In sechs Monaten auf den Tag feiern wir in dieser Kirche Heilig Abend. Die Nächte werden wieder kürzer sein und die Tage länger. Wassermelone und Braaivleis haben Hoch-Zeit. Johannistag – heute begehen wir ‚Klein-Weihnachten‘. Hätten Sie es gewusst?
Zwar ist er – trotz gleichen Namens - nicht der Namenspatron dieser Gemeinde, dennoch wäre auch diese Gemeinde ohne den Wegbereiter Christi, Johannes, den Täufer, nicht denkbar. Als „Stimme in der Wüste“ ist er übrigens der Patron der Kirchenmusik.
„Er – Jesus - muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ (Johannes 3,30) Das sagt Johannes der Täufer, der laut Kirchentradition heute Geburtstag feiert. Laut biblischem Zeugnis sechs Monate vor Jesus geboren. Weil er in seiner Bedeutung so wichtig ist, hat auch die evangelische Kirche diesen Tag in ihrem Jahresrhythmus fest verankert. Die liturgische Farbe ist übrigens weiß – wie an Weihnachten.
Immerhin drei Kantaten hat der große Johann Sebastian Bach ("Christ unser Herr zum Jordan kam "(BWV 7), "Freue dich, erlöste Schar" (BWV 30) und "Ihr Menschen, rühmet Gottes Liebe" (BWV 167)) diesem Festtag gewidmet.
Johannes der Täufer ruft die Menschen zur Buße. Er lädt sie dazu ein, die alten Wege zu verlassen. Sich zu Gottes Anspruch auf unser Leben hin loslassen. Menschen lieben und nicht moralisch verurteilen. Den alten Adam mit seinen Kleidern des Hochmuts und Eigensinns ablegen. Eintreten in einen Raum aus lauter Licht und Güte. Auf die Gnade Gottes vertrauen. Umkehren eben.
„Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ Darin klingt ein bisschen das Kindergebet an: ‚Ich bin klein, mein Herz mach rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein‘‘. Als Erwachsene müssen wir gestehen, dass unsere Herzen leider nicht so ganz rein geworden sind. Jesus hat viele unangenehme Mitbewohnerinnen und Mitbewohner in ihm. Stolz, Neid, Gier, Rachsucht. Solche Namen tragen sie. Sie trennen von einem gelungenen Leben mit ihm.
„Christus muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“, wenn das nicht auch unser Maßstab im Zusammenleben ist, sieht es düster aus in dieser Welt. Immer wieder müssen wir neu fragen, ob das, was geschieht, sich an dieser Vorgabe messen lässt. Bei aller Gemeindearbeit, die wir tun, müssen wir fragen, ob es hier um die Ehre Gottes geht. Denn in unserer Gesellschaft gibt es schon genügend Plattformen, die Menschen zu ihrer Selbstdarstellung und Selbstvermarktung nutzen. Wir müssen für solche Zwecke wahrhaft keine weiteren schaffen.
„Christus muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ Mit dem Einsatz seines Lebens führt Johannes uns vor Augen, was das manchmal bis ins Letzte hinein bedeuten kann.
Im ersten Petrusbrief heißt es im 1. Kapitel (8-12):
8 Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude,
9 wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.
10 Nach dieser Seligkeit haben gesucht und geforscht die Propheten, die geweissagt haben von der Gnade für euch,
11 und haben geforscht, auf welche und was für eine Zeit der Geist Christi deutet, der in ihnen war und zuvor bezeugt hat die Leiden, die über Christus kommen sollten, und die Herrlichkeit danach.
12 Ihnen ist offenbart worden, dass sie nicht sich selbst, sondern euch dienen sollten mit dem, was euch nun verkündigt ist durch die, die euch das Evangelium verkündigt haben durch den Heiligen Geist, der vom Himmel gesandt ist, – was auch die Engel begehren zu schauen.
Der Schreiber des 1. Petrusbriefes weiß um den Weg der Umkehr, der mit Johannes dem Täufer begonnen hat. Johannes war nicht der einzige, der dem Messias den Weg bereitet hat. Allerdings, war er der erste am Beginn einer neuen Zeit. Wie die Propheten im Alten Testament bereitet er dem Sohn Gottes den Weg. Im Lukasevangelium antwortet er auf die Fragen seiner Täuflinge nach einem gottgefälligen Leben bereits in Jesu Sinn. Um Gottes Willen geht um das Helfen, Teilen und Loslassen im Leben.
Im Gegensatz zu den Propheten des Alten Testaments durfte Johannes Jesus ganz persönlich in die Augen schauen. Wer ins Johannisfeuer hineinschaut, soll übrigens gute Augen bekommen. Das ist wohl eine Anspielung auf die seherische Kraft des Johannes. Es passt in übertragenem Sinn auf das, was Christen tun sollen: sehen, wo ein Mensch Hilfe braucht. Wohin der Weg führt, der mit einer Umkehr zu Gott beginnt, beschreibt der 1. Petrusbrief mit einer Zielangabe. Es geht um unserer Seelen Seligkeit. Das hätte auch Johannes so sagen können. Kann es neben der Seelen Seligkeit überhaupt ein höheres Ziel für ein Menschenleben geben?
Der Schreiber des 1. Petrusbriefes weiß um die Bedrängnisse der Christinnen und Christen, an die er sich richtet. Wegen ihres christlichen Lebenswandels werden sie ausgelacht, sind in der Gesellschaft geächtet. Neben die soziale Ausgrenzung treten Verfolgungsmaßnahmen durch die Römische Verwaltung.
Und dennoch: Das Ziel des Glaubens ist und bleibt der Seelen Seligkeit. Es bleibt unaufgebbar und unverrückbar. Allein dafür lohnt es sich zu leben. ‚Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude…‘
Weder Engel, Mächte noch Gewalten können die Menschen, die diesem Ziel des Glaubens folgen, trennen von der Liebe Gottes. Auf eine vollkommene Gemeinschaft mit Gott leben wir hin. Am Ende, da teilen die Engel, die doch Gott jetzt schon so nahe sind, genau diese Sehnsucht. Ganz und gar heil sein, weil nichts mehr uns von Gottes Gegenwart trennt.
‚Ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude…‘ Diese Gnade, die uns verkündigt ist, das Heil Gottes zu schauen, ist Grund zur Freude – auch im Schweren. Wir sagen häufig, dass der Weg das Ziel sei. Das ist nicht in genau diesem Sinne auf die Worte aus dem 1. Petrusbrief zu übertragen. Dennoch steckt ein Hinweis darin. Denn jetzt schon leben wir ein Stück weit von diesem Angekommen-Sein bei Gott! Uns ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir leben nicht in stabilen Verhältnissen. Noch ist unser Leben bedroht und gefährdet. Aber, das hindert uns nicht daran, unser Leben zu dem hin auszurichten, der das Leben in Fülle schenkt. Von unserem Ziel her bestimmt sich unser Weg. Über dem Tod steht der Sieg des Lebens. Noch keinem Herrscher dieser Welt ist es jemals gelungen, die Macht dieser Liebe Gottes zum Leben zu besiegen…
Vor ein paar Wochen haben hier die Konfirmandinnen, die im Oktober konfirmiert werden, ihre Auslegung der Seligpreisungen vorgestellt. Selig seid ihr, wenn ihr Lasten tragt, wenn ihr einfach lebt… Wenn ihr dem Bauarbeiter an der Kasse vor euch, die zwei Rand gebt, um die er sich verrechnet hat, und die ihm jetzt in der Hosentasche für sein Mittagessen fehlen. Selig seid ihr, wenn ihr die von Gott umsonst und bedingungslos geschenkte Gnade weiter austeilt.
Von Meister Eckhart, dem spätmittelalterlichen Theologen sind diese Worte überliefert: Ich ward gefragt, welcher Unterschied bestehe zwischen Gnade und Seligkeit. Gnade, wie wir sie hier in diesem Leben erfahren, und Seligkeit, die wir späterhin besitzen werden im ewigen Leben, die verhalten sich zueinander wie die Blüte zur Frucht.
Unserer Seelen Seligkeit ist durch ein unsichtbares Band mit einer anderen Welt verbunden, die uns noch unbekanntes Land ist. Nahezu unglaublich, was uns dafür verheißen ist: ungetrennte Gemeinschaft mit Gott. So großartig ist das, dass wir jetzt schon von dieser Aussicht darauf leben können. Vielleicht macht das in der Gegenwart manchen Weg nicht leichter. Aber zumindest haben wir dabei den an der Seite, der uns auf allen unseren Wegen durch Dunkel und Licht unsichtbar begleitet. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen. Und der dich behütet, schläft nicht.