(Predigt zu Hesekiel 2, 1-5.8-10; 3,1-3)
Move 1 So ist das mit der Kommunikation
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, der mit uns Menschenkindern spricht und nicht aufhört, mit uns zu sprechen. Amen
Liebe Gemeinde,
Gott spricht mit uns, aber so, wie im eben gehörten Gleichnis, so ist das mit Gottes Wort: Einige Worte kommen gar nicht bei uns an. Weil wir so viele andere Worte hören, die Gottes Wort wegnehmen oder im Keim ersticken. Wir hören Gottes Wort und finden es auch gut und richtig, vielleicht hier im Gottesdienst oder im Hauskreis, aber sobald der Alltag uns wieder hat mit allen Freuden und Sorgen und dem vollen Kalender, vergessen wir, was Gott uns sagt.
Manchmal, und die Erfahrung habt ihr sicher auch schon gemacht: da kann man reden, wie man will. Die Worte kommen nicht an. Man kann es höflich und sensibel sagen oder lauter und bestimmender. Das Gegenüber hört mich einfach nicht. Ich dringe nicht zu ihm durch. Erreiche ihn sie nicht in ihrer Wirklichkeit.
Und manchmal, da bin ich selbst diejenige, die nicht hören will. Ich merke es ja oft schon selbst, wenn ich mich verrenne, aber manchmal auch nicht. Wer wird schon gern mit seinen Fehlern konfrontiert?
Manchmal wäre es besser, die Ohren weit zu öffnen und zuzuhören.
Das ist keine Feststellung aus dem Jahr 2020. Nein, es kann einen beruhigen oder beunruhigen, dass sich dieses Phänomen des Nicht zuhören Wollens durch die Menschheitsgeschichte zieht wie ein roter Faden.
Move 2 Israel wollte nicht hören
Und so befinden wir uns mit unserem Predigttext in Babylon 596 v. Chr. Israel wollte nicht auf Gott hören. Und bekam die Folgen hart zu spüren. All die Ankündigungen von dem Propheten Jeremia hatte Israel nicht gehört und nicht wahrhaben wollen. Jeremia hatte es prophezeit und es war eingetroffen: der Tempel in Jerusalem wurde zerstört, Israel verschleppt nach Babylon. Dort musste auch die Oberschicht nun hart arbeiten auf dem Feld, umgeben von Sumpfgebiet und, wie ihr euch vorstellen könnt, wenig schön mit unzähligen Mücken. Das Haus Israels war zum Haus des Widerspruchs geworden.
Hier tritt nun Hesekiel ins Bild, der inmitten der Verschleppten lebt. Nun soll er auch wirksam werden.
Hört den Predigttext aus dem Buch des Propheten Hesekiel, der Gottes strahlende Herrlichkeit sehen durfte und daraufhin zu Boden stürzte.
Die Berufung zum Prophetenamt
2: 1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden.
2 Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete.
3 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt.
4 Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der HERR!«
5 Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.
6 Und du, Menschenkind, sollst dich vor ihnen nicht fürchten noch vor ihren Worten fürchten. Es sind wohl widerspenstige und stachlige Dornen um dich, und du wohnst unter Skorpionen; aber du sollst dich nicht fürchten vor ihren Worten und dich vor ihrem Angesicht nicht entsetzen – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –,
7 sondern du sollst ihnen meine Worte sagen, sie gehorchen oder lassen es; denn sie sind ein Haus des Widerspruchs.
8 Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde.
9 Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle.
10 Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.
3: 1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel!
2 Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen
3 und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.
Move 3 Gleich werden, um dem anderen etwas sagen zu können
Liebe Gemeinde, ich habe mich gefragt: warum Hesekiel die Schriftrolle essen muss. Vorne und hinten beschrieben, weil eine Seite für die Klagen, Ach und Wehs nicht ausreichten für das Haus des Widerspruchs.
Bitter schmeckt es, das kann ich mir vorstellen, was da alles drauf steht.
Nicht sauer, nicht salzig, nicht umami (also herzhaft wohlschmeckend), nicht süß, das wird es erst mit der Zeit. Wie aber kann etwas, das bitter schmeckt mit der Zeit süß werden wie Honig?
Nun… meine Gedanken dazu:
Um mit jemandem reden und kommunizieren zu können, brauche ich Empathie, ich muss mich in den anderen einfühlen können. Je ähnlicher ich einem Menschen bin, desto leichter fällt mir das. Da ist dann ein Verständnis für den anderen da. Wir sind sozusagen auf einer Wellenlänge. Deshalb ist es auch eine Herausforderung in der Schule, in der Kirche, in einem Staat, kurzum: überall da, wo unterschiedliche Generationen und Kulturen und Sprachen aufeinander treffen, dass da eine gelingende Verständigung stattfindet.
Dass der andere verstehen kann, warum ich etwas tue, wie ich es tue. Das verlangt ganz viel Einfühlungsvermögen.
Muss Hesekiel deshalb die Schriftrolle essen? All die Weh und Achs in sich spüren? Damit er, einer des Volkes und doch außen vor, die Menschen mit Gottes Botschaft erreichen kann? Um dann zu spüren, wie sich die Klagen, die Weh und Achs in Süße verwandeln können?
Move 4 Vergangenheit muss bewältigt werden
Denn so ist es, liebe Gemeinde, ich muss die Weh und Achs, alles, was ich verbockt habe, das muss ich hören können und verinnerlichen. Man sagt: Zeit heilt alle Wunden. Aber so ist es doch leider nicht. Zeit heilt eben nicht alle Wunden, man muss sich aktiv damit auseinandersetzen, damit Zukunft, damit Beziehungen sich verändern können.
Das ist historisch so: denke ich an Deutschland, dann denke ich natürlich gleich an den Holocoaust. Die kollektive Schuld der Deutschen an all den Opfern des Nationalsozialismus.
Denke ich an Südafrika, dann denke ich sofort an Apartheid und an Nelson Mandela, dessen Freilassung sich diese Woche zum 30. Mal gejährt hat.
Ein Volk, ein Land, eine Nation muss sich seiner Vergangenheit stellen, sie in sich aufnehmen, um gestärkt in die Zukunft gehen zu können.
Wenn ich meine Oma fragte: da kam ich gerade frisch aus dem Geschichtsunterricht, schockiert von all den Gräueltaten der Nazis: wie war das damals? Warum habt ihr nichts gegen die Deportation der Juden unternommen? Da kam wie aus der Pistole geschossen, beinahe aggressiv: Wir haben von nichts gewusst.
Ende des Themas:
Zu nah, zu verletzend, man wusste vielleicht wirklich nichts, man wollte vielleicht auch nichts wissen, man hatte verständlicherweise auch Angst, man war zu bequem.
All diese Gründe spielen immer eine Rolle, denke ich, da, wo Unrecht geschieht und eine Masse mitmacht oder schweigend zuschaut.
Und natürlich wurden leider - im Namen des Christentums und sich, auf das falsch verstandene Wort Gottes beziehend, viele grausame Dinge gemacht und zugelassen. Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, Kriege und so einiges mehr.
Und leider finden immer noch im 21. Jh. Ausgrenzungen statt, weil die Herzen verstockt sind und Gottes Wort zwar zitiert, aber falsch ausgelegt wird.
Die Vergangenheit liegt hinter uns. Wir können an ihr nichts verändern.
Aber wir sind für die Gegenwart und Zukunft verantwortlich. können dafür sorgen, dass es nie wieder so wird. Und dazu muss man seine Geschichte kennen und zulassen und sich ihr stellen. So weh sie auch tun mag. So bitter sie auch schmeckt. Man muss lange an ihr kauen. Ja. So ist das. Und oft macht man das nicht freiwillig.
Move 5 Ez wird geschickt
Dazu braucht es dann Propheten. Menschen, die sich von Gott ansprechen und beauftragen lassen.
(von jemandem gesprochen)
Du Menschenkind
Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße
Du Menschenkind, ich sende dich
Du Menschenkind, höre, was ich dir sage
Du Menschenkind, iss
So spricht Gott uns Menschen an,
So spricht Gott den Propheten nicht nur hier, sondern im ganzen Buch Hesekiel immer wieder an. Nicht mit seinem Namen, sondern mit „Menschenkind“. Das heißt: Du bist eingebunden in eine Gemeinschaft, in die Reihe der Vorväter und Vormütter, du bist Geborener und Sterblicher. Und es bedeutet: Du bist nicht Gott, du denkst und handelst, wie Menschen es tun. Das ist dem Hesekiel gerade sehr bewusst geworden – die Herrlichkeit Gottes hatte ihn geradezu umgehauen. Er ist zu Boden gesunken. Er, das Menschenkind.
Zugleich aber schwingt da nicht nur Abstand zwischen Gott und dem Menschen mit, sondern auch liebevolle Nähe. Hesekiel wird von Gott direkt als Gegenüber, als Du angesprochen. In dieser Weise meint „Menschenkind“ auch „Gotteskind“. Gott richtet es auf und stellt es auf seine Füße.
Ihr müsst jetzt nicht aufstehen, aber spürt doch, wenn möglich, einmal durch Eure Füße hinunter in den Boden. Sucht den Kontakt. Es fühlt sich dann anders an, als wenn unsere Füße baumeln oder die Beine übereinandergeschlagen sind. Wenn unsere Füße festen Grund suchen und finden, lässt sich das spüren bis in den Rücken und die Schultern hinein.
Hesekiel erlebt: Ich bin aufgerichtet, geerdet, zugleich auch handlungs- und bewegungsfähig. Gott will mich nicht im Staub liegend sehen, sondern mich auf einen Weg schicken. „Der Geist stellte mich auf meine Füße.“ – Gottes Geist stellt mich auf meine Füße.
Hesekiel wird geschickt, um dem Volk diese Botschaft zu überbringen… „So spricht der Herr.“
Wer nun diese Botschaft hört, der reibt sich hoffentlich nicht nur die Augen und die Ohren. Er geht in sich. Bedenkt sein Leben und verändert sich. So die Hoffnung Gottes.
„Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung“, auch wenn diese Erkenntnis quälend und verletzend ist. Wer sich verändert, wer auch eigene Fehler zugeben kann, der kann sich selber treu bleiben.
Die harten und dornigen Worte Gottes wollen uns nicht beschädigen, sondern vielmehr heilen. Und das Rezept ist, diese Worte mir sagen zu lassen. Zu hören und zu lauschen und mich selber wahrzunehmen. „Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße.“ (Hes 2,1) Nimm dich wahr im Lichte meiner Botschaft.
Wenn ich Hörender und Lauschender bin, wenn ich empfänglich und empfindsam bin, dann erspüre ich in meinem und für mein Leben die heilende Wirkung dieser Medizin. „Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.“ (Hes 3,3)
Neuanfänge sind notwendig. Auch ein neues Hören auf Gottes Botschaft ist immer wieder notwendig. Zu allen Zeiten und auch heute. Die Zeiten waren wohl nie gut für Gottes Botschaft. Die Ohren wurden oftmals auf Durchzug gestellt und die Augen wurden dezent abgewendet. Nichts hören, nichts sehen und nichts annehmen davon. Es ging doch immer noch irgendwie gut aus.
Das Erstaunliche ist, dass Gott immer wieder vom Neuen auf uns Menschen zugeht. Dass es noch immer Kirchen und Gemeinden gibt – trotz all unserem Versagen und unserer Ignoranz gegenüber der biblischen Botschaft.
Das Erstaunliche, dass Gott uns nicht aufgibt und uns immer wieder für sich gewinnen will.
Liebe Gemeinde, ich glaube, das hat wohl etwas mit seiner Liebe zu tun, die grenzen- und zeitlos ist.
Amen