2020-06-07 - Ökumenischer Gottesdienst - Priester Christoph Schönenberger

(Markus 9,24) [ Video ] [ Abkündigungen198.21 KB ]


Ich glaube – hilf meinem Unglauben

Glauben finden in einer ungewissen Zeit – vertrauen auf die Führung Gottes, auch wenn ich es nicht verstehe.

Einstimmung: Gott, lass meine Gedanken sich sammeln zu dir (Taizé-gesang)

Guten Morgen!

Vieles, was allein wenig hergibt, ist zusammen wertvoll.

Ich muss gestehen – ich mag Buttermilch nicht – schmeckt irgendwie säuerlich, fast eklig. Auch Mehl mag ich nicht. Es sieht zwar schön aus, aber es schmeckt überhaupt nicht lecker. Und dabei spielt es mir gar keine Rolle, ob es nun Weissmehl oder dunkles Mehl ist. Von Backpulver ist schon gar nicht zu reden – das ist echt ungeniessbar.

Ich weiss nicht, wie es Ihnen ergangen ist während dieses Lockdowns. Ich habe gelesen, dass viele Leute den Weg in die Küche gefunden haben und sich dort mit Backen vesucht haben. Wenn die leeren Regale bei Pick’n Pay, dort wo normalerweise die Mehlpakete stehen, ein Hinweis sind, dann war das auch in Südafrika der Fall.

Als ich selber so beim Backen am Zutaten-zusammenrühren war, merkte ich plötzlich, wie geschmacklos, oder richtiggehend widerlich gewisse dieser Lebensmittel waren. Jede dieser einzelnen Zutaten ist alleine nicht zu vielem tauglich. Wenn ich sie aber zusammenrühre und in einen Teig knete, dann kann etwas sehr Leckeres entstehen. Es gibt für micht nichts besseres als frisch gebackenes Brot. Und ich liebe Kekse.

Unverständliche Einzelteile in der Welt und in mir

Ich denke mir – so ist es doch eigentlich auch mit meinem eigenen Leben. Es gibt so vieles, das mir nicht schmeckt, das mir widerlich ist, das ich nicht verstehe. Mein eigenes Handeln lässt mich häufig wundern, ob ich denn noch richtig ticke, ob bei mir nicht eine Schraube locker ist. Und wenn ich in die Welt hinausgucke, dann ergreift mich manchmal eine richtige Panik – so vieles ist mir unverständlich, so vieles liegt mir schwer auf dem Magen, ist unappetitlich oder schwer zu verdauen. Schauen wir nur mal die letzten drei Monate an. Wer hätte sich vorstellen können, dass so etwas möglich ist. Die ganze Welt unter Lockdown! Alles geschlossen, die Strassen leer, eine ungewohnte Stille kehrt ein, ziemlich gespenstisch!

Da kommen Fragen hoch: Wo ist denn da Gott? Wie kann er so etwas zulassen? Wie wird es weitergehen? Wie kann ich meine Familie in Sicherheit halten? Werde ich noch Arbeit haben, wenn alles vorüber ist? Wie können diese verschiedenen Teile des Lebens, die einzelnen Zutaten, die so unappetitlich daherkommen, je zu einer harmonischen Einheit zusammenpassen?
Ängste, Sorgen, Zweifel … ganz existentielle Fragen stellen sich uns.

Wo kann ich Gott in dieser Zeit erkennen?

Jetzt wo wir uns mitten drin in dieser grossen Krise befinden, ist es verständlich, dass wir uns solche Fragen stellen. Und wie der Vater des Knaben in unserem Evangeliumstext können wir ausrufen: Ich glaube, hilf meinem Unglauben!

Zuerst mal - ich glaube nicht, dass Gott wütend ist, weil wir uns falsch benommen haben; dass er uns diese Krisen als Strafe schickt. Das wäre ziemlich armselige Theologie. Ich glaube auch nicht, dass er uns damit etwas beibringen möchte. Was wäre er für ein schlechter Pädagoge!
Ich erwarte auch nicht, dass Gott die Antwort gibt auf unsere Probleme und Fragen, sozusagen die magische Formel, die uns aus dieser schwierigen Lage rettet.

Aber diese Tage des Lockdowns können für uns gewiss eine Atempause darstellen, wo wir uns darauf besinnen, was denn eigentlich in unserem Leben, und in der Welt, falsch gelaufen ist. Und da finden wir sicher viele Hinweise.

Wir haben uns kürzlich in einer Runde ausgetauscht – da wurden folgende Gedanken erwähnt:

Manchmal leidet Gott mit Menschen, ist hilflos mit den Menschen - so nah ist er (ich lese im Moment grad die Tagebücher von Etty Hillesum, einer jungen jüdischen Frau, die 1944 in einem Konzentrationslager umgebracht wurde – sie beschreibt, wie nah sie Gott erlebt, viel, viel näher als alles, und auch die Autobiographie von Edith Eger – Die Wahl – wie sie ihren Glauben erlebte.)

Wenn ich an Gott glaube und darum an mich glaube (weil Gott sein grosses Ja zu mir sagt, weil er mich besser denkt, als ich bin – weil er es mir zutraut, dass ich mein Leben meistern kann), dann ändert sich mein Sein in der Welt, und ich kann stark sein, auf mich vertrauen (weil ich ihm vertraue), Grenzen sprengen, Starre lösen, wieder aktiv werden. Das "ich stehe mir selbst im Weg" - aus Angst, aus Wut, aus Trauer - kann sich lösen, wenn ich mein Herz in Gott zurückbringe (auf ihn vertraue?).

Glauben und Unglauben – so nah beieinander

Und so sind wir beim Glauben und beim Unglauben - die sind so nah beieinander.

Franz von Sales (1567 – 1622) schrieb vor 450 Jahren:

Wenn dein Herz wandert oder leidet,
bringe es behutsam an seinen Platz zurück
und versetze es sanft
in die Gegenwart Gottes.
Und wenn du in deinem Leben
nichts anderes getan hast
außer dein Herz zurückzubringen
und wieder in die Gegenwart Gottes zu versetzen
obwohl es jedes Mal wieder fortlief,
nachdem du es zurückgeholt hattest
dann hast du
dein Leben erfüllt.

Das ist für mich die Sache mit dem Glauben und dem Unglauben: ein Herz, das wandert oder leidet...

Und wenn es zurück ist in Gott - oder der Gegenwart Gottes, dann beginne ich vielleicht mit etwas ganz Kleinem (einem ganz kleinen Mut, gegen meine Angst und meine Unsicherheit anzugehen). Ich lerne, in der Stille zu verweilen, mich an kleinen Sachen zu freuen, am Gesang der Vögel, an den blühenden Aloen, an der frischen Luft an einem klaren Wintermorgen, an einer heissen Tasse Tee ….
Ich mag mich gern daran freuen, wenn’s sonst so schwierig ist, das Leben, und mich nicht noch ärgern über unsere Dummheit. Vielleicht zeigt uns dieses "Aufblühen" der Natur, wie wir es in den letzten zwei Monaten erleben durften, weil die Luftverschmutzung massiv reduziert wurde, dass da etwas möglich ist und unser resigniertes "Nützt eh nichts" abgelöst wird durch ein "so vieles ist möglich" – meine Einsicht: dafür lohnt sich mein Verzicht, oder mein Einsatz.

Vielleicht lenke ich mich nur ab - aber Gott in mir backt vielleicht Brot für die Nachbarn, kauft für die alte Frau gegenüber ein, singt ein Lied auf dem Balkon, das anderen Freude macht. Vielleicht mache ich aus Übermut auch etwas ganz Grosses, Verrücktes - wer weiss?

Am vergangenen Sonntag feierten wir das Pfingstfest. Wir feierten, dass wir mit den vielen verschiedenen Gaben, die wir in der Nachfolge Jesu vom Geist bekommen, zu unendlich vielen verschieden Ausdrücken von Glauben fähig sind, von denen nicht alle allen passen - die aber alle gut sind, aus dem einen Geist, für den einen Gott. Und zusammen gestalten wir den neuen Himmel oder die neue Erde. Zusammen.
Und wenn wir zusammen den neuen Himmel, die neue Erde gestalten - aus verschiedene Zutaten - von denen nicht alle alles mögen, dann ist das Ganze doch wertvoll wie ein frischgebackenes Brot, oder wie leckere Kekse.