2020-02-23 - So. vor Passionszeit - Estomihi - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

(Predigt Lukas 18,31-43:)


Chor singt:, Gnadenspruch zu Beginn der Predigt

Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. So beginnt unser Predigttext und ist auch zum Spruch für die kommende Woche nach dem heutigen Sonntag Estomihi geworden. Wir setzen uns in Bewegung und werfen einen Blick voraus, was uns in den kommenden Wochen erwartet.

Was wir von Lukas in der Evangeliumslesung gehört haben ist traurig, erschreckend und letztendlich wunderbar.

Es ist traurig, was Jesus ahnt: Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem. Das bedeutet doch in Wahrheit nichts anderes als:

Die Geschichte … auch die mit uns … geht nun bald zu Ende. Ich sterbe am Kreuz. Ich muss von euch Abschied nehmen. Ich werde euch verlassen. Ihr seid dann allein.

Das dämmert uns Menschen manchmal sehr langsam. Wenn ein Mensch im Krankenhaus hören muss, „wir können nichts mehr für Sie tun“. Wenn Kinder sich mit einem harten Schnitt von ihren Eltern lossagen, „ich will nun meinen eigenen Weg gehen und ihr sollt euch nicht mehr einmischen.“ Wenn sich zwei Menschen um ihre Beziehung bemühen, vielleicht machen sie auch eine Paartherapie und stellen dann doch fest: „wir beide schaffen es einfach nicht“.

Dieses bittere, schmerzhafte Gefühl, das sich wie ein Eisenring ums Herz legt, wenn wir uns etwas anderes erhofft hatten, darauf auch unser Leben gebaut haben und nun auch unser Selbstbild beschädigt wird… Wenn jemand sagen muss: „Ich habe 25 Jahre lang in dieser Firma gearbeitet und meine ganze Kraft da rein gegeben und nun entlassen sie mich mit ein paar formellen Zeilen“? Das ist verletzend. Oder wenn man erst gar keinen Job findet, weil die Wirtschaftslage so schlecht ist und man dann sein Lebensglück weit weg von der Familie im Ausland suchen muss. Für viele geht das ja zum Glück gut aus. Dennoch man muss sich verabschieden und gehen und loslassen.

Jesus wird auf seinem Weg Böses erleiden, die furchtbare Fratze hinter der Maske sehen: Jesus, dem sie in Jerusalem zujubeln mit „Hosianna“-Rufen. Und ein paar Tage später schreien dieselben Leute: „Kreuzigt ihn!“

Jesus wird verspottet, misshandelt und angespuckt werden. Er wird gegeißelt und getötet. Das weiß er, und das sagt er seinen Jüngern. Ungeschönt.
Und deswegen ist das, was ich an Lukas’ Sätzen erschreckend nenne, doch irgendwie verständlich und nachvollziehbar. Nämlich die Reaktion der Jünger auf Blick, den Jesus in die Zukunft tut:

Sie aber verstanden nichts davon. Der Sinn der Rede war ihnen verborgen. Sie verstanden einfach nicht, was Jesus ihnen damit sagen wollte.

Vielleicht liegt es daran, dass der Kontext für sie nicht stimmt. Sie wissen nichts von Karfreitag und Ostern wie wir heute. Sie konnten damals nicht wissen, was sie in Jerusalem erwarten würde. Sie sind gerade unterwegs mit dem Strom der anderen Festpilger, voller Vorfreude auf das Passafest, wo sie die Befreiung aus der Sklaverei feiern. Mit vielen vertrauten Ritualen. Mit gutem Essen, mit Wein. Das Passafest ist ein Fest der Erlösung. Und da spricht Jesus von Folter? Von Misshandlung und gewaltsamen Tod?

Ich kann es mir gut vorstellen, wie die Jünger mit offenem Mund zuhören und doch nicht verstehen, was Jesus ihnen da sagen möchte: Hä?

Ich glaube, wir Menschen brauchen einfach Zeit, um das zu begreifen, was uns so gar nicht in den Kopf will.

Ein geliebter Mensch ist tot. Gestern ging es ihr doch noch gut. Wie kann das sein? Ich kann es nicht verstehen. Nie wieder mit ihr reden? Nie wieder mit ihr zusammen sitzen? Nie wieder sie in den Arm nehmen? Ich habe die Klassenarbeit verhauen, was? Ich hab doch gelernt. Zuhause wusste ich doch alles. Was, sie will nichts mehr mit mir zu tun haben? Ich habe mich doch bemüht. Das kann doch nicht wahr sein.

Wir Menschen brauchen Zeit, um mit manchen unabänderlichen Zuständen umzugehen. Manches Paar Schuhe, in das wir schlüpfen sollen, ist einige Nummern zu groß für uns.
Und dann lenken wir uns ab. Weil es über die Kraft geht. Weil wir uns nicht immer mit dem Schmerz auch auseinandersetzen können. Wir haben unsere kleinen Mittel und Methoden, vom eigentlichen, der harten Wahrheit weg – und auf die Nebenschauplätze hinzublicken. Das Haus, die Wohnung wird umgekrempelt, allerlei Dinge erledigt, der Fokus auf das Verhalten von anderen gelenkt. In der Öffentlichkeit, in der kleinen und großen Politik denke ich so manches Mal und ihr sicher auch: das sind doch jetzt so unbedeutende Themen, auf die sich alle stürzen und die so viel Raum einnehmen.

Die wahren, die wirklichen, die bedrängenden Themen? Die Nöte und Abgründe dieser Welt? Der ganze wahre und harte Kern? Wir hören das täglich in den Nachrichten und schauen oft hindurch und begreifen eigentlich nichts davon.

Wie kann es soweit kommen, dass Kinder entführt werden und dann nach Wochen der Angst tot aufgefunden werden?

Wie ist es möglich, dass Rassismus Menschen zu solch schrecklichen Taten verleitet, andere zu töten? Ihnen ihre Würde, ihr Recht zu leben absprechen?

Zurück zu unserem Text. Die Jünger damals hörten Jesu Worte, aber sie waren, wie man sprichwörtlich sagt „mit Blindheit geschlagen“. Aber manchmal will man auch nichts hören und sehen. „Alles soll so bleiben, wie es ist“.

Doch das tut es nicht.

Jesus bedrängt seine Jünger nicht. Redet nicht auf sie ein.

Er lässt das Unverständnis der Jünger einfach so stehen.

Schweigend, so stelle ich mir das vor, ziehen sie weiter. Ihr Ziel ist Jerusalem. Der Weg ist steil und heiß und es ist ein langer Marsch. Jeder ist in seiner eigenen Gedankenwelt versunken.

Bis sich plötzlich das Bild ändert:

Denn jetzt kommt jener Mann ins Spiel. Er war auch mit Blindheit geschlagen, der Bettler der am Wegesrand bei Jericho saß. Aber er konnte wirklich nichts sehen. Aber dafür hat er, wie die meisten Blinden, ein umso feineres Gehör.

Was ist da los?
Was ist das für ein Getrampel?
Warum sind da mit einem Mal so viele aufgeregte Stimmen zu hören? Da müssen gerade unglaublich viele Leute vorbei gehen!

Wer blind ist, muss sich auf seine anderen Sinne verlassen.
Und ansonsten eben fragen.
Genau das tut der blinde Mann:
Er fragt:
„Was ist da los?“

„Jesus von Nazareth kommt vorbei“.

Jesus von Nazareth?
Tatsächlich!?
Man hört so einiges über diesen Nazoräer.
Manche munkeln gar, es könnte sein, dass er der wäre, der da kommen soll…
Ein Ben David sei er, heißt es.
Ein Nachkomme Davids.
Ist dieser Jesus etwa der Sohn Davids?
Der Messias, der Retter, auf den alle schon so lange warten?

Niemand kann in den Kopf des blinden Mannes schauen und seine Gedanken lesen.
Aber alle hören, wie er anfängt zu schreien.
Laut und durchdringend schreit er:
„Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“

Und Jesus,
der gerade noch ganz bei sich selbst war,
bei dem unfassbaren Leid,
das er auf sich zukommen sieht.
Jesus legt all das beiseite. Und fokussiert sich jetzt,
auf genau diesen einen Mann, auf seinen Schrei,
auf seinen Ruf nach Hilfe.
Jetzt hat Jesus nur Augen für diesen einen.
Jesus bleibt stehen.
Schaut den Mann an,
spricht ihn an und hört seine Bitte.
„Du sollst sehen können!“
Sagt Jesus.
„Dein Glaube hat dich gerettet“.
Im selben Augenblick konnte der Mann sehen“, heißt es.

Liebe Gemeinde, der Bettler am Wegesrand, der hat zwar nichts gesehen, aber offenbar erkannt, was den Jüngern verborgen ist. Dass Jesus die Macht hat, zu helfen. Ihm sogar sein Augenlicht zurück geben kann.

Das ist eigentlich eine schöne, feine Ironie, die Lukas sich da erlaubt. Die, die es eigentlich sehen, erkennen sollten, weil sie so dicht dran sind an Jesus, die begreifen gar nichts.

Und einer, der – vielleicht von Geburt an – blind ist und nichts gesehen hat von der Welt, spürt offensichtlich genau, welche Himmelsmacht da an ihm vorübergeht.
Kann es sein, weil er einen tieferen Sinn für das Leiden hat? Weil er sich da auskennt? Blind sein? Betteln müssen? Leute wie er waren Abschaum, nicht beachtet, Ungeziefer aus der Gosse. Hat er vielleicht „instinktiv“ erkannt, dass zu der ganzen Geschichte auch der böse Schluss gehört, mit dem hier auf der Welt alles zu Ende geht? Und der doch nicht das Ende ist, sondern die Voraussetzung, dass es Ostern werden kann, für Jesus und für Euch und für mich? Ohne Kreuz, ohne den Tod gibt es keine Auferstehung. Ohne Karfreitag kein Ostern. Das eine ohne das andere gibt es nicht.

Liebe Gemeinde. Niemand wünscht sich Elend und Not und Trauer. Doch wer Leid und Schmerz kennt, hat, glaube ich - und das zeigt uns der blinde Bettler - eine vertiefte Ahnung vom Leben. Fühlt mehr. Sieht mehr. Begreift mehr vom Lauf der Dinge. Hat mehr Einfühlungsvermögen.

Hält so etwas aus, wie Jesus es sagt: Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem – und flüchtet sich nicht in Ausweichmanöver. Lässt sich seine Sehnsucht nicht nehmen! Die Sehnsucht nach Heil und Heilung, nach Licht und Luft zum Atmen. Die Sehnsucht nach etwas, das größer ist als der Tod.

Das Wunderbare an dieser Geschichte ist doch, dass wir alle lernen können. Nicht von den Jüngern, sondern von einem quasi Unbeteiligten. Von einem, der in der Gesellschaft nichts zu sagen hatte. Wir können lernen, nicht aufzugeben. Unserer Hoffnung zu trauen, unserer Sehnsucht. Die darf nicht lockerlassen.

Der Weg führt ins Licht, sagt uns Lukas. Aber nicht ums Leiden herum, sondern durch es hindurch. Muss man erst blind und leidend sein, um so tief sehen zu können? Wahrscheinlich: Ja. Das ist die schmerzliche Wahrheit. Aber im Grunde eben auch die tiefe, gute, wirkliche Wahrheit.


Amen