(Predigt: Markus 9, 17-27)
Mit drei Jüngern ist Jesus auf einen Berg gestiegen, um dort eine Gebetszeit zu haben.
14 Bei ihrer Rückkehr fanden sie die anderen Jünger zusammen mit einigen Schriftgelehrten mitten in einer großen Volksmenge. Die Schriftgelehrten hatten die Jünger in ein Streitgespräch verwickelt.
15 Sobald die Leute Jesus sahen, liefen sie ihm aufgeregt entgegen und begrüßten ihn.
16 »Worüber streitet ihr euch mit meinen Jüngern?«, fragte er sie.
17 Einer aus der Menge antwortete: »Lehrer, ich habe meinen Sohn hergebracht, damit du ihn heilst. Er kann nicht sprechen, weil er von einem bösen Geist beherrscht wird.
18 Wenn dieser Geist Gewalt über ihn gewinnt, wirft er ihn zu Boden. Dann tritt dem Jungen Schaum vor den Mund, er knirscht mit den Zähnen, und sein Körper wird ganz starr. Ich habe schon deine Jünger gebeten, den bösen Geist auszutreiben, aber sie waren machtlos.«
19 Da rief Jesus: »Was seid ihr nur für eine ungläubige Generation! Wie lange soll ich noch bei euch sein und euch ertragen? Bringt den Jungen her zu mir!«
20 Sie brachten ihn, und sobald der böse Geist Jesus erblickte, zerrte er den Jungen hin und her. Der stürzte zu Boden, wälzte sich umher, und der Schaum stand ihm vor dem Mund.
21 »Wie lange leidet er schon darunter?«, fragte Jesus den Vater. Der antwortete: »Von Kindheit an.
22 Schon oft hat ihn der böse Geist in ein Feuer oder ins Wasser geworfen, um ihn umzubringen. Hab doch Mitleid mit uns! Hilf uns, wenn du kannst!«
23 »Wenn ich kann?«, fragte Jesus zurück. »Alles ist möglich, wenn du mir vertraust.«
24 Verzweifelt rief der Mann: »Ich vertraue dir ja – hilf mir doch, meinen Unglauben zu überwinden!«
25 Als Jesus sah, dass immer mehr Leute zusammenliefen, bedrohte er den bösen Geist: »Du stummer und tauber Geist, ich befehle dir: Verlass diesen Jungen und kehre nie wieder zu ihm zurück!«
26 Da stieß der Dämon einen Schrei aus, zerrte den Jungen heftig hin und her und verließ ihn. Der Junge lag regungslos da, so dass die meisten sagten: »Er ist tot!«
27 Aber Jesus nahm seine Hand und half ihm aufzustehen.
Wenn wir wissen wollen, was Glaube ist, dann können wir das gut mit der eben gehörten biblischen Geschichte lernen.
Versetzen wir uns zunächst in die Lage einer der Jünger. Der könnte Folgendes berichten:
Jesus war gerade mal weg. Er hatte sich zum Beten zurückgezogen. Plötzlich kamen viele Leute zu uns. Sie waren sehr aufgeregt. An der Spitze lief ein Mann, der uns seinen kranken Sohn brachte. Der Vater erzählte uns, dass der Teufel den Jungen oft quält: Er kriegt furchtbare Anfälle, wälzt sich dann in Krämpfen auf dem Boden, knirscht mit den Zähnen und hat Schaum vor dem Mund. Außerdem konnte er nicht sprechen und verstand auch nicht, was man ihm sagte. Eigentlich wollte der Vater den jungen Mann zu Jesus bringen, aber der war ja nun nicht da. So fragte der Vater uns Jünger, ob wir helfen können. Klar doch, sagten wir, schließlich gehören wir zu Jesus und glauben an ihn. So legten wir dem Kranken unsere Hände auf, Aber es hatte nicht funktioniert, wir konnten ihn nicht heilen. Die anderen Leute beschimpften uns. Dann kam Jesus vom Beten zurück. Alle wurden still und schauten ihn erwartungsvoll an. Der Vater des jungen Mannes erzählte ihm alles, was passiert war. Da wurde Jesus ärgerlich und sagte: „Was für ungläubige Leute! Wie lange soll ich euch noch ertragen?“ Ungläubig? Wir glaubten doch alle, dass Jesus der Messias ist! Er hatte doch unser vollstes Vertrauen! Dann sagte Jesus: „Bringt den Jungen her zu mir!“ Da ahnte ich, was bei uns schiefgelaufen war.
„Zu mir“ sagte Jesus. Natürlich, Hilfe gibt es bei ihm, nur bei ihm! Nun verstand ich unser Glaubensproblem: Wir wollten den Kranken eigenmächtig gesundmachen.
Also: Der Glaubende kann von sich aus nichts, aber er vertraut dem großen Gott und seinem eingeborenen Sohn, der alles kann. Ich habe aus der Sache gelernt: Das größte Glaubenshindernis bin ich selbst, wenn ich mir einbilde, dass ich mit meinem Glauben etwas Großartiges ausrichten kann. Soweit der Jünger
Betrachten wir nun die Geschichte aus dem Blickwinkel des Vaters.
Was hatte ich nicht alles unternommen, um Heilung für meinen Sohn zu finden! Unzählige Male hatte ich zu Gott gebetet, aber er hatte nicht geholfen. Ich hatte meinen Sohn zu den Priestern gebracht, aber sie hatten mich stets ziemlich kühl abgefertigt. Sie meinten, Gott werde schon seinen Grund haben, warum er mich mit diesem Sohn gestraft hat. Dann aber hörte ich von Jesus, dass er böse Geister austrieb und Kranke gesundmachte. Vielleicht würde Jesus meinen sehnlichsten Wunsch erfüllen und den Jungen gesundmachen. So machte ich mich mit ihm auf den Weg zu Jesus. Viele Leute gingen mit; sie wollten Jesus erleben und ein Wunder sehen. Als ich ankam, wo Jesus angeblich sein sollte, wurde ich enttäuscht: Es waren nur ein paar seiner Jünger da; er selbst hatte sich zurückgezogen. In meiner Not wandte ich mich an diese Jünger, ob sie mir vielleicht helfen können. Sie versuchten es, aber es gelang ihnen nicht.
Als Jesus schließlich selbst erschien, erzählte ich ihm alles, und er ließ den Jungen vortreten. Gerade in diesem Augenblick bekam er wieder einen Anfall. Jesus fragte mich, seit wann es ihm so schlecht geht, und ich antwortete: „Von Kind auf.“ Dann schilderte ich ihm, wie ihn diese Krankheit schon mehrmals in Lebensgefahr gebracht hat. Danach nahm ich allen Mut zusammen und bat Jesus: „Wenn du etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“ Daraufhin sagte Jesus etwas Merkwürdiges zu mir. Er sagte: „Du sagst: Wenn du kannst alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Wollte er damit andeuten, dass mein Sohn schon längst gesund wäre, wenn ich nur stark genug an Gott glauben würde? Ich war ziemlich verwirrt und wusste schon selbst nicht.
Mehr, ob ich glaubte oder ob ich womöglich tatsächlich gottlos war. Aber ich sehnte mich doch so sehr nach Hilfe! So schrie ich: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Tatsächlich fühlte ich mich hin und hergerissen zwischen Glaube und Unglauben. Erstaunlicherweise half Jesus auch mir, dem Zweifler, dem Hin- und Hergerissenen: Er gebot dem bösen Geist, der meinen Sohn gefangen hielt, auszufahren. Da schrie mein Sohn auf, fiel noch einmal hin und lag reglos da, sodass die Leute schon dachten, er sei gestorben. Aber das war nicht der Fall. Jesus fasste ihn bei der Hand und richtete ihn auf. So hat Jesus mir und meinem Sohn geholfen er, der starke Gottessohn, mir dem schwachen Zweifler. Ich habe aus der Sache gelernt: Es kommt nicht darauf an, wie stark man glaubt, sondern dass man an den Richtigen glaubt und ihm vertraut, an Jesus.
Der Sohn könnte Folgendes berichten:
Ich glaube, mein Vater hat unter meiner Behinderung stets mehr gelitten als ich selbst. An die Anfälle kann ich mich selbst gar nicht erinnern, ich weiß nur von anderen, wie dramatisch das immer gewesen sein muss. Ich meinerseits merkte hinterher nur den Muskelkater und die blauen Flecken. Dann kam der Tag, an dem mein Vater sagte: Los, Jesus ist in der Nähe, da müssen wir hin; vielleicht kann er dich gesundmachen. Zunächst fanden wir nur ein paar Jünger von Jesus vor. Sie gaben sich viel Mühe, aber es nützte nichts: Sie konnten mich nicht heilen. Dann erschien Jesus, rief mich herbei und schaute mich ganz ruhig an. Ich war gespannt, was passieren würde. Aber danach bekam ich gar nicht mehr viel mit; erst hinterher hat man mir alles genau erzählt. Mir wurde schwarz vor Augen; ich hatte wieder einen Anfall. Aber ich erinnere mich noch genau daran, dass Jesus dann meine Hand nahm und mir auf die Beine half. In diesem Moment wusste ich: Jetzt bin ich völlig gesund.
Wir können drei Dinge lernen aus diesen Berichten:
Mit den Jüngern lernen wir: Das größte Glaubenshindernis bin ich selbst, wenn ich mir einbilde, dass ich mit meinem Glauben etwas Großartiges ausrichten kann.
Mit dem Vater lernen wir: Es kommt nicht darauf an, wie stark man glaubt, sondern dass man an den Richtigen glaubt, an Jesus.
Und mit dem Geheilten lernen wir: Gott begleitet mich in Leidenszeiten, behütet mich und nimmt mich an die Hand, Durch Jesus erlöst er mich von allem Bösen und schließlich auch von allem Leid an Leib und Seele. Was mich beeindruckte als ich diese Geschichte zum ersten Mal gelesen habe war das Vertrauen des Vaters und die Hand die Jesus dem Jungen reichte.
Der Vater wird zum Vorbild. Er wendet sich an Jesus trotz seiner Zweifel. Diese Seite des Zweifels ist in uns manchmal tief verborgen. Wir trauen uns gar nicht, sie anzuschauen. Wir können sie Jesus hinhalten und auf ihn vertrauen.
Wer glaubt, hat eine Beziehung zu Jesus und vertraut ihm. Er weiß um die Möglichkeiten Gottes und schließt sich an diese Möglichkeiten an. Da dem Herrn über Himmel und Erde nichts unmöglich ist, lebt der Vertrauende in diesem Kraftfeld Gottes.
Stark ist meines Jesu Hand, und er wird mich ewig fassen,
hat zu viel an mich gewandt, um mich wieder loszulassen.
Mein Erbarmer lässt mich nicht; das ist meine Zuversicht. (mein Vertrauen) Wir merken, dass wir diese Hand Gottes brauchen. In der Bibel ist die Hand Gottes Zeichen für Macht, Fürsorge, Schutz und Segen. Die Hände Jesu – Zeichen menschlicher Nähe und der Gegenwart Gottes Wir brauchen diese schützenden, stärkenden Hände für unser Leben.

Michelangelo hatte dieses Händethema in einzigartiger Weise in seiner Zeichnung von der Schöpfung Adams aufgegriffen. Gott streckt Adam seine Hand entgegen. Er wirbt mit dieser Hand um Adams Hand. Fast berühren sich die beiden Hände. Doch genau betrachtet bleibt ein kleiner Spalt zwischen beiden und die Hand Adams ist seltsam leblos, schlaff herabhängend, ja, fast herablassend lässt Adam sie an Gottes Hand knapp vorbei zielen. Mich lässt dieses Bild in Zusammenhang mit dem Psalm Wort, "Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir." (Psalm 139,5) nicht los. Ich kann mich für Adam einzeichnen und frage mich, wie meine Hand aussieht. Sehe ich sein Angebot, dass er mir mit Jesus Christus die Hand hinhält und mir zuruft: "Kehr um und glaube an Jesus Christus. Oder winke ich lässig ab, weil ich viele Gründe habe, nicht einzuschlagen? Weil ich froh bin, dass ich allein laufen kann? Weil ich mir nicht vorstellen kann, dass die Hand Gottes mich freimacht? Weil ich nicht weiß, wie ich die Hand ergreifen soll? Weil ich Angst habe, mich selbst dabei aufzugeben?
Heute geht es um die, die sich frohen Herzens in Gottes Nähe begeben haben, die Gottes Hand als Hand der Liebe kennen und die sich heute fragen, wie es nun weitergeht - in der langjährigen Ehe, in der Schule, in der Gemeinde und mit dem Glauben.'
„Ich glaube daran, dass das größte Geschenk, das ich von jemandem empfangen kann, ist, gesehen, gehört, verstanden und berührt zu werden."
Das größte Geschenk, das ich geben kann, ist, den anderen zu sehen, zu hören, zu verstehen und zu berühren. Christus hat keine Hände, nur unsere Hände um seine Arbeit heute zu tun Berührung drückt Nähe aus, und Zutrauen, Offenheit, Angstlosigkeit. Wer sich berühren lässt, der öffnet sich, der setzt sich aus, der gibt die Kontrolle aus der Hand und ist einfach nur noch Empfangender, Beschenkter. Vielleicht auch Empfindsamer.
Um unsere Heilungsgeschichte richtig zu verstehen, muss man wissen, dass sie nicht umsonst zwischen zwei Leidensankündigungen steht. Und in dem gesamten 9. Kapitel des Markusevangeliums geht es um Nachfolge, was sagt: Alle, die diesem Jesus Glauben schenken, werden nicht davor bewahrt, dass man auch Schweres im Leben bewältigen muss. Oder dass man niemals an einen Punkt kommt, an dem man am liebsten nicht mehr aufstehen möchte. Oder so am Boden liegt, weil etwas passiert ist, dass keinen Sinn macht und niemand gewollt hat. Angefangen hat es mit Gottes Hand, mit Gott, der uns ins Leben gerufen hat, uns diese Hand entgegenstreckt und um uns wirbt. Schlagen wir in seine Hand ein, wird unsere Hand verändert. Sie hängt nicht mehr lässig nach unten, sondern wird lebendig. Gott steht im Mittelpunkt, der Blick aufs Du wird frei, wir wachsen Gott entgegen, verpflichten uns, nach seinem Willen zu leben und erzählen voller Freude, was der Herr an uns getan hat und an allen Menschen tun will.
Hände, die segnen und Gutes tun,
Hände, die schaffen und niemals ruhn.
Hände, die liebend Strauchelnde halten,
Hände, die fromm zum Gebet sich falten.
Hände, die dankend zu Gott sich erheben.
Menschenhände: so braucht sie das Leben.
(H. Klemm)
Amen.