(Predigttext: Hebr. 5, 7-9)
7 Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen
dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren
hielt.
8 So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.
9 Und als er
vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.
Liebe Gemeinde,
heute geht es um eine Einladung. Lass Gott in dein Leben, das ruft er uns zu. So jedenfalls kann man den
Brief an die Hebräer verstehen, aus dem unser Predigttext für diesen Sonntag stammt. Der Brief will
einladen und Mut machen, von ganzem Herz Christ zu sein. Dabei werden keine leeren Versprechungen
gemacht, sondern mit Ernst und Umsicht versucht der Brief Chancen wie Risiken des Christseins deutlich
zu machen. Klar ist für den Verfasser, dass die Christen, an die er schreibt in der inneren wie äußeren
Anfechtung leben. Ihre Welt ist für sie zur Herausforderung geworden. Sie lieben ihre Heimat, ihr Land,
aber es ist ihnen manchmal merkwürdig fremd geworden. Und sie wollen umso mehr mit ganzem Herz
Christ sein, aber sie sehen auch die inneren Widerstände und Widersprüche, die sich nicht einfach im Sinne
von „du musst nur glauben“ wegdrücken lassen.
Der Hebräerbrief antwortet darauf mit dem Ruf zur Konzentration, zum Blick auf das Wesentliche, back to
the basics. Diese Konzentration gilt der Zentralgestalt des Christentums, gilt Jesus Christus selbst. Seinen
offensichtlich aus dem Judentum stammenden Lesern versucht er das mit Bildern aus der jüdischen
Tradition, etwas dem Bild des Hohepriesters, des Mittlers zum Allerheiligsten zu erklären. Aber zugleich
redet er nicht von priesterlicher Macht, von klerikaler Autokratie, sondern von einer anderen Tugend, die
man wahrscheinlich von einem Mann ganz an der Spitze der religiösen Hierarchie nicht erwarten würde. Er
redet von Gehorsam.
Das ist zunächst eine uns verdächtige Tugend. Natürlich, Gehorsam im Sinne von Befolgen von
Anweisungen ist eines der Fundamente, auf dem jede Gesellschaft beruht. Aber spätestens wenn es um
blinden Gehorsam geht, werden wir skeptisch. Wir wollen doch nachfragen, selbst denken, selbst Glauben,
unseren Verstand nicht an der Kirchentür oder sonst irgendwo abgeben.
Lasst euch einladen zu einem Leben mit Christus, dem wahren Hohepriester, darum geht es dem
Hebräerbrief. Die Wahrheit dieses Hohepriesters liegt aber gerade nicht in seiner besonderen Würde,
seiner Heiligkeit. Sie liegt vielmehr darin, dass er aus freiem Willen alle Niederungen der Welt und ihres
Schmerzes durchlitten hat. Darin liegt der Gehorsam. Für seine Leser wird das an einer biblischen
Geschichte deutlich gemacht:
Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen
dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren
hielt. 8 So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.
Anders als sonst argumentiert der Brief hier nicht, sondern er spielt auf eine Geschichte an, die vermutlich
ganz in den Kern des Gottesverhältnisses Jesu und damit auch in den Kern der Passionsgeschichte führ. Es
ist die Geschichte von Jesus in Gethsemane. Und vor dem inneren Auge der Leser spielt sie sich ab.
Ungefähr so:
Es ist Nacht in Jerusalem. In einem Garten am Abhang des Ölbergs sind elf Männer eingeschlafen.
Eigentlich sollten sie mit Jesus wach bleiben. Aber das haben sie nicht fertiggebracht. Jesus wacht allein. Er
weiß, dass ihm Schweres bevorsteht. Noch kennt er nicht alle Einzelheiten. Aber dass er sein Leben aufs
Spiel setzt, es wohl verlieren wird, das ist ihm schon lange ganz klar. Mehrmals hat er das auch seinen
Freunden gesagt. Aber verstanden haben sie ihn nicht. In seinen Gedanken spielen sich der Bilder der
letzten Jahre noch einmal ab. Er erinnert sich: wie er die Freunde gefunden hat, die mit ihm unterwegs
gewesen sind. Wie viele Menschen, Kranke und Arme zumal, zu ihm gekommen sind. Er hat ihnen
Hoffnung und neue Lebenskraft geben können. Manche hat er geheilt. Dass er in allem auf Gott vertraut,
das hat er ihnen immer wieder gesagt. Und dass sie alle vor Gott einen unendlichen Wert haben, egal was
aus ihrem Leben geworden ist, egal, was andere von ihnen denken, das auch. Manche der alten Autoritäten
hat das gestört. Und so hat es immer wieder Streit gegeben. Er hat das ausgestanden, immer bereit, für
seine Überzeugung einzutreten. Doch jetzt hat er Angst. Jetzt ist seine Seele betrübt bis an den Tod. So ruft
er es seinem Gott zu.
Immer hat er Gott vertraut, doch jetzt fällt es auch Jesus unendlich schwer, den Weg anzunehmen, der ihm
bevorsteht, hinein in das Leiden, hinein in den Tod. Etwas in ihm sagt: Tu´s nicht. Geh einfach fort. Aber
er geht nicht, er betet. Er fragt Gott, er ringt mit ihm: Kannst du mir dieses schreckliche Ende nicht
ersparen? Willst du das wirklich? Und etwas geschieht mit ihm in dem Gebet. Er merkt, dass er selbst jetzt
noch auf Gott vertrauen kann. Er sagt ja zu seinem Weg. Er sagt: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.
So ist es überliefert aus der Nacht vor Jesu Verhaftung, und so ruft es der Hebr. – back to basics – seiner
Gemeinde in Erinnerung. So wie wir uns in der Passionszeit den Leidensweg Christi vergegenwärtigen. Wir
tun das nicht, weil uns sein Leiden fasziniert oder wir uns ausmale, welche Schmerzen er erlitten haben
mag. Sondern weil uns eines nicht loslässt: Wie Jesus sich treu bleibt auch in der schwersten Anfechtung
und von Gott nicht lässt. Bis zum Ende hält er daran fest: Vertrau auf Gott und du wirst leben!
Lass Gott in dein Leben – an der Gethsemanegeschichte wird das besonders deutlich. Bei den
Passionsandachten haben wir diese Geschichte mit einem Bild von Sieger Köder betrachtet, das ihr hier
noch einmal seht. Es zeigt Jesus in der Stunde der Entscheidung. Er ist aufgewühlt und hadert mit seinem
Schicksal: Warum ich? Muss das wirklich sein? Wäre die Gnade Gottes jetzt nicht, ihm das zu ersparen? Die
Jünger schlafen, sie können die Spannung nicht aushalten. Ihr Schlaf ist auch eine Art Flucht aus der
Wirklichkeit. Vermutlich war Jesus nie offener und rückhaltloser in seinem Gebet. Und so findet er sich ein
in das, was auf ihn zukommt. Vater, dein Wille geschehe. Er lässt Gott ohne Absicherungen in sein Leben
hinein, auch wenn gleich der Verräter kommt und die Finsternis die Oberhand zu haben scheint.
Jesus entscheidet sich in dieser Stunde, Gott ganz in sein Leben zu lassen. Er tut das in der Nacht und in
der Stille. Dann, wenn wir ungeschützt und angreifbar sind für große Gedanken, aber eben auch für Angst
und Sorge. Köder malt das beinahe als Idylle. Der erste Frühlingsvollmond schimmert sanft über das
frische Laub der Ölbäume. Aber es ist eine trügerische Idylle. Und genau da spielt sich das Drama zwischen
Leben und Tod ab. Jesus weicht ihr nicht aus, er nimmt sie an. Hart auf dem Boden der Tatsachen ringt er
buchstäblich körperlich mit dem, was ihm abverlangt wird. Der Körper ausgestreckt, die Hände ringend
zum Himmel erhoben. Seine Freunde sind in den Schlaf geflohen, in die Erschöpfung, ins Nichtwahrhaben
wollen; aber das ist kein Ausweg, so wenig wie andere Formen der Betäubung und Zerstreuung. Denn
Entscheidungen müssen gefällt und Wege gegangen werden. Und Jesus nimmt Gott ganz in diese
Entscheidung, in dieses Ringen hinein. Weil er ganz auf Gott vertraut, auch da, wo er ihm dunkel ist. Hier
liegt der Kern der Passionsgeschichte, ja der Kern des Glaubens, in diesem Vertrauen, diesem
Gottesbewusstsein Jesu, dass ihn durch den Tod in die Auferstehung hineingetragen hat.
Und in diesem Vertrauen liegt der Grund des Gehorsams, von dem der Hebr. spricht und der alles als
blinder, sondern sogar fragender, ja anklagender Gehorsam ist. Gehorsam ist so etwas wie geistliches
Krisenmanagement. Es geht im Grunde darum: Wie kannst du im Leiden bestehen? Wie kannst du das Leid
aushalten, ohne den Glauben zu verlieren? Denn eins ist sicher: Menschen leiden. Kein Mensch kommt
durchs Leben, ohne zu leiden. Es ist die Bedingung des Menschseins. Deshalb ist es dem Hebräerbrief so
wichtig zu betonen, dass Christus gelitten hat; dass er geweint hat, so wie wir alle. Und deshalb ist es der
Kirche so wichtig, sich in der Passionszeit dem Problem des Leidens geistlich zu stellen. Nein, wir
verherrlichen das Leiden nicht, indem wir Christi Leiden bedenken. Sondern wir nehmen das Menschsein
ernst, das Leiden der Menschen, indem wir Christi Leiden bedenken. Niemand kommt durchs Leben, ohne
zu leiden. Auch fromme, treue, gläubige Leute nicht. Obwohl wir vielleicht manchmal denken, Gott müsste
verhindern, dass seine Gläubigen leiden. Wenigstens die Frommen, die Guten und die Kinder müssten
davon verschont sein. Sind sie aber nicht. Wir wissen es alle. Und wir wüssten wohl manches Beispiel zu
erzählen … Wie können wir das aushalten? Wie können wir angesichts des Leidens den gnädigen Gott
bekennen? „Gott in Ehren“ halten und „Gehorsam“ lernen, antwortet unser Hebräerbrief-Abschnitt. So, wie
Christus es uns vorgemacht hat. Vor allem aber: an der Hand Christi. Geführt im Leid von dem, der das
Leiden kennt und überwunden hat.
„Gehorsam“ - das griechische Wort heißt „hypakoé“. Es bedeutet wörtlich: „darunter hören“. Vielleicht
dürfen wir es so auslegen: unter Druck, Schmerz, Leid hören. Noch deutlicher: auch unter Druck, Schmerz
und Leid noch hören. Was hören? Die Stimme Gottes. Die Stimme der Liebe. Nicht immer kann man sie
hören, oft erst im Rückblick diese Stimme wahrnehmen und aufnehmen. Vielleicht kann man sich nur offen
halten für diese Stimme. Vielleicht kann man nur darum beten, dass man sie wahrnimmt, wenn sie uns
ereilt. Vielleicht ist das Gehorsam: Das Leben so leben, wie Gott es uns schenkt – es auch bis an die Ränder
leben, auch das Leid und den Schmerz aus Gottes Hand zu nehmen und so Gott in mein Leben zu lassen.
Und es so – merkwürdig geheimnisvoll, wie Jesus es tut, annehmen und bestehen. Und so auf das Licht der
Auferstehung zu hoffen.
Vielleicht ist das der glaubenden, der vertrauende Gehorsam, um dem es dem Hebräerbrief geht:
„Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, /
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, /
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern/
aus deiner guten und geliebten Hand.“
Zu solchem glaubenden Gehorsam helfe uns Christus, der, „als er vollendet war“, „für alle, die ihm
gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden“ ist.
Amen.