(Predigttext: Lk 18, 28-30)
28 Da sprach Petrus: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt.
29 Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen,
30 der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der kommenden Welt das ewige Leben.
Liebe Gemeinde,
ein kurzes Gespräch, das es in sich hat. Fast könnte man im Gang der Geschichten, die die Lukas hier erzählt, darüber hinweglesen. Denn vorher hatte Jesus sich mit dem berühmten reichen Jüngling unterhalten, der dann enttäuscht gegangen war. So hatte er sich das nicht mit dem Reich Gottes vorgestellt. Das Einhalten der Gebote erschien diesem Jüngling kein Problem. Das war wahrscheinlich recht übermütig von ihm. Aber auf seinen Reichtum, seinen Wohlstand und damit alle Absicherungen zu verzichten um Jesus nachzufolgen, das ging ihm dann doch zu weit. Das hat die Jünger offensichtlich beeindruckt, und so kommt es zu diesem kurzen Wortwechsel. „Was, lieber Jesus, haben wir von unserem Einsatz? Das, was jener Jüngling nicht konnte, das haben wir getan.“ Jesus bestätigt ihnen, dass dieser Einsatz für das Reich Gottes sich lohnt, ja, dass sie vielfaches empfangen werden. Das kann man als Ermutigung verstehen. Die bekommt aber dann sogleich einen gehörigen Dämpfer. Denn Jesus wendet sich sogleich erneut an seine Jünger. Jetzt, so sagt, geht es nach Jerusalem, in das Leid und den Tod. Denn so beginnt das Reich Gottes offensichtlich. Die Jünger, so notiert es Lukas, begriffen nichts davon, denn der „Sinn seiner Rede war ihnen verborgen“ (18, 34). Wie sollte man das auch verstehen?
Was bringt das Ganze? Lohnt es sich bei allem Einsatz? Was kann, was will ich noch vom Leben erwarten? Diese Frage ist uns heute also aufgegeben. Sie stellt sich in ganz verschiedenen Phasen des Lebens. Heute in diesem Gottesdienst wird das sichtbar. Wir haben eben ein kleines Kind getauft, ihm und jungen Familie Gottes Segen zugesprochen. „Gott spricht: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ Das haben wir als Taufspruch eben gehört. Dann haben wir unsere Konfirmationsjubilare dabei. Auch da ist de ganze Breite des Lebens und unterschiedlicher Erfahrungen präsent, immerhin geht es vom 25. bis zum 80. Konfirmationsjubiläum. Konfirmation heißt ja die Bestätigung, die Befestigung des Glaubens und Vertrauens, heißt sich unter den Segen Gottes stellen. Unsere Jubilare bekräftigen das heute noch einmal. In gewisser Weise ist das auch eine Antwort auf die Frage des Petrus, ob sich der Weg der Nachfolge denn lohnt, aber der Glauben trägt im Leben.
Was bringt das Ganze? Lohnt es sich bei allem Einsatz? Was kann, was will ich noch vom Leben erwarten? Ich muss bei diesen Fragen nicht nur an die Bibel, sondern an den Schauspieler Morgan Freeman denken. Er hat viele Rollen in seinem Leben gespielt, sogar Nelson Mandela und Gott waren darunter. Und das heißt schon was. In diesem Film, der auf Deutsch „Das Beste zum Schluss“ und auf Englisch eigentlich viel passender „The bucket list“ heißt, spielt Freeman an der Seite von Jack Nicholson. Sie spielen zwei ältere Herren, die sich im Doppelzimmer eines Krankenhauses kennenlernen. Beide sind an Krebs erkrankt und erfahren von ihren Ärzten, dass sie nur noch wenige Monate zu leben haben. Deshalb stellen sie diese Liste von Dingen auf, die sie noch machen wollen, bevor sie ins Gras beißen – denn das heißt meinem Wörterbuch zufolge „kick the bucket.“ Irgendwo habe ich gelesen – aber das Wort war mir neu – im Deutschen heiße das Löffelliste – das, was man noch mache wolle, bevor man den Löffel abgebe.
Wie dem auch sein, Nicholson und Freeman machen sich im Laufe des Films unter einigen Schwierigkeiten und holprigen Wendungen daran, diese Liste abzuarbeiten: Sie springen mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug, sie besichtigen die Pyramiden in Gizeh und das Taj Mahal in Indien; sie brettern mit einem Shelby Mustang über den Highway und gehen in der afrikanischen Steppe auf Großwildjagd. Am Ende sind beide tot, und der Assistent des reicheren Mannes bestattet ihre Asche auf einem Berggipfel im Himalaja. Den aussichtslosen Kampf gegen ihre Krankheit konnten sie nicht gewinnen, aber die letzten Monate ihres Lebens haben sie genutzt. Hat sich also gelohnt.
Natürlich regt so ein Film an, seine eigene Liste aufzustellen? Was möchte ich eigentlich noch machen, was erleben, was soll das Leben für mich auf jeden Fall bereithalten. Sehr unterschiedliche Sache stehen vermutlich auf so einer Liste, Reisewünsche vielleicht, außergewöhnliche Abenteuer, aber vielleicht ebenso der Wunsch, dieses oder jenes im Leben, was schiefgelaufen ist, wo Beziehungen und Freundschaften zerbrochen, wo man Schuld auf sich geladen hat, irgendwie wieder ins Lot zu bringen.
Spannung also, Aufregung, aber wohl ebenso der eine oder andere Wunsch nach Versöhnung, nach Liebe und Frieden, all das wird sich auf dieser Liste finden. Dinge, die meistens wenig mit unserem Alltag zu tun haben. Denn der ist doch oft durch Routine und Stress und manchmal auch eine gewisse Langeweile geprägt. In jedem Menschen wohnt, manchmal sehr verborgen, der Wunsch, die Routine des Alltags hinter sich zu lassen und Neues zu wagen. In den erwähnten Listen findet sich das wieder. Mindestens einmal sollen Enthusiasmus und Spannung an die Stelle von Gleichgültigkeit und Wiederholung treten. Das Gespräch von Petrus und Jesus zielt genau auf dieses Verhältnis von Wiederholung und Enthusiasmus und gibt ihm eine überraschende Wendung des Glaubens, auch wenn sie nichts von unseren Listen und ganz gewiss nichts von Morgan Freeman und Jack Nicholson wussten. Aber diese Fragen kannten sie: Was fange ich mit der Zeit meines Lebens an? Wie kann ich einen großen Schuss Begeisterung in den grauen Topf mit dem Einheitsbrei des Alltags gießen?
Auf ihrer Liste steht aber nur ein Punkt: Nachfolge. Dem gegenüber ist alles andere, selbst Besitz und Familie, in den Hintergrund gerückt. Sie haben an die Stelle des Alten, des Alltägliche, etwas Neues, etwas ziemlich Radikales gestellt, etwas, das der reiche Jüngling nicht vermochte, aber etwas, bei dem auch sie selbst den Ausgang nicht kannten. Mit Leid und Tod sollte es für sie auch nichts zu tun haben. Ich sage es offen: die meisten von uns, ich auch nicht, werden diesen radikalen Weg der Veränderung nicht gehen. Ich mag meine Familie, ich brauche nicht viel Besitz, aber eine gewisse Absicherung ist mir wichtig. Nur wenige sind diesen radikalen Weg gegangen, immer wieder in der Geschichte des Christentums, sie haben es beispielhaft getan, aber es kann nicht der Weg für alle sein. Und doch sehne ich mich nach dem, was Jesus das Reich Gottes nennt, möchte dem nachstreben und nachfolgen, mitten in meinem Alltag und mit den Menschen, die Gott mir gegeben hat.
Mir hilft es deshalb, mir klar zu machen, was dieses Reich Gottes eigentlich ist, vom dem Jesus spricht. Offensichtlich ist es etwas, was in mir, inwendig im mir wächst, da, wo ich nicht mir selbst, sondern Gott vertraue. Und ebenso meint es eine Gemeinschaft von Glauben, die sich ganz von Gott bestimmen lassen. Jesus predigt so begeistert vom Übergang in eine Welt, in der Gottes Gnade und Barmherzigkeit alles Leben bestimmen, jenseits von Lethargie, Sachzwängen und verbreiteter Trostlosigkeit. Entscheidend ist hier das Wort Übergang, das Prozesshafte des Gottesreiches.
Vielleich muss man nicht alles hinter sich lassen, um doch in einer Beziehung zu diesem Reich Gottes zu stehen. Ja, vielleicht kann gerade auch in diesen Beziehungen, in Familie, Beruf, Gesellschaft und Staat diesem Reich Gottes dienen. Luther und die Reformatoren haben es jedenfalls so verstanden und wollten und konnten so ihre Welt verändern, ohne ihr zu entfliehen. Auch das ist ja ein Übergang: Diese Welt nicht aufgeben und ihr ein begrenztes Recht zugestehen. Das Vorläufige und Alte ist noch da. Aber diese Welt mit ihren manchmal frustrierenden politischen Konstellationen, mit erfüllten wie zerbrochenen Familienbeziehungen, mit den Mühen und der Weisheit des Altwerdens, mit Alltag und den kleinen Kämpfen, die Zeit und Nerven kosten, diese Welt braucht so etwas wie eine Perspektive darauf, dass die Wirklichkeit sich ganz anders verhalten könnte. Dass die Liebe Gottes auch in diesen Beziehungen sichtbar wird, sie durchdringt und so von innen heraus verändert.
Genau das nennt Jesus Glaube und Reich Gottes. Glaube begeistert sich für das kommende Reich Gottes, für seine Fülle und seinen Überfluss. Wer glaubt, der überwindet die Lähmung und die Betäubung, die jeden überfallen, der sich zu lange auf die Routinen des Alltags verlassen hat. Es kommt entscheidend darauf an, dass der Glaube an diesen barmherzigen Gott in den kleinen Grabenkämpfen des Alltags nicht untergeht. Der Glaube setzt ein kleines Zeichen, dass diese Welt in den Sachzwängen und Kleinigkeiten der Wirklichkeit nicht aufgeht. Glaube macht das Leben nicht einfach nur intensiver und bewusster, sondern er ordnet es ein, er setzt dieses Leben mit all seinen wichtigen und unwichtigen Kleinigkeiten in das richtige Verhältnis. Deswegen lebt der Glaube nicht aus der Vergangenheit oder der Gegenwart des Alltags, sondern aus der Zukunft. Glaube ist die tröstende Zuversicht auf die Barmherzigkeit Gottes, mit deren Hilfe er sein Reich aufbaut und immer mehr erweitert.
An dieser Zukunft hält der Glaube fest und lässt sich darin durch keine Langeweile, keine Lethargie, keine Zähigkeit betäuben. Und dann ist die deutsche Fassung jenes Filmtitels vielleicht sogar besser als „the bucket list.“ Besser in einem tieferen Sinn: „Das Beste zum Schluss“, nämlich die Überfülle von Gottes Gnade. Unsere jungen Eltern, unsere Konfirmationsjubilare könnten davon vielleicht auch, mitten in ihrem Alltag und den Geschichten ihres Lebens, davon erzählen.
Und der Friede Gottes, der jeden Alltag überragt und jede Langeweile durch die Begeisterung des Glaubens überwindet, sei mit euch allen. Amen.