2020-06-14 - 1. Sonntag nach Trinitatis - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit euch allen. Amen

Move 1 Selffulfilling Prophecy

“Das werde ich nie schaffen“. „Das wird niemals anders werden“. „Es wird keine Gerechtigkeit in der Welt geben“. „Wir werden uns nie mehr versöhnen.“

Ich denke, jede und jeder von uns hatte schon einmal solche Gedanken. Leise in sich drin oder laut geäußert. Negative Gedanken, die einen bestimmen, runterziehen, lähmen… und die sich oft auch bestätigen. Man nennt das eine self fullfilling prophecy. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Man erwartet nur das Schlechteste. Dementsprechend verhalten wir uns dann auch und so tritt es auch meistens ein.

Das ist der Mechanismus, den wir doch eigentlich viel besser für was Positives nutzen könnten. Eine positive self-fullfilling prohecy. „Ich schaffe das.“ „Alles wird sich ändern“. „Es wird Gerechtigkeit in der Welt geben.“ „Wir werden uns versöhnen und ein Herz und eine Seele sein.“

Ich sage einfach mal die These: Alles Gute beginnt mit einem Traum von ihm. Wir sollten viel öfter träumen und dazu lade ich euch heute ein. Zusammen mit dem Evangelisten Lukas.
Er hatte den Traum von einer Gemeinde.


32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.

33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.

34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte

35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig,

37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.


Move 2 Der Traum von der heilen Welt und der heilen Gemeinde

„Sie waren ein Herz und eine Seele.“ Diese Redewendung kommt also tatsächlich aus der Bibel.

Man hört sie, wenn erwachsene Kinder über die Ehe ihrer Eltern sprechen oder auch Ehepaare, die ihre Goldene Hochzeit feiern. „Eigentlich waren wir immer ein Herz und eine Seele“.

Das ist schön, wenn das so ist. Aber dass das in 50 Jahren immer der Fall gewesen ist, hört sich für mich doch ein wenig wie ein verklärter Rückblick an. Im Nachhinein erscheint uns manches viel rosaroter, als es tatsächlich gewesen ist.

So auch bei Lukas, der seinen Bericht irgendwann nach 63. Nach Christus aufgeschrieben hat. Er hat ein Idealbild der kleinen Gemeinde damals vor Augen.

Ein Herz und eine Seele waren sie, Geld und Besitz kamen allen zugute, große Gnade war in der Gemeinde: So perfekt war es mit Sicherheit nicht immer in der Gemeinde. Natürlich hat es auch damals Streit gegeben, Neid und Besitzdenken und Diskussionen über die Ausrichtung der Gemeinde. Doch das ist im Rückblick nicht das Entscheidende. Lukas malt ein Bild von den Idealen des Anfangs, und er ermutigt damit seine Leser und somit auch uns heute: Daran könnt ihr euch halten, wenn es um das Zusammenleben in der Gemeinde geht.

Ich spüre: es tut mir gut, mich von solchen positiven, Mut machenden Bildern leiten zu lassen.

Move 3 Gegenbilder zur Realität

Solche Bilder und Gedanken können Klarheit geben. Gerade wenn man sich in stürmischen Zeiten bewegt, wir die weitere Ausbreitung der Pandemie fürchten, Länder sich uneins sind und auch innerhalb der Länder Gruppen gegeneinander rücksichtslos vorgehen.

„I can´t breathe“ – ich kann nicht atmen: So rufen die Demonstranten in vielen Städten der USA und inzwischen weltweit. Das waren die Worte des Afroamerikaners George Floyd, der von einem Polizisten zu Boden gedrückt und getötet wurde. Nun wachsen die Proteste gegen den Rassismus an.

Die Regierung unter Präsident Trump reagiert mit Propaganda und Twittermeldungen und heizt damit die Situation weiter an.

Dieses Bild von Donald Trump steht in krassem Widerspruch zu den Bildern der Bibel. Dort in Washington ein Präsident, der das Volk spaltet, der gegen meist friedliche Demonstranten angeht, weil er zu einem Fototermin vor der Kirche völlig unbeholfen mit einer Bibel in der Hand posiert und der das Militär einsetzen will in einer Gesellschaft, in der Rassismus noch immer zum Alltag gehört.

Hier das Bild der Urgemeinde, die ein Herz und eine Seele ist, und in der die Armen an den Gütern der Reichen teilhaben; eine Gemeinschaft, die von Gnade und tätiger Nächstenliebe geprägt ist.

Ich bin froh, dass wir solche Bilder haben, mit denen ich den Bildern aus den Nachrichten etwas entgegensetzen kann. Das Bild der einmütigen Urgemeinde, die in der Gnade Gottes lebt und alles teilt: das ist für mich ein Bild der Hoffnung gegen die Bilder, die mir heute Angst machen können. Es kann mich als Gegenbild ermutigen, es kann wirksam werden für eine andere Welt, in der alle in Frieden leben können.

Move 4 … um die Zukunft zu gestalten

Auch wenn das Bild aus der Apostelgeschichte zunächst nur die kleine christliche Gemeinde in der Zeit nach Pfingsten beschreibt, so glaube ich doch: Was in dieser kleinen Gemeinde gelebt werden kann, das kann zum Modell werden für das Zusammenleben der Menschen an allen Orten der Erde. Es kann Orientierung geben, wie Menschen auch heute gut zusammen leben können.

Auch wenn der Rückblick manches verklärt, es ist ja nicht völlig aus der Luft gegriffen, was Lukas da erzählt. Es hat sicherlich nicht immer geklappt, aber den ersten Christen war das schon wichtig: die Einmütigkeit, der Umgang mit den Gütern und die Gemeinschaft in der Gnade.

Wirksam wird dieses Bild der Gemeinde für uns nur, wenn wir es auch zu leben versuchen:

Move 5 Die drei Wesensmerkmale

3 Dinge sind es, auf die es ankommt:

Zuerst geht es um die Einmütigkeit: Sie waren ein Herz und eine Seele. Darum geht es auch heute: dass wir nicht Hass säen, dass wir Dinge miteinander besprechen und nicht hinterm Rücken andere schlecht machen und gesellschaftliche Spaltungen betreiben. Auch hier in Südafrika, das muss ich Euch nicht sagen, ist die Rassismusfrage immer noch eine heikle. Wie wichtig ist es, da die Gräben nicht zu vertiefen, sondern für Gleichberechtigung im Alltag zu sorgen. Ein Herz und eine Seele: Das Bild der Urgemeinde stellt uns vor Augen, in welche Richtung es gehen kann.

Zweitens: „Auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam“: Der Umgang mit Geld und Besitz hat schon immer die Gemüter der Christen bewegt. Barnabas verkaufte seinen Acker und spendete den Erlös der Gemeinde zur Versorgung der Armen. Wichtig ist: es geht um konkrete Hilfe, damit niemand Mangel leiden muss; und es geht darum, dass niemand die Güter für sich behält. Der Segen liegt nicht auf dem Festhalten, sondern auf dem Teilen – das ist die Richtung, in die uns der Blick auf die Urgemeinde führt. So ergibt sich eine geschwisterliche Gemeinschaft zwischen Besitzenden und Notleidenden.

Neben der Einmütigkeit und dem Teilen der Güter geht es noch um ein entscheidendes Drittes. „Mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.“ So schreibt es Lukas. Im Mittelpunkt der Gemeinde steht das Evangelium, die Christen werden, indem sie Gottes Gnade erfahren, zu einer Gemeinschaft. Die gemeinsame Mitte ist Gott. So verschieden Menschen sind, arm oder wohlhabend, Männer, Frauen und Kinder, mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund: in der Gnade Gottes sind alle gleich. Die Ausrichtung auf Gottes Liebe gibt der Gemeinschaft ihren Inhalt und ihren Halt und jedem einzelnen Menschen seinen Sinn.

Dementsprechend das Leben zu gestalten, führt uns nahe an das Bild, das Lukas von der idealen Urgemeinde zeichnet.

Vielleicht wird sich diese ideale Urgemeinde nie erfüllen. Aber vielleicht hilft es uns ein großes Stück weiter, wenn uns dieser Traum von ihr begleitet und anleitet.

Ein italienischer Schriftsteller Anfang des letzten Jh. „Cesare Pavese“ hat in seinen Tagebüchern folgendes Passendes hierzu geschrieben.

Im Grunde ist das Geheimnis des Lebens, so zu tun, als hätten wir das, was uns am schmerzlichsten fehlt. Nur darin besteht das christliche Gebot. Sich zu überzeugen, daß alles zum Guten geschaffen ist, daß es die Brüderlichkeit unter Menschen gibt –und wenn das nicht wahr ist, was macht das schon?
Der Trost dieser Ansicht besteht im Glauben daran, nicht in ihrem Sein in der Wirklichkeit. Denn wenn ich daran glaube, wenn du, wenn er, wenn sie daran glauben, dann wird sie sich bewahrheiten.

Ein schöner Gedanke. Ich freue mich auf diese self fullfilling prophecy.


Amen