2017-07-30 - 7. Sonntag nach Trinitatis - Pastor Dr. Christian Nottmeier

Liebe Gemeinde,


Mit der Gondelbahn sind wir auf den Berg gefahren, dann einige Zeit gewandert. Die Bäuerin kennt den Weg. Erst den Berg ein gutes Stück hinunter, dann durch ein Waldstück, schließlich sind wir auf der Alm. Glückliche Kühe mit Bimmelglocken, ein Bach, ein Brunnen und auch die Almhütte mit einer schönen Band und einem Blick in eines der Tiroler Alpentäler. Im Stall gibt es acht Kühe, ein paar Schweine. Auch der Bauer ist jetzt da und lädt uns ein Platz zu nehmen. Die Bäuerin setzt sich dazu. Aus ihrer Tasche, die sie die ganze Zeit mitgeschleppt hat, holt sie einen korbgroßen Gestand, in Tücher eingewickelt. Es duftet herrlich. Sie nimmt die Tücher weg und legt ein wunderbares Brot auf den Tisch. Heute Morgen gebacken, sagt sie stolz. Sie holt ein Messer, schneidet es in Stücke und reich jedem von uns ein Stück. Es schmeckt köstlich: frisches, noch ein bisschen warmes Brot. Ich lasse es auf der Zunge zergehen. Ein echtes Geschmackswunder. Ganz anders als die Backmischungen aus den Bäckereiketten im Supermarkt. Wieder einmal wird mir bewusst, wie vieles wir einfach so als selbstverständlich hinnehmen, obwohl es das eigentlich nicht ist. Das gilt auch fürs Brotessen. Jeder von uns isst es, zwei oder drei oder auch mehr Scheiben am Tag. Und meistens kann man nach zwei Minuten nicht mehr sagen, wie das Brot geschmeckt hat und welchen Geschmack die Wurstscheibe hatte oder von welcher Farbe die aufgestrichene Marmelade war. Alltägliche Dinge erschließen sich durch die Aufmerksamkeit, die ich den Dingen, die mir selbstverständlich geworden sind, erneut zuwende. Stress und Gleichgültigkeit töten jede Aufmerksamkeit auf das Kleine, Alltägliche und Unscheinbare.


Keiner kann ohne tägliches Essen leben, ohne Brot und Wasser, ohne Milch und Nudeln, ohne Äpfel und ein wenig Schokolade. Deswegen bitten wir im Vaterunser um das tägliche Brot, um die Versorgung mit Nahrung. Wer überleben will, muss essen und trinken, regelmäßig und nachhaltig. Man kann die Regelmäßigkeit übertreiben, und das führt zu Übergewicht. Essen verträgt kein Zuviel und kein Zuwenig. Brot ist regelmäßiges Grundnahrungsmittel und vernachlässigtes Geschmackswunder. Die tägliche Scheibe Brot gehört zum Leben.


An diesen Sinneseindrücken knüpft Johannes mit seinem Evangelium an. Mit der wunderbaren Geschichte von der Speisung der 5000, die wir eben im Evangelium gehört haben. Jesus ist mit den Seinen beieinander. Aber nicht lange bleiben sie allein. Denn die Menge hat einen guten Riecher dafür, dass Jesus anders ist als all die anderen Propheten, Sinnanbieter und Heilsbringer. Vielleicht haben sie von seinen Wundern gehört, vielleicht von der sanften Art, mit der auf Menschen zuging, vielleicht von seinen weisen Reden, die nicht im akademischen Nirgendwo verharrten, sondern die Lebenswirklichkeit trafen, ohne an Tiefe zu verlieren. Jesus sieht die Menschen zu sich kommen. Er weist sie nicht von sich, er gewährt ihnen das gleiche Gastrecht wie den 12 Jüngern. Keine geistliche Elite will er ums sich sammeln, sondern für alle da sein. Jesu Gastfreundschaft gilt nicht nur den Engagierten, sondern auch denen, die einfach mitlaufen, Christen bei Gelegenheit, Kirchenfernen, Sympathisanten, Ausgetretenen. Seine Botschaft von der freien Gnade Gottes gilt allem Volk. Für die Nöte und Sorgen soll Raum sein. Jesus weiß dabei, was er tut. Die Jünger reden noch von den harten Realitäten der Welt, davon, das 2 Brote und 5 Fische nichts, aber auch gar nichts sind, für so viele. Und man hört den Rat eigentlich schon mit: Schick sie weg. Das geht doch gar nicht. Wir sind doch in der Wüste.


Jesus hat da schon größeres im Blick. Heute soll es für alle reichen, alle sollen satt werden, in einer Zeit, in der die meisten Menschen das nie wirklich wurden. Gemeinsam essen, so das alle satt werden, das ist ein Stück vorweggenommener Himmel, ein Stück Paradies auf Erden. Und denkt ganz gewiss auch an jenes Wunder, das damals jedes Kind kennt: wie nämlich Gott das murrende Volk, das schon fast wieder zurück wollte zu den Fleischtöpfen Ägyptens in der Wüste mit Manna gespeist hat. Die Wüste wird zum Ort der Speisung.


Jesus lässt die Menge sich lagern und gibt Anweisung zum Austeilen. Er nimmt das Brot, dankt und teilt aus. Es gibt kein Gerangel, keine Massenabfertigung. Das Wunder der Gemeinschaft, jetzt ereignet es sich. Und vielleicht erkennen zumindest die Jünger jetzt, was er später selbst sagen wird. Dass Jesus das Brot des Lebens ist. Dass es hier auch, aber eben nicht nur, um leibliches Satt werden geht.


Jedenfalls werden alle satt. Vielleicht nur für einen Moment – auch das ein Wunder – sind die leiblichen und seelischen Sorgen vergessen. Nicht das alles auf einmal anders wird, aber das Leben hat eine neue Perspektive. Im gemeinschaftlichen Teilhaben und Teilen an Jesus, dem Brot des Lebens, das erfahre ich, was das sein kann: Erlösung, Versöhnung, Friede.


Aber Jesus belässt es nicht bei diesen Eindrücken, sondern er gibt ihnen auch noch eine Deutung. So heißt dann in Joh 6, 30-35:


30 Da sprachen sie zu ihm: Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du?

31 Unsre Väter haben in der Wüste das Manna gegessen, wie geschrieben steht (Psalm 78,24): »Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.«

32 Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.

33 Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben.

34 Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot.

35 Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.


Das Johannesevangelium lebt von unmittelbaren, wunderbaren Sinneseindrücken. Jesus predigt und sagt: Ich bin der Hirte. Ich bin das Licht. Ich bin der Weinstock. Ich bin das Brot. Und diese paradoxen Bilder müssen aufgelöst werden. Johannes löst sie in einer ganz einfachen Bewegung auf, die sich aus den vielen Reden Jesu leicht und eindeutig ergibt. Wer Gottes Sohn sein will, muss sich den Zuhörern erklären. Und dafür greift er zu den einfachsten, elementaren Bildern: Hirten und Schafe, Brot und Wein. Wer Brot kaut und an seinem Weinglas nippt, der spürt den Geschmack des Brotes und er riecht das Bukett des Weines. Und zu dieser unmittelbaren Geschmackserfahrung kommt ein zweites hinzu. Brot und Wein stehen nicht nur für sich selbst, sondern auch für etwas ganz anderes. Sie stehen für eine Person. Jesus sagt: Ich bin das Brot. Ich bin der Weinstock. Ich bin das Licht. Ich bin der Hirte. Hinter der Alltagserfahrung wird die Gestalt des Heilands sichtbar. Die Wirklichkeit der Dinge, des Brotes und des Weines, verweist auf eine ganz andere Wirklichkeit.


Für einen kleinen Moment will ich sie in die griechische Philosophie entführen. Denn Jahrhunderte vor Johannes nimmt auch der berühmte Philosoph Platon eine ähnliche Operation vor. Die Wirklichkeit der Dinge verweist für ihn auf ihre Idee. Der Biss in die Brotscheibe verweist auf die Idee des Brotes. Der Tisch verweist auf die Idee des Tisches. Und der Hirte verweist auf die Idee des Hirten. Die Wirklichkeit eines Dings ist stets beschädigt, unklar, von Zufällen bestimmt, während die Welt der Ideen vollkommen, rein und logisch ist. Die Philosophen haben die Aufgabe, beides miteinander in Beziehung zu setzen, die Welt der Ideen und die Welt der Wirklichkeit. Aber wer nur noch in der Welt der Ideen schwebt, hat die Wirklichkeit, in der er lebt, vergessen. Er lebt dann im Wolkenkuckucksheim oder im Elfenbeinturm. Wer nur noch in der Wirklichkeit der Dinge lebt, der vergisst die Ideen; ihm gehen Ideale, Tugenden und Ziele verloren.


Johannes, der Evangelist dachte philosophisch ganz ähnlich, aber er sprach nicht von der Welt der Ideen, sondern von der Welt des Vaters, von der himmlischen, göttlichen, vollkommenen Welt, vom Reich Gottes. Platon verknüpft Dinge und Ideen, Johannes verknüpft Himmel und Erde. Bei Johannes bleibt die göttliche Welt mit der Welt unserer Wirklichkeit verbunden.


Beides verbindet sich in der Mittlerperson Jesus Christus, der im Johannesevangelium mehrfach den einen und entscheidenden Satz wiederholt: „Ich und der Vater sind eins." Und am Anfang des Evangeliums wird ein zweiter Satz wichtig: „Das Wort war Fleisch." (Joh 1,14a) Das Wort, der schöpferische, sprechende Gott steht für die himmlische Welt, und Fleisch steht für diese Wirklichkeit, in der wir Brot essen und Wein trinken. Wort und Fleisch, Göttliches und Menschliches vereinigen sich in Jesus Christus.


Und auf die Verbindung kommt es entscheidend an. Wer nur noch vom Wort redet, der nimmt die Wirklichkeit dieser Welt nicht mehr wahr. Wer nur noch vom Fleisch redet, der kann Gott nicht erkennen und der erstarrt in einer Welt, die von ihrem Schöpfer nichts mehr weiß. Wer von Jesus Christus redet, von der Verbindung zwischen Wort und Fleisch, der erst kann Glauben wecken, Himmlisches und Irdisches zusammenfügen. Und das zeigt sich am Brot, am Weinstock, am Hirten und am Licht.


Dem Hunger nach den regelmäßigen einzunehmenden Grundnahrungsmitteln entspricht ein Hunger nach dem, was sich hinter der Wirklichkeit verbirgt. Dieser zweite, geistliche Hunger zielt darauf, die großen Fragen des Lebens zu beantworten: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wer hat diese Welt geschaffen? Und auf welches Ziel geht diese Welt zu?

Es wäre eine Beruhigung für das Denken und Handeln im Lebensweg, diese Fragen beantworten zu können. Es wäre eine Unruhe beseitigt, die diesem Leben eine verstörende Doppeldeutigkeit verleiht. Aus der Erfahrung dieser Wirklichkeit können wir beides ablesen und erfahren, den Tod, das Leiden, die Verzweiflung, die Zerstörung und die Sinnlosigkeit, aber genauso auch Liebe, Hoffnung, Trost und Sinn. In unserem Erleben mischt sich beides miteinander, gnädiger Trost und störender Zweifel, harte Eiseskälte und die hoffnungsvoll stimmenden Zeichen von Liebe und Zuneigung.


Der Hunger nach Sinn will regelmäßig gestillt werden, genauso wie wir keinen Tag ohne Grundnahrungsmittel auskommen. Um durch das Leben einen Weg zu finden, brauchen wir die Vergewisserung darüber, dass sich hinter der zweideutigen Wirklichkeit ein Schöpfer verbirgt, der es mit den Menschen eindeutig gut meint.

 

Der Evangelist Johannes sagt: Nur eine Person kann diesen Hunger nach Sinn stillen: Das ist der Mittler, der Gottessohn, das fleischgewordene Wort, der in all seinem göttlich-menschlichen Selbstbewusstsein sagt: Ich bin das Brot des Lebens. Denn dieser Jesus hat Anteil an beidem, an der himmlischen unsichtbaren Welt des Vaters und an der irdischen Welt der Verzagtheit, der Traurigkeit und des Leidens. Dieser Jesus ist ein Mensch des Übergangs, er öffnet die Tore zum Himmel, er macht den Blick und den Weg frei in das Reich Gottes. Dieser Jesus tröstet und predigt. Er stillt den Hunger nach Brot und den Hunger nach Sinn.


So geht es in diesen Geschichten – und darin sind sie aktuell – letztlich nicht um die Möglichkeit solcher Geschehnisse an sich, sondern um ein anderes: Darum nämlich, ob wir hilflos eingespannt sind in eine unerbittliche Notwendigkeit, oder ob es einen Gott gibt, der im Regimente sitzt und dessen Kraft der Versöhnung, der Liebe, des Angenommenseins erbeten und erlebt werden kann. Diese Erfahrung steht am Beginn der Erzählung von der Speisung der 5000. Das Wunder, um das es geht, ist das der Lebensgabe Gottes, die wir in Weg und Geschichte Jesu sehen und erfahren können.

Alle Wunder Jesu sind Gleichnis dieses einen Wunders, sie zeigen uns das, was Jesus als das Wort ist und gibt, im für uns fasslichen Bilde. Er speist das Volk am See – und ist das Lebensbrot. Er macht den Blinden sehend – und ist das Licht der Welt. Er ruft Lazarus aus dem Grabe – und ist den Seinen die Auferstehung und das Leben. So gibt es im Grund nur ein Wunder, das an uns geschieht, das Wunder der neuen Geburt zur Kindschaft bei Gott.


Amen.