2019-11-10 - Drittletzter So. im Kirchenjahr mit Jubelkonfirmation - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

(Predigt zu Lukas 6,27-38)


Thema der Predigt: Die Barmherzigkeit geben, die ich brauche

Jesus spricht „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Diesen Bibelvers verbinden wir mit dem Entzünden der Taufkerze an der Osterkerze. Jesus sagt auch: Ihr seid das Licht der Welt. Und meint damit uns alle. Die wir getauft sind.

Ihm nachfolgen. Das bestätigt man dann auch bei der Konfirmation. Und bei der Jubelkonfirmation erinnert man sich.

Und ihr, liebe Jubelkonfirmandinnen und Jubelkonfirmanden habt euch erinnert. Am Dienstag, als wir uns getroffen haben. An die lebhafte Zeit, an die vielen Konfirmanden mit Euch, wo es die Pastoren z.T. schwer hatten mit euch. An das viele Auswendiglernen damals. An die weißen Kleider und den ersten Anzug, den man dann getragen hat an diesem Festtag.

Ihr seid das Licht der Welt. So wurdet ihr damals auch in die Welt entlassen. Was habt ihr daraus gemacht?

Jesus nachfolgen. Das ist manchmal recht schwer. Manche seiner Anforderungen sind radikal.

Und so sind wir heute mit solch einem Text konfrontiert.  

Lk 6,27-38 lesen

Liebe Gemeinde,

ich soll also meine Feinde lieben. Bin ich vielleicht Jesus?

Soll ich einen, der mich überfällt und ausraubt, alles Gute wünschen? Oder die Mutter eines missbrauchten Kindes auffordern, dem Täter zu vergeben?

Oder, eine Nummer kleiner: Wie soll ich den Kollegen lieben, der mich allein durch seine Anwesenheit zur Weißglut bringt? Oder die Mitschülerin, die Lügen über mich verbreitet? Wie kann ich jemanden lieben, der mir stets unfreundlich begegnet?

Ein herausfordernder Satz ist auch dieser: „Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“ Im ersten Moment meine Reaktion: niemals!

Ein zweiter Blick auf diese Aufforderung zeigt, dass es hier vielleicht gar nicht um eine passive Unterwerfung geht, sondern um eine besondere Art des Widerstands.

Wer dem anderen die andere Wange hinhält, bringt ihn in zumindest kurz in Verlegenheit.

Indem man die andere Wange hinhält, macht der Geschlagene deutlich: Ich bin mit dir auf Augenhöhe. Ich bin ein Mensch wie du. Und ich lasse mich von dir nicht länger demütigen. Überlege, was du jetzt tust. Selbst wenn der andere ein zweites Mal schlagen sollte, nimmt man ihm doch ein Stück von seiner Macht.  

Ich glaube, es geht für Jesus bei der Feindesliebe nicht um Wehrlosigkeit, sondern um eine Art des Widerstands. Jesus sagt nicht: Lass dir alles bieten und nimm alles widerstandslos hin. Er macht deutlich: Sei mutiger, klüger und fantasievoller als dein Feind! Bringe die verhärteten Fronten und Gefühle mit einem Überraschungseffekt in Bewegung! Jesus fordert auf, neue Wege zu suchen, um mit Gewalt und Bedrohung umzugehen. Wege, die helfen, aus dem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt auszubrechen und gleichzeitig dem schwächeren Partner des Konflikts ermöglichen, aus der Opferrolle herauszukommen.

Ein Beispiel für so einen fantasievollen Umgang mit „feindlicher“ Gewalt sind die Leipziger Montagsdemonstrationen im Oktober 1989. Gestern, zum 30. Jahrestag des Mauerfalls in Deutschland, waren die Bilder wieder in den Medien zu sehen: Die feiernden Menschen auf der Berliner Mauer, Umarmungen und Freudentränen nach Jahrzehnten der Trennung und Feindschaft. Gestern auch das Deutschlandfest in der Innenstadt, wo auch wir als Gemeinde Flagge gezeigt haben und daran erinnert haben, dass die Kirchen einen wesentlichen Anteil am friedlichen Verlauf der Revolution hatten.

Der 9. November 1989 wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht einen Monat zuvor 70.000 Menschen in Leipzig den Mut gefunden hätten, auf die Straße zu gehen. An diesem Tag mussten alle Demonstranten damit rechnen, diesen Mut mit dem Leben zu bezahlen. Auf den Dächern waren Scharfschützen postiert. Klinikärzte sollten ihre Abteilungen für Schussverletzungen freihalten. Blutkonserven waren vorbereitet. Alle Zeichen deuteten auf Blutvergießen hin.

Einer der entscheidenden Gründe, warum es nicht dazu kam, war die Ansprache von Pfarrer Christian Führer, der den Menschen immer wieder einschärfte, auf Gewalt zu verzichten. Mit Kerzen in den Händen sollten sie demonstrieren und damit zeigen, dass sie friedlich bleiben wollten. Christian Führer brachte es auf den Punkt: „Mit einer Kerze in der Hand kann man keine Steine werfen.“ Wie kraftvoll und im wahrsten Sinn des Wortes „entwaffnend“ diese Art der Demonstration war, machte ein Kommentar des damaligen Volkskammerpräsidenten Horst Sindermann deutlich, der im Rückblick sagte: „Wir waren auf alles vorbereitet, aber nicht auf Kerzen und Gebete.“

Immer wieder haben sich Menschen auf die kreative Herausforderung der Feindesliebe eingelassen: Der Inder Mahatma Gandhi in seinem Kampf gegen die britischen Besatzer. Nelson Mandela, der nach 27 Jahren Haft der Versuchung widerstand, sich an seinen Peinigern zu rächen, als er selbst an der Macht war. Beispiele, die zeigen, dass dieser Weg, den Jesus uns zeigt, richtig ist und zum Frieden führen kann.

Der österreichische Lyriker Erich Fried (1921–1988) hat gesagt: „Wer denkt, dass die Feindesliebe unpraktisch ist, der bedenkt nicht die praktischen Folgen des Feindeshasses.“

In einer Zeit, in der eine neue Spirale des Wettrüstens droht und für die Bekämpfung der jeweiligen „Feinde“ jährlich weltweit 1,7 Billionen Dollar ausgegeben werden, brauchen wir neue Wege.

Wie würde unsere Welt aussehen, wenn all diese Mittel in den Klimaschutz und die Bekämpfung von Armut und Hunger fließen würden?

Und auch wenn wir in den eigenen Familien- und Bekanntenkreis schauen: es macht krank, wenn Menschen unversöhnlich sind und einander nicht vergeben können.

Es lohnt sich, in den politischen und privaten Konflikten neue kreative Wege zu versuchen.

Nun - wir sind nicht Jesus, Gandhi oder Mandela. Und manchmal mag es auch Situationen geben, an denen der Weg der Gewaltlosigkeit an Grenzen stößt. Und doch stellt Jesus auch uns vor die Herausforderung, solche neuen Wege in unserem Alltag zu gehen: Wie gehen wir um mit der Bekannten, die scheinbar mutwillig Unwahrheiten über einen verbreitet? Wie verhalten wir uns gegenüber dem Bruder, zu dem es seit dem Streit um das Erbe keinen Kontakt mehr gibt? Wie reagieren wir auf den Kollegen im Büro, der keine Gelegenheit auslässt, uns seine Verachtung spüren zu lassen? Wie lässt sich „Feindesliebe“ in solchen Situationen konkret leben?

Einen guten Hinweis bietet Jesus mit der sogenannten „Goldenen Regel“ (Matth. 7,12). Nach den anspruchsvollen Aufforderungen, die Feinde zu lieben und die zu segnen, die uns verfluchen, sagt Jesus: Was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Variationen dieses Satzes finden sich in allen großen Weltreligionen.

Es wäre vieles anders, wenn alle sich an diesen Grundsatz hielten: Die Goldene Regel ist so etwas wie „Feindesliebe für Anfänger“. Sie ermutigt uns, uns in unser „feindliches“ Gegenüber einzufühlen und zu versuchen, die Welt aus seiner oder ihrer Perspektive zu sehen.

Es geht nicht um warme Gefühle der Zuneigung, die wir auf Knopfdruck erzeugen sollen. Das geht nicht. Sondern es geht um die Entdeckung: Auch der mir so unsympathische Mensch, dem ich in herzlicher Abneigung verbunden bin, hat viel mit mir gemeinsam: Auch er kennt das Gefühl von Einsamkeit, auch er hat das Bedürfnis nach Zuwendung, auch er liest seinen Kindern abends eine Gutenachtgeschichte vor, auch er ist verletzlich.

Und manchmal ist es dann sogar so, dass ich die Dinge, die mich bei meinem Gegenüber so auf die Palme bringen, auch bei mir wahrnehmen kann. Wenn man nach dem biblischen Text von heute ein paar Zeilen weiterliest, deutet Jesus das an: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ (Matthäus 7,3)

Wo ich entdecke, dass auch ich selbst immer wieder auf Barmherzigkeit und Vergebung angewiesen bin, führt mich das auch zu mehr Barmherzigkeit gegenüber dem anderen. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist, richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet.“ (Lukas 6,36)

Vielleicht kennt ihr das, wenn in einem Streit die Fronten verhärtet sind und es manchmal eine gute Idee braucht, die es möglich macht, um aus dem Hin und Her der gegenseitigen Vorwürfe auszubrechen. Manchmal hilft schon ein kurzer Moment, in dem man versucht, sich ernsthaft in das Gegenüber hineinzuversetzen und das auch zum Ausdruck bringt.

Zugegeben: Der Weg der Feindesliebe hat keine Erfolgsgarantie. Es ist wirklich nicht einfach, einen Menschen mit Liebe und Wohlwollen anzusehen, der uns verletzt hat und gegenüber dem wir Abneigung empfinden.

Das Gebot der Feindesliebe führt uns auf jeden Fall heraus aus unserer Komfortzone. Mit der Taufe, mit der Konfirmation begeben wir uns stolpernd und suchend auf den Weg. Und auf diesem Weg entsteht ein Raum für die bedingungslose Liebe Gottes, der mitgeht. Und diese Liebe haben unsere „Feinde“ genauso nötig wie wir.


Amen