(Predigttext: Lk 17, 11-19)
11 Und es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog.
12 Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne
13 und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!
14 Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein.
15 Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme
16 und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter.
17 Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun?
18 Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde?
19 Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.
Liebe Gemeinde!
„Gott sei Dank!" Meine Oma, meint, das soll man nicht sagen. Genauso wie „Oh Gott““. Warum: weil man den Namen des Herrn nicht missbrauchen soll, sagte sie immer. Irgendwie saß das ganz tief in ihr drin, ich vermute, das waren die Spätfolgen der Erweckungsbewegung, die in der Gegend in Ostwestfalen, wo sie groß wurde und die sie immer geprägt hat, weit verbreitet war. Eine tiefe, ernste Frömmigkeit, die nicht viel Worte darum machte, manchmal aber vielleicht auch etwas eng, zwanghaft war, sich selbst im Weg stand. Natürlich, man soll nicht leichtfertig mit Gottes Namen umgehen. Aber trotzdem kann man „Gott sei Dank“ sagen. Denn auch wenn es nur dahin gesprochen ist – auch von Menschen, die gar nichts mehr mit Kirche zu tun – erinnert es uns doch daran, dass wir unser Leben empfangen und das wir nicht selber die Urheber des Guten sind, das wir erfahren. Und es nennt den eigentlichen Urheber, Gott, beim Namen. Wer von uns hat das nicht schon einmal auch mit vollem Bewusstsein sagen können: Gott sei Dank! Zum Beispiel, wenn man das Kind, das man im Rummel irgendwie aus den Augen verloren hat, wieder in den Armen hält, unversehrt. „Gott sei Dank!" Hier spricht das Herz. Von ganz tief innen. Spontan und wahr. Das Natürlichste der Welt. Die drei Worte: „Gott sei Dank!" Unter dem geht's nicht, wenn etwas Rettendes geschieht. Oder doch?
Die Bibel erzählt eine Geschichte davon, wie seltsam unnatürlich wir Menschen uns manchmal verhalten. Wie es sozusagen in den besten Familien vorkommt, dass das Allernatürlichste zur Ausnahmeerscheinung wird und das eigentlich kranke Verhalten zum Normalfall avanciert.
11 Und es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog. 12 Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne 13 und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! 14 Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein. 15 Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme 16 und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. 17 Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? 18 Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? 19 Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.
Zur Erweckungsbewegung, die meine Oma geprägt hat, gehörte auch der alte Friedrich von Bodelschwingh, der Gründer der Bethel-Anstalten in Bielefeld. Ein Wort von ihm, hat sich mir eingeprägt: „Ein Mensch ist dann gesund geworden, wenn er das Danken gelernt hat."
Unter diese Überschrift könnte man den Predigttext vielleicht stellen. Jesus will uns damit gewissermaßen zur Dankbarkeit heilen. Er will uns helfen, dass wir wieder in Kontakt, in Berührung mit Gott kommen. Dass wir ihn wahrnehmen oder vielleicht sogar erstmals richtig mit ihm in Kontakt kommen.
Die 10 Aussätzigen leiden an einer Krankheit, die nicht nur Schmerzen, sondern v.a. auch entsetzliche soziale Folgen hat. Die anderen haben Angst, sich anzustecken. Man muss auf Distanz bleiben. Die aussätzigen Männer müssen eine erzwungene Distanz einhalten, die mit Sicherheit krank machen würde, wenn sie es nicht schon wären. Nur ihre Stimmen können die Distanz überbrücken. Die zehn Männer „erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!".
Damit treffen sie in ihrer Not den richtigen Tonen. Erbarmen! Es gibt eine Kraft, die von der anderen Seite die Distanz überwinden kann. Ein Mitgefühl, das stärker ist als die Angst vor Krankheit: Erbarmen. „Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!" Und er tut es. Er sieht sie. Er schaut nicht weg. Er sieht sie und ihren Jammer. Sein Erbarmen eilt hinüber über die Kluft, die die Erkrankten vom Rest der Menschheit trennt. Sein Erbarmen erreicht sie. Seine Stimme folgt. „Geht hin und zeigt euch den Priestern!", sagt Jesus zu den zehn Männern. Er schickt sie los, auf den Weg zur Heilung. Da passiert etwas unterwegs. Wie ja so oft unterwegs etwas passiert. Im Wandeln wandelt sich etwas.
Alle zehn Aussätzigen werden unterwegs rein. Das geschieht mit ihnen. Aber nur einer wird gesund. Nur einer bricht in dankbares Gotteslob aus, dankt und gibt Gott die Ehre.
Das kann man eigentlich nicht verstehen. Aber nur dieser eine sieht, was mit ihm geschieht, mit offenen Augen und wachem Herzen. Dieser eine lässt sein Herz sprechen: „Gott sei Dank!" Unter dem will er's nicht einstufen. Weniger trifft nicht, was er erfahren hat. Gott hat ihn geheilt. Gott hat sich erbarmt. Er hat geholfen. Weniger wäre nicht wahr! Gott hat Kontakt zu ihm aufgenommen. Und er hat es gespürt mit seiner Haut, mit seinen Nerven, die wieder fühlen können, mit seinem Herzen, das wieder loben kann. Und er „pries Gott mit lauter Stimme". Das will sich ausdrücken. Also kehrt er um. Und seine Stimme, die vorhin noch nach Erbarmen geschrien hat, preist nun Gott. Und er fällt nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankt ihm. „Und das war ein Samariter."
Warum die anderen so unnatürlich handeln und wegbleiben, fragt sich nicht nur Jesus in der Geschichte. Wir können Vermutungen anstellen, wenn wir von uns ausgehen: Keine Zeit; keine Lust; jetzt ist erst mal was anderes dran; bedanken kann ich mich später. Vielleicht wollen sie das Ganze auch möglichst schnell vergessen, wollen nicht mehr erinnert werden an das Elend. War ja schließlich schlimm genug. Aber, ehrlich gesagt, wenn wir die Geschichte so hören, kommt es uns doch irgendwie krank vor, dieses Verhalten, oder nicht?
Und nun sind wir dran. Nun sind wir dran, uns heilen zu lassen. Heute schon gedankt? Wenn nicht, bist du krank, könnte Lukas, der Arzt unter den Evangelisten, diagnostizieren. Unser Aussatz mag nicht so offensichtlich sein wie bei den zehn Männern. Aber es könnte ja sein, dass wir auch unter Kontaktstörungen zu Gott leiden. Dass wir seine Berührung lange nicht gespürt haben. Dass uns die Sensibilität dafür verloren gegangen ist. Oder dass irgendein schweres Ereignis unsere Nerven beschädigt hat. „Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!"
Jesus schickt die Erkrankten auf den Weg. Er schickt sie auf den Weg zur Heilung. Sie sollen hingehen in der Aussicht, gesund zu werden. Sie sollen aufmerksam wahrnehmen, was mit ihnen geschieht. Sie sollen entdecken, dass sich etwas verändert. Und sie sollen jede kleine Wahrnehmung mit Gott in Verbindung bringen. Das könnte doch auch unser Weg sein. Unser Weg, gesund zu werden; sogar wenn Gebrechen bleiben. „Geht hin und zeigt euch!", ermuntert Jesus. Die Aussicht, geheilt zu werden, ist ja schon die reinste Erlösung. Die Aussicht, Heiles zu sehen an sich selbst und den anderen Kranken, immer mehr Heiles und Geheiltes, beflügelt uns unterwegs. Gott erbarmt sich. Er lässt dich Zeichen seiner Liebe sehen. Schau nur hin.
Kann man also Dankbarkeit lernen? Manche haben da einschlägige Erfahrungen aus der Kindheit. „Wie sagt man, wenn man etwas bekommt?!" „Sag schön danke!" usw. Die Eltern haben es gut gemeint. Wollten uns zu höflichen Menschen erziehen. Aber weit jenseits der Höflichkeit geht es dem Evangelium um eine menschliche Grundbefindlichkeit; ein existenzielles Bedürfnis. Dass wir uns verdanken wollen. Nicht nur für etwas danken, sondern für das Ganze. Dafür, dass wir am Leben sind; dafür, dass wir erleben, fühlen und mitfühlen können. „Ein Mensch ist dann gesund geworden, wenn er das Danken gelernt hat." Gewiss, es gibt Unterschiede im Naturell. Der einen mag der Dank vorn auf der Zunge liegen, dem andern weiter hinten in der Kehle stecken. Nicht umsonst beginnt Martin Luther seinen Morgen- und seinen Abendsegen mit den Worten: „Ich danke dir, mein himmlischer Vater …". Selbst wenn es sonst ganz viel zu klagen gibt, bleibt dies doch ein Grund zum Danken: dass wir einen himmlischen Vater haben; dass wir einen „lieben Meister" haben, dessen Erbarmen alle Distanzen, Klüfte und Abgründe überwindet und zu uns eilt.
Ja, und dann schau dir in Ruhe deinen Tag an. Blick heute Abend zurück auf der Suche nach Anlässen zum Danken. Ich bin sicher, du wirst fündig. Großes und Kleines kann einem da in den Sinn kommen, so wie es Hans Magnus Enzensberger in einem seiner späten Gedichte geschrieben hat:
Vielen Dank für die Wolken.
Vielen Dank für das Wohltemperierte Klavier
und, warum nicht, für die warmen Winterstiefel.
Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn
und für allerhand andre verborgne Organe,
für die Luft, und natürlich für den Bordeaux.
Herzlichen Dank dafür, dass mir das Feuerzeug nicht ausgeht,
und die Begierde, und das Bedauern, das inständige Bedauern.
Vielen Dank für die vier Jahreszeiten,
für die Zahlen und für das Koffein,
und natürlich für die Erdbeeren auf dem Teller,
gemalt von Chardin, sowie für den Schlaf,
für den Schlaf ganz besonders,
und, damit ich es nicht vergesse,
für den Anfang und das Ende
und die paar Minuten dazwischen
inständigen Dank,
meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten auch.
(Hans Magnus Enzensberger: Empfänger unbekannt – rétour à l expéditeur, in: ders.: Kiosk. Gedichte, Frankfurt am Main1995, S. 124.)
Der Anfang, das Ende, die paar Minuten dazwischen, dafür inständigen Dank – das ist mein Leben.
Neulich habe ich mein Arbeitszimmer aufgeräumt. Das kamen auch ein paar Kisten dran, die ich noch nicht ausgepackt hatte. Briefe waren darin, schon vor langer Zeit geschrieben, von Freunden, Verwandten, meiner Frau – als man eben noch Briefe schrieb. Einige Bilder: ich als kleiner Junge, der Zeitungsbild vom Schulabschluss, das Grab meines Vaters, Hochzeitsbilder, die Kinder, noch ganz klein, Lebensläufe, für die Uni oder Bewerbungen geschrieben und vieles mehr. Ich habe mir ein paar Stunden Zeit genommen, das alles einmal wieder anzukommen. Um dann sagen zu können: Eigentlich ist es doch ein gutes, ein erfülltes Leben. Dafür ein inständiges Gott sei Dank! Wahrscheinlich kann ich das gar nicht oft genug sagen.
Amen.