2015-08-30 - 13. Sonntag nach Trinitatis - Pastor Dr. Christian Nottmeier

(Predigttext: Lk. 10, 25-37)



25 Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?

26 Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du?

27 Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18).

28 Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.

29 Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster?

30 Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen.

31 Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber.

32 Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber.

33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn;

34 und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn.

35 Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme.

36 Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?

37 Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!


Liebe Gemeinde,


wohl kaum eine biblische Geschichte ist so bekannt wie die vom barmherzigen Samariter. Sie hat –auch wenn wir sie oft gehört und erzählt bekommen haben und wir vielleicht denken, wir wissen, was sie uns sagen will – einen eigenartigen Zauber. Irgendwie wird man mit dieser Geschichte nicht fertig.


Woran mag das liegen? Ist es die schlichte Art, mit der Jesus dieses Gleichnis erzählt, wie er ziemlich spitzfindige, grüblerische Fragen eines Schriftgelehrten, der ihn aufs Glatteis der falschen Lehre führen will, zurück ins praktische Leben führt? Oder sind es sein Worte über die Kraft der Liebe, zu Gott und dem Nächsten, die er der jüdischen Tradition entnimmt und zugleich auf die, die aus der Sicht eines frommen Juden am Rande stehen, anwendet? Oder ist es die Frage des Schriftgelehrten selbst, die ja nicht nur ein Fangfrage ist: Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erwerben? Vielleicht ist sie etwas zu groß gestellt, mag sein, das für manchen diese Richtung auf Ewigkeit zu groß ist, aber als individuelle Sinnfrage dürfte die religiös musikalischen wie unmusikalischen Menschen so vertraut sein: Was muss ich tun, damit mein Leben eine gelingendes, ein erfülltes, ein doch auch sinnvolles Leben ist? Wofür lebe ich eigentlich? Werde ich gebraucht? Hat mein Leben ein Ziel?


Jesus antwortet geschickt. Er verweist auf Gottes Wort in der Heiligen Schrift, auf das Höre Israel als dem Grundbekenntnis des Judentums: Gott von ganzem Herzen lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Das kennt auch der Schriftgelehrte, denn das kommt in jedem jüdischen Gottesdienst vor wie bei uns das Glaubensbekenntnis oder das Vaterunser.
Die Erkenntnis des Weges zum Lebens, so verdeutlicht es Jesus, ist eigentlich da. Mehr braucht es nicht, damit die Ewigkeit auch in unserem Leben zum Durchbruch gelangt. Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst. Ein wunderbarer Dreiklang: Gott, der Nächste und ich selbst. Denn das sagt Jesus ja auch: Ich kann dem Nächsten nur wirklich ein Nächster werden, wenn ich mich selbst annehmen kann, mit meinen Stärken wie mit meinen Schwächen.


Dem Schriftgelehrten ist das nicht genug. Er will es genauer wissen. „Wer ist denn mein Nächster?“ Man weiß nicht genau: Ist das eine echte Frage, ober geht es eher darum, sich dem Ernst der Worte Jesu nicht zu stellen, zu debattieren und räsonieren, statt jetzt wirklich handeln zu müssen.

 

Und nun, mit dieser Frage noch immer im Hintergrund, der Frage nach dem gelingenden und sinnvollen Leben, erzählt Jesus diese Geschichte. Diese Geschichte ist äußerst lebensnah, denn sie berichtet von den Gefährdungen des Lebens jenseits der Sicherheitsstandards, die man vielleicht aus dem behüteten Mitteleuropa kennt.


Unterwegs sein ist gefährlich, gerade an den großen Straßen, Kreuzungen und Autobahnabfahrten. Überfälle oder Hijacking sind nichts Ungewöhnliches. Man muss vorsichtig sein, am Besten nicht allein reisen und möglichst nicht nach. Das Leben zählt dabei nicht viel. Wenn man überfallen wir, kann man eben Pech haben. So wie dieser Reisende auf dem Weg von Jericho nach Jerusalem. Angehalten, ausgeraubt, getreten und geschlagen und dann leblos am Straßenrand entsorgt. Etwas, was damals vorkam und heute ja auch noch. Man kann oft genug davon in den Zeitungen lesen. Vermutlich standen da auch schon Schilder an der Straße von Jerusalem noch Jericho: Crime hotspot; be aware of your own safety.

 

Die nächsten beiden Verkehrsteilnehmer, ein Priester und ein Levit, sie gehen vorüber. Beide sind religiös eigentlich außerordentlich musikalisch. Sie wissen, was Gott von ihnen verlangt. Sie kommt vielleicht von einem schönen Gottesdienst. Sie kennen auch jenes Höre Israel, sie haben es oft gesprochen und gesungen, eigentlich müsste es ihnen in Fleisch und Blut übergegangen sein. Natürlich haben sie den Überfallenen gesehen. Aber sie gehen vorüber. Vielleicht, so liest man oft, sind sie mitleidlos, Reinheit könnte ihnen wichtiger sein als Nächstenliebe. Aber eigentlich weiß das auch ein frommer Jude. So gesetzlich, wie wir uns das vorstellen, waren die Schriftgelehrten und Pharisäer vielleicht nicht. Vielleicht haben sie sogar Mitleid. Aber sie haben noch etwas anderes, was ich irgendwie auch verstehen kann. Sie haben schlicht Angst. Wer weiß, ob die Verbrecher noch da sind und nur darauf warten zuzuschlagen? Oder vielleicht ist das ja nur eine Falle? Der ist gar nicht verletzt und wenn ich helfen will, werde ich selber zum Opfer? Wer will das schon: zum Opfer werden? Der Priester und der Levit, sie müssen wählen, wählen zwischen ihren Grundsätzen oder der Angst um die eigene Existenz. Und sie treffen eine Wahl und verfehlen damit ihr Lebensziel an diesem Tag. Die Angst – die ja nicht unbegründet ist – sie frisst sie auf.


Auch der Samariter – also für die damaligen Juden ein Götzenanbeter, einer, mit dem man sich nicht abgibt – muss eine Wahl treffen. Er lässt sein Mitleid zu. Er sieht nicht nur, wie der andere da liegt, er sieht auch, wie er leidet. Und er überwindet seine Angst. Vermutlich die gleiche Angst, die der Priester und der Levit hatten: Kann ich es wirklich wagen, hier anzuhalten?


So gelesen, ist diese Geschichte also nicht einfach eine Geschichte über unterlassene Hilfeleistung. Es keine Geschichte über böse Juden und liebevolle Samariter, sondern es ist dann auch eine Geschichte darüber, was Angst mit uns machen. Gewiss, Vorsicht, Besonnenheit ist wichtig. Aber pure Angst kann dazu führen, das wir uns Leben, das wir das, was wir eigentlich wissen, verfehlen. Angst frisst einen auf.

 

Mich hat in den letzten Tagen gerade mit Blick auf diesen Gedanken eine Geschichte sehr bewegt, die vor ungefähr drei Wochen hier im Osten Pretorias geschehen ist. Viele von euch haben vielleicht davon gelesen oder gehört. Es geht um Dawie Roodt. Er ist mit seiner Frau, seiner Tochter und seinen beiden Enkelkindern, vor etwa drei Wochen in seinem Haus in einem Estate überfallen worden und er hat darüber einen wie ich finde bewegenden offenen Brief geschrieben. Wenn ich davon erzähle, dann nicht um zu sagen, wir sollen es auch so machen. Und natürlich weiß ich, dass die Geschichte auch ganz anders hätten ausgehen können. Für mich ist v.a. eine Geschichte darüber, was unsere Angst mit uns machen kann und das wir manchmal, ob wir wollen oder nicht, eine Wahl zu treffen haben.


Roodt schreibt: “We all have our fears and the fear of personal injury must rank right up there for most of us – certainly for me. The greatest fear for me is to be confronted by my two paramount fears at the same time: the fear of personal injury and the fear of injury to my loved ones. My greatest fear is not the possible injury as such, it is the fear of having to choose between these two fears. If it should ever happen, will I fear more for my own life or will I fear more for the lives of my loved ones? I found out.“


An einem Winterabend, Anfang August, kommt Roodts Tochter in sein Studierzimmer, während seine Frau gerade die beiden Enkelkinder, 2 Jahre und Zwillinge, in der Wanne badet. Drei Männer stehen neben ihr, die in der Garage auf sie gewartet hatten. „And for a moment I also saw the future of this country standing next to her: young, poor, uneducated, unemployable and violent: the flotsam and jetsam of a failed society.”


Dann beginnt, was man bei diesen Geschichten erwartet. Die Familie wird gefesselt, das Haus auf den Kopf gestellt, schließlich beginnt die Suche und das immer energischere Fragen nach „the guns“, „the money“ und „the safe.“ Plötzlich geht – es ist einer jener load shedding Tage – das Licht aus. Die Forderungen der Eindringle, jetzt sichtlich verunsichert, werden schärfer. Die Situation droht zu kippen. Roodt schreibt:


My moment had come, I had to choose my fear. I convinced the one with the knife that I had money in my car if he would only allow me to show him. Eventually I was led outside. He battled to open the garage door.


I succeeded in getting my hands loose. Standing there, hands loose, but held behind my back. My moment was now, choose your fear this instant and then live with it! The right moment shows itself. I attack him, I hit him, I hold onto him as he tries to escape, I fight for what is mine – I choose the greater fear.


He whimpered as he tried to escape my grip, slashing my arm, cutting through muscles and sinews and scoring a wide wound on my head. He escaped from my clutches, but not from his fear. He ran screaming from a wounded man; I will be his nemesis from now on. But I chose and conquered the greater fear.


I do not share this because I am a hero. A hero would have acted sooner, more successfully, more precisely, more accurately. I share this because I made a choice and I know we must make a choice. For the moment to choose our fear is now, for the sake of our country. I urge you to choose your fear.“

 

Natürlich geht es nicht darum, in einem solchen Fall so zu handeln wie Roodts es getan hat. Das könnte auch verantwortungslos sein. Ich weiß nicht, wie ich handeln würde. Aber es geht mir darum, wie ich mit meiner Angst umgehe und dass ich manchmal eben wählen muss. So wie der Samariter eben gewählt, in diesem Fall sogar für jemanden, den er nicht kannte.
Roodt ist übrigens nach diesem Überfall – sein Arm wird übrigens bleibend geschädigt sein – gefragt, ob er nun nicht auch überlege auszuwandern.


„At first I didn’t know, but now I do. I will not go! I will choose the greater fear. That night I saw evil, but I also saw so much more that is good in this country: my neighbours, my friends, business partners, the hospital, everybody - everybody! - were just amazing. How can I leave my people, my people that I owe my life to? If we weigh the good against the bad, the good would be many times more than the bad in the country. All we need to do is know that we have more good than evil. It makes it easier when you choose your fear.“


Für Roodt, so kann man wohl sagen, war diese Wahl gegen seine Angst ein entscheidender Moment, den er dann auch auf die Situation in unserem Land überträgt. „As an economist I know what the numbers tell us, but now I can also feel it in my bones, quite literally. I can see how this country is slowly deteriorating, how our institutions are held in contempt with only a few left standing intact, how our state owned enterprises are destroyed by incompetence, with a massive effect on the economy. I can see how corruption, nepotism, cronyism, incompetence and inferior leadership is leading this country into economic stagnation, unemployment, poverty, chaos and the eventual inevitability: the cesspit of a failed state.


That evening I accepted being robbed, beaten, slashed, and even more, just like I have accepted our country being beaten and robbed. But then, that evening, I reached a threshold, some edge, where I refused to be treated like this anymore. I believe my action changed the future of my family for the better. We can also decide to do the same with the future of our country; I urge you!


Please: I am not advocating violence. I don’t even know if attacking an intruder is the right thing to do. But if I was able to choose my greater fear, I do know I can change the future of my family and my country, but we must do it together!


I don’t fear anymore, I’ve seen my fellow countrymen in action. I have seen their competence, their compassion and their care. I have seen and I have experienced their efficiency, their output, their spirit. I know I can trust them.“

 

Seine Angst überwinden, das Richtige tun und so sein Leben gewinnen, wirklich gewinnen, davon erzählt auch die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Nur weil er seine Angst überwindet und die richtige Wahl trifft, kann der Samariter zum barmherzigen Samariter werden. Sein Mitleid, seine Barmherzigkeit, seine Liebe überwindet die Angst, alles, was aus guten Gründen dagegen spricht etwas zu tun und einfach nur weg zu sehen. Wenn uns das gelingt, wenn wir uns dazu ermutigen, unsere lähmende Angst zu überwinden, um uns selbst, um unsere Lieben, um unser Land, dann gehen wir den ersten von vielen Schritten in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes, auf die wir vorhin auch Stella und Kellan getauft haben.


Amen.