2018-05-20 - Pfingsten - Pastorin Heike Jakubeit

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen.

 

Ein Fest feiern wir. Pfingsten. Obwohl: weder steht hier eine große Torte zum Geburtstag der Kirche bereit, noch feiern wir einen Open-Air Gottesdienst, bei dem uns der Wind um die Nase wehen kann. Kein Pfingstfeuer erwartet uns draußen nach dem Gottesdienst. Und auch kein Pfingstochse ist geschmückt. In unserer Kirche wird der Heilige Geist etwas nüchterner betrachtet. Manchmal vielleicht so nüchtern, dass einige die Lebendigkeit, die sie mit ihm verbinden, woanders suchen. In unserem Land gibt es der Kirchen viele, die den Heiligen Geist zentral für ihr Glaubensleben verstehen. Und viele Christinnen und Christen finden dort ihr zuhause.

 

Der Heilige Geist – mit Worten des Theologen Fulbert Steffensky, würde ich ihn in unserer Tradition zum ‚Schwarzbrot des Glaubens‘ rechnen. Schwer zu verdauen. Denn so faszinierend seine Macht auch ist, so schwer fassbar ist sein Sein. Geist eben ☺ Schillernd und schwirrend, schwerelos und voll anbetungswürdiger unsichtbarer Schönheit.

 

Schwarzbrot – eine Brotnation weiß, dass eine Toast- oder Weißbrotschnitte, die in den Händen und auf dem Gaumen wie Gummi klebt, kein nahrhaftes und gutes Brot ist. Vielleicht darf es doch ein bisschen schwerer im Geschmack und beim Kauen sein.

 

Im ersten Korintherbrief finden wir solche Worte über den Heiligen Geist an Pfingsten. Sie liegen schwer auf der Zunge. Wie Schwarzbrot. Hin-und-her-kauen müssen wir sie schon ein wenig, um zu entfalten, was sie an Gutem und Nahrhaftem der Seele schenken. Wie in unserer Kirche üblich - sehr nüchtern, eher theoretisch - schreibt der Apostel Paulus über den Heiligen Geist.

 

Im 2. Kapitel heißt es in Vers 12-16:

12 Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist.

13 Und davon reden wir auch nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen.

14 Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden.

15 Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt.

16 Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen«? (Jesaja 40,13) Wir aber haben Christi Sinn.

 

Paulus schreibt an eine Gemeinde, in der es den Gemeindegliedern schwer fällt, das ‚Gewese‘ um den Heiligen Geist einzuordnen. Das geht uns heute ja manchmal genauso. Ist es zu charismatisch, wenn Menschen im Gottesdienst von ihrem Glauben Zeugnis ablegen? Sind Geistbegabte die besseren Christen? Stehen sie über uns, weil sie über ihre Geisterfahrung Auskunft geben können? Oder kann der Geist da nicht sein, wo vorformulierte Gebete die Tradition sind?

 

Mit seinen Worten möchte Paulus der Korinther Gemeinde und damit auch uns Verschiedenes in Erinnerung rufen.

 

1. Niemand kann sich als stolzer Besitzer oder stolze Besitzerin des Heiligen Geistes betrachten. Und als solcher oder solche überheblich auf andere herabsehen. So, als sei die Erfüllung mit dem Heiligen Geist eine Vorzugsbehandlung Gottes und mache die einen besser als die anderen. Paulus wünscht sich dagegen, dass alle zusammen sich als Menschen begreifen, die etwas von Gott empfangen. Wie groß auch immer Unterschiede zwischen Menschen sein können, Sprache, Bildung, Kultur, Reichtum, Herkunft: Vor Gott sind alle Menschen gleich. Wir sind und bleiben auf den angewiesen, der uns das wahre Leben schenkt. Wenn wir uns nicht als diejenigen begreifen, die demütig Gottes Geist empfangen, dann stehen wir in Gefahr, dass wir unseren eigenen Geist des Stolzes und der Hochmut in unseren Herzen regieren lassen.

 

2. Was uns der Geist Gottes schenkt, ist der Welt eine Torheit. Menschliche Weisheit kann das Kreuzesgeschehen gar nicht begreifen. Diejenigen, die offen sind für das Gottesgeschenk des Heiligen Geistes, schon. Nur im Glauben sind Tod und Auferstehung Jesu Christi erfassbar. Und genau das macht die Christen anders und stellt sie in Gegensatz zu dieser Welt. Deshalb gilt auch in ihrer Lebensführung: Nicht an ihren Worten, sondern an ihren Taten werdet ihr sie erkennen. Die Früchte des Geistes geben darüber Auskunft, wie es um das Wirken des Heiligen Geistes in einem Menschen bestellt ist. Ein gutes Kriterium beim Beobachten derjenigen, die so stolz auf ihre Geistesgaben sind. Paulus denkt vielleicht an die Gabe der Prophetie oder der Zungenrede.

 

3. Es gelingt uns Menschen am Ende wohl nicht, darüber zu urteilen, ob jemand von Gottes Geist ergriffen und erfüllt ist, oder nicht. Wie vermögen wir es, dass jemandem abzusprechen oder zuzusprechen? Da, wo heutige Propheten sich als geisterfüllt bezeichnen und Menschen zum Gras- und Schlangen-essen-Lassen verführen, mögen uns unsere Vernunft und Erfahrung noch dienlich zu einer Beurteilung sein. Wir müssen es allein Gott überlassen, darüber zu befinden. Das fällt uns schwer, dass wir an dieser Stelle dazu verurteilt sind, nicht urteilen zu können. Ist das jetzt wahre Zungenrede oder reine Show? Wir müssen es in Gottes Hand legen. Sich auf das Gottesurteil berufen - in der Auseinandersetzung mit seinen Gegnern hat Paulus diese Klarstellung häufig geholfen.

 

Am Ende kommt der Apostel zu dem Schluss, dass wir uns damit abfinden müssen, einfach viel zu wenig zu wissen. Unser Verstand kann Gott nicht fassen. Die Summe seiner Gedanken ist mehr als die Sandkörner, die wir jemals zählen könnten. In seiner Zeit sind tausend Jahre wie ein Tag. Wie also könnten wir dann auch jemals seinen Geist fassen? Den Schöpfergeist. Den Geist der Freiheit, der weht, wo er will? Nicht alles Begreifen-Können, nicht auf jede Frage eine Antwort haben, nicht verurteilen dürfen – das gehört zum Glauben dazu.

 

Was wir aber haben, das ist etwas, das sehr konkret und fassbar ist. ‚Wir haben Christi Sinn!‘, sagt Paulus. Wir sind getauft auf seinen Namen und in seine Nachfolge gerufen. Nicht in unserem, sondern in seinem – Christi – Sinn versuchen wir unsere Wege zu ziehen! Er hat uns vorgelebt, wie sein Weg aussieht. Der Geist Gottes führt zwangsläufig zu IHM hin.

 

Jörg Zink führt diesen Gedanken in einem seiner Werke so aus: ‚So berichtet die Pfingstgeschichte, in den verschlossenen Raum, in dem sich die verängstigten Christen versammelt hätten, sei ein Feuer hineingefahren und habe sie sozusagen umgeschmolzen. Und dieses Feuer war von da an nicht mehr nur ein Bild für den Geist Gottes, sondern ein Bild auch des Menschen, der von ihm entzündet ist.‘ (Dornen können Rosen tragen. Mystik – Die Zukunft des Christentums, Kreuz Verlag Stuttgart, 1997, S. 257, ff)

 

‚Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott…‘ Das feiern wir heute. Nicht mit viel Symbolik und großer Dekoration, weil wir den Atem Gottes, seinen Geist, der weht, wo er will, sowieso nicht einfangen könnten. Aber, wir sind uns dessen bewusst, dass er uns brennend machen kann und muss, damit Gott weiter im Antlitz Christi unter uns Menschen wohnen kann. Leben ist Bewegung. Vielleicht ist unsere Nüchternheit ja auch ein Ausdruck von Gelassenheit im Auf- und Ab des Lebens. Dass dieser Geist da ist und uns geschenkt ist: Ist das nicht schon Be-Geisterung genug?

 

Amen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.