(Predigttext: Mk. 12, 1-12)
1 Und er fing an, zu ihnen in Gleichnissen zu reden: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes. 2 Und er sandte, als die Zeit kam, einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von den Weingärtnern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs hole. 3 Sie nahmen ihn aber, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. 4 Abermals sandte er zu ihnen einen andern Knecht; dem schlugen sie auf den Kopf und schmähten ihn. 5 Und er sandte noch einen andern, den töteten sie; und viele andere: die einen schlugen sie, die andern töteten sie. 6 Da hatte er noch einen, seinen geliebten Sohn; den sandte er als Letzten auch zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. 7 Sie aber, die Weingärtner, sprachen untereinander: Dies ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein! 8 Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn hinaus vor den Weinberg. 9 Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben. 10 Habt ihr denn nicht dieses Schriftwort gelesen (Psalm 118,22-23): »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. 11 Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen«? 12 Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen, und fürchteten sich doch vor dem Volk; denn sie verstanden, dass er auf sie hin dies Gleichnis gesagt hatte. Und sie ließen ihn und gingen davon.
Liebe Gemeinde,
Gott ist gerecht, ein Rächer aller Bösen; Gott ist die Liebe und lässt die Welt erlösen. Dies kann mein Geist mit Schrecken und Entzücken am Kreuz erblicken.
So haben wir es eben mit Worten von Christian Fürchtegott Gellert eine gedichtete Deutung der Passionszeit gesungen. Diese Deutung ist deshalb bemerkenswert, weil sie mit dem Blick aufs Kreuz nicht nur den guten, den lieben gutmütigen Gott thematisiert, der dem leidenden Jesus nicht aus seiner Hand fallen lässt, sondern zugleich von einer anderen Seite Gottes spricht, die mir jedenfalls nicht ohne weiteres zugänglich, ja höchstproblematisch erscheint – eine Weise Gottes, die mir verborgen bleibt, weil sie Leid zulässt, v.a. aber , so wird es in diesem Liedvers thematisiert, Gott als Rächer aller Bösen bezeichnet – ein alles andere als erbaulicher Ton.
Auch die Texte dieses Sonntags enthalten diese zwei Seiten. Da ist etwa die Epistel, die von dem Frieden aus und in Gott spricht und dann das Evangelium, das mit seiner Geschichte von den bösen Weingärtnern eben nicht nur eine Froh,- sondern auch eine Drohbotschaft enthält. Diese auf den ersten Blick finstere und auch gefährliche Geschichte hat eine eigene Zwiespältigkeit, die man mit Schrecken und Entzücken zugleich erblicken kann, um im Liede Gellerts zubleiben, ja, vielleicht sogar mehr mit Erschrecken.
Dabei sind die Bilder, die dieses Gleichnis enthält, zunächst von eigentümlicher Schönheit, ja überaus heilvoll. Fast möchte man an eigene sommerliche Urlaube in der Toskana oder in Burgund oder an der Mosel oder im Kap zurückdenken, von Weinbergen umgeben:
Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes.
Ein wohlgeordneter Weinberg also, mit Bedacht und Liebe angelegt. Alles scheint gut. Und was da beschrieben wird, ist für die Bibelkundigen Hörer zugleich mehr als nur ein Weinberg, sondern zugleich ein Bild für das Heil, das Gott den Menschen schenkt, ein Bild nicht zuletzt für die Verheißungen Gottes gegenüber seinem Volk.
Doch dann beginnt die Spirale der Gewalt und die Geschichte nimmt einen gar nicht sommerlichen, sondern überaus finsteren Verlauf. Der Besitzer weilt in der Ferne, die Weingärtner bearbeiten den Weinberg, weigern aber sich wieder und wieder, ihren Pachtzins zu entrichten, also ihren vertraglichen Verpflichtungen nachzukommen. Wieder und wieder werden ihnen Boten des Besitzers, der eine unendliche Geduld zu haben scheint geschickt- Aber die Boten, sie werden malträtiert und schließlich sogar getötet werden. Man fragt sich fast, woher die Geduld des Besitzes stammt. Hätte er nicht früher eingreifen können, statt – antiautoritär gleichsam - es immer neu zu versuchen, obwohl die immer gewalttätiger werdenden Weinbauer sich immer brutaler und rücksichtsloser gerieren? Selbst vor seinem eigenen Sohn haben sie keinen Respekt, sondern töten ihn, in der Absicht, den Weinberg sich selbst anzueignen.
Man ist erschrocken ob dieser Geschichte und die Frage, die Jesus ihr anschließt: Was meint ihr, was wird der Weinbergbesitzer tun? die beantwortet das Gleichnis gleich selbst:
Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben.
Die Gewalt erzeugt Gegengewalt. Gar nicht mehr gütig erscheint der Besitzer jetzt, ja, seine Gutmütigkeit scheint umzuschlagen in gleichfalls rohe Gewalt. Insgesamt also ein ganz und gar unerfreuliche Geschichte, ganz und gar nicht tröstlich, mit einem Gott – wenn man denn in ihm den Weinbergbesitzer sieht – der als Rächer erscheint.
Aber unser Gleichnis ist nicht nur finster. In der Geschichte des Christentums hat es sich auch als überaus gefährlich erwiesen. Schon in der Erzählung selbst werden die bösen Weingärtner mit den Hohenpriestern, den Schriftgelehrten und führenden Männern des jüdischen Volkes identifiziert. Denkt man diese Identifikation zu Ende, dann haben sie wie die bösen Weingärtner den Tod verdient, weil sie Jesus ablehnen, verfolgen und schließlich zur Hinrichtung an die Römer ausliefern. Immerhin wird in der Erzählung zwischen dem jüdischen Volk und seinen führenden Vertretern unterschieden. Das Volk steht auf Jesu Seite und aus Angst vor dem Volk lassen die führenden Vertreter Jesus vorläufig gewähren. Die Geschichte des Christentums hat dann freilich oft nicht mehr so fein unterschieden, sondern das Gleichnis gleich als Verwerfung des Volkes Israel interpretiert.
Freilich, dies Gleichnis so zu lesen, setzt voraus, dass man sich auf richtigen Seite weiß und sich zu den Guten zählen kann. Und natürlich bildet sich in dem Gleichnis, im Streit den Schriftgelehrten und Pharisäern erzählt, etwas von dem Konflikt der Passion ab. Wer denkt bei dem erwähnten Sohn eben nicht an Jesus und seinen Tod?
Das Gleichnis als Verwerfungsgeschichte zu lesen, mag lange verlockend gewesen zu sein, vielleicht auch noch nachvollziehbar in einer Gemeinde wie der des Markus, die sich begann, vom Judentum zu trennen. Vielleicht, so meinen manche Forscher, endete das Gleichnis ja mit der Frage, was wird der Besitzer tun? und erst die Gemeinde des Markus hat ihr diese selbstgewisse Antwort hinzugefügt.
Ich möchte vorschlagen, das Gleichnis heute noch einmal anders zu lesen, nicht als eine Geschichte über die anderen, auf die wir mit den Finger zeigen könnten und sagen: seht, die sind schuld. Aber wie das so ist, wenn man vorschnell mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf andere zeigt, vergisst man schnell, dass mindesten drei Finger der Hand auf einen selbst zurückzeigen.
Und so möchte ich vorschlagen, das Gleichnis so zu lesen, als ginge es nicht um andere, sondern um uns. Ich möchte es lesen als das, was es auch sein kann: als Buß- und Mahnruf in der Passionszeit, die ja eben auch Bußzeit, eine Zeit, in der wir Wege nach innen gehen, uns fragen, was aus unserem Leben, unseren Träumen, unseren Idealen geworden ist. Wie ist das mit dem großen oder kleinen Weinberg meines Lebens, den Gott mir anvertraut hat? Was bin ich an Pacht gleichsam Gott für meine Lebensernte schuldig geblieben? Habe ich mich nicht vielleicht zu Unrecht wie ein Eigentümer meiner Lebensressourcen benommen und dabei vergessen, dass mein Leben bei allem eigenen Tun nicht zuallererst ein Geschenk, eine Gabe ist?
Lese ich die Geschichte so, dann geht es in ihr auch meine Ideale wie um meine Irrtümer, um meine Sehnsucht danach, heimisch im eigenen Leben zu sein und es doch zu verfehlen, weil es sich von der einen Grundlage entfernt hat: der Grundlage nämlich, dass es Geschenk und Gabe Gottes ist.
Lese ich das Gleichnis also als Frage an mich selbst und trage meine eigene Lebensgeschichte in es ein, dann fallen mir vielleicht auch Situationen ein, in denen eine Erfahrung schmerzlich wirklich wurde. Dass es nämlich Situationen im Leben gibt, in denen das bedrohliche zu spät, das hinter der Antwort auf Jesu Frage sitzt, zutrifft. Es gibt Worte, im Zorn gesprochen, die sich nicht zurücknehmen lassen; es gibt Wunden, die wir uns zufügen, die nicht geheilt werden können; es gibt Situationen, in denen Menschen sich voneinander verabschieden – nicht mit guten Worten – und dann gibt es keine Möglichkeit der Versöhnung, weil der Tod dazwischen kommt. Es gibt ein zu spät und mit den Folgen des zu spät muss man dann leben.
Umkehr und Buße und die Chancen, die Gott gewährt, ergreifen – was dies für Euer Leben bedeutet, weiß ich im Einzelnen nicht. Jede und jeder von Euch muss sich das selbst überlegen. Es kann um Beziehungen gehen, die gefährdet sind, und wo die letzte Chance zur Rettung besteht. Es kann um ein wichtiges Gespräch, um eine versöhnende Geste gehen. Es kann erforderlich sein, Verantwortung wahrzunehmen, wo man bislang nachlässig war. Es kann nötig sein zu verzeihen oder im Gegenteil auch nötig sein, endlich mutig zu widersprechen, wenn Menschen Freunde, Mitschüler oder Fremde klein gemacht und erniedrigt werden.
Ich bin übrigens froh, dass das Gleichnis nicht mit dieser Mahnung des zu spät endet. Sondern dass dem noch Verse der Deutung folgen, die dann noch einmal Passion und Ostern zusammen in den Blick nehmen.
10 Habt ihr denn nicht dieses Schriftwort gelesen (Psalm 118,22-23): »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden.
11 Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen«?
So wie der verworfene Stein zum Eckstein geworden ist, so ist der getötete Sohn des Weinbergbesitzers zum Fundament des Lebens geworden. Erst diese Verse deuten auch Auferstehung (»wunderbar in unseren Augen«)an. Dadurch erhält das Gleichnis eine heilsgeschichtliche Perspektive: Gott ist stärker als die Menschen, die meinten, mit dem Tod Jesu sich durchgesetzt zu haben.
Ich bin deshalb dankbar dafür, weil mit Jesus und seiner Passion diese Spirale von Gewalt und Gegengewalt endet. Denn auch dieses Wort spricht nicht von der Verwerfung anderen, sondern von der Überwindung des Todes durch das Leben. Denn bei allem Leid, was ihm, was Jesus zugefügt wird, ruft er gerade nicht zur Gegengewalt auf, ja, sogar am Kreuz kann er – das Opfer - noch um Vergebung für sie, für uns – die Täter bitten. Ganz ohne Hass kann er durch die Passion hindurch. Und am Kreuz lässt sich dann erkennen, was wirklich Sünde ist: Gottes Liebe, die sich in Jesus ereignet, nicht zuzulassen, nicht bei uns selbst und nicht bei anderen. Jesus stirbt im Dienst der Liebe und durchleidet am Kreuz die Liebesfeindschaft der Menschen – eine Liebesfeindschaft, die oft mit hehren Idealen einhergehen kann.
Passionszeit heißt daher auch, das eigene Leben im Licht dieser Liebe Jesu zu betrachten. Reminiscere: Gedenke Herr an deine Barmherzigkeit und deine Güte, das heißt auch. Schaut auf die Wege und Spuren Gottes in eurer eigenen Lebensgeschichte. Auch dieser Blick führt helles ebenso zu Tage wie dunkles und schweres; Momenten, in denen er mir gut und nahe war, und ebenso Momente, in denen ich seine Wege nicht verstehe, er mir zur Rätselmacht wird. Insofern gehört zum Weg des Lebens wie des Glaubens beides: das Entzücken ebenso wie das Erschrecken; die Gewissheit ebenso wie der bohrende Zweifel; die Gottesnähe ebenso wie der Zweifel.
Auch dazu mag die Passionsgeschichte eine Sehhilfe unseres Glaubens sein. Denn auch hier liegt beides ineinander: das tiefste Gottvertrauen ebenso wie der Schrei der Gottverlassenheit am Kreuz. Nicht in den Bildern selbst von Gewalt und Folter und Tod liegt Sinn der Passionsgeschichten, sondern das Gottvertrauen, Gotterleiden, Gottergeben, mit dem er all das geschehen lässt. Und so kann das Bild des Gekreuzigten auch uns als Betrachtende über uns selbst hinausführen: hinausführen aus der eigenen Angst, dem eigenen Tod, weil ich am Weg Jesu durchs Leid ins Licht der Auferstehung sehen, kann, das nichts und niemand mich auf Gottes Hand reißen kann. Bei diesem Jesus kann, ja will ich bleiben.
Amen.