2020-05-24 - Exaudi - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

(Jeremia 31,31-34) [ Video ] [ Abkündigungen177.33 KB ]


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn und Bruder Jesus Christus. Amen


Move 1 Zwischenzeit

Exaudi, der 6. Sonntag nach Ostern ist ein seltsamer „Zwischensonntag“. Himmelfahrt liegt hinter und Pfingsten vor uns.

In dieser Zwischenzeit lebten die Jünger damals auch. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle, muss das gewesen sein, die sie da in den letzten Wochen durchgemacht hatten. Jesus war gestorben und gekreuzigt worden, alle Träume waren mit ihm gestorben und dann begegneten sie dem Auferstandenen. Sie waren wieder mit ihm zusammen und dann… kam die erneute Trennung an Himmelfahrt. Da hinein verspricht Jesus, die Trennung sei nur auf Zeit, er sei bei ihnen im Heiligen Geist. Mit dieser Verheißung schickt Jesus die Jünger nach Jerusalem, um auf den Geist zu warten.

Und in diesem Warten liegt der heutige Sonntag; eine Zeit der Vorfreude auf den Geist und zugleich Ungewissheit und Unruhe, was noch kommen wird. Jesus ist nicht mehr auf der Erde, der versprochene Geist ist noch nicht da. Nicht mehr – noch nicht. Das ist die Stimmung damals und auch heute. Und da ist es gut, mit dem Psalmbeter zu sprechen: Herr höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich. Denn du bist mein Licht und mein Heil und meines Lebens Kraft.

Ausatmen, inne halten, nachdenken, was alles passiert ist und Kraft schöpfen für das, was kommt. Gespannt sein und voller Erwartung.

Vielleicht hört man in solchen Zwischenzeiten besser zu als sonst. Und hört die großen Worte: nämlich Gottes Gesetz in unseren Herzen. 


31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen,

32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR;

33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.


Move 2 Worte Jeremias damals 

Es sind die Worte des Propheten Jeremia aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Er war von Gott beauftragt worden, dem Volk Israel und Juda seine Worte zu überbringen.

Jerusalem war belagert, erobert und mitsamt dem Tempel zerstört worden, die Menschen zu Tausenden nach Babylon fortgeschleppt. Das war eine finstere Zeit für das jüdische Volk. Die im Land Zurückgebliebenen fristeten inmitten der Trümmer ein trostloses Dasein, ohne Perspektive, scheinbar auch ohne Gott. Sie fühlten sich von Gott verlassen und für immer verstoßen.

Der Prophet Jeremia aber sah das anders. Vor dem militärischen Zusammenbruch hatte er dem Volk immer streng die Leviten gelesen, Unrecht und politische Willkür angeprangert. Nun aber schlägt er einen neuen Ton an und wendet sich mit einer hoffnungsvollen Botschaft an seine Landsleute.

Move 3 Siehe, es kommt die Zeit

Siehe, es kommt die Zeit…

Alles soll anders werden.

Und nicht nur die Umstände in eurem Leben. Nein, auch ihr selbst sollt anders werden, ruft Jeremia den Menschen zu.

Gott fängt mit euch neu an. Dieser Anfang greift tief in euer Innerstes hinein. Neues Herz, neuer Sinn, neuer Geist. Neue Hinwendung zu Gott und seinem Wort: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.“

Das jüdische Volk soll auferstehen wie Phönix aus der Asche. Wieder Freude haben an seinem Gott. Seine Gebote nicht mehr als Vorschrift und Einengung empfinden, sondern als hilfreiche Weisung zu einem erfüllten Leben.

Diese Zusage ist zu schön, als dass sie nur auf das 6. vorchristliche Jahrhundert beschränkt bleiben dürfte.
Wenn Gott ein lebendiger Gott ist, gilt seine Verheißung bis hinein in unsere Gegenwart. Dann ist sie frohe Botschaft auch für uns.

Siehe, es kommt die Zeit… ich fange an zu träumen.

… mir fällt vieles ein, was ich mir wünsche. Noch ist es nicht so weit. Aber ich freue mich schon darauf. Es sind Kleinigkeiten, die mir auf einmal so wichtig sind. Früher waren sie selbstverständlich für mich.

Siehe, es kommt die Zeit… wo wir einander wieder die Hände reichen und uns umarmen.

Siehe, es kommt die Zeit, wo die Kinder wieder ganz normal zur Schule gehen und ihre Freunde treffen.

Siehe es kommt die Zeit ohne Mundschutz

Siehe, es kommt die Zeit…

jeder darf für sich selbst an der Stelle für einen Moment träumen.

(Pause)

Und siehe, es kommt die Zeit, wo wir innerlich verwandelt werden und einen neuen Geist bekommen und Dinge in der Welt neu sehen und beurteilen werden und unsere bisherigen Verfehlungen und Verirrungen hinter uns lassen können.

Move 4: Wieder ein Bund soll sein

Liebe Gemeinde,

es ist einfach wunderbar und übersteigt – zumindest meine - Vorstellungskraft: Gott macht immer wieder Schritte auf uns Menschen zu. Er sucht unsere Nähe. Und er nimmt die Menschen in ihrer Situation ernst.

Das war bei den Israeliten so, als sie fernab der Heimat lebten.

Das war bei den Jüngerinnen und Jüngern Jesu so, als sie nicht wussten, wie es weitergehen würde nach Christi Himmelfahrt.

Und es ist auch hier bei uns so, die wir uns irgendwo im Lockdown zwischen Level 4 und 3 befindet. Gott nimmt unsere Situation ernst.

Und er öffnet den Israeliten durch den Propheten einen neuen Horizont. Das, was war, der Bruch des Bundes mit Gott ist nicht vergessen, aber vergeben. Die Vergangenheit des Menschen bestimmt nicht das zukünftige Handeln Gottes. Er möchte einen neuen Bund mit den Menschen, denn Gott ist zuverlässig, steht treu zu seinen Verheißungen. Und damit die Menschen in diesem Bund treu zu Gott stehen, schreibt er ihnen sein Gesetz in die Herzen, denn die Menschen sind eine Herzensangelegenheit Gottes.

Move 5 Verheißungen erfüllen sich

Wir blicken zurück: das, was Gott den Menschen durch den Propheten verspricht, ist in Erfüllung gegangen. Das Exil in Babylon ist zu Ende gegangen, das Volk konnte heimkehren, der Tempel in Jerusalem wurde wieder aufgebaut. Den Bund, den Gott den Menschen verspricht, den hat er in Christus neu gegründet, in seinem Leben, Sterben und Auferstehen. Und er hat an Pfingsten den Heiligen Geist in die Herzen der Menschen gegossen, damit wir treu zu ihm stehen.

Und dieser Bund gilt auch in diesen Tagen. Das ist für mich ein großer Trost: Wenn ich mich allein fühle, dann darf ich mir sagen lassen: Gott ist da. „Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf“, heißt es im Psalm 27 (Vers 10). Und wenn ich auch anderen in dieser Zeit nicht beistehen kann, weil Besuche nicht möglich sind, darf ich darauf vertrauen, dass Gott bei den Menschen ist. Wenn Menschen einsam sind, ist Gott bei ihnen. Er ist immer mit dem Menschen im Bunde und er ist die Verbindung zwischen Menschen, die momentan getrennt sind. Darauf vertraue ich.
Und das tröstet mich schon heute. Eine Woche vor Pfingsten. Ich vertraue auf den Hl. Geist. Auf den Geist, der mein Leben ausfüllen kann, der die Grenzen meines Alltags sprengen kann, in alle Bereiche meines Daseins eindringen will.

Der Sonntag heute ist der Sonntag dazwischen, ein Sonntag des Wartens. Pfingsten ist erst nächste Woche. Die Ausgießung des Hl. Geistes können wir nicht selbst machen. Der Hl. Geist weht, wo er will. Niemand von uns besitzt ihn.
Warten.

Da sind wir gerade in Übung. Wir warten darauf, dass es besser,
normaler wird. Ich stelle mir vor, was das für ein Fest sein wird: Einander die Hand zu geben, in den Arm zu nehmen.

Aber noch ist es nicht so weit. Und niemand weiß, wie lange noch. Das ist manchmal schwer zu ertragen. Wie auch das Warten auf Gott und seinen Hl. Geist.

Doch wir können dieses Warten ertragen – so glaube ich – weil wir fest darauf vertrauen dürfen, dass Gott uns erwartet. Und wir ihm im Warten entgegen leben. Und er schon bei uns ist.
Denn er lässt uns nicht allein.


Amen