, sei du mein Gott! Lass mich in dir Erlösung und Ruhe finden!“
Doch diesem Gebetsruf folgen Worte Jesu: „Hephata, tu dich auf!“ Das ist mehr und anders als eine geheime Zauberformel, die nun bei dieser Heilung eingesetzt wird. Es ist Ruf, Befehl und Bitte zugleich. Nicht nur Ohren, Mund und Seele des Taubstummen sollen sich öffen. Auch dem Himmel, zu dem Jesus sich wendet, gilt dieser Ruf: „Hephata, tu dich auf.“ Denn für den Kranken war bisher auch der Himmel stumm. Verlassen von Gott hat er sich vermutlich gefühlt, vielleicht sogar gestraft. War das nicht das, was die Leute damals dachten: Krankheit, Behinderung, eine Strafe Gott, wofür auch immer? Und nun tuen sich für ihn durch Jesus nicht nur Mund und Ohren auf, sondern der Himmel selbst. Nun spricht ihm Jesus in der Art, wie er mit ihm umgeht, in der Nähe, die er ihm gibt, einen Wert zu, den er vorher weder von Gott noch den Menschen erfahren hat, weder mit Worten, noch – vielleicht viel wichtiger – mit Gesten der Zuwendung und der Liebe. Nicht nur die körperlichen Organe werden geheilt, nicht nur soziale Beziehungen wieder möglich, sondern der Himmel selbst tut sich für ihn auf, auch und zuerst seine Seele erfährt Heilung. Er kann ganz neu zu leben beginnen.
Wir wissen nicht, wie es mit dem Geheilten weiter geht, ob er etwa Jesus nachfolgt oder noch nicht einmal Worte des Dankes an Jesus richtet. Verändert hat sich sein Leben so oder so. Darauf kommt es Jesus an. Nicht einmal das Bekenntnis wird hier verlangt. Denn Jesus ging er nur um diesen Menschen, keinen anderen Zweck verfolgt er, nicht einmal die Bekehrung. Denn Jesus macht Menschen nicht zu Zwecken. Darin ist er das Zeichen der Liebe Gottes, dass er sich selbst als Liebe gibt, ganz ohne Bedingungen. Eben deshalb ist Jesus auch kein Verführer, der mit der Sehnsucht nach Wundern der Menschen sein eigenes Spiel treibt. Er verfolgt keinen anderes Ziel als Gottes Liebe zu leben, bedingungslos.
„Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen.“ Hier, in dieser Geschichte ist es geschehen. Es ist ein Wunder des Geschenks, der Gabe. Jesus schenkt sich selbst, schenkt Gottes Lebensgaben. Dabei geht es Jesus nicht um den Glauben an Wunder im Sinne der Durchbrechung von Naturzusammenhängen – das war für die Welt Jesu nichts Außergewöhnliches – sondern darum, in dieser Welt Leben aus, in und mit Gott zu eröffnen: „Hephatata: Tu dich auf.“ Können wir uns öffnen und steht der Himmel uns offen?
Sind wir nur hilflos eingespannt in eine unerbittliche Notwendigkeit, die uns unsere Gesundheit, unsere Herkunft, unsere Hautfarbe eben vorgeben und aus der es kein Entrinnen gibt? Oder ist da ein Gott, der im Regimente sitzt und dessen Kraft der Versöhnung, der Liebe, des Angenommenseins erbeten und erlebt werden kann? Diese Erfahrung, nicht auf mich allein festgelegt zu sein – zunächst ganze ohne Worte – steht im Zentrum dieser Geschichte von der Heilung eines Taubstummen. Das Wunder, um das es geht, ist das der Lebensgabe Gottes, die wir in Weg und Geschichte Jesu sehen und erfahren können.
Letztlich geht es in allen Wundergeschichten um dieses eine Wunder, was uns in Jesus geschenkt wird – und das in fassbaren Bildern: dass wir in Jesus neu werden können zu Kindern Gottes. Dass uns neue Hoffnung, neuer Lebensmut, neue Perspektiven geschenkt werden, auch da, wo keine Lebensperspektiven mehr zu sein scheinen, auch da, wo wir nicht weiter wissen.
„Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn und dann werden tausend Märchen wahr.“
so heißt es in jenem Wunderlied der Zarah Leander. Wie dem auch sein mag: wer glaubt, für den werden gewiß nicht auf einmal tausend Märchen wahr und nicht jedes Wunder ist sogleich erkennbar, aber ein Wunder geschieht täglich neu: daß Gott mich annimmt, so wie ich bin, daß ich mein Leben aus seiner Hand nehmen und leben und dabei sein Kind sein kann.
Amen.