2020-03-08 - 2. So. id Passionszeit - Reminiscere - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

(Predigt Röm 5,1-5)


7 Wochen ohne Pessimismus… stattdessen sollen wir es mit Zuversicht probieren. Dazu lädt uns die Fastenaktion ein. Gar nicht so einfach.

Vielleicht kennt ihr auch dieses kleine Wesen im einen Ohr. Das mir zuflüstert: das ist das Ende. Das misstrauisch ist, nie zufrieden und das schnell aufgeben möchte. Vielleicht habt ihr auch so etwas kleines im Ohr, das leider gar nicht immer so klein bleibt, sondern zuweilen wächst und wächst und plötzlich gierig all meine Gedanken in Besitz nimmt und mich nicht mehr ruhig schlafen lässt. Dieses kleine Wesen hat es viel zu oft viel zu leicht, in unser Ohr hineinzuschreien. Der Nährboden für es wird immer wieder gedüngt durch all die traurigen und enttäuschenden Erfahrungen, die wir machen. Mit uns selbst, mit Familie, Arbeitskollegen und Freunden. Das sind die Schattenseiten des Lebens. Die bestätigen dann, was man doch gleich gewusst hatte. Dass es nicht funktionieren kann, dass es schief geht.

Es gibt aber auch noch ein anderes Wesen im Ohr. Das hofft und blickt zuversichtlich in die Zukunft. Manchmal kommt es zum Streit der beiden. Eigentlich gibt es ja noch viel mehr Stimmen in mir. Man spricht dann vom Inneren Team, das immer neu miteinander verhandeln muss. Von Frieden jedenfalls in meinem Inneren selten eine Spur. Und leider zu oft gewinnt der Pessimist in mir, der Schwarzseher. Der auf Gott und auf die Zukunft und die Menschheit vertrauende muss immer wieder ermutigt werden, seine Stimme zu erheben.

Das weiß der Apostel Paulus. Das ist der Grund für ihn, der Gemeinde in Rom folgende Zeilen zu schreiben. Ich lese sie im Römerbrief im 5. Kapitel.

(Text vorlesen)

Liebe Gemeinde, in Rom treffen sich lose organisierte Hausgemeinden. Eine Vollversammlung aller Christen gibt es nicht, geschweige denn eine Jahreshauptversammlung.

Im Römerbrief hören wir immer wieder von Streitigkeiten untereinander. Und nicht nur innerhalb der Gemeinden. Auch von außen wird ihnen das Leben schwer gemacht. Sehr genau und kritisch werden sie von der römischen Verwaltung betrachtet wegen heimlicher Zusammenkünfte. Wegen mangelnder Hochachtung des Kaisers angezeigt, gesucht, verfolgt, gefangen, angeklagt, verurteilt, bestraft. Ihr Lebens wird bedroht und getötet. Leiden um des Glaubens willen nennt man das.

Paulus ergeht es da nicht anders. Doch so sehr sein Glaube auch angegriffen sein mag, er verzweifelt nicht. Paulus findet seinen Halt, nämlich in der festen und klaren Überzeugung, dass Christi Liebe uns umfasst und, auch in der Not, durchträgt. Das hat etwas Märtyrerhaftes. Manchmal geht es nicht anders, als sich wegen seines Glaubens in Gefahr zu begeben. Die EKD legt uns die Christen in Syrien heute ans Herz. Die Wiege des Christentums ist dort. Heute ist Syrien ein geschundenes und gespaltenes Land. Seit 2011 herrscht dort Krieg und es wurden mindestens 350 000 Menschen getötet. Weniger als 10 Prozent der Syrer sind heute noch Christen. Sie sind also eine Minderheit. Evangelische Christen sind die kleinste Gruppe unter den syrischen Christen. Es dürften weniger als 10000 sein. Im April 2013 wurden der syrisch-Orthodoxe und der griechisch orthodoxe Erzbischof von Aleppo an der türkisch-syrischen Grenze entführt und seither fehlt von ihnen jede Spur. In den letzten Jahren waren die Christen mehrfach dem brutalen Wüten islamistischer Terrorgruppen schutzlos ausgeliefert. Verfolgt werden Christen, aber auch Muslime Sunniten. Kirchen und Moscheen wurden zerstört. Pfarrer Haroutune Slimian aus der Armenisch-Evangelischen Bethelgemeinde Aleppo erzählt, dass die Kirche ihre Aktivitäten die ganze Zeit über aufrechterhalten hat und sogar noch erhöht hat, dass es für viele die Zuflucht geworden ist. Er schreibt: die Kirche lebt aus dem Glauben. Und unsere Leute haben Gottes Gegenwart jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde gespürt. Sie haben gelernt, auf Gott zu vertrauen. Nicht, indem sie schlicht auf ihr Überleben fokussiert sind, und auch nicht indem sie auf ihre eigene Kraft vertrauen, werden sie all das überwinden. Sondern weil sie sich allein an Gott halten! Auf die Hoffnung kommt es an.

Wenn ich in der Geschichte zurück gehe, dann stoße ich in diesem Zusammenhang natürlich auch auf den Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, der kurz vor Kriegsende 1945 von den Nazis hingerichtet wurde.

Seine letzten Worte an einen seiner Mitgefangenen sollen folgende gewesen sein „Dies ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens. Ich glaube an die universale christliche Brüderlichkeit über alle nationalen Interessen hinweg und ich glaube, dass uns der Sieg sicher ist.“

Bonhoeffer hofft auf zwei Dinge: auf ein Leben nach dem Tod. Aber er hofft auch darauf, dass der Nationalsozialismus besiegt wird.

Die bittere Erfahrung von Leid und Bedrängnis konnten ihm seine Hoffnung nicht nehmen. Im Gegenteil. Die Hoffnung wurde stärker, je mehr er drangsaliert wurde.

Vorbilder wie Paulus, Pfr. Haroutune Slimian und all die um ihres Glaubens Verfolgten und Bonhoeffer machen Mut, in Schwierigkeiten, in all den Nöten unserer Zeit den Glauben an Gott nicht zu verlieren. Die Hoffnung zu bewahren. Leid annehmen und dennoch nicht untergehen. Der Not standhalten und dennoch die Hoffnung weitertragen. Beides in der Überzeugung, dass Christus uns trägt. Das sagt uns Paulus.

Und das gilt sowohl für Einzelne als auch für das Weltgeschehen. „Das ist das Ende“ – Nein!“ Unser Gott ist ein Gott der Hoffnung.

Jürgen Moltmann, bekannt für seine Theologie der Hoffnung sagt in einem Interview: „Hoffnung ist eine Kraft im Diesseits, um das Leben neu anzufangen, um wiedergeboren zu werden zu einer Lebensbejahung aus tiefer Depression. Und die Hoffnung ist zugleich ein Trost im Jenseits, über den Tod hinaus. Dies sind keine Widersprüche. Je mehr Kraft uns die Hoffnung im Diesseits gibt, umso mehr Trost gibt sie uns auch auf das Jenseits.“ Er spricht mir aus der Seele. Hoffen meint nicht, sich und andere auf das Jenseits zu vertrösten. Hoffen beginnt im Hier und Jetzt. Bedeutet für uns Anteilnahme am Weltgeschehen. Bedeutet, frei und offen zu sein für die Zukunft, weil man weiß, dass Gott sich zwischen uns und die bodenlose Hoffnungslosigkeit stellt.

Kriege, Zerstörung, Schicksalsschläge, Tod und Krankheit, Vertrauensbrüche, eine desolate Wirtschaft, zu wenig Arbeitsplätze. Das wird es weitergeben, das ist unser Leben und wird es bleiben. Das sind die Bedrängnisse, von denen Paulus spricht. Aber in den und für die Bedrängnisse haben wir ein gestärktes Rückgrat bekommen. Wir können allem und allen mit der Sicherheit und dem Vertrauen begegnen, dass wir geliebte Kinder sind. Dem kleinen Schwarzseher in meinem Ohr möchte ich zurufen: Nein, das ist nicht das Ende. Sondern der Beginn von etwas Neuem.


Amen