2016-07-10 - 7. Sonntag nach Trinitatis - Pastor Dr. Christian Nottmeier

Predigttext: Apg 2, 42-47



42 Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.

43 Es kam aber Furcht über alle Seelen und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel.

44 Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam.

45 Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.

46 Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen

47 und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.



Liebe Gemeinde,


Sportereignisse erzeugen Begeisterung. Aber sie leben auch davon. Das gilt für Rugby wie für Fußball. Und es gilt für die Mannschaften, die irgendwie immer als Favoriten gelten, aber ebenso für die Außenseiter, die plötzlich ein Turnier aufzumischen scheinen. Wer etwa die nun zu Ende gehende Europameisterschaft im Fußball in den Blick nimmt, wird da an das Team von Island denken müssen, das es als Außenseiter bis ins Viertelfinale geschafft und die Stars und Fußballmillionäre von Portugal und England ziemlich alt hat aussehen lassen. Dabei sind die Kicker von der kleinen Insel im Nordatlantik zum Teil sogar nur Teilzeitfußballer und verdienen ihr Geld eigentlich als Zahnarzt, Architekt oder Regisseur. Und auch wenn sie dann gegen Frankreich ausgeschieden sind, ihre Begeisterung, ihre Euphorie hat sie getragen. Bei der Rückkehr in die Heimat sind sie jedenfalls als Sieger empfangen worden. Und man hofft darauf, dass dieser Erfolg nur der Anfang eines isländischen Fußballwunders ist.
So ist das im Sport: Damit ein Team, ein Projekt funktioniert, braucht es also nicht nur ein packendes Ziel, eine begeisternde Idee, einen gemeinsamen Traum. Es braucht nicht nur gute Vorsätze, das auch zu erreichen. Es braucht nicht nur Begeisterung und Euphorie. Vielmehr hängt Erfolg oder Misserfolg auch daran, ob es gelingt, das, was begeistert, auch im Alltag zu bewahren. Die Flamme am Brennen zu halten, auch wenn der Gegenwind sie fast zu erlöschen droht. Wie kann der Erfolg des Anfangs auf Dauer gestellt werden? Wie Begeisterung im Alltag bewahrt werden?


Das ist eine Frage, vor die sich grundsätzlich nicht nur eine Nationalmannschaft gestellt sieht, sondern die in andere Zusammenhänge übersetzt in vielen Lebensbereichen aktuell ist. Wie das Feuer der Liebe bewahren, wenn der Alltag alles zu zermürben scheint? Wie von einer Idee begeistert bleiben, wenn nicht alle so mitziehen, wie man sich das vorstellt? Wie all die guten Vorsätze für das eigene geistliche Leben, das endlich intensiver werden soll, nach der Rückkehr vom Kailager oder vom Kirchentag, dann auch umsetzen?


Der Predigttext geht genau auf diese Frage ein. Wie bei aller Begeisterung des Anfangs das Feuer des Glaubens bewahren? Wie die religiöse Begeisterung am Brennen halten und zugleich den Alltag bestehen?


Diese Situation versucht Lukas idealtypisch zu beschreiben, also nicht nur so, wie es war, sondern wie es seiner Meinung, seiner Erfahrung nach sein sollte.
Da haben sich nach der Pfingstpredigt des Petrus mehr als 3000 Menschen taufen lassen, weil das Evangelium von Jesus Christus sie ins Innerste getroffen hatte, ihnen Dimensionen ihres Seins erschlossen hatte, von denen sie nicht lassen wollten. Und die Menschen üben sich jetzt gemeinsam, alle miteinander, darum beständig zu bleiben „in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet“, und das nicht nur am Sonntag, sondern jeden Tag, täglich.


Lehre, Abendmahl, Gebet – das sind Lukas zufolge die Grundvollzüge des gemeindlichen Lebens. Daran, dass die gemeinschaftlich und regelmäßig vollzogen und gelebt werden, ist Gemeinde erkennbar. Und das macht sie attraktiv, nicht nur die, die sowieso immer kommen, sondern auch für die Zweifler, die Suchenden und Fragenden.
Beständig in der Lehre, das meint gerade nicht Schule oder Berufsausbildung, sondern alles, was mit der Beschäftigung mit Gottes Wort, Gottes Verheißungen dient. Das ist nur Aufgabe von Pfarrern oder Kirchenvorstehern, sondern eigentlich jedes Glaubenden: von Gott zu erzählen, davon wie seine Geschichte sich mit der eigenen Lebensgeschichte verwebt. Von den Hoffnungen ebenso wie vom Zweifel. Gemeinde ist immer eine solche Erzählgemeinschaft, davon hängt ihre Lebendigkeit und Beständigkeit ab. Deshalb feiern wir Gottesdienste und Feste, laden in die offene Kirche ein, taufen, trauen, konfirmieren und beerdigen wir, engagieren uns etwa an der Schule und machen Angebote für Menschen unterschiedlichen Alters – egal ob sie religiöse eher musikalisch oder unmusikalisch sind. Damit die biblischen Geschichten mit unserem Leben „versprochen“ (E. Lange) werden und die Geschichte so gleichsam eine Fortschreibung in unser Leben und unsere Gegenwart erfahren – manch schöner biblischer Text ist so entstanden.


Beständig feiern wird das Abendmahl. Wir brechen gemeinsam das Brot. Wir erfahren Gemeinschaft und Versöhnung, haben in Brot und Wein Anteil an Tod und Auferstehung Jesu, so wie es uns in der Taufe zugesagt ist. Gott kommt zu uns, stillt unseren Hunger, nicht nur nach Brot und Wein, sondern nach Sinn, nach Nähe, nach Ganz sein und Heilung.


Wir feiern nicht nur hier in der Kirche, sondern bei vielen anderen Gelegenheiten, z. B. mit den Senioren im Protea Aftree-Oord oder oft auch an den Krankenbetten zu Hause oder im Hospital, in Familien und Hausgemeinschaften. Denn: Christi Leib, für dich gegeben. Christi Blut, für dich vergossen. Das stärke und bewahre dich!
Beständig beten wir gemeinsam. Hier im Gottesdienst. Oft auch bei Tisch oder beim ins Bettgehen. Mal beten wir lang, mal sind es kurze Stoßgebete, mal suchen wir einfach nur Momente der Ruhe, hier in der Kirche ebenso wie auf dem Heimweg von der Arbeit oder in der ungestörten Natur irgendwo im Busch. Manche dieser Gebete sind vielleicht gar nicht sofort erkennbar: Mehr ein Wünschen, ein Seufzen, vielleicht eine kleine Geste beim Abschied, vorm ins Bettgehen, beim Blick auf die schlafenden Kinder.


Beständig in der Beschäftigung mit Gottes Wort, im gemeinsamen Abendmahl, im Gebet, daran bleibt Gemeinde erkennbar, ist mehr als vielleicht oft unzulängliche Organisation und Institution, sondern eben geistliche Gemeinschaft. „Jesus predigte das Reich Gottes, aber es kam die Kirche“, so hat es Alfred Loisy, ein kritischer Katholik aus Frankreich im 19.Jahrhundert einmal formuliert. Aber da, wo in dieser Kirche das geschieht, da ist auch Jesus mit seinem Evangelium, da ist ein Stück Gottesreich, Ewigkeit mitten in der Zeit, gegenwärtig.


Beständig in der Gemeinschaft von Wort, Mahl und Gebet – das hat auch etwas Entlastendes, Tröstendes, Tragendes. Wenn ich selber nicht erzählen kann, dann bleibt mir das Hören; wenn ich selbst nicht – aus welchen Gründen auch immer – am Abendmahl teilnehmen kann oder mag, gehöre ich doch dazu, gilt mir dies „für dich“; wenn mir selbst die Worte zum Beten fehlen, weil Gott mir fern erscheint, verborgen und gar nicht gnädig, dann beten andere für mich.


Anders als bei der Nationalelf werde ich bei mangelnder Leistung, mangelndem Einsatz nicht gleich ausgewechselt oder aus dem Kader verbannt. Ich bleibe dabei, auch wenn es nicht rund läuft für mich. Ja, von dem, was eingeübt wird, kann man ein Leben lang zehren, von der Lehre, vom Brotbrechen, vom Gebet.


In Berlin hatte ich einmal im Monat einen Abendmahlsgottesdienst im Renthe-Finck-Heim in der Bundesallee zu halten. Immer sind etwa 30 Menschen in der Zille-Stube im obersten Stockwerk beisammen. Manche können jedem Wort folgen, andere scheinen vor sich hin zu dösen. Viele können mehr Strophen auswendig singen als ich. Und beim Sprechen von Psalm 23 oder beim Vaterunser machen oft auch die mit, die schon ganz in ihren Erinnerungen leben. Das Abendmahl erlebe ich als besonders intensiv. Als ich es einmal ausfallen lasse, weil ich den Menschen nicht zuviel abverlangen will in dem jetzt bei diesen Temperaturen kaum erträglichen Raum, gibt es manchen Protest – so wichtig ist es vielen. Bei der Feier selbst sind eigentlich alle präsent und ganz da, feiern mit Andacht und Hingabe. Nach Einsetzungsworten und Vaterunser eröffne ich die Austeilung: „Schmecket und sehet wie freundlich der Herr ist.“ Dann gehe ich zu den einzelnen Tischen. Ich tauche die Oblate in den Kelch mit Traubensaft und lege sie einer bestimmt Neunzigjährigen in den geöffneten Mund, weil sie ihr sonst aus der zittrigen Hand fiele. „Das Brot des Lebens und der Kelch des Heils für dich. Das stärke und bewahre dich.“ Sie schmatzt und schluckt. Dann strahlt sie mich an und sagt: „Danke, das war lecker. Davon hätte ich gerne mehr.“
Was soll man dem noch hinzufügen?



Amen.