(Predigttext: 2. Petr 2, 21b-25)
21b Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen;
22 er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand;
23 der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet;
24 der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.
25 Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.
Liebe Gemeinde,
es gibt Bilder und Lieder von ursprünglicher Kraft. Oft liegt das auch daran, weil sie einen von klein auf begleitet haben. Sie sind dann wie alten Bekannte, eigentlich sind sie im Hintergrund immer da, immer irgendwie abrufbar. Manchmal, wenn man größer und erwachsen wird, sind diese Bilder und Lied einem vielleicht auch ein bisschen peinlich oder sie kommen einem zu einfach zu kindlich vor. Kinderbilder oder Kinderlieder – so sagt man dann. Schöne Träume, aber mit der Realität haben sie nichts zu tun. Etwa bei diesem bekannten Lied von Wilhelm Hey, dass wir eben gesungen haben. Die Bilder mögen eingängig sein, ebenso die Melodie, aber – mit Verlaub – ist es nicht doch etwas kitschig? Und sind die Bilder nicht doch etwas zu glatt, zu eingängig: die Sternlein, die Mücklein – also nebenbei gesagt: darauf, dass Gott die lieb hat, könnte ich gut verzichten. Außerdem: viele Kinder stehen nicht ohne Müh und Sorge auf. Und das Bild „kennt auch dich und hat dich lieb“, ist ja vielleicht zu einseitig. Es gibt doch soviel, wo wir sagen könnten, davon spüre ich jetzt aber nichts.
Und doch will ich mir diese Bilder nicht madig machen lassen. Manchmal brauche ich sie, sind sie lebenswichtig für mich. Und ich bin dann gewiss nicht naiv. Ich lasse meine Fragen zu. Manchmal denke ich, ich kann sie gerade deshalb auch als erwachsener Mensch – was immer das genau heißen mag – intensiver gebrauchen, weil ich um die Fragen weiß, kann mich in einer Art zweiten Naivität auf sie einlassen. Kann in ihnen meine Sehnsucht zulassen, dass das wirklich wahr ist, dass da ein Gott ist, der mich lieb hat und meinen Namen kennt, allen anderen Erfahrungen zum Trotz. Wir sollten das Wort Jesu ernst nehmen, dass, wer das Himmelreich nicht empfängt wie ein Kind, nicht hineinkommen wird. Denn „aus dem Mund der Kinder und Säuglinge richtet Gott sein Lob aus“! Gewiss, kein Erwachsener kann und sollte so tun, als sei er ein Kind; aber er kann das kindliche Lob der Schöpfung auch für sich gelten lassen und er kann das kindliche, vorbehaltlose Annehmen der Zuwendung des Schöpfers bewusst einüben.
Mit dem Bild vom guten Hirten, dass ja das Thema dieses Sonntags durchzieht, ist es ähnlich. Wie abgedroschen kommt einem manchmal dieses Bild vor, wie unzählige Auslegungen arbeiten sich erst einmal daran ab, dass wir Menschen doch bitte schön nicht mit blökenden Schafen verwechselt werden wollen. Aber wenn wir das einmal beiseite stellen, welche Kraft hat dieser Psalm, hat dieses Bild über die Jahrtausend entfacht, welches Vertrauen, welches Bekenntnis liegt darin, wenn wir das sagen können, wirklich sagen können: der Herr ist mein Hirte.
Natürlich, dieses Bild kann und ist vielfach missbraucht worden. Da gibt es Hirten, die v.a. sich selbst weiden. Das gibt es auch unter frommen Deckmantel in Kirchen und christlichen Gemeinschaften. Und natürlich gibt es das im Feld der Politik. Die Ereignisse der letzten Tage zeigen das wieder. Unser Präsident hat es wieder in den letzten Tagen gebraucht, dieses Bild: „Lasst mich euer Hirte sein.“ Und natürlich knüpft er damit nicht nur an die Lebenserfahrung vieler Menschen im ländlichen Raum an, sondern sehr bewusst auch an dieses Bild aus dem 23. Psalm. „Beeld“ hatte dazu in der Ausgabe von Dienstag eine schöne Karikatur. Man sieht Zuma in seiner traditionellen Zulu-Kleidung, statt des Hirtenstabs hat er aber den schon obligatorischen Duschkopf in der Hand. Vor ihm eine Herde Schafe, die auf ihrem Fell die südafrikanischen Landesfarben tragen. Zuma sagt: Ek is jul herder. Laat ek julle lei! Auf dem zweiten Bild sieht man die Schafe panikartig fliehen: „Nee dankie, ons het nie nog lyding nodig nie!“
Natürlich, welcher selbstdenkende Mensch will schon die Leitung nötig haben von Hirten, die nur sich selbst weiden, das möchte man nicht, bei aller Notwendigkeit, sich selbst auch immer wieder ein- und unterordnen zu müssen.
In diesen Kontext hinein kann uns auch der Predigttext für den heutigen Sonntag zu Wort Gottes in dieser Zeit werden:
21b Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen;
22 er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand;
23 der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet;
24 der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.
25 Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.
Wieder könnte ich jetzt erst einmal skeptisch beginnen. Ich könnte darauf verweisen, dass der Text bei Petrus als Ermahnung als Sklaven gemeint ist, sich ihrem Herrn unterzuordnen. Keine Kritik also an der Sklaverei. Und ich könnte darauf hinweisen, dass wir doch keine Sklaven, sondern freie Christenmenschen sind. Entscheidend ist aber etwas Anderes. Petrus benutzt hier wieder ein altes Lied, ein altes Bekenntnis, das er für seine Gemeinde anstimmt. Es handelt von Christus, dem Vorbild, dem Hirten, dem Bischof unserer Seelen. Er verbindet und verknüpft das mit einem zweiten alten Lied, dem vom Gottesknecht aus Jes 53. Beide Lieder zusammen beschreiben den Weg des Hirten. Einer, der sich gerade nicht selbst geweidet hat, einer, der sich nicht immer rausgeredet hat, einer, der sein Leben für die Seinen gegeben hat, einer, der einem eigentlich wie ein Depp vorkommen müsste, weil er nicht an sich selbst, sondern an andere gedacht hat. Und dieser Christus hat uns damit neue Weg, zu neuem Leben, neuem Sinn, neuer Gerechtigkeit eröffnet.
Gerade das Bild des Hirten wird dabei besonders entfaltet. Denn der gute Hirte, wie ihn die Bibel schildert, weidet nicht einfach nur von vorne im Sinne von Führer und Gefolgschaft. Nein, mal ist er vorne, mal mitten unter den Schafen, manchmal läuft er auch hinterher, um zu schauen, das nicht verloren geht, ja begibt sich sogar in Gefahr.
Allerdings, da ist die Realität auf der Welt, gegen die das Bild vom guten Hirten Hoffnung auf Veränderung bieten will: Menschen werden in die Irre geführt - aus Bosheit oder aus gutem Glauben und falschem Verständnis. Führer werden so schnell zu Verführern. Das eine ist schlimm und das andere auch. Und es reicht – selbst wenn man es merkt oder man erwischt wird und wie der König ohne Kleider dasteht - zu sagen: „Sorry, war ein Fehler, war aber keine böse Absicht“, um danach weiter zu machen, als sei nichts geschehen. Das ist ein menschliches Muster, das wahrlich nicht nur auf Politiker beschränkt ist. Aber es führt zu nichts, weil es keine Kraft, keine Veränderung, keine Umkehr freisetzt. Am Ende, unterm Strich, steht, was der Apostel schreibt: "Ihr wart wie Schafe, die sich verlaufen haben" Ohne Perspektive, ohne Hoffnung, ohne Glück, ohne Ausweg.
Aber nun genau da kommt ein anderer ins Spiel, von dem wir wissen, wie er mit Schafen umging, die sich von der Herde verlaufen hatten, mit Heimatlosen, Hin- und Hergescheuchten, Verwetterten, Lebensunfähigen: Er ging los, suchte sie überall, bis er sie wiedergefunden hatte und zur Herde, in die Wärme heimatlicher Geborgenheit, zurücktragen konnte. Hier ist er der unscheinbar Auftretende, der nichts denkt und fühlt und tut als Liebe, Güte, Achtung, Ermutigung. "Jetzt aber seid ihr auf den rechten Weg zurückgebracht worden und folgt dem Hirten, der euch leiten und schützen wird." In dem Moment, wo Ihr diesem liebevollen, großartig menschlichen Christus gefolgt seid, habt Ihr den Irrweg verlassen und folgt nun dem "Bischof Eurer Seelen", wie Luther übersetzt. Der Bischof - das ist der Episkopos, und Episkope, das Amt, das ein Bischof ausübt, heißt wörtlich übersetzt: Das Darauf-Acht-Geben, das Darübersehen, Das im Blick haben. Aufsicht klingt schon wieder nach Schule. Aber das ist nicht gemeint, und Leute, die heute ein Bischofsamt bekleiden in welcher Kirche immer, sollten es sich kräftig gesagt sein lassen immer wieder einmal, dass Episkope in diesem Sinne nur heißen kann: Die Menschen im Auge haben, schauen ob sie noch auf dem Weg sind, der ihnen gut ist, und die suchen gehen, die sich verlaufen haben, und sie in Liebe zurück auf den guten Weg begleiten. Das ist Bischofsamt, Episkope. Und deshalb gefällt mir die Übertragung der guten Nachricht: "Ihr folgt dem Hirten, der Euch leiten und schützen wird". Damit werden uns auf einen Schlag eine ganze Reihe Lebenssorgen abgenommen. Wir brauchen die Angst, nicht zu wissen wohin, nicht länger zu haben. Wir müssen uns nicht fürchten vor der Gefahr, sondern können ihr mutig ins Auge sehen. Wir haben einen Hüter, einen, der besorgt um uns ist, der uns die Wegrichtung zeigt, und der uns beschützen will.
Aber wie gehen wir – geborgen bei diesem guten Hirten – um mit all den Hirten, die sich selbst weiden. Sollen wir uns das einfach gefallen lassen? Sollen wir uns, wie es im 1. Petr nur wenige Verse vorher heißt, „in aller Furcht den Herren unterordnen, den guten und den wunderlichen.“ Wir sind keine Sklaven, leben in einer anderen Zeit. Und es geht wohl auch nicht darum, sich alles gefallen zu lassen. Sondern für uns eher: Tue deinen Dienst und deine Aufgabe da, wo du stehst. Wo Gott dich hingestellt hat. Es geht bei Petrus jedenfalls weder im Revolution noch um Weltflucht. Und auch bei uns geht es ja nicht darum, etwa Gewalt zu gebrauchen, sondern eher darum, dass die Ordnungen, die bestehen, auch eingehalten werden und man nichts so tut, als wäre nichts gewesen. Und für uns geht es dann auch darum, die Spannungen, in denen wir auch mit Blick auf die Lage in unserem Land stehen, auszuhalten, so schwer das manchmal ist. Nicht zu flüchten in die Vorurteile, das Schüren von Angst und Wut. Und ebenso wenig dieser Welt durch die innere Emigration zu entfliehen. Nein, der Glaube stellt uns in diese Spannungen. Und er lässt uns die Spannungen aushalten, mit ihnen umgehen, weil da dieser eine gute Hirte ist. Er „kennt auch dich und hat dich lieb.“ Denn in ihm wird uns ein Grund unseres Lebens geschenkt, den wir nicht verlieren können.
Amen.