2016-04-17 - Jubilate - Pastor Dr. Christian Nottmeier

(Predigttext: 1. Joh 5, 1-5)


1 Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist.

2 Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten.

3 Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.

4 Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

5 Wer ist es aber, der die Welt überwindet, wenn nicht der, der glaubt, dass Jesus Gottes Sohn ist? 


Liebe Gemeinde, 

 

mit dem Sonntag beginnt eine Folge von Sonntagen nach Ostern, die es mit Imperativen, mit Aufforderungen zu tun haben. Jubilate: Jubelt! Kantate: singt! Rogate: Betet! Man kann das so verstehen. Das, was wir Ostern gefeiert haben, soll nicht folgenlos bleiben. Es soll vielmehr im Leben sichtbar sein. Deshalb die Imperative: jubelt, singt und betet! 

 

Und nun also heute österliches Jubeln. Und das mit einem Predigttext, dem eigentlich nicht nach Jubeln zumute ist. Alles wirkt etwas verschachtelt, irgendwie kompliziert. Dabei soll Jubel sich doch unmittelbar einstellen. Ich jubele, weil es etwas zum Jubeln gibt, nicht, weil ich nach mehrfachen Überlegen und Differenzieren jetzt zu der irgendwie wagen Überzeugung gelangt bin, dass es vielleicht unter Umständen gar keine so schlechte Idee sein könnten – in aller Bescheidenheit und Vorsicht und ohne jemandem zu nahe treten zu wollen – ein klein wenig jubeln zu wollen – oder vielleicht auch nicht. 

 

Vielleicht ist es deshalb gut, erst einmal einen Schritt zurück zu treten. Welche Situation, welches Problem, haben diese Zeilen im Blick, in der Gemeinde, an die sie gerichtet sind? Offensichtlich gab es in der Gemeinde, an die Johannes schreibt, Menschen, die nicht der Überzeugung waren, Jesus sein wirklich der Mensch gewordene Sohn Gottes. Einige waren ausgetreten, andere im Begriff zu gehen. Jesus sei ein besonderes Vorbild gewesen, an der Welt gescheitert. Letztlich, so sagten diese Leute, gehe es auch gar nicht mehr um diese Welt. Die sei verdorben und sowieso dem Ende geweiht. Ja, diese Welt an sich, die ganze Schöpfung sei von Grund auf verrottet. Jesus sei nur dazu hierhergekommen, uns das zu zeigen und dann zum Himmel aufgestiegen. Kreuz und Leid habe er nicht gekannt. Am Kreuz hing nicht wirklich Christus, sondern nur ein Scheinleib. Wir müssten uns frei machen von dieser Welt. Die Leiblichkeit spielte keine Rolle mehr und damit ist nicht einfach nur der Körper und die Dinge dieser Welt gemeint, sondern dass es – da das je eigene Erreichen der himmlischen Herrlichkeit im Mittelpunkt stand – keine konkrete, auch auf die Welt wie die Gemeinde bezogene Umsetzung des Glaubens fehlte. Er gab keine Erdung des Glaubens mehr, weil ja diese Erde eh dem Untergang geweiht ist. 

 

Offensichtlich war das nicht nur Theorie, sondern hatte Folgen. Die Welt wurde gänzlich unwichtig. Letztlich ging nur noch darum, irgendwie den eigenen göttlichen Funken zu retten. Die Bruderlieber, die konkrete Hilfe untereinander, wurde unwichtig, es ging vielmehr nur noch ums je eigene Heil, das eigene Wohlbefinden. Wer da nicht mitkam, wer da nicht fromm genug war, der spielte keine Rolle mehr. 

 

Diese Vorgeschichte müssen wir im Hinterkopf haben, wenn wir den Johannesbrief lesen. Jubel gab es durchaus noch, aber meistens nur dann, wenn einzelne meinte, wieder einmal eine religiöse Höchstleistung erbracht, wieder eine Stufe auf der Leiter zum Himmel erreicht zu haben. Ein frommer Egoismus, der den Glauben zum Leistungswettkampf macht. Es kann eben nur einer gewinnen. Oder wenige. Denn viel Platz ist auf den Stufen der Himmelsleiter nicht. Johannes, der Briefschreiber, muss deshalb erst einmal einiges zu Recht rücken, klarstellen. Dazu schreibt er seinen Brief, dem es um drei Gründe des gemeinsamen Jubelns geht. 

 

Vielleicht ist es gut, diese Gründe des Jubelns in drei einfachen Sätzen zusammenzufassen, die man dem Predigttext entnehmen kann. Der erste Satz lautet: Christlicher Glaube ist in der Liebe zu Gott begründet, weil wir aus ihm geboren sind. Das Bild, das die Bibel sooft gebraucht ist das der Gotteskindschaft. Sie ist die Gabe, die uns durch Jesus zu Teil wird. Deshalb weist der Brief ja auch am Anfang wie am Ende dieses Abschnittes auf Jesus Christus hin. Das ist wichtig. Man kann Bibliotheken darüber voll schreiben, was Liebe ist und bedeutet. Das ist gut und richtig so. Aber hier, in diesen Bildern von den Familienbeziehungen, geht es v.a. darum, dass Liebe selbst ein Beziehungsgeschehen ist. Ich kann und soll darüber nachdenken, was Liebe philosophisch und theologisch meint. Aber damit hat sie noch keine Bedeutung für mich. Denn Liebe lebt davon, dass ich sie lebe. Das verbindet sie mit dem Glauben. Denn kann ich auch beschreiben und auf Formeln bringen, die ich dann auch noch mit einem theologischen Etikett bekleben kann. Aber davon lebt der Glaube noch nicht. Wenn ich in einer Ehe lebe, dann lebt diese Ehe nicht von meinen theoretischen Vorstellungen, wie eine gute Ehe aussehen sollte. Sondern sie lebt davon, dass ich den anderen annehme, achte und ehre, mich auf ihn oder sie einlasse. 

 

Also: richtiges Denken, die „reine Lehre" über Gott und Jesus, wie man gerne in der lutherischen Tradition genannt hat, gibt keinen Lebenshalt. Wenn Glauben nicht das richtige Denken über Gott ist, wie sollen wir dann vom Glauben sprechen? Glauben, so meine ich, ist eine lebendige Beziehung zwischen Gott und Mensch. Lebendige Beziehungen werden durch die Liebe gegründet und erhalten. Zum Glauben an Gott finde ich, wenn ich ihm glaube, dass er an mich glaubt. Wenn ich mich auf diese Beziehung einlasse. Der Glaube an Gott lebt vom Vertrauen im Alltag, dass er hält, was er mir in der Taufe versprochen hat: Ich bin bei dir alle Tage, bis ans Ende der Erde. 

 

Dieser Glaube an Gott hält auch den Zweifel aus, ob ich mich geirrt habe, wenn ich mein Leben auf diese eine Karte setze. Dieser Glaube hält auch bei Verfehlungen die Beziehung aufrecht, weil er von der Vergebung weiß. Die Ostergeschichten beschreiben die Höhen und Tiefen dieser Beziehung. Es gehört dazu, dass es dabei Höhen und Tiefen gibt. Darin liegt ein Grund zum Jubeln. 

 

Der zweite Satz lautet: Christlicher Glaube ist in der Liebe zum Nächsten konkret zu leben, weil auch mein Nächster aus Gott geboren ist. Indem der Glaube nicht nur auf mich, sondern auch auf andere bezogen ist, hat er auch einen Bezug zu der Welt, die – so schwierig und verdorben und gottlos sie auch scheinen mag – Gott Schöpfung ist und bleibt. Wir spüren dabei die Dringlichkeit des Schreibers, dass es ihm ungeheuer wichtig ist, dass Glaube konkret wird, wenn er schreibt: „Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten. Und seine Gebote sind nicht schwer." Man kann dabei zugleich an die Geschichte von der Fußwaschung denken. 

 

Allerdings habe ich meine Zweifel, ob dieses Gebot wirklich nicht schwer, ist es Johannes vielleicht etwas vollmundig behauptet. Ich weiß und Glaube. Gottes Kind zu sein ist immer Gabe und Aufgabe. Die Liebe zum Nächsten ist sozusagen die sichtbar gewordene Liebe zu Gott. 

 

Aber leicht fällt es mir oft nicht, dieses Gebot! Nein, es ist nicht immer leicht, die Liebe zum Nächsten konkret werden zu lassen! Es bleibt eine Aufgabe, oft eine Aufgabe, die mir schwer fällt. Und doch gibt es die Momente, wo ich sehe, dass Nächstenliebe gelungen ist. Ich denke an Geschichten von Vergebung und Versöhnung oder auch an die vielen Erlebnisse, die Menschen in den diakonischen Projekten unserer Gemeinde erleben. Wenn Nächstenliebe gelingt, dann ist das ungeheuer befreiend, entlastend. Dann haben wir Grund zum Jubeln. 

 

Und schließlich der dritte Satz: Christlicher Glaube ist Kampf und Hoffnung „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat!" Ein schöner Spruch, aber dahinter verbirgt sich Kampf, Anfechtung und Hoffnung. Er ist nicht leicht daher gesagt, weil der Glaube, der die Welt überwinden soll, immer auf die Welt bezogen bleibt, immer an der Welt leidet. Das liegt am Menschsein Jesu, das uns immer neu auf diese Welt und ihr Leiden weist. „O Haupt voll Blut und Wunden“ – das ist nicht nur das andächtig betrachtete Haupt des leidenden Christus am Kreuz. Es ist auch diese Welt, die aus vielen Wunden blutet. Man könnte so leichte verzweifeln, der Welt entfliehen, wie manche es in der Gemeinde des Johannes schon getan haben. Oder versuchen, die Welt mit Gewalt zu verändern, die Menschen zu ihrem Glück zu zwingen. Beides ist kein Ausweg, beides führt in die Katastrophe. Glaube als Sieg, der die Welt überwunden hat, meint deshalb wohl dies: Gegen aller Erfahrungen dieser Welt, halte ich daran fest, dass mein Leben, dass menschliches Leben einen Wert hat, der über alle Gesetze dieser Welt, auch die der Natur hinausgeht. Dass dieses Leben von Gott gewollt und bewahrt ist, weil es aus ihm geboren ist. Glaube ist dann manchmal ein trotziges Dennoch, aber auf Hoffnung. Und darin liegt ein Sieg, der die Welt immer neu überwindet. 

 

Man kann sich das an einer Idee wie der Menschenwürde deutlich machen. Sie ist nicht zuletzt auch in unserer biblischen Überlieferung begründet. Sie ist erst einmal nicht mehr als eine Idee, eine Behauptung, ein Glaube. Naturwissenschaftlich spricht vermutlich vieles gegen sie. Dass alle Menschen gleich sein sollen, ist eigentlich eine Fiktion, die allen Gesetzen von Natur und Evolution entspricht. Aber diese Idee hat eine Macht, die durch nichts mehr aus der Welt zu schaffen ist, so unbequem das manchen Herrschenden oft ist. Sie ist real, auch wenn sie nicht physisch oder biologisch belegbar ist. Sie hat nicht alles, aber vieles in dieser Welt überwunden und verändert. Und als Christen glauben, wir, dass sie in Gott begründet ist. 

 

Übrigens ist dieser Glauben gegen die Mächte der Welt ein gemeinsamer Glaube. Es heißt: Unser Glaube ist der Sieg, nicht: mein Glaube. Ich erlebe viel Egoismus in der Frage, wie Glaube konkret wird. Wir brauchen wieder die Erfahrung, die Dietrich Bonhoeffer in seinem Buch „Nachfolge" einmal so formuliert hat: „Jeder tritt allein in die Nachfolge, aber keiner bleibt allein in der Nachfolge." Denn gemeinsam Jubeln ist am Schönsten! 


Amen.