2015-07-26 - 8. Sonntag nach Trinitatis - Pastor Dr. Christian Nottmeier

(Predigttext: Mt. 5, 13-16)



13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.

14 Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.

15 Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.

16 So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.


Liebe Gemeinde,


es waren zwölf einfache Leute. Sie hatten kaum eine Ausbildung, Lesen und Schreiben konnten sie nicht. Mehr als ein oder zwei Tagesreisen waren sie nicht von ihrem Dorf weggekommen. Und das lag im vergessenen Norden einer entlegenen Provinz, platteland halt. Die Hauptstadt der Provinz war etliche Tagesreisen entfernt. Von dem, was in der großen Welt geschah, bekamen sie nichts mit. Sie waren deshalb nicht dumm. Sie versuchten ehrlich und anständig ihr Leben zu leben, Beruf, Familie, vielleicht ab und zu etwas Zeit, um die Seele baumeln zu lassen. Leben, es damals millionenfach aussah. Es waren Allerweltsmenschen, was gar nicht negativ gemeint ist.


Sie standen jetzt ganz vorne, als ihr Meister auf den Berg gegangen war. Viele Menschen standen um ihn herum, aber nur wenige dürften verstanden haben, was der da sagte. Am ehesten waren seine Worte wohl an die gerichtet, die sich schon zu ihm bekannten – und das waren eben diese Zwölf, die für ihn alles stehen und liegen gelassen hatten. Vielleicht aber auch noch an die, die auf der Suche waren, nach Gott und nach einem Sinn in ihrem Leben. Zu ihnen sagt Jesus: Ihr seid das Licht der Welt. Ihr seid das Salz der Erde.


Wer das damals hörte – und heute wäre es wohl auch noch so – muss das für zumindest kühn halten. Diese galiläischen Bauern, Randexistenzen, Allerweltsmenschen, sollen Salz der Erde und Licht der Welt sein?


Und doch wurde sie es und viele Menschen nach ihnen. Sie wurden es mit ihrem Einsatz, ihrem Gottvertrauen, der sie Unmögliches schaffen ließ, nämlich Gottes Wort in die Welt hinauszutragen. Vielleicht kann man es ein bisschen vergleichen mit den Bauernsöhnen aus der Lüneburger Heide, die im 19.Jahrhundert hier nach Südafrika geschickt wurden.


Deutlich ist immerhin: dieses Salz bzw. Licht zu sein, das kommt nicht aus ihnen selbst heraus. Es ist kein Imperativ, den Jesus hier ausspricht. Er sagt nicht: ihr werdet oder ihr sollt sein, sondern er benutzt den Indikativ: ihr seid Salz, ihr seid Licht.


Insofern sind diese Worte zunächst nicht als Anspruch, sondern als Zuspruch zu verstehen. Nicht zufällig folgen sie den Seligpreisungen, die ja gerade die, die am Rand stehen, in den Mittelpunkt der Verheißungen Gottes stellen: die Leidtragenden, die Barmherzigen, die Verfolgten usw. Den Seligpreisungen geht es ja gerade nicht um die Belohnung von richtigem Verhalten. Sie sind vielmehr segensspendende Zuschreibungen, die den Menschen nicht aus der Perspektive des Menschen, sondern der Perspektive Gottes schildern. Der Mensch, wie er vor Gott ist, wie Gott ihn als sein Ebenbild geschaffen und gewollt hat. Es geht nicht um Menschen, die nur aus sich selbst leben. Es geht um Menschen, die aus Gott leben. Selig gepriesen werden deshalb gerade nicht die, die nach menschlichen Maßstäben zur besseren Gesellschaft, zur Elite, zu den Anerkannten gehören. Das heißt hier: Zum Menschen wird man nicht durch das, was man leistet, sondern durch das was man in den Augen Gottes vor aller Leistung schon ist.


Natürlich, die Bergpredigt macht dann durchaus deutlich, wie sehr sich der real existierende Mensch von diesem Bild unterscheidet: er ist endlich, sterblich, fehlerbehaftet, schuldverstrickt, letztlich nicht fähig die Vollkommenheit seiner Lebenswelt nur aus eigener Kraft zu gestalten. Zum Menschsein gehört die Erfahrung, hilfsbedürftig, angewiesen auf andere, vielleicht auch auf Gott, zu sein. Zum Menschsein gehört die Erfahrung, eigentlich immer etwas schuldig geblieben zu sein, immer hätte man noch mehr oder anderes tun können oder müssen.


Und genau auf diese Erfahrung zielt die Bergpredigt, zielen auch die Seligpreisungen. Gott erkennt mich nicht in dem an, was ich darstelle, sondern in dem, was er mit seinen liebenden Augen in mir sieht. Gott klagt nicht ein, was wir tun sollen. Er traut uns vielmehr zu, etwas zu sein, eben Licht der Welt, Salz der Erde.


Interessant sind diese beiden Bilder vom Licht und vom Salz. Es sind beides Dinge, die ihren Wert nicht ohne anderes haben, beide werden erst in Verbindung mit anderem bedeutungsvoll. Christsein, so kann man das übertragen, ist nicht aus sich selbst heraus wichtig. Sondern es ist wichtig in den Bezügen des eigenen Lebens und der Welt, in der man steht. Christsein bewährt sich, indem es meinem Leben Sinn und Bedeutung gibt und ich durch mein Leben, so bedeutungslos er mir auch manchmal erscheinen mag, einen Unterschied mache.


Jesus macht mit diesen Worten eines deutlich: Gotteskind zu sein, Christ zu sein, das ist nicht etwas Isoliertes, das für sich steht. Christen sollen nicht nur an sich und ihre Frömmigkeit denken. Das Christsein soll das eigene Leben durchwirken, aber es soll auch da sein für die Welt, in der wir leben. Jesus hatte da immer ein weites Auge und er verlangt von uns einen weiten und wachen Blick. So wie das Christentum der Apostel eben einen Zug ins Weite hatte, es auf Wachstum und auf die Welt angelegt war. Man blieb nicht für sich, sondern man ging hinaus in diese Welt mit allen ihren Widersprüchen.


Salz würzt bekanntlich die Speise, es macht Dinge erst wirklich genießbar. Salz war lange eine Kostbarkeit, wertvoll wie nur wenig anderes. Mit Salz konnten Essen konserviert und so bewahrt werden. Eine Welt, in der es kein Salz mehr bräuchte, wäre wohl eine perfekte, vollendete Welt. Aber unsere Welt ist das nicht. Wir wissen das, wir können das mit dem Blick allein nur auf unser Land jeden Tag sehen und schmerzhaft erfahren. Und wir können davor nicht die Augen verschließen. Salz der Erde zu sein – auch als Allerweltsmenschen wie wir es sind – meint nicht, alles auf einmal verändern zu müssen. Aber es heißt zunächst einmal, der Selbstgenügsamkeit und dem Wegschauenwollen nicht auf den Leim zu gehen. Salz der Erde sein heißt ein Gespür, eine Sensibilität für das Leid der Anderen zu haben, auch wenn ich weiß, dass ich nicht alles heilen und ändern kann. Salz der Erde ist eine ständige Erinnerung daran, dass diese Welt veränderbar, verbesserbar ist und bleibt. Nur so bekommt die Welt ihre Würze. Und Salz der Erde geht es um Bewahrung, Erhaltung. Das Salz der Erde gibt einen Blick dafür, was an dieser Welt auch schön, Bewahrenswert ist.


Auch das Licht hat dann seinen Wert nicht an sich. Licht verändert den Blick auf die Dinge. Es hebt sie hervor aus der Konturlosigkeit der Dunkelheit. Licht deckt das Verborgene auf und fördert das Geheime zu Tage. Worauf kein Licht fällt, das bleibt dunkel, unscheinbar, unbedeutend. Licht erweckt zum Leben. Licht macht die Dinge unterscheidbar und einzigartig. Nichts läßt sich im Licht mehr in der Dunkelheit vertuschen. Das Licht, so hat es ein namenlos gebliebener Theologe des 5. Jahrhunderts formuliert, stammt von dem Guten und ist ein Bild der Güte.


Als Christen sind wir also Salz der Erde, Licht der Welt. Nicht wir sollen es sein, sondern wir sind es, ob wir wollen oder nicht. Natürlich kann man jetzt zahlreiche Beispiele anführen, wo wir es vielleicht nicht sind oder nicht genügend. Aber wir sind es dennoch, ob wir wollen oder nicht. Wir sind es dann, wenn wir uns auf Gott einlassen, ihm vertrauen, auf seine Verheißungen bauen. Das verändert uns. Dieses Licht können wir nicht für uns behalten, selbst wenn wir es wollten. Darauf vertraut Jesus. Ihm geht es nicht darum, die Bergpredigt zum politischen Programm zu machen und damit die Welt komplett zu verändern. Das würde verkennen, das Veränderungen in der Regel nicht in der Tat, sondern in der Gesinnung, im Gottvertrauen ihren Ursprung haben.


Aber ebenso wenig, wie es hier um ein konkretes politisches Programm geht, geht es auch nicht um Selbstgenügsamkeit, um Rückzug in die eigene fromme Nische, in der man selbst immer recht, die anderen immer Unrecht und die Welt überhaupt schlecht ist. Wir sollen die Welt gerade nicht ihrer Dunkelheit, ihrer Unverbesserlichkeit, ihrer Orientierungslosigkeit überlassen. Gott sieht, die Seligpreisungen zeigen es, soviel mehr in dieser Welt und so auch in uns.


Für Jesus sind die Menschen, die zu Gott gehören, sind diese Allerweltsmenschen, die sich zu ihm halten offensichtlich unverzichtbar für das Fortbestehen der Welt. Aber ist das wirklich so, sind wir so wertvoll und unverzichtbar? Wertvoll und unverzichtbar, gleich dem Salz, mag man denken, wäre für einen Juden einst die Treue zur Thora gewesen. Und genau so dachte man in der Welt der Schriftgelehrten und Pharisäer. Das Überleben hängt an der Einhaltung der Weisungen Israels. Die Thora ist das Weltprinzip, Gehorsam die Überlebenskraft. Seine Satzungen zu verinnerlichen war die Devise Israels, Gerechtigkeit und Bundestreue, Gerechtigkeit und Bundestreue auch und gerade im Widerstand zur thorafernen, thoraarmen Welt der Heiden und Zöllner, der gottlosen Haufen der Sünder, der Masse der Verlorenen, wie man all die sah, die sich nicht dem Gotteswort unterwarfen. Das war der Anspruch.


Aber Jesus geht es nicht um den Anspruch, sondern den Zuspruch. Deshalb: Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt! „Menschen, die aus der Hoffnung leben, sehen weiter. Menschen, die aus der Liebe leben, sehen tiefer. Menschen, die aus dem Glauben leben, sehen alles in einem anderen Licht“(Lothar Zenetti), sie sind das Salz der Erde, sie sind das Licht der Welt.


Wir sind das Salz der Erde, das Licht der Welt, wir müssen keine Helden sein, nur Menschen. In Jesu Sicht ist nicht die geschlossene Welt der Thora das Fundament des Kosmos, sondern der offene Kreis der zur Gottesliebe erweckten Menschen. In der Liebe erblühte Menschen, sie sieht Jesus als das Salz der Erde, das Licht der Welt. Es ist der offene Kreis derer, die am Berg der Seligpreisungen sein Wort vernehmen und es sich zu Herzen nehmen. Keine Thora, keine Unterwerfung, Kein Gehorsam einem Gottesgesetz gegenüber. Keine Vision eines Gottesstaates, sondern der offene Kreis derer, deren Hoffnung aufgeht, die ihre Hoffnung auf ein Stück Sinn, ein Stück Anerkennung, ein Stück Wertschätzung, ein Stück Frieden wiedergefunden haben und im Geist der Hoffnung, Reich-Gottes-Hoffnung anders miteinander umzugehen beginnen. So sind wir das Salz der Erde, das Licht der Welt. Das wirkt, in uns, um uns und so auch durch uns.


Amen.