(Predigttext: Röm. 5, 1-5)
Liebe Gemeinde,
der heutige Sonntag hat das Thema des Erinnerns, des Gedenkens zum Thema. Sich zu erinnern ist ein zutiefst menschlicher, ja lebensnotwendiger Vorgang. Wir alle könnten nicht leben, ohne unsere Erinnerung. Sie sind in unserem Gedächtnis gespeichert, manche sehr bewusst, manche eher unbewusst. Sie können leicht reaktiviert werden. Manche Erinnerungen tragen wir vor uns her als Geschichten, die wir gerne und oft erzählen. Andere schlummern tief in unserem Bewusstsein und kommen ganz plötzlich – mal heilsam, mal verstörend – in unseren Sinn.
Erinnerungen bewegen uns als einzelne Menschen, aber ebenso eine Gemeinde, eine Gesellschaft einen Staat. Wer sich erinnert, als einzelner wie als Gemeinschaft, muss aber damit rechnen, dass man sich sehr unterschiedlich erinnert. Natürlich, eine Gesellschaft lebt von dem, was manche Forscher das kulturelle Gedächtnis nennen. Aber es enthält eben auch die Verschiedenheit, ja die Streitigkeit des Erinnerns. Wir erleben das in diesen Tagen am Streit in unserem Land nicht nur über Rassen und Rassismus, sondern auch über die Formen des Erinnerns. Soll man jeweils nach gerade angesagtem politischem Mainstream erinnern, also alles Ausmerzen und Wegsprengen, was an eine als schmerzhaft empfundene Vergangenheit erinnert? Oder muss man nicht vielmehr, auch und gerade im öffentlichen Raum damit umgehen, dass Dinge verschieden erinnert werden? Natürlich setzt das – neben einem Mindestmaß an historischer Bildung – die Bereitschaft voraus, einander erst einmal zuzuhören, die jeweiligen Geschichte der eigenen Verwundungen zu erzählen und diese Verschiedenheit auszuhalten - so können Erinnerungen dann vielleicht auch und gerade eine heilende Kraft entfalten, so kann Zukunft gebaut werden.
Mit der Erinnerung ist es dabei immer eine merkwürdige Sache:
Erinnerungen müssen einmal nicht immer gleich strukturiert und geordnet sein. Erinnerungen stellen sich manchmal unwillkürlich ein: ein vergessenes Bild, das uns zufällig in die Hände fällt, ein ganzes Foto-Album gar, eine Schachtel, in der wir etwas aufbewahrt haben, eine unscheinbare Kastanie, die uns an einen Spaziergang im vergangenen Herbst erinnert, sobald wir sie mit der Hand in der Manteltasche umschließen. Erinnerungen brauchen einen Auslöser, damit sie wieder zugänglich werden. Erinnerungen sind dann – wir erfahren das immer wieder – nichts Vergangenes sind. Sie prägen uns auch heute. Sie sind lebendige Erfahrungen, die uns im Augenblick der Erinnerung erneut widerfahren. Wir holen die erlebte Zeit aus dem Vergessen zurück und wiederholen sie doch zugleich in neuer, anderer Weise. Längst zurückliegende Erfahrungen bleiben nicht einfach gleich. Manchmal verändert die Distanz den Blick. Dinge, die einem beim Erleben sinnlos erschienen, unendlich schmerzhaft, können plötzlich einen Sinn erhalten. „Damals fand ich es furchtbar, nicht auszuhalten, aber heute weiß ich, dass ich daran gewachsen bin.“ So können Erinnerung auch neue Blickweisen auf die Zukunft eröffnen. Und schließlich: Erinnern schafft Identität, individuell und kollektiv. Wer wir sind, erschließt sich durch die Geschichten, die wir einander erzählen. „Das habe ich erlebt, siehst Du, vielleicht verstehst Du jetzt, warum ich so bin, wie ich bin.“ Solche identitätsbildende Geschichten gibt es sowohl für den Einzelnen und sein individuelles Leben, als auch für Gruppen und Gemeinschaften, bis hin zu nationalen Gedenktagen.
Auch Paulus geht es in seinem Brief an die Römer um solches Identität stiftendes Erinnern. Er will dabei die Grunderfahrung des Glaubens wieder freilegen, neu zugänglich machen für eine Gemeinde, die das Leben vor allem als Anfechtung, als Bedrängnis erlebt. Paulus schreibt in Römer 5, 1-5: Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung. Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.
Die Grunderfahrung des Glaubens bezeichnet Paulus als Frieden, der unsere Beziehung zu Gott prägt. Dieser Friede ist unserer Erfahrung nicht immer zugänglich. Er ist kein Gemütszustand. Gerade deshalb ist die Erinnerung so wichtig: Es herrscht ja Friede! Gott hat Frieden mit uns geschlossen, ein für alle male. Gerade weil unsere Erfahrungen so widersprüchlich sind, weil wir innerlich zerrissen sind, mit Gott hadern oder unruhig sind, darum ist es wichtig, diesen Frieden zu erinnern. Ein Friede, der unverbrüchlich und umfassend ist. Eine Friede, in dem wir auch in unserer Unterschiedlichkeit mit eingeschlossen sind.
Eben dieser Friede findet sich – so Paulus – im Kreuz und in der Auferstehung Christi. Aber wie geht das mit unserer Erfahrung von Bedrängnissen, ja Anfechtungen überein? Damit kommt das Kreuz ins Spiel. Das Kreuz wird dabei zum doppelten Symbol. Das ziemlich grausame Evangelium von den bösen Weingärtnern zeigt, wie die Menschen Gottesliebe nicht zulassen, bis dahin, dass sie Gottes Sohn töten.
An der Bosheit der Menschen wird kein Zweifel gelassen. Von mangelndem Realismus oder falscher Harmonie kann keine Rede sein. Im Gegenteil. Das Kreuz ist ein Zeichen für die Abgründigkeit menschlicher Sünde.
Und dann ist da neben der menschlichen zugleich die göttliche Seite. Mitte in dieser Anfechtung, dieser Bedrängnis wird ausgerechnet das Kreuz ein Zeichen für die große Liebe Gottes zu den Menschen. Das ist der Friede, den Gott schafft: souverän und einseitig. Ein Friede, der uns zugesagt wird und den wir wieder und wieder erinnern können. Das Kreuz ist ein Erinnerungszeichen. Es steht für den Frieden, den Gott gegen Krieg und Unfrieden setzt, ja: schon gesetzt hat.
Mit der Erinnerung an den von Gott geschaffenen Frieden rücken die Bedrängnisse in ein neues Licht. Negative Erfahrungen werden nicht einfach umgedeutet. Sie erhalten kein positives Vorzeichen. Das wäre furchtbar, weil das Leiden banalisiert würde. Aber Bedrängnisse bleiben auch nicht einfach nur Widerfahrnisse. Sie sind keine verlorene Lebenszeit. Sie können erinnert werden und müssen nicht geleugnet werden. Das Kreuz steht nicht nur für das erlebte Leiden, sondern auch für seine Überwindung. Denn es erinnert an den Frieden, den Gott uns schenkt. Die biblischen Erzählungen sind eben darum erinnerungswürdig, weil sie uns betreffen und Teil unserer Lebensgeschichte werden. In ihnen spiegeln sich unseren Erfahrungen. Sie werden uns eigentlich erst zugänglich, indem wir eine neue Perspektive auf sie gewinnen können. Denn erst im Lichte des Kreuzes gilt: Bedrängnis bringt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung.
Und an diesen Geschichten von Glaube, Liebe und Hoffnung entzünden sich neue Erinnerungen. Sie entzünden sich auch und gerade dann, wenn wir diese Botschaft nicht für uns behalten, sondern in die Welt hinaustragen, mit dem Wort und mit der Tat.
Deshalb ist es wichtig, dass wir als Gemeinde diakonisch wie missionarisch aktiv sind. Die beiden Berichte eben geben davon Zeugnis ab. Sie geben davon Zeugnis ab, wie nicht nur Menschen geholfen wird, sondern wie man als Gebender zugleich zum Empfänger wird. Wir geben nicht nur etwas weiter, sondern wir werden darin mit neuen Erfahrungen, neuen Erinnerungen beschenkt, die uns verändern und neu auf den Frieden Gottes schauen lassen. Ja, es ist neben dem Sakramenten und dem Wort der Verkündigung ein Kennzeichen christlicher Kirche und Gemeinschaft, dass sie hinausgeht, und das Wort in Diakonie und Mission bezeugt.
Nicht jeder muss dazu den gleichen Beitrag haben. Man wird auch immer darüber anderer Meinung sein können, wie das richtig und angemessen erscheint. Die Gaben wie die Wege sind verschieden. Aber wenn der Friede Gottes in Mission und Diakonie bezeugt werden soll, dann muss die ganze Gemeinde das in ihren Gaben und – wichtiger noch – im Gebet mittragen. Auch dazu teilen wir unsere Erinnerungen und Erfahrungen.
Dabei ist das Kreuz das Erinnerungsstück, das uns den Zugang zu den wichtigen Erfahrungen unseres Lebens bahnen kann. Es gibt den Blick frei für die Bedrängnisse, die wir durchgestanden haben, aber auch für die Hoffnung und die Kraft, die uns geschenkt wurden. Im Zeichen des Kreuzes können wir Gott deshalb bitten: „Herr, mache uns im Glauben treu und in der Wahrheit frei, dass unsre Liebe immer neu, der Einheit Zeugnis sei“ (EG 265,5).
Amen.