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(Predigttext: 5. Mose 7, 6-12)
Liebe Gemeinde!
Die Bibel ist ein wunderbares Buch. Worte der Verheißung bietet sie, des Trostes und des Zuspruchs. Heute, am 6. Sonntag nach Trinitatis, der dem Thema Taufe gewidmet ist, gilt das vielleicht besonders. Wer wollte sich das nicht gesagt lassen, dass Jesus Christus an unserer Seite ist, alle Tage, ja sogar bis ans Ende Welt? Und wieviel Geborgenheit bietet die Zusage, dass Gott mich beim Namen ruft, ich sein bin, egal, was mir passiert. Gott, auch das ist wohl die Botschaft dabei, lässt sich ein auf das Leben, auf das, was uns Menschen widerfährt, er steht an unserer Seite.
Diese Botschaft hat eine Geschichte. Sie beginnt nicht mit dem Christentum, sondern führt in die jüdischen Wurzeln unserer Religion. Denn auch da hat Gott eine Geschichte, erfahrbar und nachvollziehbar in der Geschichte des Volkes Israel, das er sich erwählt hat und das er begleitet, durch die hellen, aber ebenso durch die schweren und dunklen Seiten, die dieses Volk erleben musste. In Zeiten der Krise, der Verunsicherung, ist es wichtig, sich zu vergewissern, dass man nicht allein ist, dass das Leben einen Sinn hat und dass da ein Gott ist, der einem beisteht, auch und gerade, wenn man die Wege, die man geführt wird, nicht versteht. Der Predigttext ist eine solche Vergewisserung, dass Gott Menschen beim Namen ruft. Insofern passt er – auch wenn davon nicht die Rede ist, ja gar nicht sein kann – zu diesem Sonntag, an dem es auch um die Taufe geht. Im fünften Buch Mose wird das Volk Israel an Gottes Verheißungen erinnert, wird neue eingeschworen auf den Gott, der mit ihm eine Geschichte angefangen hat.
6 Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.
7 Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –,
8 sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der HERR euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharaos, des Königs von Ägypten.
9 So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten,
10 und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen.
11 So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.
Tatsächlich werden hier Bilder der Verheißung: Gott erwählt das Kleine und Kleinste, das, was auf den ersten Blick kaum Bedeutungsvoll ist. Er tut es aus Liebe und Zuneigung, aus Treue und Verbundenheit. Weil er sich an seine Zusagen und Verheißungen hält, mögen sie auch noch solange her sein. Die Menschen, die zu ihm gehören, führt er aus Not und Gefangenschaft in die Freiheit, so wie damals die Israeliten aus Ägypten. Und mag dieser Gott auch manchmal zürnend oder einfach nur weit weg sein. Er ist doch da, seine Barmherzigkeit überwiegt jeden Zorn und jede Erfahrung der Gottesferne. Und wieder: Gott hält seinen Bund und seine Treue ewig. Es ist gut, daran erinnert zu werden, zumal wir als Christen ja in der Taufe ein Zeichen jener Treue, jenes Bundes sehen, den Gott mit uns geschlossen hat. Ohne, dass wir uns vielleicht direkt entschieden haben. Sondern weil es nicht unsere, sondern Gottes Wahl war. Nicht wir haben ihn, sondern er hat uns erwählt – so jedenfalls wird es hier formuliert. Wie schön, dass es hier in der Bibel, diesem wunderbaren Buch, so klar formuliert wird.
Die Bibel ist freilich auch ein gefährliches Buch. Und manchmal möchte man auch beim Lesen vom Glauben abfallen. „Denn du bist ein heiliges Volk“, so haben wir gehört. Das „Denn“ gibt Anlass, die Verse vorher zu lesen. Da ist nichts von Güte und Liebe zu finden. In diesen Versen wird Israel vielmehr aufgefordert, seine Gegner zu vernichten. Sieben Völker, allesamt damals größer und bedeutender als das kleine Israel, soll es aus dem Land vertreiben und den Bann über sie vollstrecken, was in der Sprache der Zeit nicht weniger bedeutet, als sie auszurotten und zu vernichten. Jede Vermischung ist zu vermeiden, von den Fremden soll man sich fernhalten. Ja, diese Worte sind zum Verrücktwerden, es liest sich wie ein großangelegtes religiöses Vernichtungsprogramm, das dann am Ende des Kapitels wieder aufgenommen wird.
Nun könnte ich beginnen zu erklären und beschwichtigen. Könnte historische Kontext aufzeigen, könnte mit guten Gründen nachweisen, dass es historisch natürlich nicht so gemeint ist. Dass es weniger um die reale Vernichtung der Feinde geht, als darum, auch in der Fremde des Exils am eigenen Glauben festzuhalten, die eigene Identität zu bewahren. Ich könnte darauf hinweisen, dass Situationen der Bedrohung eben auch Feindbilder und Vernichtungsphantasien produzieren, die der eigenen Ohnmacht entspringen.
In gewisser Weise spiegeln diese Widersprüche der Aussagen in diesem Kapitel sogar eine Grundspannung, die sich bis heute durchhält, an der sich kaum etwas geändert hat. Vielleicht muss man das der Bibel hier sogar zugutehalten, dass sie diese Spannung selbst benennt und bezeugt: der eigene Erfolg - beim Gewinn von Land, in der Wirtschaft, im ganzen Leben eigentlich – dieser eigene Erfolg baut immer auch auf dem Misserfolg anderer mit auf. Es scheint ein Ding der Unmöglichkeit, dass alle immer und überall gleichermaßen vorankommen. Gleichwohl entbehrt es nicht eines gewissen Zynismus, wenn der Erfolgreiche, ohne nach rechts und links zu schauen, im eigenen Gelingen eine Erwählung Gottes zu erblicken vermag. Oder wenn er wenigstens Gott für sich und gegen die anderen am Werke sieht. Oder wenn er gleich selber Gott auf seine Seite stellt und gnadenlos dessen vermeintlichen Willen vollstreckt…
Aber bei allem Erklären, die Ambivalenz dieser Texte bleibt gefährlich. Es ist so gut, gerade auch in unseren eigenen Schwierigkeiten und Ohnmachtserfahrungen, gesagt zu bekommen, dass ich erwählt, begnadet, von Gott angenommen bin. Aber es scheint auch die Gefahr durch, die einem Erwählungsglauben anhaftet, der meint, dass ich deshalb etwas Besseres, Frommeres oder Bedeutenderes darstelle als andere Menschen. Dass ich ob Jude oder Christ deshalb mehr bedeute als andere Menschen. Weder als einzelner, noch als Volk oder Staat und Nation. Wir wissen doch auch aus unserer südafrikanischen Geschichte, welche verheerende Folgen es haben kann, wenn ein Volk meint, es sei das allein auserwählte, das, auf dem allein Gottes Segen ruhe, seien es Engländer, Zulus oder Afrikaaner. Dabei muss es gar nicht um Vernichtungsphantasien gehen. Es beginnt schon da, wo ich meine, alleine die Wahrheit gepachtet zu haben, wo ich – bei aller berechtigten Kritik, die ich an anderen Deutungen, Interpretationen und Lebensweisen, die unser Glaube doch zu lässt – mich nicht mehr selbst in Frage stelle, nur noch an meiner Interpretation und meiner Weise, den Glauben zu leben festhalte, ja sie für allein verbindlich erkläre. Und dann vergesse ich, dass nicht ich mich erwählt habe, sondern Gott. Und dass das nichts damit zu tun hat, dass ich besser bin als andere, sondern das das offensichtlich die Wahl Gottes allein ist. Eine Wahl, die mir nicht das Recht gibt, dieses Angenommen und Erwähltsein anderen Menschen einfach abzusprechen. Auch für uns als von Gott Angenommene, von Gott Erwählte, auf Christus Getaufte müssen wir uns und unsere Ansichten in Frage stellen lassen, bleiben wir Angefochtene.
Ich bin getauft, so hat Martin Luther, der ja leider manchmal auch seine Schwierigkeiten mit der Toleranz gegenüber anderen Auffassungen des Christentums hatte, ganz zu Recht seinen Glauben, seine Zuversicht zusammengefasst, gerade dann, wenn es schwer und finster im Leben wurde. Wir sind erwählt – so hat das Volks Israel versucht, an seinem Gott festzuhalten, ja, oft allen schlimmen Widerfahrnissen zum Trotz an seinem Gott nicht verzweifelt. Wofür es durchaus auch Gründe gegeben hätte. Menschen brauchen diese Gewissheit, diese Hoffnung auf die Treue Gottes. Damit wir uns nicht selbst verlieren, damit wir Hoffnung bewahren, damit unsere Ängste uns nicht übermannen oder in einlinige Freund/Feind Schemata führen, aus denen es nur schwer ein zurück. Und wir können es uns nicht selbst sagen, es muss uns ein Zuspruch, eine Zusage sein. Deshalb gehen wir in den Gottesdienst, deshalb suchen wir Gemeinschaft, deshalben bezeugen wir Gottes Botschaft in dieser Welt.
Wir sind geliebt, getauft, Gott erwählt. An zwei Beispielen will ich das verdeutlichen. Ein Film, der mich bis heute beeindruckt, stammt von Clint Eastwood. Es geht um Rugby und Südafrika. Der Film erzählt die Geschichte des RWC 1995 hier in Südafrika. In seinem Zentrum stehen zwei Figuren: Francois Pienaar, der Kapitän der Springboks und Nelson Mandela. Am Abend vor dem entscheidenden Spiel erhält Pienaar einen handgeschriebenen Brief von Mandela. Darauf sind nur die Zeilen eines Gedichts, von dem Mandela vorher einmal gesprochen hatte. Das Gedicht, das dann auch dem Film den Namen gibt, stammt von aus dem Jahr 1875 und hat den Titel „Invictus“. Es hat, so berichtet Mandela, zusammen mit seinem Glauben ihm das innere Überleben im Gefängnis erlaubt. Und es hat ihm erlaubt, einen Weg zu gehen, der nicht über Angst, Hass und Wut ins Dunkle von Hass und Unversöhnlichkeit und Rachephantasien geführt hat, sondern ins Licht der Versöhnung. Die wichtigsten Zeilen des Gedichts lauten:
Out of the night that covers me,
Black as the pit from pole to pole,
I thank whatever gods may be
For my unconquerable soul.
It matters not how strait the gate,
How charged with punishments the scroll,
I am the master of my fate,
I am the captain of my soul.
Vielleicht kann man es so deuten: die unbesiegbare, die nicht zu erobernde, die unbezwingbare Seele, der Kern meiner Persönlichkeit, das, was mich vor Gott bedeutsam macht, kommt nicht aus mir selbst. Und weil es nicht aus mir selbst kommt, weil es Geschenk und Gabe ist, deshalb ich als Erwählter mein Leben führen, kann ich allen Widerständen, alles Zweifeln zum Trotz mein Leben selbst und frei führen – eben, weil ich es nicht mir selbst, sondern Gott verdanke. Weil Gott mich trotz meiner Fehler, meiner Kleinheit liebt und mir in der Taufe Treue geschworen hat.
Aber manchmal merke ich dann auch, wie zerbrechlich, wie kostbar, dieses Leben ist. Das erlebe ich als Pfarrer, aber natürlich auch im Familien- und Freundeskreis immer wieder. Wie oft muss ich Menschen Krankheiten, bei Sterbefällen begleiten. Gerade wenn es um junge Menschen oder gar um Kinder geht, fällt mir das schwer. Auch mich stellt das in Frage. Auch in lese dann die Worte von Gottes Verheißung und Treue noch einmal neu. Sie sind dann nicht einfach daher gesagt, sondern sie verbinden sich mit Zweifel und Glaube. Beides gehört ja zusammen, lässt sich nicht voneinander trennen. Ist Gott wirklich treu? Wo sind denn seine Verheißungen des Trostes, des Begleitens, wenn etwas Schweres geschieht, ein geliebter Mensch, der vielleicht sein Leben noch gar nicht richtig leben konnte, der noch ganz am Anfang stand, von uns genommen wird?
Ist Gott treu? Seinen Verheißungen? Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn es mich oder meine Familie ganz nah treffen würde. Ich hoffe es zu wissen. So, wie ich es auch Menschen zuzusprechen versuche. Ich glaube fest, dass Gott auch da ist, im Schmerz von Eltern, im Hoffen und Bangen, in jedem Leben, egal, ob drei, achtzehn oder 94 Jahre dauert. Ich will es glauben, weil sonst so wenig im Leben Sinn macht. Ich kann es nicht wissen, aber ich will es glauben. Weil es mich trägt, weil es andere trägt, auch da, wo Wissen und Reden nicht mehr tragen. Das macht Glauben aus. In der Taufe ist mir zugesagt, auch für Schmerz und Not und Pein. So wie wir es gleich singen werden:
Du hast zu Deinem Kind und Erben, mein lieber Vater, mich erklärt;/Du hast die Frucht von deinem Sterben, mein treuer Heiland, mir gewährt/du willst in aller Not und Pein, o guter Geist, mein Tröster sein.
Amen.