(Predigttext: 1. Kor 2, 1-10)
1 Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen.
2 Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten.
3 Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern;
4 und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft,
5 auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.
6 Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen; doch nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.
7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit,
8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.
9 Sondern wir reden, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«
10 Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes.
Liebe Gemeinde!
Zu den Romanfiguren, die ich besonders mag, gehört Dubslav von Stechlin. Er ist ein etwas knorriger und eigenwilliger Landedelmann im Norden der alten Mark Brandenburg. Theodor Fontane hat ihn mit viel Sympathie in seinem letzten großen Roman „Der Stechlin“ beschrieben – und vermutlich hat er auch ein gehöriges Stück Selbstbeschreibung in diese Schilderung gelegt. Dubslav ist gleichsam der Idealtyp eines märkischen Adeligen, aber – wie Fontane schreibt – „von der milderen Observanz, eines jener erquicklichen Originale, bei denen sich selbst die Schwächen in Vorzüge verwandeln.“
Zu den Schwächen des Dubslav von Stechlin gehört seine Vorliebe für das Widersprüchliche, das Unerwartete, das Paradoxe: „Er hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und extremer, desto besser. Dass sich diese Meinung mit der Seinen deckte, lag ihm fern zu wünschen. Paradoxen waren seine Passion. Ich bin nicht klug genug, selber welche zu machen, aber ich freue mich, wenns andere tun, es ist doch immer was drin. Unanfechtbare Wahrheiten gibt es überhaupt nicht, und wenn es welche gibt, sind sie langweilig.“
Ob Paulus und Dubslav sich verstanden hätten? Immerhin, das, was Paulus an diesem 2. Sonntag nach Epiphanias bietet, ist widersprüchlich, unerwartet und paradox. Und es ist gewiss „was drin.“
Unerwartet schon deshalb, weil wir von Weihnachten und seiner Licht- und Frohbotschaft herkommen. Jetzt, in der Epiphaniaszeit, ist das noch einmal Thema. Das Licht soll weiter scheinen in unseren Alltag, es soll der Welt erscheinen und erkennbar werden. In der Anbetung der Weisen aus dem Morgenland, in der Taufe Jesu, in dem Weinwunder von Kana. Epiphanias – die Herrlichkeit des Herrn soll deutlich werden, das bedeutet diese nachweihnachtliche Zeit. In dem Kind in der Krippe wendet Gott sich wirklich den Menschen zu. In Jesus, der getauft wird von Johannes, der den Menschen nahe ist in seinen Worten und Taten, der aber auch Anstoß erregt, der schließlich wie ein Verbrecher gekreuzigt wird, scheinbar von Gott verlassen und doch ganz von ihm angenommen, kommt Gott auf diese Welt.
Wer da nun Worte vom weihnachtlichen Licht erwartet, der wird von Paulus in der Tat enttäuscht. Denn zunächst scheint dieses Licht im Verborgenen. Nicht im Königspalast von Jerusalem, sondern in ärmlichen Verhältnissen in Bethlehem finden die Weisen das Kind. Nicht in einer Hochzeit in der Metropole, sondern im heimatlichen Kapernaum geschieht Jesu erstes Wunder und das ohne, dass er sich dabei zu erkennen gibt. Die Geschichten dieses Sonntags thematisieren das Unerwartete, das Widersprüchliche und Paradoxe.
Für Paulus waren die Christen zunächst Feinde all dessen gewesen, was ihm heilig war. Erbittert verfolgte er sie, bis er sein „Damaskus“ erlebte, die große Wende in seinem Leben. Immer wieder beruft er sich in seinen Briefen auf dieses Erlebnis. Jesus Christus, dessen Anhänger er verfolgt hatte, wurde ihm plötzlich zum Herrn seines eigenen Lebens, weil er erkannte: Christus gibt meinem Leben Tiefe. In ihm weiß ich mich geborgen, ganz angenommen in meinen Schwächen, meiner Rastlosigkeit und Verzweiflung, meiner Unsicherheit und meiner Überheblichkeit.
Sein Weg zum christlichen Glauben muss für Paulus selbst eine völlig überraschende, eine ganz unerwartete Erfahrung gewesen. Im Ereignis seiner Bekehrung hatte er gleichsam sich selbst verloren – und dann ganz neu gefunden. All seine Weisheit und Gelehrsamkeit, seine Frömmigkeit wie der Stolz auf seine Herkunft waren mit einem Mal bedeutungslos geworden. Es traf ihn vollkommen unvermittelt, sprach gegen jede Logik seiner Biographie und seiner Lebensplanung, gegen jede seiner so mühsam erworbenen Erkenntnisse und Fähigkeiten. Ein Widerspruch, eine Paradoxie ohnegleichen. Seine Weisheit war am Ende, als er sie durch eine vermeintliche Torheit ersetzte. In den Dienst dieser Torheit stellte er sich nun mit seinem ganzen Leben. Gerade in dieser Torheit, so Paulus weiter, ist aber alle wahre Weisheit, echter Lebenssinn und echte Tiefe verborgen, nur wenigen offenbart durch den Geist Gottes. So war es ihm geschehen. Diese Weisheit hatte einen Namen, und den hat er – wieder und wieder – seinen Gemeinden mitgeteilt, gepredigt, bezeugt: Jesus Christus allein, den Gekreuzigten, in dem Gott sich ins Leid, in der Schwäche, im Tod an die Seite der Ohnmächtigen, der Unscheinbaren, der Verkannten stellt.
Entsprechend war Paulus wohl auch in Korinth ausgetreten. Das war nicht bei allen gut angekommen. Unscheinbar, ohne besondere Ausstrahlung. Kein begnadeter Prediger, kein wirklicher Sympathieträger. Leidenschaftlich, eigenbrötlerisch, verletzend in seiner Schärfe, aber ganz gewiss ehrlich. Kein Experte für spirituelles Gemeindemanagement. Kein Mann der Hochglanzbroschüren. Auf Twitter hätte er vermutlich nicht viele Follower gehabt. Nicht auf menschlicher Weisheit sollte der Glaube gründen, sondern die Einfachheit, die Schlichtheit, auch die Schwachheit, sie sollten allein auf die Kraft Gottes verweisen, ihm die Ehre geben.
So redet Paulus auch in diesen Briefversen von solchen Widersprüchen und Paradoxien und die jeder menschlichen Weisheit, jedem Gesetz des gesunden Menschenverstandes widersprechen.
In seiner Gemeinde in Korinth ist Paulus dieser Weisheit wohl oft begegnet. Sei es in der Philosophie seiner Zeit, die bei aller Problemanalyse die Welt noch als Ganzes begreifen wollte. Der wirklich Weise mochte die Geheimnisse der Welt erkennen, er konnte an ihren Widersprüchen resignieren, aber er konnte doch auch versuchen, sein Schicksal anzunehmen, sich in den Lauf der Welt zu ergeben und so dem Göttlichen ähnlich zu werden. Diese Weisheit wird so auch zur Lebenskunst, sei es, um seinen Weg zum Göttlichen zu finden, sei es, um den Pfad zu finden, sich wirklich selbst annehmen, ja mit sich selbst befreundet sein zu können. Weisheit und Lebenskunst machten das Leben irgendwie erträglich und handhabbar.
Paulus knüpft an all das an. Aber geht zugleich darüber hinaus, weil es das Kreuz ist, das all diese Weisheit überbietet, ja verwandelt. Denn nur hier liegt für ihn das Geheimnis der Welt verborgen. In immer neuen Anläufen hat Paulus dieses Geheimnis umkreist, immer neu beschrieben in theologischen Bildern, die immer aus der eigenen Lebens- und Glaubenserfahrung resultieren. Darin liegt der Lebensbezug, die Lebensdienlichkeit des christlichen Glaubens. Aber dieser Glaube lebt davon, dass da zugleich ein Rest bleibt, etwas, das nicht erklärbar, nicht handhabbar ist, ein Riss im Verstehen, der nicht aufgelöst, nicht wegharmonisiert werden kann.
Robert Gernhardt hat das in unseren Tagen das so formuliert:
„Wir ziehen enge Kreise
mit ziemlich kurzem Schritte.
Das Kreisen nennt man Leben.
Doch wie nennt sich die Mitte?
(…)
Es hat der Kreis kein Ende.
Wie anders unser Kreisen.
Da geht ein Riss durchs Leben.
Doch was will der beweisen?“
Der Riss im Verstehen, der Riss durchs Leben – für Paulus liegt genau hier der Ort, wo das Kreuz Bedeutung gewinnt. Denn von hier fällt das Licht ins Leben, da, wo es nicht erwartet wird. Mitten in der eigenen Schwachheit, dem eigenen Nichtverstehen, scheint das Licht, die Herrlichkeit Gottes auf – Epiphanias eben.
Paulus war von Natur aus kein starker Mann. Oft war er krank. Auch seine rednerische Gabe war eher bescheiden. Sicher kein Mensch, der in der heutigen Medienwelt leicht bestehen könnte. Aber es war diese immer neue Erfahrung des Paulus: wo ich Jesus begegne, da macht er mich neu, gibt mir neue Kraft; er hebt mich nicht einfach nur in eine andere Welt, sondern er macht mich stark, in dieser Welt zu bestehen. Weil ich durch Jesus Christus aufgehoben und geborgen bin – über alle Maßstäbe dieser Welt hinaus.
„Denn ich hielt es für richtig nichts unter euch zu wissen als den Gekreuzigten“ – so schärft es Paulus seinen Korinthern wieder und wieder ein. Und meint damit auch dies: Wenn wir mit unserer Weisheit am Ende sind, wenn wir erkennen, dass uns manches verborgen ist, hilft manchmal nur das Eingeständnis der Ratlosigkeit, des Nichtwissens. Da bleibt uns vielleicht nur das Hoffen, dass sich Gottes Nähe auch im Dunkel erweisen wird, wo er in einem Lichte wohnt, dem keiner nahen kann (EG 379,1).
In diesem Widerspruch, diesem Paradox des Kreuzes, fand Paulus neues Leben und neue Hoffnung. Darin schien im Gottes Licht, auch in Dunkelheit und Schwachheit. Wider alle Wahrscheinlichkeit und wider alle Erwartung. Das führte in zugleich zu einer manchmal verstörenden letzten Ehrlichkeit, die schonungslos und radikal wirken konnte.
Dubslav von Stechlin hätte wohl nicht nur diese „Paradoxen“, sondern gerade diese letzte Ehrlichkeit geschätzt. Als es mit Dubslav zu Ende geht, ist es nämlich genau das, was für ihn an seinem Dorfpastor Lorenzen zum Kennzeichnen echten Christentums wird. Dass es den Riss im Leben nicht wortreich erklärt oder wegdiskutiert, sondern in einer letzten Ehrlichkeit die Widersprüche stehen lassen kann und gerade so Gottes Liebe bezeugt. Lorenzen jedenfalls verschont seinen Schlossherrn im Sterben mit billigem Trost. Er vertuscht Fragen und Zweifel gerade nicht und wird so zum echten Seelsorger. So räsoniert Dubslav schließlich: „Dieser Lorenzen is eigentlich gar kein richtiger Pastor. Er spricht nicht von Erlösung und auch nicht von Unsterblichkeit, und is beinah, als ob ihm so was für alltags wie zu schade sei. (…) Is gerade wie mit den Doktors. Aber zuletzt begibt man sich und hat den Doktor am liebsten, die einem ehrlich sagen: Hören Sie, wir wissen es auch nicht, wir müssen es abwarten.“
Ja, Gott mag so im Dunkel wohnen. Aber ebenso gilt selbst im Dunkel: „Den keiner je gesehen, noch künftig sehen kann, will dir zur Seite gehen, und führt dich himmelan“ (EG 379, 4).
Amen.