(Predigt zu 2. Buch Mose 12,1-14) [ Link zum Video ]
„Weißt du noch, damals …?“ Wer so anfängt zu erzählen, erinnert sich meistens an schöne gemeinsame Erlebnisse.
„Weißt du noch, damals in der Schule? Weißt du noch, damals als wir uns kennenlernten? Weißt du noch, damals als die Kinder noch klein waren?“
Weißt du noch, damals? – wenn wir uns erinnern, dann werden plötzlich Dinge in uns lebendig, die längst vergangen sind. Da gerät man ins Schwärmen;
was längst vergessen schien – plötzlich ist es wieder da. Das Gefühl von Freiheit und die Begeisterung von damals kommen ganz nah. Und auf einmal fühlen wir uns viel lebendiger als noch kurz zuvor und haben für einen Augenblick das Gefühl, wir könnten die Welt noch einmal ganz neu entdecken.
Sich zu erinnern, bedeutet, die Kostbarkeiten des eigenen Lebens zu bewahren, sie als zu mir gehörend anzunehmen und zu merken, wie ich zu dem geworden bin, was ich bin.
Erzählen und sich dabei erinnern ist für jeden Menschen sehr wichtig. Es gehört zum Menschsein dazu.
Jahr für Jahr hat sich auch das Volk Israel erinnert – diejenigen, die im Exil in Babylon lebten. In dieser misslichen Lage, weit weg von daheim, ohne Tempel, der wie ganz Jerusalem in Trümmern lag, haben sie sich erinnert: „Weißt du noch, damals, als Gott unsere Vorfahren befreit hat, aus Ägypten, aus der Sklaverei? Erinnere dich doch, er ist in diesem großen Elend unserem Volk treu geblieben. Dagegen war der Pharao machtlos und musste unsere Vorfahren ziehen lassen. Mitten in der größten Not hat Gott ihnen Hoffnung auf eine bessere Zukunft gegeben.“
Wie damals in Ägypten sehnten sich die Israeliten auch im Babylonischen Exil nach Frieden und Sicherheit und sie hatten Sehnsucht nach dem Gelobten Land. Jahr für Jahr feierten sie im Exil das Passahfest, aßen ungesäuerte Brote und Lammfleisch, sangen die Psalmen und erzählten die Geschichte der Befreiung. Damit bewahrten sie sich jene Kostbarkeit, die Gott ihnen – als Anfang seiner Geschichte mit ihnen – als seinem Volk geschenkt hatte. Das war der
Beginn einer gemeinsamen Geschichte. Die Befreiungserfahrung beim Auszug aus Ägypten.
Seither will Gott sein Gegenüber weder im Elend noch alleine lassen, weil er sein Mit-Sein versprochen hat. Jahr für Jahr bis heute erinnert sich das Volk Israel an den Beginn dieser gemeinsamen Geschichte und erzählt, wie es dazu kam:
Lesung des Predigttextes: 2. Buch Mose 12,1-14
Fern der Heimat erinnerten sich die Menschen im Babylonischen Exil an diese Geschichte und dies half ihnen, die Hoffnung nicht zu verlieren.
„Weißt du noch, damals, als wir mit dem Rucksack durch die Drakensberge gewandert sind …“ Selten gönnt sich die hier so Begeisterte ein solches Schwelgen in der Vergangenheit, denn mittlerweile ist sie eingespannt in den Beruf,
Kinder zu versorgen, bis zur Belastungsgrenze gefordert. Alles ist auf Zukunft hin ausgerichtet. Diese Sehnsucht nach vergangenen Zeiten, meinen viele, kann sich vielleicht ein Rentner erlauben. Vielleicht spüren manche aber auch, dass man nicht mehr so weitermachen kann wie bisher. Was wäre, wenn man das Gefühl von Freiheit und Unbeschwertheit in sich aufkommen ließe? Würde man so weitermachen können wie in den letzten Jahren?
Sich erinnern – das kann man allein. Für sich auch aufschreiben, was im Leben passiert ist, welche Menschen mit einem eine Wegstrecke gegangen sind. Sich erinnern, das kann man auch zu zweit, mit einem Gläschen Wein vielleicht. Wichtig ist, dass man sich dafür Zeit nimmt. Vielleicht ist diese Zeit jetzt auch dafür da, sich zu erinnern.
„Weißt du noch, damals? Was waren wir da jung und unbelastet und hatten keine Ahnung von der Mühle des Alltags.“ Da sitzt jemand vielleicht in seinem persönlichen Exil, gefangen in den Anforderungen seines Lebens, und fühlt sich unfrei und belastet.
Jedes Jahr feierten die Israeliten im Exil das Passahfest, jedes Jahr feierten sie das Fest der Befreiung, brieten das Lamm und aßen es mit ungesäuerten Broten, in Eile, die Lenden gegürtet, mit Schuhen an den Füßen und den Stab in der Hand, bereit zum Aufbruch, zur Befreiung. Für viele Generationen blieb es beim Exil.
Eine vergleichbare Befreiung wie damals in Ägypten blieb so lange aus, bis es in Babylon zu einem Machtwechsel kam. „Gebt es auf, es ist hoffnungslos. Wozu ein Fest der Befreiung, wenn wir hier festsitzen? Gott hat uns verlassen und vergessen. Findet euch endlich mit den Tatsachen ab.“ Bestimmt gab es einige, die so redeten oder zumindest so dachten. Sie trauten der Erinnerung nicht mehr und hatten damit auch die Hoffnung verloren.
Aber Gott hatte das Passah als seinen Gedenktag eingesetzt. „Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.“ Und so hielten sie sich daran, manchmal vielleicht nur zaghaft und zweifelnd. Sie vertrauten darauf, dass die Weisung ihres Gottes sie durchs Leben trägt. Und so endet bis heute jede Passahfeier in jüdischen Familien mit den Worten: „Nächstes Jahr in Jerusalem.“ „Bis zum nächsten Jahr halten wir gemeinsam die Sehnsucht nach dem Gelobten Land wach, resignieren nicht, geben uns nicht auf und auch nicht unsere Hoffnung.“
Das Volk Israel hat die Kostbarkeit des Anfangs festgehalten: Gott hat sein Mit-Sein versprochen und wird sein Volk nicht aufgeben, auch nicht im Exil. Es ist diese Gewissheit, die den Exilierten half zu leben – trotz ihrer misslichen Lage.
Beim Passahfest wurden sie zur Gemeinde. Die gemeinsame Geschichte wird zum Fundament, das jeden und jede trägt, gerade auch durch schwierige Zeiten hindurch. So lässt sich das Leben fern der Heimat ertragen. Allein, auf sich gestellt, meint eine vielleicht, dass nur sie so großes Heimweh hat. Und ein anderer quält sich, weil er nicht damit zurechtkommt, dass seine babylonischen Nachbarn so mit ihren Göttern angeben, die angeblich den Gott Israels besiegt haben sollen. Gemeinsam erinnern sich die Israeliten an ihre Geschichte. Dadurch werden zwar die Nöte nicht kleiner, aber leichter zu ertragen.
Auf dem Fundament der Erinnerung ist es möglich, befreit und aufrecht zu stehen, mit sicherem Halt, sodass der Blick frei und offen wird für die Zukunft. Beim gemeinsamen Erinnern entsteht die Vorstellung, wie es sein könnte. Damit ist schon im Heute ein Vorgeschmack auf das Ziel: „Nächstes Jahr in Jerusalem“. Das Leben – auch im Exil – gewinnt eine Perspektive, auf die man sich ausrichten kann – mit Sehnsucht und Hoffnung im Herzen.
Heute Abend erinnern wir uns an das Abschiedsmahl Jesu. Die Gefahr vor Augen suchte er die Gemeinschaft mit seinen Jüngern.
In der größten Not haben sie zusammengesessen und gegessen, die Psalmen gesungen, die Geschichte erinnert, ihre Sorgen geteilt. Das hat sie zu einer Gemeinschaft verbunden, die sich an diesen Abend immer wieder erinnern wird.
Jesus hat von seinen Freunden Abschied genommen und ihnen gleichzeitig einen Weg in die Zukunft gezeigt. In seinem Namen und zu seinem Gedächtnis sollen sie Brot und Wein teilen – und sich dabei an ihn erinnern, wie er gelebt und geliebt, wie er von Gott erzählt hat, wie er sich den Menschen zugewendet hat und sie so angenommen hat, wie sie sind. Sie sollen sich daran halten und daran aufrichten, dass er es ihnen zugetraut hat, dass sie gemeinsam seine Idee vom Reich Gottes weitertragen, auch ohne ihn.
Und wenn sie keine Idee haben, wie das in dieser Welt gehen kann, werden sie sich erinnern, wie er ihnen an diesem Abend die Füße gewaschen hat. Ganz einfach.
Aus der Erinnerung an diesen Abend haben Menschen bis heute Wege und Formen der Fürsorge und Verbundenheit gefunden.
Wenn wir heute Abendmahl feiern, erinnern wir uns an dieses Abschiedsmahl Jesu. Und wenn wir uns erinnern, behüten wir die Kostbarkeit, die er uns in seinem Abschied überlassen hat. Sie verbindet uns mit ihm und untereinander – über den Karfreitag und die 2.000 Jahre hinweg.
Ich glaube, der Weg zum Abendmahl ist einer, der aus den inneren und äußeren Exilen herausführen will und kann. Denn das Gewicht verlagert sich, wenn jeder mit seinen Belastungen und jede mit ihren Lasten nicht alleine bleibt. Für einen Augenblick vielleicht nur vertreibt die Erinnerung an die Bergtour die Schatten des eintönigen Alltags.
Wenn wir Brot und Wein miteinander teilen, schmecken und sehen wir für einen Augenblick, wie es sein könnte – unser Leben, unser Miteinander. Auf der Basis der Geschichte Jesu finden wir den Halt, der den Blick frei und weit macht – auf Ostern hin.