2019-11-17 - Vorletzter So. im Kirchenjahr - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

(Predigt zu Hiob 14,1-6.13.15-17)


Move 1 Hiobsbotschaften – wie viel hält der Glaube aus?

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Ein gutes Leben, Glück und Gesundheit, eine harmonische Familie und gute Freunde, das wünsche ich mir. Gottes Segen – spürbar in meinem Leben.

Unglück und Leid, das klammere ich gern aus. Zu Recht. Sollte möglichst nicht vorkommen. Jedenfalls nicht bei mir, meiner Familie und Freunden.

Liebe Gemeinde,

Leiden . das kann  man sich schwer vorstellen – bis zu dem Zeitpunkt, wo es einen wirklich selber trifft.   

Szene 1

Max ist Ende 50. Das schöne Haus ist zur Hälfte abbezahlt. Die Schulden sind hoch. Die Wünsche der Frau und Kinder auch. Er arbeitet viel, wenn nötig auch am Wochenende. Die Firma, in der er arbeitet, hat Mühe, mit der Konkurrenz mitzuhalten. Es müssen Stellen eingespart werden. An einem Montagmorgen sitzt er im Büro des Chefs: vielen Dank für Ihren unermüdlichen Einsatz, tut uns leid. – Ein kräftiger Händedruck - Wir wünschen Ihnen für Ihre Zukunft alles Gute.

Szene 2

Frank ist 44, Familienvater, er sitzt mit seiner Frau im Besprechungszimmer der onkologischen Abteilung. Der Chefarzt ist da. „Ja, also, man kann das hier auf der Aufnahme deutlich erkennen, hier, sehen Sie, dieser Teil von Ihrem Gehirn ist ganz normal, aber hier auf der anderen Seite – das ist… ein bösartiger Tumor in Ihrem Gehirn. Manche kann man operieren, andere nicht. Bei Ihnen sitzt das in so einem zentralen Bereich. Den kann man nicht operieren. Ja das ist wirklich: bösartig.“

Szene 3

Ein LKW kommt auf der Autobahn von der Fahrbahn ab, durchbricht die Leitplanke und kippt um. Ein entgegenkommendes Fahrzeug prallt in den LKW. Die 41 Jahre alte Mutter liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Der 43-jährige Vater, seine sieben und 13 Jahre alten Töchter und sein elfjähriger Sohn verbrennen im Autowrack.

Liebe Gemeinde,
Gibt es einen Glauben, der im größten Leiden noch festhalten kann an Gott? Und wie komme ich mit einem schweren Schicksal zurecht?

Ein ganzes biblisches Buch handelt von dieser Frage und erzählt uns die Geschichte von Hiob.

Move 2 Hiobs Glaube scheint unerschütterlich

Hiob ist ein frommer Mann, tut viel Gutes und meidet das Böse.

Er ist reich, besitzt 7000 Schafe, 3000 Kamele, 1000 Rinder, 500 Esel, zahlreiche Knechte. Er und seine Frau haben drei Mädchen und sieben Jungs.

Doch dann kommt es knüppeldick

Dreimal erreicht ihn ein Bote mit einer Nachricht.
Heute nennen wir das, was ihm überbracht wird, eine Hiobsbot-schaft:
Hiob verliert seinen ganzen Besitz.
Bei einem Sturm stürzt das Haus seines ältesten Sohnes sein. Alle zehn Kinder Hiobs waren dort zu einem Fest beieinander; alle zehn kommen ums Leben.
Hiob nimmt das schwere Schicksal gottergeben hin.

Er sagt: „Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der HERR hat's gegeben, der HERR hat's genommen; der Name des HERRN sei gelobt!“
In einem schweren Schicksal sowas zu sagen, das bedeutet, mit dem Verlust und dem Schmerz zu leben. Ich denke mir: Es ist ein langer Weg bis dahin.

Aber Hiobs Leiden geht weiter. Er wird krank. Böse Geschwüre von Kopf bis Fuß, körperlich Schmerzen und Qualen. Aber auch seelische, denn in der Antike bedeutet Krankheit auch Einsamkeit. Der Kranke wird gemieden. Krankheit bedeutet damals: Strafe Gottes.
Hiob kann auch das zunächst noch mit seinem Glauben vereinbaren. Seine Frau nicht.
Hiob sagt: „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“Übermenschlich erscheint uns diese  Haltung. Vielleicht ist es wirklich nur einer Romanfigur möglich, so unerschütterlich zu glauben. Vielleicht überfordert es einen Menschen aus Fleisch und Blut, - selbst einen mit dem größten Gottvertrauen, - so großes Leid immer noch aus Gottes Hand anzunehmen.

Move 3 Hadern mit dem Schicksal – hadern mit der Vergänglichkeit

Denn eins ist für Hiob klar: Das, was ihm widerfährt, das hat ihm Gott geschickt. Und keiner von Hiobs Freunden zweifelt: Gott irrt sich nicht. Es gibt einen Grund dafür, dass er Hiob so leiden lässt. Es ist die Strafe für begangene Schuld.

Auch heute noch begegnet mir die Frage von Menschen: was habe ich Böses getan, dass mir sowas passieren muss? Wir meinen, wir sind selbst schuld, an dem was uns widerfährt. So geben wir dem Leiden einen Sinn, wir erklären es, wir wissen anscheinend genau, wo es herkommt. Und sind dabei ziemlich ungnädig besonders auch bei anderen. „Die ist doch selbst schuld, dass sie arbeitslos geworden ist. Nun, er hätte sich mehr Pausen gönnen sollen, anstatt immerzu zu arbeiten. Kein Wunder, dass er krank geworden ist.“

Doch Hiob findet keine Schuld bei sich. Er hat wirklich nichts Böses getan.


Viele Menschen verstummen in einer so schweren Situation. Hören auf, mit Gott zu reden. Wenden sich von Gott ab. Und auch in guten Tagen finden sie nicht mehr zu Gott zurück.
Das kann eine Zeitlang der bequemere Weg sein. Gott außer Acht zu lassen. Zu ignorieren. Nicht mehr mit ihm zu rechnen. Nicht das Schwere und auch nicht mehr das Gute aus seiner Hand zu nehmen. Ein Leben ohne Gott. Ich stelle mir das unendlich trostlos vor. Es bleibt dann kein Licht mehr am Ende eines dunklen Weges.

Hiob hingegen spricht mit Gott.  


Ich lese den Predigttext aus Hiob 14, 1 – 6.13.15-17

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe,
geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm,  damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

Ach, dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir eine Frist setzen und dann an mich denken wolltest!

Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände. Dann würdest du meine Schritte zählen nicht achtgeben auf meine Sünde. Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.

Liebe Gemeinde, Hiob ist verzweifelt und zornig: Vergänglich und sterblich ist der Mensch. Wie eine Blume, die aufblüht und verwelkt. Das hebräische Wort für Blume kann auch Krone bedeuten.

Heute hat einer die Krone auf dem Kopf und ist stolz auf seine Karriere – und morgen wird er in den Vorruhestand geschickt. Heute gesund und voller Lebensfreude – morgen krank und verzweifelt. Was bleibt von unserem Leben, von unserer Arbeit und Mühe? »Der Mensch flieht wie ein Schatten und bleibt nicht«, sagt Hiob. Weder Faltencreme noch Medizin können verhindern, dass wir alt werden. Wie eine Blume verwelken, wie ein Blatt vom Baum fallen – das ist unser Schicksal. Doch für uns Menschen folgt auf den Winter kein neuer Frühling. Wer gestorben ist, kehrt nicht mehr zurück. 20 Jahre lang erinnert ein Grabstein an unseren Namen – dann wird abgeräumt und wir sind vergessen. Ganz brutal spricht Hiob von unserer Vergänglichkeit und klagt Gott dafür an. So hat der Schöpfer uns geschaffen – er ist schuld daran, dass wir sterben müssen.

Und Gott ist es, der am Ende über unser Leben richten wird. Dann wird es Rede und Antwort geben. Dann wird alles offenliegen zwischen mir und Gott. Dann werden alle meine Fehler und Unzulänglichkeiten, alle meine Schuld vor Augen sein. Aber Gottes Barmherzigkeit wird sie dann versiegeln, zuschließen, aufheben. So wünscht es sich Hiob.

Aber im Moment seiner Rede ist Hiob einfach ungehalten.

Aus dem, der alles erduldet ist ein Zorniger geworden. Wer könnte es ihm verdenken?! „Lass mich in Ruhe, Gott.“

Move 4 Gott lässt die Klage zu

Liebe Gemeinde, klagen, hadern und zweifeln ist erlaubt. Ja, einen Glauben ohne den Zweifel gibt es nicht. Vielleicht ist gerade das in dem untröstlichen Hiobbuch das Tröstliche: Dass es einen gibt, der zuhört und die Klage zulässt: Gott.

Durch seine Klage und durch Gottes Antwort findet Hiob zu dem Vertrauen zurück, das er in seiner Verzweiflung verloren hat. »Ich weiß, dass mein Erlöser lebt« – sagt Hiob zu einem späteren Zeitpunkt.

Aber die bitteren Worte unseres Predigttextes müssen wir auch aushalten können.

Move 5 Taufe als grenzenlose Gemeinschaft mit Gott

Alles ist vergänglich – erkennt Hiob. Unser Leben und unser Glaube sind begrenzt.

Wir, liebe Gemeinde, können von Hiob lernen. Wir sollen uns eingestehen, dass wir Grenzen haben. Unser Leben ist durch den Tod begrenzt. Aber auch unsere Kraft und unsere Liebe und unser Verstehen sind nicht grenzenlos. Wir können nicht alles, was wir wollen.

Ich denke z.B. an uns Eltern:  Wir möchten, dass unsere Kinder einen guten Weg ins Leben gehen. Und doch geben wir ihnen auch einiges mit an Fehlern und Schwächen, denn unsere Erziehung hat ihre Grenzen. Ich denke, hier liegt ein ganz entscheidender Grund, warum wir unsere Kinder taufen lassen. Weil wir als Eltern Grenzen haben, erbitten wir für sie Gottes Segen. Taufe heißt: Wir geben zu, was wir nicht können – aber wir halten unsere Kinder Gott hin und bitten um seine Hilfe.

Die Taufe ist sein Versprechen, dass wir in seiner Gemeinschaft leben können. Und dieser Gott hält es auch aus, wenn Hiob ihm die Gemeinschaft aufkündigt. Aber Gott wendet sich nicht ab von Hiob und seinem Elend. Gottes Augen sehen die Unruhe und das Leiden. Gottes Ohren hören das Klagen und Seufzen und die hilflose Wut. Gottes Herz ist offen für das Leiden des Menschen.
Ich sehe sie: Arbeitslose, Todkranke und trauernde Menschen. Ich sehe Hiob im Alten Testament, ich sehe schließlich auf den, den auch das Leiden ereilte, nicht mit Ende 50, nicht mit Mitte 40 irgendwo in Südafrika, sondern mit 33 Jahren auf Golgatha.

Mit diesem leidenden Jesus hat Gott sich verbunden. Uns zugute.

Schlimme Hiobsbotschaften und ein sinnloses Leiden wünsche ich keinem, ich selbst möchte auch lieber alt werden als mit Mitte 40 zu sterben wenngleich ich darauf keinen Anspruch habe.

Wonach ich mich in jedem Fall sehne und ausstrecke, ist jemanden zu haben, der mich in so einer Situation trägt und hält.

Ich vertraue auf Gottes Hand, die mich trägt und hält.

Und ich vertraue darauf, dass es am Ende aller Tage Antworten geben wird auf Fragen, die ich mir selbst nicht geben kann. Die nur Gott mir geben kann.


Amen.