(Predigttext: 1. Kor 11, 23-26)
23 Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot,
24 dankte und brach's und sprach:2 Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis.
25 Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.
26 Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.
Liebe Gemeinde,
solches tut zu meinem Gedächtnis – so lautet ein Teil der Worte zur Einsetzung des Abendmahls. Paulus hat sie aufgeschrieben, als erster, noch vor den Evangelien, und sie seiner Gemeinde ins Stammbuch geschrieben. Denn um das Abendmahl hatte es Streit gegeben, so wie es das auch bis heute immer wieder gibt, zwischen Protestanten und Katholiken, zwischen Lutheranern und Reformierten und sogar zwischen den Kirchen, die sich beide lutherisch nennen, bis heute in unserem Land. Paulus hat an solchen Auseinandersetzungen gelitten, gerade weil es beim Abendmahl für ihn um den Kern des Glaubens ging. Deshalb schmerzen ihn die Zustände in Korinth.
Da trifft die junge christliche Gemeinde sich abends zum gemeinsamen Abendmahl. Reiche und Arme sitzen zusammen. Denn gemeinsames Essen, verbindet. Man kommt miteinander ins Gespräch, man tauscht sich aus. So ist das heute, so war das damals in Familien, mit Freunden, mit Geschäftspartnern. Beim Essen erinnerten sich die Christen in Korinth an das, was Paulus ihnen von Jesus erzählt hatte. Sie versicherten sich ihres christlichen Glaubens, diskutierten Fragen und feierten Gottesdienste. Es war üblich, dass jeder etwas zum Essen mitbrachte – bring and share. Das wurde dann geteilt. So hatten Reich und Arm etwas zu essen. Das war die eigentliche Idee des Essens, an das sich Gottesdienste entweder anschlossen oder mit dem sie begannen.
In Korinth aber hatte sich dieser an sich gute Brauch im Laufe der Zeit verändert. Während die Armen und Arbeiter noch ihrem Tagwerk nachgingen, trafen sich schon die Reichen und Unabhängigen und tafelten genüsslich und ausschweifend. Wenn die Hausfrauen und Arbeiter, die Armen und Sklaven ankamen, war vom Essen nichts mehr übrig. Manchmal waren die anderen sogar schon betrunken.
Paulus hatte davon gehört und schreibt der Gemeinde einen sehr deutlichen Brief: Mit dieser Art von Gottesdienst wird Gott beleidigt. Eine Erinnerung an Leben und Sterben Jesu und an seine Auferstehung ist das nicht. Von Teilen und Mitteilen, von Gemeinschaft ist da keine Rede mehr. Ein vorbildhaftes Verhalten ist das auch keineswegs. Dass vor Gott alle Menschen gleich sind, wird mit solch einer Veranstaltung mit Füßen getreten. Bewusst hervorgekehrte Standesunterschiede und soziale Gegensätze spalten die Gemeinde und strafen die Inhalte der christlichen Botschaft Lügen.
Paulus ist ziemlich echauffiert und gleichzeitig auch enttäuscht. Er hatte doch anders gepredigt. Es geht um den einen Leib Christi, den die Gemeinde repräsentiert. An diesem Leib Christi haben alle Anteil. Er ist das Brot des Lebens, das allen gereicht wird, die an ihn glauben. Alle sollen satt werden. Der Hunger nach Spiritualität, nach Vergebung, nach Gemeinschaft mit ihm wird gestillt. Da ist es skandalös, wenn beim Austeilen des Brotes manche vergessen oder gar ausgeschlossen werden.
Die Einheit des Abendmahls, so schärft es Paulus seiner Gemeinde ein, liegt in Christus. Paulus ist kein Fetenmuffel. Es muss nicht immer todernst sein, es darf auch fröhlich zugehen, auch und gerade beim Abendmahl. Das Abendmahl ist deshalb bei allem Ernst keine bedrückende Angelegenheit, sondern ein Mahl der Versöhnung, ein Fest der Freude und Dankbarkeit. Aber immer muss deutlich werden, dass es um Christus geht, um seine Lebensgabe, dass er der Einladende und der Gebende ist. Wohl deshalb haben sich denn auch zur Feier des Mahls diese Einsetzungsworte durchgesetzt, die wir immer hören. Christus lädt ein, er gibt sich selbst, in Brot und Wein, und wir uns so ganz gegenwärtig.
Solches tut zu meinem Gedächtnis. Das meint gerade nicht nur historisches Erinnern und Gedenken. Wahres Erinnern soll ja der Gegenwart dienen. Darum geht es auch im Abendmahl: dass mir die Lebensgabe Gottes ganz gegenwärtig wird, dass ich Kraft für meinen Alltag schöpfe.
Man kann vielleicht sagen, dass Paulus hier drei Bedeutungen des Abendmahls hervorhebt: Die Einheit liegt in Christus – Abendmahl heiß unter Brot und Wein die Einheit mit Christus zu erfahren und zu feiern, der der Herr über uns Leben sein will. Das Abendmahl soll dann an den Weg erinnern, den Jesus für uns gegangen ist. In diesem Weg, in diesem für uns des Lebens, Sterbens und Auferstehens Jesu wird uns Leben, das stärker ist als der Tod erschlossen. Und dann ist da die Gemeinschaft, die dieses feiert. Eine Gemeinschaft, in der die Unterschiede in Christus gerade nicht zählen sollen, in der die Menschen unabhängig von ihrer Geschichte und ihren Prägungen zusammengehören.
In diesem Zusammenhang ist – so denke ich – auch ein Vers zu verstehen, der oft missbraucht wird. Paulus spricht davon, wer das Mahl unwürdig empfange, der esse sich zum Gericht, wenn er das Mahl unwürdig empfange. (Vers 27-30). Es geht hier weniger um das richtige konfessionelle Verständnis des Abendmahls als Sakrament – also nicht um Katholiken, Reformierte, Lutheraner oder Altlutheraner -, sondern um den sozialen Aspekt. Es geht also nicht um den mangelnden Glauben an die Einsetzungsworte noch um eine „falsche“ Deutung und schon gar nicht um mangelnde sittlich-moralische Vollkommenheit. Die Unwürdigkeit ist vielmehr ein Verständnis des Abendmahls, das dieses nicht von einem Festgelage unterscheiden kann und v.a. neue Grenzen aufrichtet, wo doch die Gemeinschaft aller in Christus gefeiert werden soll.
Was das Abendmahl gemäß den Einsetzungsworten bedeutet, das hat Sieger Köder in einem Bild in Szene gesetzt. Es hat am Beginn unserer Passionsandachten gestanden und soll jetzt, an diesem Gründonnerstag, auch uns noch einmal begleiten. Am Anfang der Geschichte steht eine Einladung zum Abendessen. Allerdings nicht zu einem gewöhnlichen Essen. Jesus ist Jude. Also lädt er seine Freunde an diesem Abend zum Seder- oder Passahmahl ein. Seit Generationen feiern die Juden es zur Erinnerung an den Auszug aus der Sklaverei in Ägypten. Aber es drückt auch die Sehnsucht, nach der kommenden Gegenwart Gottes für das Volk Israel aus. Die Speisenfolge ist festgelegt. Die grünen Kräuter, Feldsalat, Kresse und Petersilie stehen für die notwendigen Lebensmittel, die die Erde hervorbringt. Die bitteren Kräuter, Chicoree usw erinnern an die bittere Gefangenschaft im fremden Land, Salzwasser steht für die Tränen, die dort vergossen wurden. Ungesäuertes Fladenbrot, in aller Eile gebacken, war Proviant, den man auf der Flucht dabei hatte. Der Wein, blutrot, ist das Symbol des Lebens und der Lebensfreude, der Weinberg das Bild für die Heimat bei Gott. Aber das Mahl, das Jesus hält, ist zugleich etwas anderes, es wird zum Vermächtnis Jesu: „Solches tut zu meinem Gedächtnis.“
Es fällt auf, dass Köder Jesus nicht gemalt hat. Jesus erkennt man vielmehr in diesem Bild an den Wirkungen, die von ihm ausgehen. Wir sehen nur seine Hände, die das Brot austeilen. Aus dem Weinbecher freilich schaut uns sein Spiegelbild an – der Wein: mein Blut für euch. Auch das Licht in diesem Bild geht von da aus, wo Jesus sitzt. Denn er ist das Licht der Welt. Es ist ein Glanz um ihn, der seine Freunde beleuchtet. Ob sie davon auch erleuchtet werden, lässt sich schwer sagen.
Sonst sieht man fragende Blicke. Was erleben wir hier gerade, bei diesen Worten? Sind wir noch im richtigen Film? Auf jeden Fall ist es ein großer, ein spannender Moment. Der Glanz über diese Stunde ist allerdings nicht ungebrochen. Streit hat es gegeben. Man sieht im Hintergrund Judas das Fest verlassen, aufgebracht, wütend, enttäuscht. Einige sehen im erstaunt hinterher. Noch in dieser Nacht wird er – einer der engsten Freunde – Jesus verraten.
Auch deshalb werden die Brotstücke, als Christusmonogramm auf dem weißen Tischtuch angeordnet, zugleich in den Schatten des Kreuzes gestellt. Da Kreuz ist dabei der Schatten des austeilenden und segnenden Christus selbst. Das Brot – mein Leib für euch. Bis heute, bis an diesen Abend hier bei uns in der Johanneskirche, ist diese Szene gegenwärtig und lebendig. Christus, auf den wir uns konzentrieren und der das Licht unseres Lebens sein soll. Christus, der sich uns gibt in Brot und Wein. Christus, der uns – ganz verschiedenen Menschen – zu einer Gemeinschaft werden lässt.
Es gilt wirklich buchstäblich hier sein gesprochenes Wort: Das Brot, das ihr esst, bin ich. Dieser Wein, den ihr trinkt, das bin ich, das ist mein Blut. Weil ich euch liebe, gebe ich alles, wirklich alles, was ich geben kann, sogar mein Leben. Meine Liebe zu Gott und zu euch lasse ich mir das Leben kosten. Kostet auch ihr davon, damit ihr auf den Geschmack kommt und dann seht, was neues Leben, neue Hoffnung für euch bedeutet.
Genau deshalb, ihr Lieben, sind wir heute hier. Schmecken und sehen, wie freundlich Gott zu uns ist.
Amen.