(Predigttext: Klgl 3, 22-26.31.32)
Liebe Gemeinde,
dass alles noch viel schlimmer hätte kommen können, ist eigentlich ein schwacher Trost. Wenn es mir nicht gut geht, wenn mir gleichsam die Erde unter den Füßen weggezogen wird, wenn ich nicht sehe, wie es weitergehen soll, dann ist mir das eigentlich zu wenig. „Die Güte des Herrn ist´s, das wir nicht gar aus sind.“ Das kann es doch nicht sein. Ich möchte dann bemitleidet werden, getröstet, möchte Hilfe erfahren, aber nicht gesagt bekommen, was noch alles sonst hätte passieren können. Als wenn ich auch noch dankbar sein müsste, dass ich nicht noch tiefer im Sumpf stecke. Aus dem Tunnel des Leids oder der Trauer bringt mich das erst einmal nicht hinaus. Fast könnte man sagen, Leid und Trauer werden so nicht ernst genommen.
Allerdings, der Verfasser der Klagelieder des Jeremia denkt nicht an unsere großen und kleinen persönlichen Katastrophen, an die Schicksalsschläge, die natürlich auch uns ereilen können. Er hat vielmehr eine Katastrophe vor Augen, die für mich eher in den Erfahrungshorizont der Weltkriege gehört, also eine Zeit, die mein Vater als kleines Kind erlebt hat und die für mich in weiter Ferne zurückliegt. Er hat eine Katastrophe hinter sich, die sich ihm und seinen Zeitgenossen eingebrannt hat. Er versteht nicht den Gang der Geschichte. Jerusalem, die Stadt des Gottes Jahwe, des Gottes Israels, liegt in Trümmern. Er selbst ist mit dem Großteil seines Volkes nach Babylon deportiert. Wird er die Heimat je wiedersehen? Wie mag des den Verwandten und Freunden gehen, von denen er so lange nichts gehört hat. An den berühmten Wassern von Babylon sitzt das Volk und weint. Es stimmt eine Klage an, eine Totenklage. In einer solchen Form sind die Klagelieder geschrieben. Sie hadern nicht nur mit dem Schicksal, sondern auch mit Gott: „Ich bin ein Mann, der Elend sehen muss“, heißt es da. Und: „Gott hat mir Fleisch und Haut alt gemacht. Wenn ich schreie und rufe, so stopft er sich die Ohren zu vor meinem Gebet. Er hat meinen Weg vermauert.“
Harte Worte sind das, die auch mit Gott ins Gericht gehen, die nicht verstehen wollen, nicht verstehen können, warum er das zugelassen hat. Die Heilige Stadt zerstört, der Tempel entweiht und vernichtet. Jeremia beschönigt nichts, nicht seine Verzweiflung, nicht die Verbrechen, die er mit ansehen musste. Er schildert alle Gräuel und wirft sie seinem Gott vor. Er tobt, er schreit, er weint, er hadert, er fleht, er trauert. Er weiß nicht wohin mit den Bildern, die er gesehen hat, sie verfolgen ihn bis in Schlaf hinein. Es mag die Not nicht lindern, aber es mag zumindest helfen, sie hinauszuschreien, auch in Gottes Angesicht. Das lässt die Verzweiflung nicht bei dem Verzweifelten, der sich nur um sich selbst dreht, sondern setzt sie in einen Zusammenhang, der dann vielleicht eine andere Perspektive, einen veränderten Blick und manchmal sogar einen Schimmer der Hoffnung ermöglicht.
Denn dann, mitten in diesem Elend, ganz unvermittelt, man weiß nicht warum, wechselt der Text plötzlich die Tonlage. Nicht mit dem Verstand, mit dem Herzen will der Dichter jetzt sprechen:
Du wirst ja daran gedenken, denn meine Seele sagt mir’s.
Dies nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch:
Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind; seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,
sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.
Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.
Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen.
Denn der Herr verstößt nicht ewig;
sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.
Ist es ein falscher Trost, eine Halluzination, in die er sich jetzt flüchtet? Kann man in all dem Elend jetzt wirklich so reden? Und doch erinnert sich Jeremia hier wohl nicht nur an seine eigene Geschichte, sondern die seines Volkes mit Gott, der sie doch aus Ägypten geführt hatte. Nicht in eine herrliche, glorreiche Existenz, aber immerhin. Und ganz, so meint Jeremia, ist es auch jetzt nicht aus. Auf seine Güte wollen wir weiter trauen, jetzt erst recht, auch und weil wir seine Wege nicht verstehen. Allen Trümmern dieser Welt zu Trotz spricht er das aus: Ich will mich an etwas anderes erinnern, damit meine Hoffnung wiederkommt: Von Gottes Güte kommt es, dass wir noch leben. Ich will mich auch im Dunkeln an das Helle erinnern, das doch mein Leben ebenso ausmacht. Da wo Gott mir dunkel und verborgen ist, will ich ebenso an die Momente erinnern, in denen seine Zugewandtheit klar und deutlich für mich war. Ein trotziges Dennoch schleudert er so dieser Welt entgegen. Das kann, das darf nicht alles gewesen sein. Die Geschichte mit Gott, sie hört hier nicht auf. Und dann auch dieses: Ich will, ich will leben Und: ich will nicht von diesem meinem Gott lassen. Ich weiß nicht, warum alles so geschehen ist, weiß nicht warum Gott das zugelassen hat. Vielleicht ist er mir oft nur eine Rätselmacht: dunkel, verborgen, unnahbar. Und doch erinnere ich mich doch aus seiner Güte: Da, wo ich mich angenommen und verstanden weiß. Da wo ich merke, dass Gott über diese Welt hinausgeht. Wo ich merke, dass die harte Wirklichkeit um mich herum nicht das letzte Wort hat. Ich will leben, das ruft er der Welt um ihn herum und auch seinem Gott entgegen. Mitten im Tod will ich leben und überleben. Weil ich dennoch nicht von Gottes Güte lassen kann. Und vielleicht ist Gott genau da, in diesem trotzigen, nicht zu bändigendem Ich will. Vielleicht ist Gott genau da, nicht bei den Starken und Mächtigen, sondern mitten im Leid, bei den Leidenden.
Ich bewundere Menschen, die in so ausweglosen Situationen, in privaten Katastrophen wie in den großen Katastrophen unserer Zeit den Mut zu diesem Ich will aufzubringen vermögen. Ich wünsche mir, das auch zu können. Nicht abzulassen von dem Vertrauen auf die Güte Gottes.
Schon vor vielen Jahren habe ich ein Buch gelesen, das mir bei diesen Gedanken zu den Klageliedern in den Sinn kam. Es sind die „Ostpreußischen Tagebücher“ des Grafen Lehndorff aus den letzten Kriegsmonaten und den ersten Monaten unter sowjetischer Besatzung in Königsberg, die er als Arzt erlebt hat. Es war klar, dass Deutsche in der alten Metropole Ostpreußens, der Stadt Kants, aber auch des Lieddichter Georg Weissel, dem wir etwa das Adventslied „Macht hoch die Tür“ verdanken, keine Zukunft mehr haben würden. Das spiegelt sich auch in Lehndorffs Schilderungen und seinem Bemühen, auch dem Sinnlosen noch einen Sinn abzugewinnen. Ein Satz ist mir aus den Aufzeichnungen bis heute hängen geblieben. Lehndorff schreibt: „Es ist ein schwer zu beschreibendes Gefühl, auch so ein ad acta gelegter Mensch zu sein. Und wenn man nicht wüsste, dass Gott niemanden beiseite tut, könnte man wohl verzweifeln.“ Der Glaube gegen die Sinnlosigkeit hält ihn am Leben, hilft ihm zu helfen.
Von vielen Menschen weiß ich, dass sie das in dieser schweren Zeit am Leben gehalten hat: das Gott niemanden beiseite tut. Dass er über alles Scheitern und alle Verzweiflung Menschen Kraft zu einem neuen Anfang schenken. Dass er uns die Kraft dazu geben kann, das zu sagen: Ich will, „denn deine Treue ist groß“. Das kann selbst Jeremia in dieser Verzweiflung sagen. Einmal kann er Gott in seiner Klage sogar direkt anreden und Du sagen. Weil er selbst ein von Gott Angesprochener ist: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen: Du bist mein.
Offensichtlich kommt von Gott etwas, was den Menschen ausmacht und das hier seine „unzerstörbare Seele“ genannt wird. Es ist ja diese Seele, diese Lebenskraft, die Gott am Beginn der Schöpfung dem eigentlich nur aus Lehm und Ton bestehenden menschlichen Körper eingehaucht hat und die den Menschen zum Menschen macht. Nicht aus sich selbst, sondern eben durch diesen Anteil an Gottes Leben. Das soll auch in der Katastrophe bleiben und nicht zerstört werden. Trotz allem, ich gehöre zu Gott, das ruft Jeremia hier trotzig der Welt und auch seinem Gott entgegen. Und so wird es für ihn wahr.
Es ist dieser Glaubenstrotz, der es Jeremia erlaubt, mitten in seiner großen Traurigkeit und seinen gut begründeten Ängsten, aufmerksam zu werden auf die Zeichen für die Güte und Barmherzigkeit Gottes. Er zwingt sich dazu, vom eigenen Unglück und dem Leid seines Volkes abzusehen. Er diszipliniert sich und lässt sich nicht hängen. Deshalb schaut der Prophet auf den Anbruch des Morgens und macht sich klar, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, den Beginn des nächsten Tages zu erleben. Der Anbruch des Tages wird ihm zum Zeichen der Barmherzigkeit, der Treue und Zuverlässigkeit Gottes. Die Sonne geht auf, das Licht wird neu, Leben ist möglich, neue Chancen tun sich auf, man kann etwas tun. „Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.“
Verglichen mit den Juden im Exil leben wir in paradiesischen Verhältnissen. Vieles ist dennoch schlimm, macht uns mut- und hoffnungslos. Wir sehen, in welcher gefährlichen Spirale aus Armut, Hass und Gewalt sich dieses Land befindet. Jeremia macht uns vor, wie wir diese Ängste, diese Trostlosigkeit benennen können, ohne dass sie nur gefangen nimmt und weiter nach unten zieht. Vielleicht könnten wir – allen Unterschieden zum Trotz – bei dem Verfasser der Klagelieder in die Schule gehen. Wir können benennen, was uns das Leben und Hoffen so schwermacht. Und bleiben zugleich offen für die manchmal nur verborgenen Zeichen von Gottes Barmherzigkeit und Gnade, die uns umgeben. Und da ist ja nicht nur das Aufgehen der Sonne an diesem Morgen, wie wir es eben gesungen haben zu Beginn des Gottesdienstes.
Ja, genau genommen leben wir inmitten einer Fülle von Zeichen der Güte und Barmherzigkeit Gottes. Wir sollten sie wahrnehmen und aufhören zu klagen. Dem Propheten fällt es schwer, an Gottes Güte und Barmherzigkeit zu glauben. Er hat dafür gute Gründe. Er ist nur knapp einer Katastrophe entronnen und wird tagtäglich mit ihren Folgen konfrontiert. Und dennoch zwingt sich der Prophet dazu, auch die kleinen Zeichen der Güte Gottes wahrzunehmen und sagt sich: „Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind.“ – Im Vergleich mit dem Propheten, im Vergleich mit den Generationen vor uns und im Vergleich mit den meisten Menschen dieser Erde lebt die Mehrzahl von uns inmitten einer Fülle von Zeichen der Gnade und der Barmherzigkeit Gottes. Vielleicht müssten wir mehr darauf unsere Blicke richten? So dass wir einstimmen können in jenen Liedvers:
„Nun aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt!
Wir gehen an unsres Meisters Hand, und unser Herr geht mit.“ (EG 394,1)
Amen.