2015-02-15 - Estomihi - Pastor Dr. Christian Nottmeier

(Mt 8, 31-38)

 

2015 – das ist ein Jahr des Gedenkens und Zurückschauens. Es geht um Euphorie, um große Erwartungen und Hoffnungen, aber ebenso um Enttäuschungen, Frustration, neue Ängste und Ratlosigkeit.

 

Wer in den letzten Tagen die Zeitungen aufmerksam liest, wird erinnert an das, was vor 25 Jahren geschah und gerade die deutsche und südafrikanische Geschichte miteinander so merkwürdig verbindet. 25 Jahre deutsche Einheit, Wiedervereinigung, wird dieses Jahr im Oktober begangen, nur ein Jahr nach der friedlichen Revolution von 1989, die auch das Ende der Ost-West-Konfrontation alten Stils und des Kommunismus bedeutete. Darin liegt dann die Verbindung zu Südafrika. Denn bekanntlich war es der Fall der Berliner Mauer, die dem damaligen Präsidenten de Klerk dazu veranlasste, das Wagnis der Freilassung Mandelas und der Aufhebung des Verbots von ANC, SAKP und anderen Organisationen einzugehen. [1]

 

Wahrscheinlich gehört dieses Ereignis so wie für mich der Fall der Mauer oder der 3. Oktober 1990 zu den Tagen, von denen man nach heute weiß, was man damals gemacht hat. Natürlich war das alles auch umstritten, vieles kann man kritisieren, aber immer wieder höre und lese ich von der Erleichterung, Euphorie, die diese Ereignisse bedeutet haben – ebenso aber auch von den Sorgen und Befürchtungen. Aber das ist vielleicht bei großen Aufbrüchen so, dass beides – Euphorie und Angst – nah beieinanderliegen. „Anatomy of a miracle“ – so hat eine amerikanische Journalisten ihr Buch über den Übergang in Südafrika genannt und der Erziehungswissenschaftler Michael le Cordueut hat am Donnerstag in einem Artikel in „Beeld“ eindrücklich beschrieben, mit welchen Hoffnungen er den 11. Feburar 1990 erlebt hat. [2] Aber er lässt zugleich die Sorgen erkennen, die Ernüchterung 25 Jahre später, gerade mit Blick auf die heutige politische Führung. Was ist eigentlich geschehen zwischen de Klerks Rede von 1990, den Reden von Mandela bei seiner Entlassung und dem, was wir heute hören, wenn der Präsident mit einer feierlichen Rede das Parlament eröffnet? Wenn der die Welt zu beflügelnde Begriff der Regenbogennation von manchen nur noch mit zynischen Lächeln verwendet wird? Wenn plötzlich wieder Vorurteile von Volk und Rasse hervorgeholt werden, um von politischem Versagen abzulenken?

 

Ich sehe das selbst – sicher immer  noch halb ein außenstehender und deshalb zurückhaltend in der Bewertung und vielleicht ganz falsch liegend – in den 2 ½ Jahren, die ich jetzt hier bin, in diesem wunderbaren, gesegneten Land mit seiner bunten und herausfordernden Verschiedenheit. Aber ich nehme auch wahr, wie die Stimmung sich in diesen letzten Jahren verändert hat, schwieriger und unsicherer geworden ist und was das für jeden von euch, von uns bedeutet. Ich sehe so vielen guten Willen, sich einzubringen, etwas beizutragen, aber auch die Enttäuschung, das Gefühl mancher, eigentlich nicht wirklich gewollt, gebraucht zu werden. Ich sehe, wie wir alle mit den Folgen der Kriminalität zu kämpfen haben, mit diesem unsicheren, merkwürdigen Gefühl von Bedrohung und Enge in diesem doch so weiten, zur Freiheit einladenen Land. Ein Gefühl, das wir – zu Recht – irgendwie nicht zulassen wollen. Ich sehe, wie uns alle die Frage von Armut, von fehlenden Bildungschancen, von Korruption nicht loslässt, uns mit Sorge erfüllt. Ich stehe fassungslos davor, wie Menschen zu Recht gegen Korruption und schlechte öffentliche Dienstleitungen in ihren Gemeinde protestieren, und zugleich die Schulen und Krankenhäuser niederbrennen, die sie die brauchen.

 

Dagegen wirkt das andere Ereignis, deutsche Einheit, doch recht gelungen, bei allen Problemen, die man in Deutschland auch haben mag. Manchmal frage ich mich, wie meine bundesdeutschen Mitbürger wohl reagieren würden, wenn sie mit den Herausforderungen zu Recht kommen müssten, die hier in Südafrika zu meistern sind. Aber auch da ist die Euphorie vergangen, das Hoffen auf eine neue, friedliche Ordnung zumindestens in Europa. Da werden plötzlich neue autoritäre, antiliberale Gesellschaftsmodelle salonfähig,nicht nur in Russland, und dann kehrt auch noch – die Nachrichten der letzten Tage belegen das – das Gespenst eines großen europäischen Krieges wieder. Und weder Stärke noch Nachgeben scheinen eine Lösung zu sein.

 

Mit diesen Beobachtungen zu Euphorie und Pessismus, zwischen Hoffnung und Enttäuschung, mit der Frage, was eigentlich in den 25 Jahren passiert ist, möchte ich auf unseren Predigttext kurz vor Beginn der Passionszeit schauen. Auch da geht es um diesen Umschung von Begeisterung zu Enttäuschung und Zukunftsangst, um die Frage, was es denn trägt, wenn wir unsere menschlichen Hoffnungen zerrinnen sehen? Und hier, in diesem biblischen Text, ist der Umschwung noch schneller, noch radikaler, er dauert nicht 5, 10 oder 25 Jahre, sondern nur ein paar Minuten.

 

Text noch einmal lesen

 

Ja, eben noch war alles eitel Sonnenschein: Wo Jesus hinkommt, strömen die Massen zusammen, um ihn zu sehen und zu hören. Wunder werden von ihm erzählt: Vor ein paar Tagen hat er fünftausend Menschen mit Brot versorgt; einen Tauben hat er geheilt und jemanden, der blind war. Seine Anhänger sind begeistert, die Leute erkennen, dass Jesus ein mit Gott verbundener Mensch ist. „Du bist der Christus", sagt Petrus zu Jesus. „Du bist der Gesalbte, der, den Gott eingesetzt hat als König über die Welt." Petrus sieht wohl in diesem Augenblick die Zukunft schon vor sich: Zusammen werden sie durch das Heilige Land ziehen und die Welt verändern. Sie werden die Kranken gesund machen, die Gefangenen befreien. Sie werden alle Menschen davon überzeugen, dass ein Leben voller Liebe möglich ist. Die Menschen werden lernen, so zusammenzuleben, wie Gott es will: Sie werden einander mit Respekt begegnen, sie werden füreinander Verantwortung übernehmen, statt sich gegenseitig auszubeuten. Der Triumphzug des Guten hat begonnen.

 

Da ist es ausgerechnet Jesus, der Petrus schroff auf den Boden der Tatsachen zurückholt, er ist kein Träumer, sondern ausgesprochen realistisch mit Blick auf diese Welt. Er sagt: „Ich muss vieles erleiden." Er schätzt die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse richtig ein – realpolitisch, möchte man sagen -  und ahnt, was geschehen wird: Er wird getötet werden. Die Geschichte hat ihm Recht gegeben. Und die Geschichte zeigt auch, dass das, was mit Jesus geschehen ist, bis heute unsere Wirklichkeit ist, dass die vermeintlichen Realitäten oft stärker sind, als unsere Träume und Wünsche und Hoffnungen.

 

Was mag in Petrus vorgehen in diesem Augenblick? Dem Christus nachzulaufen, dem Gesandten Gottes, der die Welt endlich wieder auf den rechten Weg bringen wird, einem politischen Führer - das ist eine Sache. Mag sein, dass das schon schwer genug ist.

 

Aber eine ganz andere, noch viel schwierigere Sache ist es, mit jemandem auf dem Weg zu sein, der aufzugeben scheint. Der sich offenbar den Behörden stellen will und sich sein sicheres Todesurteil abholen.

 

Petrus nimmt Jesus beiseite und versucht, ihn zum Schweigen zu bringen. Das gibt es, dass die Realität so schwer zu ertragen ist, dass wir uns lieber mit Fantasien durchschlagen oder aber einfach uns zurückziehen. Das ist ganz und gar menschlich. Und Jesus spürt, wie groß die Versuchung für seine Jünger ist, es genauso zu machen.

 

Und dann ruft Jesus das Volk zusammen und beginnt - auch dem Petrus - zu erklären, was es wirklich bedeutet, mit Gott auf dem Weg zu sein. Dass dieser Weg nicht einfach ein Triumphzug ist. „Wenn einer mir auf meinem Weg folgen will", sagt Jesus, „dann verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich." Wer Jesus nachfolgen will, der soll sich selbst nicht mehr kennen, nicht mehr seine eigene Person in den Mittelpunkt stellen. Auch Jesus kennt sich selbst nicht mehr, seit er mit Gott auf dem Weg ist. Eigentlich ist er ja nur ein Zimmermann, ein Mensch wie alle anderen, der sich so seine Gedanken macht. Der Sohn der Maria und eines gewissen Josef, ein guter, doch - wie manchem scheint - etwas altkluger junger Mann. Gott aber hat mehr in ihm gesehen, er hat ihn ausgewählt. Und Jesu Sicht auf sich selbst hat sich verändert, er hat sein Kreuz auf sich genommen, er weiß, dass der menschengemachte Tod am Kreuz zu seinem gottgewollten Leben gehört. Und als er sich jetzt an die Menschen wendet, ist er sich sicher: Auch all die anderen tragen das Kreuz. Gott sieht mehr und etwas anderes in ihnen als sie selbst. Er sagt: „Wenn einer mir nachfolgen will, nehme er sein Kreuz auf sich. So folge er mir."

 

Erstaunlicherweise sagt Jesus, wer ihm nachfolge, nehme sein Kreuz auf sich, nicht mein Kreuz, nicht Jesu Kreuz. Es geht also nicht darum, wie Jesus zu werden. Es geht darum zu fragen, wo eigentlich mein Kreuz ist, mein Weg, meine Bestimmung, auch meine Last. Es geht darum zu fragen: „Wer bin ich? Wohin läuft mein Leben? Wie kann ich mein Leben als Christ in dieser Zeit, in diesem Land leben? Wo bekomme ich die Kraft, die Hoffnung nicht fahren zu lassen, nicht einfach weg zu schauen oder auszuwandern? Es heißt, mich nicht hinter meiner vermeintlichen Stärke zu verstecken, es heißt, nicht für alles eine Antwort zu haben, sondern zu hoffen, dass ich mein Kreuz tragen kann, weil Christus selbst mich trägt.

 

Jesus aber redet schon weiter, nicht nur zu Petrus, sondern zu uns: „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren, wer aber sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, wird es retten." Klar, Petrus könnte jetzt umkehren, er könnte sich ganz auf sich konzentrieren. Er hätte nichts mehr auszustehen, bräuchte nicht mehr darüber nachzudenken, wer er eigentlich ist. Er kann sein Leben so weiterführen, wie es immer war und dann ist er wer: Petrus, der Sohn seiner Eltern, der Ehemann, Petrus, der Fischer und so weiter. Aber er merkt auch, wer sich einmal auf Christus eingelassen hat, der soll und darf nicht mehr nur er selbst sein. Wer einmal von der Hoffnung auf Gottes neue Welt angesteckt ist, der kommt nicht mehr davon los, auch wenn der Gegenwind und die Enttäuschungen noch so groß sind. Er war eben nicht mehr nur Simon, der Fischer, sondern Petrus, der Menschenfischer, ein Jünger Jesu, ein Gotteskind. Für Petrus stimmte, was Jesus sagt: „Wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird es retten."

 

Der Glaube ist also nichts für Realitätsflüchtlinge, es geht nicht um unsere comfort zone. Wer am liebsten so tun will, als sei alles in Ordnung und die Welt nur schön, dem wird der Glaube die Augen öffnen; das kann sehr schmerzhaft sein, so schmerzhaft, dass zuerst gar keine Hoffnung bleibt. Im ersten Augenblick hat wohl auch Petrus überhört, was Jesus noch gesagt hat: „Ich werde nach drei Tagen auferstehen." Hörst du das Petrus, und hören wir das: Die Wirklichkeit der Kreuze behält nicht das letzte Wort. Also gilt: Der Glaube ist zwar nichts für Realitätsflüchtlinge, er lässt und das Schwere sehen und gibt uns doch die Hoffnung, das unser Leben an Gottes Ewigkeit teil hat. Und dass wir davon etwas sehen und selbst bezeugen können, da, wo die Liebe siegt, und nicht der Hass das letzte Wort behält. Jesus ist dafür in den Tod gegangen und hat doch, da wo die Liebe zu sterben schien, am Kreuz, eben jene unvergängliche Liebe Gottes bezeugt. Glauben bedeutet, die Welt –so schwer es oft auch ist- trotz allem mit den Augen der Liebe zu sehen; sie zwar so zu sehen, wie sie ist und dabei auch zu wissen, dass das Reich Gottes im Kommen ist. Glauben heißt auch, sich selbst so sehen, wie man ist - mit all den Schwächen, Fehlern und Ängsten. Und dabei darauf zu vertrauen, dass Gott auch uns ins wahre Leben führt.

 

Das kann uns Mut geben, unser Kreuz auf uns zu nehmen, in unserem Land, mit den Herausforderung, die wir mit Jesus an der Seite, heute lösen müssen. Er ruft auch uns in seine Nachfolge.

 

Bei einem sehr bekannten Südafrikaner kann man lesen. „Ich wusste immer, dass tief unten in jedem menschlichen Herz Gnade und Großmut zu finden. Niemand wird geboren, um einen anderen Menschen wegen seiner Hautfarbe, seiner Lebensgeschichte oder seiner Religion zu hassen. Menschen müssen zu hassen lernen, und wenn sie zu hassen lernen können, dann kann ihnen auch gelehrt werden, zu lieben, denn Liebe empfindet das Herz viel natürlicher als ihr Gegenteil. Die Güte der Menschen ist eine Flamme, die zwar versteckt, aber nicht ausgelöscht werden kann.“ [3]

 

Als Christ möchte ich hinzufügen: diese Fähigkeit, trotz alle Widerstände zu lieben, die Hoffnung nicht fahren zu lassen, kommt wohl nicht aus uns selbst. Sie kommt von Christus, der diesen Weg der Liebe gegangen ist, der sein Leben verloren und so das wahre Leben gewonnen hat. Es ist Christus, der in uns diese Flamme der Güte in uns entzündet und bewahrt. Er ist das Licht, das wir zum Leben, zum Hoffen zum Lieben und zum Glauben brauchen. Mit ihm lasst uns ziehen.

 

Amen.

 


[1] Vgl. Pieter du Toit, „Eerlikheid steel ´n bees“, Beeld, 4. Februarie 2015, ook in: http://www.netwerk24.com/stemme/2015-02-04-eerlikheid-steel-n-bees

[2] Michael le Cordeuer, Dis hoe `n leier dit doen, Beeld, 12 Februarie 2015, ook in: http://www.netwerk24.com/stemme/2015-02-11-ds-hoe-n-leier-dit-doen

[3] Nelson Mandela: Der lange Weg zur Freiheit, Frankfurt am Main, 2011, S. 833.