(Predigttext: Eph 5, 1-8)
So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch. Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört. Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr Danksagung. Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das sind Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes. Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. Darum seid nicht ihre Mitgenossen. Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Lichts.
Liebe Gemeinde,
„Erziehung ist zwecklos. Die Kinder machen uns ja doch alles nach!" So konnte ich es jeden Morgen an einer Tür im Kindergarten unserer Kinder in Deutschland lesen. Die Erzieherinnen wollten damit auf etwas aufmerksam machen, was wir alle wissen, aber gerne schnell vergessen. Die besten Vorsätze und erzieherischen Konzepte nützen nichts, wenn sich Eltern, Lehrer und Erzieher nicht daran halten. Die beste Erziehung ist eben immer noch mit gutem Beispiel voranzugehen. Denn Kinder wie Heranwachsende brauchen Vorbilder.
Das gilt natürlich nicht nur für Kinder, sondern auch, wenn man mit mehreren Pubertierenden in einem Haushalt zusammenlebt oder versucht, sie mehr oder weniger erfolgreich zu beschulen. pubertierende Jugendliche streben danach, so schnell wie möglich erwachsen werden. Erbarmungslos entlarven sie jeden Ratschlag und jede Anweisung als den Versuch der Eltern, sie zu bevormunden, in ihrer Freiheit zu beschränken und am Erwachsenwerden zu hindern. Vierzehnjährige rebellieren gegen alle Arten von Grenzen, die sie nicht selbst gesetzt haben. Zehn Jahre davor war das noch ganz anders: Vierjährige leben selbstverständlich und unhinterfragt im großzügigen Schutz der Eltern, die sich liebevoll kümmern und den Weg ihrer Kleinsten aufmerksam begleiten, mit Legobaukästen und Pokemonkarten, Kinderkino und Jahrmarkt, Babyschwimmen und Ausflügen zum Abenteuerspielplatz. Für die Vierjährigen kommt es auf Geborgenheit an, auf einen geschützten Raum, der dem eigenen Kind Möglichkeiten bietet, sich zu entwickeln.
Kinder brauchen, um erwachsen werden zu können, einen Schutzraum der Geborgenheit. Aber je älter Kinder werden, desto mehr verändert sich der Schutzraum. Spätestens in der Pubertät muß sich der bergende und wärmende Raum der Sicherheit in einen Raum der Freiheit und des Ausprobierens verwandeln.
Die Liebe zu einem Kind verwandelt sich von Tag zu Tag. Sensible Eltern erspüren jeden Tag neu, was ihre Kinder nötig haben, Schützen oder Loslassen, Fürsorge oder Freiheit, Kuscheln oder Distanz. Das, was die eigenen Kinder nötig haben, muß emotional täglich neu ausgemessen werden. Empathie und Bildung, Wärme und planende Erziehung halten sich im Idealfall die Waage.
Der Predigttext aus dem Epheserbrief knüpft letztlich bei diesen Erfahrungen an. Zwei Mal werden die Christen in Ephesus als Kinder des Lichts beschrieben. Kinder sind sie, im mehrfachen Sinn. Sie sind, wie alle Christen, durch ihren Glauben zu Gottes Kindern geworden. Damit gehören sie einseites in den Bereich dessen, was hier als Licht beschrieben wird. Aber sie sind auch Kinder in dem Sinn, dass sie gleichsam noch neu, unerfahren im Glauben sind. Es fällt ihnen schwer, in einem heidnischen Umfeld sich ihrer eigenen Identität zu versichern und im Glauben, der eben auch provziert und ein Anstoß ist, richtig auszuleben. Was sollen sie tun, wie sich orientierten?
Der Briefschreiber empfiehlt ihnen ein Vorbild. Er sagt ihnen: Ahmt Gott nach. Folgt dem Beispiel Jesu. Lebt so, wie er es vorgelebt hat. Auf ihn sollen alle Augen gerichtet sein. Das sind nun allerdings große Fußstapfen, in die sie da treten sollen, überlebensgroße Vorbilder, vor denen mancher vielleicht auch erschrecken könnte. Vermag ich das wirklich, wie Christus zu leben, nur im Licht zu wandeln? Und in der Tat steckt hier ein Gefahr, den Text zu einseitig, zu dualistisch zu lesen. Es wäre schön, wird aber meistens durch die Lebenserfahrung nicht gedeckt, dass sie komplizierte Sachverhalte mit eindeutigen und einfachen Lösungen zum Verschwinden bringen lassen. Schon ganz unmöglich ist das bei einem so komplizierten Lebewesen wie dem Menschen, bei dem sich gerade nicht leicht ist, hell und dunkel, Licht und Schatten ganz eindeutig zu unterscheiden. Wer wirklich mit Ernst glauben will, weiß wieviel dunkel und Zweifel oft noch in ihm ist. Und es hilft nicht das einfach diszipliniert wegzudrücken.
Der Epheserbrief mutet den Glaubenden vielmehr zu, Gottes geliebte Kinder zu sein. Glaubende verstehen sich aus einer Beziehung zu Gott heraus. Aus dieser Beziehung entsteht ein Raum der Liebe und der Hoffnung, den es auszumessen gilt. Die Beziehung zu Gott ist nicht fixiert, definiert und eingegrenzt; vielmehr ist sie wandelbar und verschieden, bei jedem Menschen. Gott kümmert sich auf seine besondere Weise um jeden Menschen.
Dieser Raum der Beziehung zu Gott ist nicht stabil und sicher, sondern zerbrechlich und gefährdet. Aber er hat im Blick auf den leidenden und aufersrtandenen Christus eine Konstante, eine Zielrichtung. Jesus von Nazareth nimmt Leiden auf sich. Er erträgt Schmerzen, die ihm andere zufügen, weil er nicht unbedingt Recht haben und seine Macht durchsetzen muß. In der Auferstehung bekennt sich Gott zu diesem Menschen, der gelitten hat, der gedemütigt und gefoltert wurde, den man dem Tod am Kreuz ausgesetzt hat.
Und das hat Folgen für die Menschen heute, die der Epheserbrief Gottes Kinder nennt. Auf der Oberfläche lebt die Passage von Zweiteillungen: Die Glaubenden tun nichts Böses, und die Bösen müssen leiden, weil ihnen der Glaube fehlt. Aber das Grau der Wirklichkeit läßt sich nicht in das kontrastreiche Schwarzweiß einer fehlgeleiteten Überzeugung auflösen. Es gibt glaubende Menschen, die Schlechtes tun und zu Sündern werden. Es gibt Menschen, denen niemand etwas zutraut und trotzdem Gutes tun. Außerdem: Die Gegenwart des Leidens läßt sich nicht so auf Glaubende und Nicht-Glaubende abbilden, daß Glaubende nicht mehr leiden und Nicht-Glaubende nur noch leiden. Vielmehr gilt: Es ist gerade kein Kennzeichen der Anwesenheit oder Gegenwart Gottes, daß ein Mensch glaubt und darum nicht leiden kann. Das billige spirituelle Vorurteil lautet: Wer glaubt, kann nicht leiden. Wer nicht glaubt, muß leiden. Wenn jemand leidet, ist das ein Zeichen dafür, daß mit seinem Glauben etwas nicht stimmen kann.
Die Leidensgeschichte Jesu von Nazareth, über die wir jetzt in der Passionszeit meditieren, ist der Grund dafür, daß diese simple Gleichung einfach nicht stimmt, ganz im Gegenteil. Das Kreuz Jesu, sein Leiden, sein Schmerz zeigen, daß Gott gerade den Leidenden, Schwachen und Kranken beisteht. Genau das haben die Kinder Gottes verstanden: Wer leidet, der weiß genau, das kommt nicht von der Abwesenheit Gottes. In Christus weiß jeder: Gott ist kein Triumphator. Er schlägt sich auf die Seite der Verlorenen, der Benachteiligten, der Flüchtlinge, der Vereinsamten, der Vernachlässigten. Verdienst, Erfolg und finanzielles Glück sind kein Zeichen von Gottes Gegenwart.
Die zweite Einsicht der Kinder Gottes besteht darin: Ich glaube gerne, aber ich bin nie eindeutig Licht – und genauso wenig eindeutig Schatten. Ich bin nicht schwarz. Ich bin nicht weiß. Ich bin irgendwo dazwischen. Ich weiß um meine Fehler. Und ich weiß um meine Gefährdung.
Aber ich halte auch bei an meiner Sehnsucht fest, in dieser Gegenwart Gottes zu bleiben, darin geborgen und geschützt zu sein. Ich setze mich auseinander mit meinen Fehlern, mit dem, was die Bibel Sünde nennt. Und ich merke, daß ich mich aus eigener Kraft nicht dagegen wehren kann.
Da wird der Brief dann auch mit den Versuchungen seiner Zeit konkreit und verdeutlicht beispielhaft, wo er die Versuchungen sieht. Meidet die Unzucht, sagt er ihnen. Seid nicht habgierig. Macht keine leeren Worte. In heutiger Sprache ausgedrückt: Es geht um den Umgang mit Sexualität, Geld und Sprache. Drei Themen, die zu allen Zeiten die Menschen bewegt haben und alle angehen. Drei Themen, bei denen es nicht im Moralisieren geht, sondern um verantwortlichen und liebevollen Umgang miteinander.
Auch der Briefschreiber sagt der jungen Gemeinde klar, was er denkt und von ihr erwartet. Aber er tut das nicht mit erhobenem Zeigefinger. Ihr habt das doch alles gar nicht mehr nötig, erinnert er sie. So ein Leben auf der Überholspur, überall vorne mitmischen und rausholen, was geht. Nur ja nicht zu kurz kommen, alles mitnehmen und nichts auslassen. Ihr müsst nicht mehr mitmachen bei diesem Rennen. Ihr habt doch längst alles, was ihr wirklich braucht. Ihr müsst nichts mehr beweisen. Ihr seid geliebt. Darum könnt auch ihr lieben.
Und darauf kommt es an. Auf eine Haltung, die sich an der Liebe Jesu orientiert. Auf einen Umgang mit Sexualität, mit Geld, mit Sprache, der geprägt ist von Liebe und Verantwortung. Und wer im Einzelfall nicht sicher ist, kann sich fragen: Was würde Jesus dazu sagen? Welches Beispiel würde er geben? Und dann diesem Beispiel folgen.
Amen.