2018-07-08 - 6. Sonntag nach Trinitatis - Pastorin Heike Jakubeit

(Apg 8, 26-39)


Hans hat seinen Führerschein nicht mehr erneuert bekommen. Jetzt sind er und seine liebe Karla darauf angewiesen, dass Tochter Sabine die Einkäufe übernimmt. Schade, denn das Aussuchen der Waren hat ihnen immer viel Spaß gemacht. Caroline geht schon ein paar Wochen abends nicht mehr zum Sport. Der Chef hat Überstunden angeordnet. Sie schafft es zeitlich einfach nicht mehr. Und Marianne: Die hat sich nun doch gegen die Knie-Operation entschieden. Sie hat zu große Angst. Bei Martha ist alles schiefgelaufen. Sie sitzt jetzt im Rollstuhl.

 

Menschen werden in dem, was sie wollen, manchmal eingeschränkt, verhindert. Verwaltung, Autorität, mangelnde Aufklärung, Angst: Dafür kann es viele Gründe geben.

 

Wie gut, dass der Jugendchor des Helmholtz-Gymnasiums, Potsdam, unter der Leitung von Helgert Weber sich trotz des Früh-aufstehen-Müssens und der sicher sonst auch anstrengenden Tage sich nicht davon hat hindern lassen, heute diesen Gottesdienst musikalisch mitzugestalten ☺

 

Es tut weh, wenn Leben beschnitten wird. Der Druck ist zu spüren, der uns in eine Ecke treibt. Kaum ein Entkommen möglich. Der Raum ist beengt. Es ist, als fehle uns plötzlich die Luft zum Atmen.

 

An diesem Morgen haben wir in der Lesung eine Gegen-Geschichte zu dem gehört, was Leben im Leben verhindert.

 

Sicher waren dazu ein weiter Weg und auch – so ist zu vermuten - eine unbequeme Reise nötig - von Äthiopien und bis dorthin zurück. Ein Weg, der durch viel Wüste führt. Die Straße ist öde. Nicht unbedingt ein Weg, den wir uns aussuchen würden.

 

Aber, wenn es sein muss: Wer würde sich da nicht gute Begleitung wünschen? Dem Kämmerer aus Äthiopien, den die Bibel als Eunuchen beschreibt, schickt der HERR den Philippus. Gerade im rechten Moment. Denn, an dem Punkt, an dem der Schatzmeister am Hof der äthiopischen Königin sich jetzt befindet, ist er alleine ganz schön verloren.

 

Er sinnt über Wörter nach. Wörter, die sich ihm nicht erschließen. Als würde man eine Text-Aufgabe der Prüfungsarbeit lesen und doch nicht verstehen, was man tun soll. Die Worte auf dem Papier bleiben sinnlos und leer.

 

Lebensworte hat die Heilige Schrift, in der dieser mächtige Mann liest. Was aber, wenn sie aber gerade gar nicht in mein Leben hineinsprechen?

 

Wie gut, dass Philippus da ist! Er ist ein wahrhaft guter Begleiter. Denn bevor er auch nur irgendetwas sagt, beobachtet er erst einmal, was los ist. Er versucht, zu verstehen, in welcher Situation sein Gegenüber sich da befindet. Sein erster Schritt der Kontaktaufnahme ist das Zuhören. Wie wohltuend wäre das, wenn uns andere Menschen nicht immer gleich mit ihren Ratschlägen, Hinweisen und ihren Erfahrungen belämmern würden…

 

Philippus versucht, sich einzufühlen. Sein Gegenüber bleibt ihm fremd, denn die gedankliche Sackgasse, in die sich dieser Mensch begeben hat, ist nicht seine. Die Worte des Propheten Jesaja sprechen ja zu ihm, Philippus. Geben seinem Leben Sinn. Ohne diese Worte gebe es all die anderen nicht, die zu erzählen sind von Jesus Christus - dem Leben, das erschienen ist.

 

‚Verstehst du auch, was du liest?‘ - ‚Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet?‘

 

Die Welt kann sich über die Kirche ärgern, sie langweilig finden oder heuchlerisch, als Opium für das Volk sehen, sie für autoritär, korrupt oder unentschlossen sowie überflüssig halten, aber diese beiden Sätze: ‚Verstehst du auch, was du liest?‘ - ‚Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet?‘ sagen an, um was es der Kirche im Kern geht. Es geht um Herzensbildung. Eine Ausbildung des Menschen mit Herzen, Mund und Händen. Um lebenswertes Leben, das den hohlen Versprechungen der Mächtigen dieser Welt keinen Glauben mehr schenkt. Die Verlockungen des Reichtums als Lüge entlarvt. Herrschsucht abschreibt, weil Gott der Herr alleine ist. Gott ist das Wort, aus dem heraus sich wahres Leben erschließt.

 

Und wenn die Welt in ihren Debatten um gelungene Schulausbildung nur einmal in den Mittelpunkt stellen würde, dass Bildung eine Weggemeinschaft von Lernenden und Lehrenden ist, dann wären alle Schulen ‚Treibhäuser der Zukunft‘: (So lautet der Titel eines Films über Schulen, die gelingen)

 

Wer erforschen will, was hinter dieser vordergründigen Welt mit all ihren Worten liegt, der wird das Leben finden. Er oder sie muss auf Menschen treffen, die auch bereitwillig darüber Auskunft geben wollen. Die sich deswegen nicht schämen. Philippus ‚tat seinen Mund auf‘, lesen wir in diesem Kapitel der Apostelgeschichte. Er predigt mit dem alttestamentlichen Schriftwort beginnend, Jesus, den Christus. Glauben muss sprachfähig sein. Etwas, das hier in Südafrika übrigens viel besser gelingt, als in Deutschland.

 

‚Was hindert’s, dass ich mich taufen lasse?‘ Der Kämmerer aus Äthiopien setzt ein Zeichen! Woher er, der den Propheten Jesaja nicht auf Christus hin ausdeuten konnte, wohl wusste, dass für die Kirche die Taufe das Zeichen der Zugehörigkeit zu Christus ist?

 

‚Was hindert’s, dass ich mich taufen lasse?‘ Die Welt mit ihren Verlockungen jedenfalls nicht. Auch die Welt nicht, die gerne über Menschen, die an Gott glauben, spottet. Auf seinem persönlichen Weg ist es dem Kämmerer ganz egal, was die anderen wohl davon halten werden. Er denkt nicht daran, ob es ihm wohl Schwierigkeiten bringen würde, in seinem Beruf. Das, was er von Jesus Christus erfahren hat, hat sein Herz fest gemacht. Der HERR ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen? (Psalm 27,1f)

 

Fern von der Heimat trifft er seinen Entschluss. Nicht da, wo die Sicherheit und die Vertrautheit wohnen. Vielleicht ist Gott besonders in der Fremde zu Hause. Da, wo unser Leben unsicher ist. Wo die Füchse und die Hasen sich gute Nacht sagen. Wo kein Orientierungspunkt auf ödem Weg ist. Auf den Durststrecken des Lebens findet sich keiner mehr, außer Gott allein.

 

‚Er zog aber seine Straße fröhlich‘. Warum? Hatte seine neu erworbene Freundschaft, Philippus, ihn doch einfach verlassen. Vielleicht hat ihn seine Taufe so froh gemacht. Die Zusage, ein Kind Gottes und geliebt zu sein. Umsonst. Nichts als Wasser und Worte und doch ein Reichtum, der über allem Besitz steht. Eine Verheißung, die frei macht von allen Herrschaftsansprüchen dieser Welt. Eine Zusage Gottes, die uns in eine tragende Gemeinschaft von Menschen stellt: unsere Schwestern und Brüder im Herrn.

 

Die Christen müssten erlöster aussehen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte, schrieb Friedrich Nietzsche. Dem Kämmerer aus Äthiopien hätte er seine Erlösung ansehen müssen. ‚Er zog aber seine Straße fröhlich‘. Und was ist mit euch? Mit Ihnen? Ich bin getauft. Ja, dann mal los. Frei und bis in die Ewigkeit, weil Gott nicht hindert, sondern liebt.


Amen.