2020-05-21 - Himmelfahrtgottesdienst - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

(Predigt zu Johannes 17,20-26) [ Video ]


 20.30 Uhr – eine Rede vom Präsidenten ist angekündigt. Darauf warten wir schon den ganzen Abend. Was passiert nun in der näheren Zukunft? Bleiben wir auf Level 4 des Lockdowns? Was sind die Pläne? Seit einigen Wochen nun gewinnen solche Reden an Bedeutung. Man hört sie von sämtlichen Staatsoberhäuptern. Bei einigen schüttle ich nur den Kopf. Bei anderen nicke ich anerkennend. Besonders dann, wenn sie einen am Ende ermutigen und irgendwie positiv in die Zukunft weisen. Ramaphosas letzte Sätze in der Rede am 13. Mai waren: 

Stellen wir uns dieser Herausforderung.

Lassen Sie uns als eine Familie und eine Nation stehen, um eine neue und stärkere Gesellschaft aufzubauen.

Die Tage vor uns werden schwierig sein.

Aber wir werden Kraft aus dem schöpfen, was wir erreicht haben.

Und mit einem Zitat Franklin Delano Roosevelt endete er, der diese Worte in einer schwierigen Zeit im Leben seines eigenen Landes gesprochen hatte:

Der Zustand dieser Nation ist gut

Das Herz dieser Nation ist gesund

Der Geist dieser Nation ist stark

Der Glaube dieser Nation ist ewig.

Möge Gott Südafrika segnen und sein Volk beschützen.

Amen kann ich da nur sagen.

Es gibt diese Reden, die wirken und die auch im Gedächtnis bleiben. Manche sogar über Jahre und Jahrzehnte hinweg.
Welche fallen mir da ein?

Ja, wir schaffen das! Yes, we can! Erinnernt Ihr Euch noch an diese drei goldenen Worte vom ehemaligen amerikanischen Präsidenten Barack Obama? Erstmals sprach er sie in einer Rede nach den Vorwahlen im Januar 2008. Sie waren seine Antwort auf die Frage nach Gerechtigkeit und Frieden. Yes, we can! Diese drei Worte verselbstständigten sich und wurden zum Sinnbild für all das, was Obama mit seiner Politik der Menschenfreundlichkeit erreichen wollte. Obwohl er nicht „mein“ Präsident war, haben mich diese Worte begeistert und mitgerissen.

In Südafrika denke ich an die Rede vom damaligen Staatspräsidenten Frederik Willem de Klerk am 2. Februar 1990 vor dem Parlament in Kapstadt. Er kündigte u.a. die Zulassung der verbotenen Opposition und die Freilassung der politischen Gefangenen an.

Und ich denke an die Antrittsrede von Nelson Mandela als Präsident von Südafrika am 10. Mai 1994.

Es soll Gerechtigkeit für alle geben.

Es soll Frieden für alle geben.

Es soll Arbeit, Brot, Wasser und Salz für alle geben.

Lasst alle wissen, dass Körper, Geist und Seele eines jeden befreit worden sind, um sich zu verwirklichen.

Niemals, niemals, niemals darf es wieder geschehen, dass dieses schöne Land die Unterdrückung des einen durch den anderen erfährt und die Erniedrigung erleidet, der Halunke der Welt zu sein.

Die Sonne möge nie untergehen über einer so ruhmreichen menschlichen Errungenschaft.

Lasst die Freiheit regieren.

Gott segne Afrika.

Mandela schenkte Südafrika einen Glanz, der es in die Zukunft führte.

Worte können wie der Himmel auf Erden sein.

Was ist das Geheimrezept dieser machtvollen Reden? Sie schaffen es, das einzufangen, was eine ganze Gesellschaft bewegt – und den Kern dessen in einer einfachen Botschaft auszudrücken. Oft liegt der Glanz dieser Reden in einem Satz, der alles auf den Punkt bringt. Gleiche Hoffnungen und Träume verbinden Menschen miteinander. Denkt nur an die zusammenführende Kraft von Marin Luther King und den Jahrhundertworten: I have a dream – ich habe einen Traum ..., nämlich von der Gleichheit aller Menschen.

Um glanzvolle Worte geht es auch in einer besonderen Rede heute an Himmelfahrt. Es ist eine Abschiedsrede. Wer schon einmal eine Abschiedsrede gehalten hat, weiß, wie schwer das ist.
Man selbst ist traurig und will doch noch etwas Wichtiges sagen. Etwas, das bleibt, wenn man selbst geht. Und genau darum geht es in der Abschiedsrede Jesu, die er mit einem Gebet beendet.
Er betet darum, dass all die vielen Worte, die er in seinem Leben zu den Menschen gesprochen hat, auf fruchtbaren Boden gefallen sein mögen. Außerdem bringt er seine Botschaft auf den Punkt. Er sagt sinngemäß: Ich habe euch mit all meinen Worten tausend kleine Lichter gegeben, die in euch weiterbrennen sollen. Zusammen seid ihr ein Strahlen, das die Welt hell macht und euch mit dem Licht des Himmels verbindet.

Wir haben das Gebet als Lesung gehört. Jesus nennt dieses helle Leuchten Herrlichkeit. „Ich habe ihnen die Herrlichkeit verliehen, die du mir geschenkt hast.“
Das klingt schön. Jeder freut sich über Herrlichkeit. Aber was meint eigentlich Herrlichkeit?

Das griechische Wort dafür heißt im Neuen Testament doxa; das hebräische Wort im Alten Testament heißt kabod. Es gibt eine Geschichte, die besonders anschaulich macht, was hinter dieser sehr alten Tradition der Herrlichkeit steckt, die vom Alten ins Neue Testament führt. Ihr erlaubt mir einen kleinen Sprung ins Alte Testament, denn in der Geschichte begegnen wir Mose.

Mose ist Gott sehr nahe. Es wird berichtet, dass er als Einziger auf den Berg Sinai steigen darf, um mit Gott zu sprechen. Mose ist voller Sehnsucht nach dieser Gottesnähe. Er verlangt, unbedingt die Herrlichkeit Gottes zu sehen, so sagt er es. Aber Gott antwortet ihm: Meine Herrlichkeit ist zu mächtig, um sie dir von Angesicht zu Angesicht zu zeigen. Du darfst mir jedoch hinterherschauen, während ich an dir vorüberziehe. Mose hat also Kontakt mit Gottes Herrlichkeit, und das geht nicht spurlos an ihm vorüber.

Als Mose wieder vom Berg heruntersteigt, glänzt die Haut seines Angesichtes, weil er mit Gott geredet hat (2. Mose 34,29 ff.).

Eine Form der Herrlichkeit können wir uns als Lichtglanz Gottes vorstellen, der andere glänzend und wertvoll machen kann.

Die Herrlichkeit kann aber auch durch Worte übertragen werden. Mose spricht direkt mit Gott und glänzt danach. Jesus spricht zu den Menschen, um ihnen den Glanz Gottes zu bringen.

Besondere Worte schaffen einen besonderen Glanz.

Es geht Jesus darum, Menschen zum Strahlen zu bringen. Das gelingt natürlich nicht einfach so. Es braucht eine richtig gute Botschaft. Das haben wir am Anfang der Predigt gehört: Goldene Reden brauchen goldene Worte, damit sie Glanz bringen. Jesu Botschaft ist leicht und schwer zugleich. Er sagt in seinem Gebet zu Gott:

„Ich habe dich ihnen verkündet und werde es weiter tun. Die Liebe, die du mir geschenkt hast, soll auch sie erfüllen. So werde ich in ihnen gegenwärtig sein.“ (Joh 17,26) Jesu goldene Worte heißen verkürzt:: Gott liebt euch und Gott liebt mich. In Gottes Liebe sind und bleiben wir verbunden. Gottes Liebe hält zusammen. Was sollte Menschen mehr zum Strahlen bringen als Liebe?!

Jesus möchte, dass dieser Gedanke bleibt. Wenn auch sonst all die vielen Worte nicht im Einzelnen erinnert werden können – das eine soll im Gedächtnis und im Herzen bleiben: Durch die Liebe sind und bleiben wir verbunden. Das ist der goldene Satz, der allen anderen Worten ihren Schimmer verleiht.

Heute, an Himmelfahrt, denken wir an den Abschied Jesu und daran, was von ihm hier auf dieser Erde bleibt. Es geht darum, zu sehen und zu spüren, wie wir Jesus begreifen können, auch wenn er nicht mehr körperlich unter uns weilt. Wir können miteinander überlegen, ob diese Worte, die Jesus am Ende als Zusammenfassung seiner Botschaft gesprochen hat, tatsächlich Früchte tragen.

Ich glaube, das tun sie. Immer, wenn es gelingt, dass ein Mensch einem anderen Glanz verleiht. Wenn jemand einen anderen zum Leuchten bringt. Weil er ihm Hoffnung gibt oder ein Gefühl von Sicherheit. Wenn einer einem anderen Menschen Wert und Würde verleiht. Oder wenn jemand so von Freiheit und Gerechtigkeit spricht, dass tausende Menschen beginnen, für Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen.

Jesus Christus hat uns etwas hinterlassen, was unbezahlbar ist und bleibt für alle Zeit: Den Glanz in unseren Augen, wenn wir Liebe spüren. Denn dieser Glanz ist der Schimmer des Himmels, der sich in unseren Augen widerspiegelt.


Amen