2015-03-22 - Judika - Pastor Dr. Christian Nottmeier

Predigt am 22. März 2015
(5. Sonntag der Passionszeit, Judika)

 

(Predigttext: Mk 10, 35.45)


35 Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden. 36 Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? 37 Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. 38 Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? 39 Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; 40 zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist. 41 Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. 42 Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. 43 Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; 44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. 45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

 

Liebe Gemeinde,


Mit dem heutigen Sonntag Judika treten wir ein in die Passionszeit im engeren Sinne. In der alten Zeit wurden an diesem Sonntag der Altar und das Kreuz mit einem Fastentuch bedeckt. Keine Bilder sollten mehr das innere Auge von Jesu Weg ablenken. Das Fasten der Augen sollte ein weiteres Zeichen der Buße sein. Damit sollte auch deutlich werden: Wir begleiten Jesus auf seinem Weg des Leidens und Sterbens. Das ist keine Zeit vieler Worte, sondern mehr noch des inneren Betrachtens. Der Glaube sucht einen Weg zu innerer Einkehr und Stille. Ein wenig möchte ich das heute auch versuchen, indem wir den Predigttext in unser Herz hineinlassen mit seinen Bildern. Wir wollen versuchen, diese Bilder vor unser inneres Auge zu holen und die Worte vor unser inneres Ohr, mit der Frage: „Was willst du, Christus, dass wir heute von dir hören?"

 

Da steht also Jesus inmitten seines engsten Kreises von geliebten Menschen. Wie oft wohl noch? Wie lange wohl noch? Alle wissen es doch, und Markus berichtet davon unmittelbar vor unserer heutigen Geschichte: Die Liebe ohne jegliche Bedingung wird den, der sie gelebt hat, sein Leben kosten. ER weiß es - und die Jünger wissen es auch. Welcher Schmerz für die Liebe! Alle Liebenden, alle, die in diesen Tagen einen geliebten Menschen verlieren mussten oder in diesen Tagen besonders an einen solchen Verlust erinnert werden, können mitfühlen: eine Liebe, die um Abschied weiß. Wie unendlich schmerzlich ist es! Wie bitter! Und wie sinnlos kann es erscheinen? Wundert es da, wenn Menschen Trost suchen? Trost aus einer anderen Welt, um das Leben in dieser Welt besser zu ertragen? Trost, der Kraft geben soll, das Unfassbare zu bewältigen:

 

„Wenn wir schon wissen", sagen sich die Jünger, „dass der Abschied nahe ist - gibt es dann nicht wenigstens den Trost, dass wir in jener neuen, künftigen Welt Gottes so nahe als irgend möglich beieinander sein dürfen?" Und genau darum bitten Johannes und Jakobus! „Ohne Schmerz des Abschiednehmenmüssens, ohne Trübung, ohne Angst, dass alles ganz schnell zu Ende sein könnte: Lass uns dir so nahe wie möglich sein dürfen in jener Welt Gottes, an die wir alle glauben!"


Jesus aber weist diese Bitte zurück. „Ihr wisst nicht, worum ihr bittet", sagt er.

 

Ich versuche, mir diese Szene mit einem Gedicht von Dietrich Bonhoeffer, betitelt „Christen und Heiden", zu erklären, entstanden in der Zeit seiner Gefangenschaft, als dieser merkwürdige Häftling für christliche wie nichtchristliche Gefangene zum Seelsorger wurde. Es lautet:

 

Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.

 

Menschen gehen zu Gott in Seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,
sehn ihn verschlungen von Sünde,
Schwachheit und Tod.

 

Christen stehen bei Gott in Seinem Leiden.
Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,
sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot,
stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod
und vergibt ihnen beiden.

 

Die Bitte der Jünger ist eine Bitte von Menschen, die zu Gott gehen in IHRER Not. Das ist so menschlich - aber für Christen, für die also, die sich in ganzer Liebe zu Christus gehörig wissen, geht es um etwas anderes: Christen stehen bei Gott in SEINEM Leiden. Das macht offensichtlich den Unterschied aus. Damit wird die ganze Frage nach dem Umgang mit Not und Leid verändert. Sie dreht sich gewissermaßen um. Es geht nicht mehr darum, was wir uns wünschen. Was wir mit unseren begrenzten Vorstellungsmöglichkeiten am liebsten hätten. Es heißt Abschied nehmen von einem Leben jenseits des Schmerzes. Es bedeutet vielmehr, sich dem Schmerz zu stellen- Es gilt, Jesus anzuschauen: Hat er nach sich selbst gefragt? Wählt er den Weg der Erfüllung seiner persönlichen Wünsche? Nein, er tut es nicht, weil er weiß, dass Leben sich nur erfüllen kann, wenn es um eines anderen Zieles willen als des eigenen Wohlbefindens gelebt wird. „Ich lebe, um glücklich zu sein" ist ein Satz, der so sehr menschlich ist. Aber er geht hier nicht auf. „Ich lebe, weil ich Gottes Liebe in diese Welt tragen möchte in Worten und in Taten und mit meinem ganzen Wesen." Das ist ein schwerer Satz, aber wer ihn wagt, wird erfahren, dass das Glück als Geschenk dazukommt. „Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren! Wer aber sein Leben hingibt um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird es gewinnen!", sagt Jesus an anderer Stelle. Die menschlichen Vorstellungen von rechts und links, oben und unten reichen da nicht mehr hin. Es ist die tiefe Verbundenheit im Geist der Liebe, in der Ausrichtung auf Gott hin, die die wirkliche, unwandelbare Nähe schafft!

 

Das ist freilich ein Gegenprogramm gegen alles Übliche, was sich hören lassen kann! „Ihr wisset, dass die weltlichen Fürsten herrschen und die Mächtigen unter ihnen haben Gewalt." Hauptsache, es springt für mich selbst so viel wie möglich heraus, und damit das so ist, wird mir jedes Mittel recht sein. Der Wille zur Macht: Wir können in der Geschichte, aber auch in der unmittelbaren Gegenwart unsers Landes sehen, was dieser Wille zur Macht bedeuten kann. Man klammert sich daran, ohne Rücksicht auf die politischen und gesellschaftlichen Folgen. Man teilt die Menschen wieder nach den Kriterien der alten Zeit ein. Damit kann man so gut ablenken von dem was eigentlich schief geht. Vielleicht ist das das Wesen von nicht kontrollierter Macht, das man nicht von ihr lassen kann. Sie macht süchtig und betäubt. Und sie sucht die Schuld immer nur bei den anderen.
Christus will uns zeigen, dass es anders gehen kann. Neben dem Willen zur Macht gibt noch etwas: Es gibt Hingabe. Jeder Mensch trägt diese Fähigkeit in sich, von sich selbst wegzuschauen, und auch, sich von sich selbst zu distanzieren. Ich bin nicht der Mittelpunkt der Welt. Ich bin ein Glied in einer langen Kette von Menschen, die vor mir waren und die nach mir sein werden. Und vor meiner Tür liegen Aufgaben, die mir das Leben stellt. Und ich werde gefragt, ob ich sie in Angriff nehmen möchte, ohne zuallererst nach mir selbst zu fragen. Und wenn ich einwillige - wenn ich Ja dazu sage, dann werde ich in tiefer Verbundenheit zu Christus sein, und ich werde Weggefährten haben, die in gleicher Mission unterwegs sind. Dann kann ich auch mit meinen kleinen Beträgen, meinem vielleicht bescheidenen Engagement einen Unterschied machen.


Unsere Welt braucht diese christliche Hingabe mehr als nötig. Auf die Macht, im großen wie im kleinen angewandt, heißt das: es geht nicht um die Bereicherung einzelner Menschen oder einzelner Gruppen, sondern es geht darum, das dem Ganzen gedient wird, das Macht die Würde des Einzelnen anerkennt, schützt, bewahrt. So kann sie dann auch Christus dienen, der den Wert jedes Menschen so betont hat.

 

Solche liebende Hingabe gerade eben da, wo unser Lebensumfeld sich abspielt, erfüllt unser Menschsein. Macht ist verlockend. Hingabe ist erfüllend! Und sie hilft hinweg selbst über die schweren Abschiede, von denen jedes menschliche Leben zu sagen weiß. Wenn wir Christus auf seinem Weg des Leidens begleiten, dann wissen wir uns gerade auch mit unseren persönlichen Nöten und Sorgen eingehüllt in seine Gemeinschaft und Fürsorge. Dann kann uns nicht, was immer uns auch entgegentreten mag, von Christus trennen: „Nun weiß und glaub ich feste, ich rühms auch ohne Scheu, dass Gott, der Höchst und Beste, mein Freund und Vater sei und dass in allen Fällen er mit zur Rechten steh und dämpfe Sturm und Wellen und was mir bringet Weh.“

 

Amen.