(Predigttext: 2. Kor 5, 14-21)
14 Denn die Liebe Christi drängt uns, zumal wir überzeugt sind, dass, wenn "einer" für alle gestorben ist, so sind sie "alle" gestorben.
15 Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.
16 Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr.
17 Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.
18 Aber das alles von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.
19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!
21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.
Liebe Gemeinde,
dunkel und drohend steht das Kreuz über dem heutigen Tag. Die Orgel schweigt, die Glocken auch. Am Kreuz hängt der, der neues Leben gepredigt hat, Heil und Versöhnung gelebt hat. In der sengenden Hitze der stechenden Nachmittagssonne kämpft Jesus mit dem Tod. Wie er da hängt, bekommt er kaum noch Luft. Und er stirbt. Den Tod der Verfluchten, der Sklaven und Nicht-Römer, der Tod der Außenseiter. Dunkel wird es über der Welt, und die, die ihn begleitet haben, wenden sich ab. Fliehen aus Jerusalem, kehren zurück in ihr altes Leben. In ihr altes Denken. Es ist, als habe die Hölle gewonnen. Als habe der Tod gesiegt und die Überzeugung, dass das Leben eben Opfer verlangt. Dass Hoffnungen sich eben doch zerschlagen und wir in einer gottverlassenen Welt leben.
Die Grenze zwischen Tod und Leben - unverrückbar steht sie, ein dunkles Mahnmal erhebt sich über Jerusalem. Die Hoffnungen durchkreuzt, die Sehnsucht gefangen, die Zukunft Tod. Alles steht still. Der Puls. Die Zeit. Das Leben. Neues wird es nicht mehr geben. Die Zukunft endet im Dunkel. Im Tod. Nur noch vergessen. Alles ist vorbei. Das Alte ist vergangen. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Diesen letzten Satz spricht er noch, dann fällt sein Körper in sich zusammen. Es ist vollbracht. Und einer der Soldaten, der das Geschehen aus der Ferne beobachtet, ist erschüttert. Dieser, ja dieser ist wahrlich Gottes Sohn. Und erkennt damit zugleich, dass hier – am Kreuz, auf Golgatha, etwas Neues angefangen hat. Sieh, das Alte ist vergangen und Neues ist geworden.
Paulus, der große Apostel und manche sagen zu Recht der eigentliche Gründer des Christentums als Weltreligion, hat sein Leben lang darum gerungen, dieses Unbegreifliche, was das auf Golgatha geschehen ist, auf den Begriff zu bringen. Auch im 2. Brief an die Korinther macht er diesen Versuch. Das Stichwort, unter dem er das Geschehen zu deuten versucht, lautet: Versöhnung. Das Geschehen auf Golgatha ist letztlich eine große Einladung, ein Aufruf an alle, die zu Christus gehören wollen: Lasst euch versöhnen mit Gott.
Das ist zunächst eine verwegene Botschaft. Denn auf Golgatha hat doch – nicht nur auf den ersten Blick – die alte Ordnung gesiegt. Jesus ist tot – das muss doch für alle offensichtlich sein. Der Tod hat die Macht, die harten Realitäten der Welt. So stark hat er die Macht, dass auch die Jünger weglaufen, dass sie drei Tage später gar nicht glauben können, gar nicht hören wollen, das passiert, am Grab, an dem der Stein weggerollt ist, in Galiläa am See oder auf dem Heimweg nach Emmaus.
Auch Paulus hat es zunächst nicht begriffen. Verfolgt hat er die Christen, vielleicht auch da schon heimlich bewundert, aber es brauchte bei ihm eine Lebenswende, eine Umkehr, die nur er spüren konnte, damals vor den Toren von Damaskus, als Christus selbst ihm begegnete. Für Paulus war das das Schlüsselereignis seines Lebens, ja, wie eine neue Geburt. Höchst persönlich ist das zu verstehen, was er hier schreibt: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur, das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“
Paulus hat das nicht als sein Verdienst gesehen, sondern als Gottes Tat. Und begonnen hat es an jenem Nachmittag auf Golgatha, als Jesus starb und das Alte als der Sieger dastand, so dachte man jedenfalls.
Sieger Köder hat mit dem Bild, das ihr seht, versucht, diesen Moment des Sterbens Jesu einzufangen. Dunkel ist es da geworden, mitten am Tag. Finsternis umschließt den blutenden und geschundenen Körper Jesu. Mit ausgetreckten Armen scheint er in der Luft zu hängen. Der Kopf ist zum Todesschrei nach oben gerissen, das Gesicht verliert sich im Dunkel der Nacht. Nur die Mutter Jesu und zwei Jünger verharren noch am Kreuz. Rechts und links ist der Vorhang des Tempels aufgerissen. In der Mitte des Allerheiligsten gibt Gott so den Blick auf den leidenden und sterbenden Jesu frei – darin ist Gott selbst zu sehen – im Weg und der Geschichte Jesu lässt sich Gott selbst erkennen.
Köder malt den Vorhang des Tempels wie ein Pergament – das Material, auf dem die heiligen Erinnerungen des jüdischen Volkes geschrieben waren, das Lebenswissen, in dem man Gott finden kann. Einige herbräische Schriftzeichen sind zu erkennen, nämlich die Worte aus Psalm 22, die Jesus in diesem Moment ruft: Mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Dieses Geschehen übersteigt alle Vorstellungen, die man damals und oft auch heute von Gott hat. Es übersteigt auch das Wissen der Heiligen Schriften, dieser Schrei Jesu. Thora und Tempelvorhang reißen entzwei, ausgerechnet da, wo die Gottverlassenheit dieser Welt beklagt wird. Und in diesem Riss wird Gott selbst sichtbar. Im Anblick eines gefolterten, sterbenden Menschen. Was für ein merkwürdiger Gott. Aber dieser Anblick wird uns zugemutet am Karfreitag, so wie der Mutter und den Freunden Jesu unter dem Kreuz. Keine philosophischen oder theologischen Systeme und Begriffe machen den Kern des christlichen Glaubens aus, sondern die erlebte und erlittene Geschichte des Jesus von Nazareth. In dieser Geschichte erträgt und erleidet Gott selbst Verweigerung, Finsternis und Tod. Er erträgt die Mordlust der Mächtigen und den Terror der Technokraten, alle die Vorstellungen – auch die unsrigen – vom gelungenen Leben, die sich oft nur mit Gewalt – offen oder verdeckt – und auf Kosten anderer durchsetzen lassen.
Und genau, wo das Alte zu siegen scheint, beginnt – unmerklich zunächst – die Umwertung aller Werte. Das Alte vergeht und Neues, ganz Neues wird. An diesem Kreuz versöhnt der geschundene Christus, versöhnt Gott selbst die Welt, die Menschheit mit sich. Der Tod wird besiegt. Die Kraft des Todes wird gebrochen, weil er selbst mit durch sie hindurchgeht und ins Leben hineinstirbt – als Mensch, von den Wunden des Lebens gezeichnet.
Irgendwie schimmert in diesem Bild des gekreuzigten Gottes auch das Urbild des Menschen durch. Er ist einer namenlosen Weite ausgesetzt, er ist gespannt zwischen Himmel und Erde, so dass es ihn oft fast zerreißt. Er ist gespannt zwischen sich selbst, die anderen und die große Welt. Sein Leben ist immer wieder und unwiederbringlich durchkreuzt und zerrissen. Und diese Zerrissenheit, diese Spannung unseres Lebens ist im Kreuz selbst aufgehoben. Nicht, dass das Leben damit schon gemeistert wäre. Nicht, dass damit schon der Tod ganz verschwunden wäre. Aber hier, in diesem Moment, als der Tempelvorhang zerreißt und den Blick auf den Gott im Leid freigibt, beginnt eine neue Wirklichkeit. Sie beginnt jedenfalls für die, die diesen Blick auf Gott und auf sich selbst – ungeschminkt und schonungslos aushalten, sie beginnt für die, die zu Christus gehören und seine Ruf zur Versöhnung hören. Sie beginnt für die, die Gottes Liebe zulassen in ihrem Leben, auch da, wo sie der Tod zu sein scheint.
Der erste, der diesen Ruf hört, ist jener römische Soldat unter dem Kreuz: Es ist der Richtige, der da hängt. Gott selbst. Er ist unschuldig. Wir haben unsere Wut, unseren Zorn, unseren Hass an ihm ausgelassen. Er trägt nicht seine Schuld. Er trägt meine. Mein Versagen, mein Zurückweichen, meine Angst. Was ich nicht tragen kann, trägt er für mich. Er haftet für das, was mich behaftet.
„Das Alte ist vergangen - siehe, Neues ist geworden.“ Paulus hat darin seine Aufgabe gesehen, diese Wahrheit zu bezeugen, zum Botschafter dieser Versöhnung, dieses Neuanfangs an der Grenze zwischen Tod und Leben zu werden. „So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“
Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Eine neue Schöpfung, ein neuer Anfang. Oft ist es kaum zu sehen, kaum zu hören gegen die Übermacht des Alten. Die Bitte um Versöhnung ist leise, aber wer Ohren hat zu hören, kann sie erahnen hinter dem, was offensichtlich scheint. Wer Augen hat zu sehen, kann hinter den starken Bildern die Perspektive des Lebens erahnen. Kann versuchen zu begreifen, dass der Weg der Liebe stärker ist als der der Macht. Selbst im verfluchten Tod am Kreuz, mitten in der Nacht des Todes, die alles in ihrem Dunkel zu verschlingen droht, wird wahr, was die Engel verkündeten, damals in der Nacht, die alles hell machte: „Friede auf Erden.“ Und genau dort erklingt der Ruf, leise, aber hörbar: „Lasst euch versöhnen mit Gott.“ Genau da, im Blick und im Aushalten auf dem Gekreuzigten, auf sein Haupt voller Blut und voller Wunden:
„Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last. /
Ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast. /
Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat. /
Gib mit, o mein Erbarmer, den Anblick deiner Gnad.
Amen.