2015-09-13 - 15. Sonntag nach Trinitatis - Pastor Dr. Christian Nottmeier

(Predigttext: Mt. 6, 25-34)



25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?

26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?

27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?

28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.

29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.

30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?

31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?

32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.

33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.

34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.


Liebe Gemeinde,

 

zwei bemerkenswerte Texte sind diesem Sonntag beigegeben. Einmal jene wunderbare Urgeschichte aus dem 2. Schöpfungsbericht des AT, der davon spricht, wie Gott uns Menschen den Lebensodem eingehaucht hat, der uns zusagt, dass wir vor Gott eine Bestimmung haben. Es sind Bilder voller Fülle, paradiesische Zustände, die da geschildert werden. Der Mensch im Einklang mit sich selbst, mit der Natur, mit Gott. Und doch lauert schon hier, in diesen unentzweiten Urzuständen menschlicher Selbstvertrautheit die Gefahr der Vertreibung aus dem Paradies. Denn da ist jener Baum, von dem die Menschen nicht essen sollen und von dem sie dann doch essen werden. Offensichtlich enthält schon der Garten Eden die Zwiespältigkeit menschlichen Daseins. Diese besteht darin, dass er auf der einen Seite auf Gott hin geschaffen ist, um ganz aus dem Gottesvertrauen heraus leben zu können, dass er auf der anderen Seite aber eben das eigene Leben nicht ganz auf diesem Gottvertrauen heraus zu führen vermag. Immer gibt einen Baum der Erkenntnis, etwas, das mit allen Sinnen begehrt wird, so dass ich mir den Blick auf mich selbst und auf Gott verstelle.

 

Das Leben nach dem Fall mit den Widrigkeiten des Alltags, mit den Sorgen, die einem jeden Tag wieder Guten Morgen sagen und auch schon da sind, das thematisiert das Evangelium des heutigen Sonntags aus der Bergpredigt Jesu. Denn nur aus der Sehnsucht nach einem Leben, in dem die Sorgen und die Ängste und die Entfremdung von den Quellen des Selbst nicht das letzte Wort haben ist ein solcher Text überhaupt denkbar – ein Text, der uns Leser und Hörer eben auf Bilder aus Gottes guter Schöpfung verweist und deshalb darauf verweist, das wir als Menschen in Gottes Schöpfung eine Bestimmung haben, die trotz aller Brüche, aller Ambivalenzen, aller Sorgen nicht verloren gehen soll.


Und eben darum soll es heute gehen: um uns, unsere Sorgen, aber auch unserer Bestimmung als Menschen, die zu Gott gehören. Dazu drei Punkte:

 

1. Menschen haben Sorgen.


Wer sich darüber beklagt, dass er Sorgen hat, beklagt sich darüber, dass er ein Mensch ist. Pflanzen haben keine Sorgen: Seht die Lilien auf dem Felde an ... Tiere haben auch keine Sorgen: Seht die Vögel unter dem Himmel an...Tiere treffen zwar Vorsorge, aber Sorgen haben sie keine. Sie legen Vorräte für den Winter an, kümmern sich um ihren Nachwuchs. Aber dass sie das tun, hat nichts damit zu tun, dass sie sich Sorgen machen könnten. Das ist ein biologisches Programm. Es läuft einfach ab.


Menschen aber haben Sorgen. Zum Menschsein gehört es, dass wir uns Sorgen machen. Weil wir Menschen nämlich eine Vorstellung von Zukunft haben.


Wir können uns vorstellen, wie und was Morgen sein könnte. Wir sind nicht gefangen im Hier und Heute. Sind keine Knechte des Augenblicks. In unserer Phantasie können wir uns vorstellen, wie es morgen oder übermorgen oder in zwei Jahren sein könnte.


Und dann gibt es schöne und heitere Dinge, die wir uns vorstellen können, aber eben auch Unabwägbarkeiten. Dinge, die uns ängstigen, bei denen wir nicht wissen, wie sie ausgehen werden, wie wir ihnen umgehen sollen.


Menschen haben Sorgen, weil sie um den morgigen Tag wissen. „Menschsein ohne Sorgen" - das ist eine Illusion. Wer uns weismachen möchte, wir sollten uns nicht sorgen, sondern einfach leben, der verkennt eine Grundbedingung menschlichen Lebens. „Sorge dich nicht, lebe" - so funktioniert das Leben nicht. Auch nicht als Bestseller! Sorgen sind menschlich. Freilich - zu viele Sorgen sind unmenschlich. Das wissen wir alle. Und damit sind wir beim zweiten:

 

2. Sorgen brauchen Grenzen


Wer sich zu viele Sorgen macht, der lebt nur noch im Morgen. Er verkennt: das Leben findet Hier und Heute statt. Er verliert womöglich jeden Lebensmut für das, was jetzt, hier geboten ist.


Deshalb müssen Sorgen begrenzt werden. Und jeder von uns tut das auch, die einen mehr, die anderen weniger.


Einer möglichen Krankheit versuchen wir mit regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen vorzubeugen, regelmäßige Fortbildungen sollen den Arbeitsplatz sichern helfen, für den Fall eines schlimmen Unglücks schließen wir eine Versicherung ab und legen regelmäßig Geld zurück.


Auf das, was kommen könnte, versuchen wir uns einzustellen, indem wir vorsorgende Strategien entwickeln.


Mit dem Kind besuchen wir die Schule, versuchen ihm zu erklären, was dort kommt und bemühen uns, Vorfreude und ein bisschen Stolz zu wecken. Und für uns selbst nehmen wir uns vielleicht vor: wir werden die Noten nicht mit denen der anderen Kinder vergleichen.


Weil Sorgen Grenzen brauchen, versuchen wir Menschen, ihnen Grenzen zu setzen. Aber manchmal müssen wir feststellen, dass das gar nicht so einfach ist. In den 80er Jahren gab es ein lustig gemeintes Lied von Jürgen von der Lippe: „Guten Morgen liebe Sorgen, seid ihr auch schon alle da? Habt ihr auch so gut geschlafen? Na, dann ist ja alles klar.“


Aber wirklich lustig ist das nicht, wenn es keine Pause von den Sorgen gibt, wenn sie immer wieder kehren, beim Aufwachen wieder im Sinn sind oder uns gar nicht schlafen lassen.
Die menschliche Fähigkeit sich Sorgen zu machen ist ungleich größer als die Fähigkeit, die Sorgen zu begrenzen. Und deshalb ist es gut, dass sich noch ein Anderer Sorgen um uns macht.



3. Sorgen zu begrenzen heißt Sorgen zu unterscheiden.


Die Kunst, Sorgen zu begrenzen besteht in der Kunst, Sorgen zu unterscheiden. Jedenfalls sieht Jesus das so. Als er darauf zu sprechen kommt, dass Menschen sich Sorgen machen, erinnert er sie an die Pflanzen und Tiere, die sich eben keine Sorgen machen. Aber er sagt nun gerade nicht: Werdet wie die Lilien! Lebt endlich wie die Vögel - ganz ohne Sorgen. Weil klar ist: das geht nicht! Das Evangelium ist nicht einfältig.


Vielmehr sagt Jesus: Schaut sie euch einmal an, die Lilien, das Gras, die Vögel. Wenn ihr sie genau beobachtet, versteht ihr etwas Wesentliches vom Leben. Sie machen sich nämlich nicht unendlich Mühe mit ihrem Leben. Sie säen nicht, sie arbeiten nicht, entfalten keine wilde Betriebsamkeit, dieses ganze Gewese ist ihnen fremd - aber - sie leben doch!


Bei den Lilien, an den Vögeln, dort könnt ihr sehen: Die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind unverfügbar. Der Rahmen ist gesetzt.


Dass wir überhaupt leben - es ist unserer Sorge entzogen. Es ist ein Geschenk.


Wenn wir jeden Tag aufstehen können, mehr oder weniger gesund - es ist weitgehend unserer Sorge entzogen. Ein anderer kümmert sich.


Wenn Jesus unseren Blick auf die Lilien des Feldes und die Vögel des Himmels lenkt, dann lenkt er unseren Blick auf die vielen Dinge unseres Lebens, die uns immer schon geschenkt sind. Und um die wir uns nicht sorgen brauchen und um die wir uns auch gar nicht sorgen können. Weil wir sind nicht in der Hand haben. „Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft".


Es gibt also offensichtlich zweierlei Sorgen:


Sorgen, die allein der Fürsorge Gottes anheimgestellt sind. Es sind die Grundvollzüge unseres Lebens. Der große Rahmen. Gott und die Seele, die Seele und Gott. Dass Gott mir den Atem des Lebens eingehaucht hat. Schöpfungsglauben thematisiert deshalb nicht Einzelheiten naturwissenschaftlicher Welterkenntnis, sondern das, was Luther in seiner Deutung des 1. Artikels des Glaubensbekenntnisses in seinem kleinen Katechismus. An Gott als den Schöpfer zu glauben heißt an Gott als den Vater zu glauben, der „mich geschaffen hat samt allen Kreaturen […] und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit“.


Und daneben gibt es Sorgen, die gehören zu unserem Alltag. Sie sind die Bedingungen unseres Lebens.


Die Kunst, das eine vom anderen zu unterscheiden, ist die Kunst Sorgen zu begrenzen. Denn dann werden die Größenverhältnisse zu Recht gerückt. Unsere Sorgen werden nicht völlig zum Verschwinden gebracht, aber sie werden auf diejenige Größe zurückgeführt, die ihnen zukommt.


Großes wird groß und Kleines wird klein, weil für den guten Hintergrund unseres Lebens immer schon gesorgt wird.


Sorgen zu begrenzen heißt: im Namen Gottes Sorgen zu unterscheiden. Dann können wir uns in Gelassenheit und mit Augenmaß um das kümmern, was unserer Sorge anvertraut ist. Und alles andere wollen wir getrost Gottes Sorge sein lassen, denn: Unser himmlischer Vater weiß, wessen wir bedürfen.


Gewiss, da sind die Spannungen des Lebens zwischen Realität des Alltags und Wunsch nach Veränderung, zwischen Selbstwahrnehmung und Selbstentwurf. Und vielleicht ist das „Paradies“ gerade da, wo der Mensch eine Bestimmung hat und sich seines Lebens als Gabe Gottes bewusst wird, ohne dabei zu verschweigen, dass auch dort die Erfahrungen von Entfremdung und Schuld, Sinn- und Vertrauensverlust bereits latent präsent sind. Nicht naiv, nicht verharmlosend, aber doch mit dem Blick einer zweiten, durch Kritik und Zweifel geläuterten Naivität bringt der Schöpfungsglauben so die Bestimmung menschlichen Lebens im Angesicht Gottes in wunderbaren Bildern des zweiten Schöpfungsberichtes und den Worten der Bergpredigt zum Ausdruck. Und dann kann man vielleicht wirklich mit vollem Herzen jene Worte von Georg Neumark singen:

 

Man halte nur ein wenig stille

und sei doch in sich selbst vergnügt,

wie unsers Gottes Gnadenwille,

wie sein Allwissenheit es fügt;

Gott, der uns sich hat auserwählt,

der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.


Amen.