2016-03-27 - Ostersonntag - Pastor Dr. Christian Nottmeier

(Predigttext: 1. Kor 15, 1-11)


1 Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht,

2 durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr's festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt.

3 Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift;

4 und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift;

5 und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen.

6 Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen.

7 Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln.

8 Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden.

9 Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.

10 Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.

11 Es sei nun ich oder jene: so predigen wir und so habt ihr geglaubt. 


Liebe Gemeinde! 

 

Ostern - eigentlich ist es die unglaublichste Geschichte der Welt. Nichts klingt unwahrscheinlicher als die Auferstehung Jesu. Denn die Sache schien so klar. Jesus gestorben und begraben. Aus und vorbei – ein kaltes Grab, der Stein davor gewälzt. Begraben wie wir es auch einmal werden. Nichts mit Ewigkeit. Das Licht der Welt: erloschen. Nicht mehr und nicht weniger als ein einsamer Tod, menschen- und gottverlassener Tod. 

 

Ostern – das löst wie in den ersten Ostergeschichten der Bibel, Zweifel, Unglaube und Angst aus: zu unglaublich, zu unwahrscheinlich. Und Ostern hängt auch nicht am leeren Grab. Die Leiche verschwunden – das beweist gar nichts. Die Römer haben sie gestohlen, so denken es die Jünger. Und später sagt man es dann umgekehrt: die Jünger haben sie verschwinden lassen, um diesen Schwindel von der Auferstehung in der Welt verbreiten zu können. 

 

Unglaube und Glaube, Verzweiflung und Hoffnung, Tod und Leben – sie gehören Ostern zusammen. Nicht nur heute, sondern schon damals, vor 2000 Jahren, stößt die Botschaft von der Auferstehung Jesus zunächst auf Skepsis, Kopfschütteln und Unglaube, auch bei den Jüngern selbst. Die Frauen fliehen angstvoll vom Grab, die Jünger halten alles für leeres Geschwätz. Erst die persönliche Begegnung, erst die Erfahrung der Gegenwart des Auferstanden, lässt den Unglauben weichen.

 

Auch Luther übrigens hat mir der ihm eigenen Aufrichtigkeit bekannt, wie schwer ihm oft der Osterglaube werde: „und hat mich selbst oft wunderlich und fremd angesehen, und ist ein schwerer Artikel, ins Herz zu bringen, wenn ich sehe einen Menschen tot hintragen und einscharren, dass ich doch mit solchem Herzen und Gedanken soll drangehen, dass wir werden untereinander auferstehen.“ 

 

Wir stehen also mitnichten allein da mit unseren Fragen und Zweifeln, unser oft bestenfalls ungläubigem Staunen an diesem Morgen. Denn Ostern feiert ja gerade das Nicht-Selbstverständliche, das Nicht-Alltägliche. 

 

Ostern geht es um eine andere Realität, die durchbricht. Es geht nicht um das Handeln von Menschen, sondern um Gottes Handeln, das sich an diesem einen Menschen Gottes, an Jesus, vollzieht und das eben auch heute noch für uns Bedeutung hat. Man kann es auch andersrum formulieren: Selbst wenn sich die Auferstehung Jesu als historische Tatsache zweifelsfrei belegen ließe, bliebe sie doch ein bloß historisches Geschehen. Die Bedeutung von Ostern liegt aber gerade nicht darin, was damals historisch betrachtet genau geschehen ist, sondern sie liegt darin, ob das für mich heute Bedeutung hat. 

 

Paulus macht das in unserem Predigttext wunderbar deutlich. Er nimmt einerseits einen historischen Bericht auf, den er selbst empfangen hat. Es ist übrigens der älteste Bericht, den wir vom Ostergeschehen haben, älter als alles, was in den Evangelien steht. Der Bericht ist von außerordentlicher Knappheit: Christus ist gestorben für unsere Sünden, er wurde begraben und ist nach drei Tagen auferstanden; dann ist er Petrus erschienen, dann dem ganzen Kreis der 12 Jünger, dann gab es eine Erscheinung vor etwa 500 Menschen – man könnte dabei an Pfingsten denken – dann erscheint er seinem Bruder Jakobus, dann weiteren nicht näher genannten Aposteln und schließlich Paulus selbst – das muss ungefähr zwei Jahre nach der Kreuzigung Jesu gewesen sein – Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten fallen hier noch ganz zusammen. Wichtig ist aber, dass Paulus diesem Bericht für sein eigenes Leben Bedeutung gibt. Er ist einmal Apostel, weil auch ihm Jesus erschienen ist, obwohl er nicht zum Kreis der Jünger gehört hat. Und er sieht in dieser Erscheinung – wie immer sie ausgesehen haben mag – eine ganz neue Grundlage für sein Leben. Weil Jesus im als lebendige Macht erschienen ist, hat sein Leben eine neue Bedeutung, einen neuen Wert bekommen. Nicht aus mir selbst heraus – so sagt es Paulus -, sondern aus Gottes Gnade heraus ist ihm ein neuer Sinn, eine neue Grundlage seines Lebens gegeben worden. Paulus nennt das Gnade: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.“ Die Botschaft von der Auferstehung gewinnt also ihre Bedeutung, weil Paulus sie auf sein Leben bezieht, nicht weil er gezwungen ist, an eine historisch mehr oder weniger belegbare oder nicht belegbare Tatsache zu glauben. Der Osterglaube ist somit für ihn kein Vergangenheitsglaube, sondern ein Zukunftsglaube, weil ihm so ein neuer Horizont, eine neue Bedeutung seines Lebens erschlossen wird, die nicht in seinem, sondern in Gottes Handeln ihren Grund hat. 

 

Man muss sich das noch einmal an Jesus selbst deutlich machen. Er, der ganz aus Gott gelebt hatte, war eigentlich mit dem Kreuz gescheitert. Mit der Kreuzigung galt es als gescheitert, ja verflucht. Auch für seine Jünger. Das Alte schien gewonnen zu haben. Aber gegen all dieser Erwartungen, gegen das Gesetz dieser Welt, erwies sich der Gekreuzigte nun von Gott her als lebendig – darum geht es bei der Auferstehung, die übrigens nirgendwo in der Bibel in den Einzelheiten beschrieben wird wie sie genau vor sich geht. Sie ist schlicht eine Tatsache, die nur von den Jüngern erfahren wird. Und sie nicht einfach ein Rückgängigmachen des Kreuzestodes, sondern sie ist eine Bestätigung des Lebens und des Gottvertrauens Jesu, das ihn durch den Tod hindurchgetragen hat. Sein Leben war geprägt von der Botschaft vom Reich Gottes, von Gottes Gegenwart in dieser Welt. Dieses Reich ist nun, mit dem Osterglauben, gegenwärtig auch mitten in dieser Welt, überall da, wo die Botschaft Jesu wirkt. Osterglaube heißt, dass ewiges Leben aufscheint mitten in unserem vergänglichen Leben und unserer vergänglichen Welt. 

 

Osterglaube heißt deshalb auch immer neu diese Wege vom Tod ins Leben, von der Trauer zur Freude, auch in diesem Gottesdienst miteinander gehen. Ostern ist deshalb kein falscher Triumphalismus. Ostern geht es um Wege, die nicht von Vergangenem Leben handeln, sondern um unsere Hoffnungen, unsere Verzweiflung und unser Leben geht. Ostern – da ist auch und gerade von uns die Rede. Osterglaube ist nicht einfach immer gleich da, sondern es muss sich immer neu den Weg bahnen, immer neu die Hoffnung sehen, auch im Schweren und Schuldbeladenen. An Ostern zu glauben ist deshalb vermutlich nicht die Bedingung des Christsein, sondern eher so etwas wie ein Schlussbekenntnis des Glaubens. 

 

Ostern ist so ein Übergang, von der Verzweiflung zur Hoffnung, von der Trauer zur Freude, vom Tod ins Leben. Sieger Köder versucht das in dem Bild zu malen, das ihr an der Leinwand seht. Jesus liegt im Grab, im Schatten von Golgatha. Für Menschen ist jetzt eigentlich Schluss. Der Tod ist die äußerste Grenze. Aber Gott ist stärker als der Tod. 

 

Noch ist die Grabeshöhle dunkel. Aber von zwei Stelle bricht das Licht des Morgens, der wohl der Ostermorgen ist, herein. Einmal durch die Ritzen an der Höhlenöffnung. Aber auch der Körper Jesu scheint zu strahlen, v.a. um Jesu Kopf ist das Leuchten besonders intensiv. Das Leuchten gibt auch dem Leichentuch eine besondere Transparenz. Der Körper Jesu scheint fast hindurch. Der Lichtkörper Jesu steht in einem scharfen Kontrast zum Dunkel der Grabeshöhle. Und doch ist es niemand als Jesus selbst, so wie er gelebt und gelitten hat. Man sieht das vertraute Gesicht. Und auch die Wunden an seiner Seite scheinen noch zu bluten. Die Spuren seines Leidens und Lebens bleiben ihm eingeprägt. 

 

Es ist ein Bild des Übergangs. Die Nacht im Hintergrund geht in den Tag über. Aber wichtiger ist, was im Zentrum des Bildes geschieht, die Veränderung und Verwandlung Jesu selbst. Der Tote scheint zu leuchten beginnen, der geschundene Körper ist im Leichentuch wie in einen Kokon eingewickelt. Man kann fast an einen Schmetterling denken, der kurz vor dem Aufbruch in sein neues Leben steht. 

 

Aber dieses neue Leben, auch die Auferstehung Jesu, die sich hier ankündigt, ist errungen durch die harte Realität des Leidens. Nichts davon geht verloren. Und doch vergeht das Alte und etwas Neues hat begonnen. Unvorstellbar schön, unvorstellbar leicht und anders, wie ein Schmetterling, der aus dem Puppensarg der Raupe schlüpft. 

 

Weiter ausmalen lässt sich das aber nicht. Und Köder tut es deshalb auch nicht. Denn auch dieses Bild hat seine Grenze, wie jedes Bild, jedes Symbol. Auch das hat Bedeutung. Denn was hier geschieht, ist nicht 

 

einfach der circle of life. Sondern Gott handelt hier an Jesus. Jesus steht nicht einfach auf. Gott erweckt ihn aus dem Tod. Von nichts anderem erzählt die Geschichte Jesu, auch und gerade an diesem Ostermorgen. Gott führt in neue Leben. Ostern erzählt davon. Ostern geht es um den Aufstand gegen den Tod, um belebende Hoffnung. Ostern geht es darum, dass Trauer und Schuld und Tod nicht das letzte Wort haben, auch nicht die Krisen und Katastrophen der Gegenwart, so schwer sie uns erscheinen. Ostern geht es um den lebensfreundlichen Gott, der in leidenschaftlichem Engagement für das Leben kämpft, auch da, wo nur Tod und Hoffnungslosigkeit zu sein scheint. Es geht um den Gott, der uns durch Jesus in seine Nachfolge ruft. Dass wir Gott neu entdecken, dass wir uns von seiner Kraft und seiner Lebenssehnsucht verwandeln lassen. Damit wir in diesem Osterglauben erfahren und schließlich mit Paulus bekennen können: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.“ 


Amen.