2015-01-25 - 3. Sonntag nach Epiphanias - Jugenddiakonin Kathrin Grüneberg

(Mt 17, 1-9)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

Jesus hatte während seiner Zeit auf Erden Grund zur Freude: Es standen ihm zwölf Jünger zur Seite. Zwölf Jünger, die ihren Beruf für ihn aufgaben. Zwölf Jünger, die mit ihm von Ort zu Ort zogen und für ihn ein Vagabundenleben führten.

 

Auf diese jungen Männer konnte sich Jesus verlassen. Er konnte sich ihnen anvertrauen. Deshalb erzählte er ihnen Vieles.

 

Nicht alles! Eines blieb vorerst ein behütetes Geheimnis. So rätselhaft und unbegreifbar, dass Jesus den Kreis der Vertrauten noch einmal unterteilte in einen inneren Zirkel. Dieser innere Zirkel bestand aus nur drei Jüngern: Petrus, Jakobus und Johannes.

 

Diese drei Jünger erlebten eines Tages, ganz unerwartet, etwas Sonderbares. So sonderbar, dass sie von Jesus zur Verschwiegenheit verpflichtet wurden.

 

Ich kann mir vorstellen, dass die Jünger, die Jesus in der Zeit seines Wirkens begleitet haben, so manches Sonderbares erlebten: Da ist jemand redegewandt und weise und vollbringt Wunder, indem er Lahme zum Gehen bringt, Taube hörend macht und Blinde sehend.

 

Unser Predigttext heute setzt aber noch eins drauf. Hier erleben die Jünger mit Jesus die Erscheinung von Mose und Elia. Und als wäre das nicht schon Wunder genug, ertönt schließlich auch noch Gottes Stimme aus einer Wolke.

 

Knappe, nüchterne Worte … für etwas Ungeheuerliches.

 

Ich lese noch einmal den heutigen Predigttext, den wir zuvor bereits in der Schriftlesung gehört haben:

  1. Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg.
  2. Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.
  3. Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm.
  4. Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine.
  5. Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!
  6. Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr.
  7. Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht!
  8. Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein.
  9. Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.

 

Liebe Gemeinde,

 

das ist wohl die Geschichte von einem der glücklichsten Momente in der Bibel: die drei Jünger mit Jesus auf dem Berg der Verklärung.

 

Dabei muss man sich die drei Jünger am Anfang der Geschichte sehr aufgewühlt vorstellen und zutiefst erschrocken. Kurz zuvor erst hatte Jesus ihnen zum ersten Mal gesagt, dass er bald leiden müsse und man ihn in Jerusalem töten wird.

 

„Bloß nicht!“, hatte Petrus ihm geantwortet. „Das darf dir nicht geschehen!“ Aber Jesus hatte seinen Einspruch schroff zurückgewiesen: „Wenn du nur so in menschlicher Weise reagieren kannst und nicht bereit bist, auf Gott zu hören, dann geh weg!“ Und weiter hatte er gesagt: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.“

 

Das also sollte künftig ihr Leben durchziehen – Leiden und Betrübnis. Das alles sollte auch ihnen nicht erspart bleiben auf dem Weg, den sie mit Jesus gehen wollten. So hatten sie es sich mit ihm nicht vorstellt. Aber er hatte es gesagt. Und er hatte dazu gesagt: Dies und nichts anderes sollte der Weg sein, der zum Leben führt: „Wer sein Leben erhalten will“, „der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“

 

Wie sollte das gehen! Wie sollten sie sich zurechtfinden in dieser Spannung! Welche Gefühle in ihnen hatten mehr Recht: die Angst vor dem, was kommen würde – oder das Zutrauen zu ihm, der ihnen in dem allen das wahre Leben versprochen hatte?

 

Solche Fragen brauchen ihre Zeit. Sie müssen in die Ohren eindringen und durch die Ohren in die Köpfe gelangen. Aus den Köpfen müssen sie herab wandern in die Herzen – und auch in den Bauch; solange, bis der ganze Mensch ergriffen ist von dem, worum es geht. Das braucht seine Zeit.

 

Wir Menschen brauchen unsere Zeit. Sechs Tage mussten so vergehen. Doch dann, so beginnt nun unsere heutige Geschichte, „… nahm Jesus Petrus und Jakobus und Johannes beiseite“. Er griff sie sich einfach, nahm sie heraus aus der Tiefe ihres Erschreckens und aus den Untiefen ihrer widersprüchlichen Gedanken und Gefühle, „und führte sie allein auf einen hohen Berg.“

 

Was sie sich wohl gedacht haben in diesem Moment? Jedenfalls sind sie mitgegangen. Und haben dann ja vielleicht bald auch gemerkt: Es tut gut. Einfach gehen. Schweigend mitgehen. Das Tal immer weiter zurück lassen. Höher steigen. Wahrnehmen, wie der Blick weiter wird. Endlich oben ankommen auf dem Gipfel, der alle umliegenden Höhen überragt. Den weiten Himmel über sich haben.

 

Aber in der Geschichte geht es um mehr als um diese Blickveränderung auf dem Berg. Da heißt es weiter: Dort, auf dem Berg, wurde Jesus „vor ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht. Und es erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm. Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist es gut zu sein! Willst du, so wollen wir hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine.“

 

Und das, liebe Gemeinde, ist dieser Moment, von dem ich bereits am Anfang gesagt hatte, es sei wohl einer der glücklichsten Momente in der ganzen Bibel. Jesus, auf den sie ihr Leben gebaut hatten; Jesus, der sie zugleich gerade erst so sehr erschreckt hatte mit seiner dunklen Leidensankündigung; Jesus, der ihnen in vielem so lieb und so nah war – und den sie in gewissen Momenten auch wieder als so ganz fremd und unbegreiflich erlebten: Dieser Jesus wurde vor ihren Augen verwandelt.

 

Da war nun nichts Dunkles mehr – nur noch strahlendes Licht. Da war nichts Unverständliches mehr – nur noch leuchtende Klarheit. Da stand keine Todesankündigung mehr im Raum – da war nur noch Leben! Und es war doch derselbe Jesus.

 

Derselbe, der ihnen gerade noch so dunkel und unbegreiflich vorgekommen war. Und dann erschienen auch noch Mose und Elia, die beiden großen Gestalten aus der Bibel. Mose, der Israel aus der Knechtschaft geführt hatte und Elia, die Prophetengestalt aus der Frühzeit.

 

Mose und Elia, die beiden, von denen man erwartete, dass sie einstmals wiederkehren sollten – und dann würde das Friedensreich des Messias beginnen. Die ganze Geschichte des Gottesvolkes Israel und alle seine Hoffnungen: das alles war nun in diesen beiden Gestalten auf dem Berg gegenwärtig.

 

Diese beiden im vertrauten Gespräch mit Jesus, und sie, die Jünger, ganz nah dabei: Da war auf einmal alles gut! Alles war heil, alle Sehnsüchte waren gestillt. Die Jünger verstehen, was ihnen da so traumschön vor Augen gestellt ist und sie wollen die Verwandlung auskosten und feiern. „Herr, hier ist gut sein“, sagt Petrus. „Willst du, so wollen wir hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine.“

 

Das soll genau so bleiben, am liebsten immerfort, und sie möchten immer dabei sein und schauen und sich freuen.

 

Wir hätten es wohl auch so empfunden und gesagt an ihrer Stelle – in diesem Moment des Glücks! Und nach den sechs Tagen, die hinter ihnen lagen, und mit Aussicht auf den Weg, den Jesus ihnen vorhergesagt hatte, da wohl erst recht.

 

Doch es kommt nicht zum Bau der Hütten auf dem Berg. So sehr die Jünger Recht haben mit ihrer Freude, so wenig ist dies doch ein Glück, um sich dauerhaft darin einzurichten. Die Zeit wird nicht angehalten, die Geschichte geht weiter und das Wichtigste kommt erst noch: „Als Petrus noch so redete, siehe, da überschattete sie eine leuchtende Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: ‚Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören!“

 

 „Auf ihn sollt ihr hören!“ Mit diesen Worten der Stimme aus der Wolke wird Jesus seinen Jüngern gewissermaßen als Bevollmächtigter vorgestellt. Alles, was sie von Gott zu hören haben, über Grund und Ziel ihres Lebens, alles das hören sie bei ihm. Und neben ihm hat keine andere Stimme gleich Wichtiges zu sagen. „Auf ihn sollt ihr hören!“.

 

Das ist mehr als schauen und staunend dabei sein. Hören – da geht es um die Jünger selbst. Hören – das zielt auf ihr Vertrauen, auf ihren Glauben, auf ihr Tun. Was sie gesehen und gehört haben dort auf dem Berg, das reicht über diesen Augenblick des reinen Glücks hinaus. Das sollen sie mitnehmen, wenn es wieder hinabgeht in die Ebene und hinaus in den Alltag.

 

Und was ist es, was sie hören sollen? Wohl doch vor allem das, was er ihnen in den Tagen zuvor eröffnet hatte: Ich werde leiden und sterben müssen, und das soll so sein. Ich gehe diesen Weg bewusst und in gehorsamem Vertrauen. Und auch ihr könnt diesen Weg mit mir gehen. Das, was jetzt vor mir liegt und auch vor euch, das soll uns nicht trennen von Gott und dem Leben, der er uns verheißt. Im Gegenteil!

 

Das wird nun hier auf dem Berg und auf diese Weise für sie bekräftigt: „Dies ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören!“ Man hat diese Szene auf dem Berg eine vorweggenommene Auferstehungsgeschichte genannt. Auf seinem Weg zum Kreuz dürfen die Jünger Jesus schon einmal verwandelt sehen, in der Lichtgestalt des Auferstandenen.

 

So sollen sie auf ihn hören. So sollen sie ihm nachfolgen – schon jetzt auch mit diesem Bild vor Augen. So sollen sie es als Gewissheit mitnehmen: Sein Weg wird sich nicht in den Tod verlieren, er führt ins Leben. Was sie von Jesus zu hören haben, das hat immer mit Auferstehung zu tun, da scheint immer etwas von diesem Licht hinein. Wo sie ihn hören, da hat der Tod nicht das letzte Wort.

 

So verstanden, müsste es die Freude der Jünger nur noch größer machen. Was sie eben schon so glücklich gemacht hatte, beim Anschauen, als bloße Zuschauer, das wird ihnen nun zugesprochen für ihr eigenes Leben. So soll es Klarheit bringen in den Wirrwarr ihrer kreisenden Gedanken und ihrer gegensätzlichen Gefühle, zwischen Zutrauen und Angst, zwischen Ratlosigkeit und Gewissheit.

 

Und doch, nun, wo es ihnen so direkt zugesprochen wird, da reagieren sie ganz anders: „Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr.“ Glück und Fassungslosigkeit liegen dicht beieinander. Das ist so viel größer als sie. Wie sollten sie das einlösen mit ihrem Leben?

 

Ich glaube, wir können froh darüber sein, dass hier auch von diesem Erschrecken der Jünger die Rede ist. Das macht die Geschichte auch für uns zugänglich. Was da erzählt wird, das ist ja wirklich etwas unendlich Großes. Wer könnte das einfach so glauben und für sich selbst annehmen?

 

Doch die Geschichte lässt die Jünger nicht in ihrem Erschrecken. Sie lässt auch uns nicht bei uns selbst und bei den Dingen, die uns bedrängen oder durch die wir uns gebunden und festgelegt fühlen. Gegen Ende kommt sie uns nahe mit einer sanften Berührung und mit persönlichen Worten. „Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht!“

 

Ich glaube, in diesem Moment waren auch die drei Jünger ein Stück verwandelt. Jetzt war das, was sie vorher geschaut und gehört hatten, fast wie in einem Traum, bei ihnen und in ihrer Wirklichkeit angekommen. Solche Berührung und solche Worte können den Bann lösen, der auf uns liegt, den Bann, unter dem wir nur unsere ganz eigenen Möglichkeiten sehen können und also viel öfter unsere Grenzen spüren, den Bann des Erschreckens und der Unsicherheit und der Mutlosigkeit. Solche Berührung und solche Worte können frei machen für die nächsten Schritte und für das, was jetzt dran ist und geschehen soll.

 

„Steht auf!“ Das ist Auferstehung im Kleinen. Auferstehung, die nicht erst am Ende unserer Zeiten auf uns wartet, sondern die schon jetzt in unser Leben hinein wirken möchte. Steht auf aus dem, was euch niederdrückt, „und fürchtet euch nicht!“

 

Fürchtet euch nicht vor dem, was euch hier zugetraut wird, vor dem täglichen Stück Auferstehung im eigenen Leben. Und fürchtet euch nicht vor dem, was ihr hier gesehen und gehört habt auf dem Berg. Fürchtet euch nicht davor, dies Bild mitzunehmen als etwas, an das ihr euch erinnern könnt und das weiter in euch leuchten will und das immer wieder auch vor euch liegt. „Steht auf und fürchtet euch nicht!“

 

„Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein.“

 

Keinen Mose mehr, keinen Elia, auch keine leuchtende Wolke. Sie sahen Jesus – in seiner Zuwendung zu ihnen, wie er sich nun wieder mit ihnen auf den Rückweg machte, vom Bergesgipfel hinunter in die Ebene und auf den Weg, der vor ihnen lag. Sie sahen gewiss auch sich selbst und die Gefährten neben sich. Und nach dem Abstieg vom Berg, da sahen sie auch all die anderen Menschen, die zu ihrer Welt gehörten.

 

Vor allem aber sahen sie Jesus. Mit Augen, die das alles eben geschaut haben. Und so sahen sie dann wohl auch einander mit neuen Augen. Mit Augen, die das Licht in sich hatten, das ihnen oben auf dem Berg erschienen war. Und so, möchte ich meinen, konnten sie eben Jesus und auch sich selbst von da an in diesem Licht sehen. Wie dunkel es auch sonst sein mochte. Und wenn sie dabei auf Jesus hörten, der alle Menschen seine Schwestern und Brüder nannte und der keinen Menschen verloren gab, dann musste dieses verwandelnde, neu machende Licht auch auf alle anderen fallen.

 

Wir, liebe Gemeinde, waren nicht dabei auf dem Berg. Aber wir sind mit unseren Gedanken den Weg mitgegangen, auf den diese Geschichte uns führt, hinauf auf den Berg, in diesen Moment des traumschönen Glücks, und dann auch wieder zurück in die Wirklichkeit des Lebens. Und dorthin, in unseren Alltag, können wir die Geschichte mitnehmen. Ich wünsche uns solche von innen her leuchtenden Augen. Ich wünsche uns einen Blick, der sich die Verwandlung von Menschen vorstellen kann. Einen Blick, der den anderen nicht festhält in dem, wie er ist, und der ihm ein Stück Auferstehung zutraut. Jedem anderen – aber auch, und nicht zuletzt, sich selbst.

 

„Steht auf und fürchtet euch nicht!“, sagt Jesus auch zu uns. Er, von dem die Stimme aus der Wolke gesagt hatte: „Das ist mein geliebter Sohn!“, er spricht es auch uns zu: Ihr seid meine Schwestern und Brüder, Gottes geliebte Kinder. „Steht auf“, kommt mit, folgt mir auf dem Weg, den ich gehe. „Fürchtet euch nicht!“ Was euch auch begegnen mag auf dem Weg eures Lebens: Lasst euch von mir ansprechen und hört auf mich. Lasst euch von mir berühren, lasst euch aufrichten und verwandeln. Findet mich an eurer Seite. Erkennt mich, wie ich euch vorausgegangen bin, und folgt mir nach. Das ist der Weg ins Leben. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.