NELCSA Winter-Gottesdienstreihe 5. Juli 2020
Wer ist dieser Jesus, der seine Kirche baut?
( Predigt Matthäus 16, 13-18 ) [ Video ] [ Gottesdienstablauf326.5 KB ] [ Abkündigungen257.99 KB ]
13 Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?
14 Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten.
15 Er sprach zu ihnen:Wer sagt denn ihr, dass ich sei?
16 Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist der Christus, des lebendigen Gottes Sohn!
17 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.
18 Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.
Liebe Schwestern und Brüder,
Vor achtMonaten hatten wir unsere Synode zumThema “Go-With Purpose” “Zielgerichtet unterwegs sein”. Wir konnten und sollten überlegen, wie der Weg der Kirche aussehen soll, und auch, wo wir uns selbst in diesem Prozess sehen, welche Rolle man selber spielen kann und soll. Zu dem Zeitpunkt konnten wir nicht ahnen, was auf uns zukommt. COVID -19 gab es noch nicht, und die Krise, die durch den Virus ausgelöst werden sollte, hätte niemand voraussagen können.
Inzwischen ist unendlich viel passiert. Weltweit war alles fast zum Stillstand gekommen. Wochen, ja Monatelang gab es keine Gottesdienste in den Kirchen mehr - nur noch virtuell traf man sich.
Viele haben ihre Arbeit verloren, oder müssen mit reduziertem Gehalt leben. Manche Betriebe haben die Krise nicht überlegt. Und auch Kirchen und Gemeinden sind sich unsicher, ob und wie sie überleben werden.
In dieser Zeit gab es viel “Fake News” - mehr als sonst. Manches davon war zum Angst machen, anderes wiederum sollte Hoffnung schenken. “Trinke Desinfektionsmittel gegen denVirus!” oder: “Wie haben einGegenmittel. Du kannst es bei uns bestellen. Es kostet nur ***”
Wie weiß man, ob eine Meldung echt ist, oder Fake News?
Im Grunde genommen gibt es zwei Kriterien. Erstens: “If it is too good to be true, it is too good to be true” - wenn etwas versprochen wird, dass zu gut aussieht, ist es wahrscheinlich falsch.
Zweitens: Wer behauptet das? Ich habe manche Botschaften bekommen, die etwa lauteten: “Dieses ist eine zuverlässige Mail - sie stammt vomVater einer Bekannten der Zimmernachbarin der besten Freundin meiner Tochter, der Experte in diesen Dingen ist.” Das geht um so viele Ecken, da muss man vorsichtig sein, weil keiner mehr sagen kann, wer nun wirklich hinter der Nachricht steht.
In dem Evangeliumstext lesen wir auch eine gute Nachricht, ein großes Versprechen. “Ich will meine Gemeinde/Kirche bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen!”
Das ist eine wunderbare Verheißung in dieser Krisenzeit. Aber stimmt sie? Oder ist es “Fake News”? “Too good to be true?”
Die Aussage Jesu lässt sich anhand von 2000 Jahren Kirchengeschichte überprüfen. Seit ihrer Entstehung hat die Kirche einiges erlebt. Es gab Krisen, wogegen unsere Coronakrise eine Kleinigkeit ist: Jahrzehntelange Kriege, Jahrhundertelange Verfolgung, Hungersnot, die Pest - und, und, und. Tatsächlich, in alle dem ist die Kirche Jesu Christi nicht vernichtet worden. Im Gegenteil, oft sieht es so aus, als wenn sie gerade in solchen schweren Zeiten gewachsen ist! Von daher behaupte ich, dass diese Verheißung Jesu nicht “Too good to be true” ist, sondern in der Tat “too good - but true!” Sie ist immer wieder erfüllt worden!
Die zweite Frage ist dann: Wer macht diese Behauptung? Wer ist dieser Jesus?
Zur Vorbereitung dieser Predigt habe ich mir vorgenommen, ein Evangelium von Anfang bis Ende durchzulesen, mit der Frage: Wer ist dieser Jesus? Es war eine spannende Lektüre. In anderthalb Tagen habe ich das Matthäusevangelium von Anfang bis Ende durchgelesen. Sonst liest man ja meistens nur kurze Abschnitte, und überall aus der Bibel. Dieses Lesen in einem Stück hat mir einiges gezeigt. Ich mache dir Mut, es selber auch mal zu tun, auch mit der Frage: Wer ist eigentlich dieser Jesus?
Einige der Dinge, die ich entdeckt habe, möchte ich nun hier nennen, als Antwort auf die Frage: Wer ist der Jesus, der verheißt, dass er seine Kirche baut, sodass die Pforten der Hölle sie nicht überwinden können?
1. Jesus ist Teil einer langen Geschichte Gottes mit dieser Welt.
Am Anfang steht bei Matthäus (Mt 1) das Geschlechtsregister Jesu. Aber es beginnt nicht bei Adam, sondern bei Abraham, dem Stammvater Israels. Schauen wir nach, wie der berufen wurde. Wir lesen in Genesis 12,3, dass Gott ihn segnen will, und dass in ihm alle Völker auf Erden gesegnet sein sollen. Schauen wir dann auf das Ende von Mt, heißt es dort: (Mt 28, 19) “Machet zu Jüngern alle Völker!” -
Hieraus wird deutliche, dass Jesus teil eines langen Weges Gottes mit der Welt und der Menschheit ist. Er ist nicht ein komischer Lehrer, der neue Hirngespinste verbreitet hat, sondern Gottes Sohn macht weitermit dem, was schon bei Abraham Gottes Absicht war: Alle Völker sollen Gottes Segen, Gottes Heil erleben.
Wenn wir fragen: Wird die Kirche die jetzige Krise überleben?, sollten wir eigentlich fragen: Hat Gott schon sein Ziel erreicht? Die Antwort ist klar: Nein, viele Menschen, Völker, kennen ihn noch nicht. Der Auftrag ist noch nicht erfüllt. Wir sind noch unterwegs; Auch durch diese Krise hindurch! Schon alleine deswegen wird der Herr weiter bauen!
2. Jesus nimmt keine Abkürzung um schnell ans Ziel zu kommen.
An zwei Stellen lesen wir, wie Jesus versucht wird, den kurzenWeg zumZiel zu wählen. Ganz am Anfang seines öffentlichenWirkens, inMt 4, macht der Versucher ihm das Angebot, ganz schnell zu Ruhm und Ehre zu kommen: Wirf dich vom Tempel und die Engel werden dich tragen - was für ein Spektakel! Damit bist du sofort ein Held. Mache Steine zu Brot - und damit bist du zum Held und Retter der Welt. Der Versucher zeigt ihm alle Königreiche der Erde: Anbete mich, dann gehört das alles dir! Doch Jesus geht nicht auf das Angebot ein - geh weg von mir, Satan!
Am Ende seines öffentlichen Wirkens kommt die Versuchung dann wieder ganz stark. Wir lesen davon inMt 26,36ff. Jesus betet imGarten Gethsemane: Vater, wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorübergehen.
Erst bei diesem Durchlesen istmir dann die Nähe zuMt 4 aufgefallen. Gleich nach dem Gebet wird Jesus verhaftet. Die Jünger sind bereit, ihn mit dem Schwert zu verteidigen. Jesus verbietet es, und sagt dann: Ich hätte den Vater bitten können, und er würde mir Zehntausend Engel zur Verfügung stellen. Wieder, wie bei der ersten Versuchung, die Möglichkeit Engel zu beauftragen, die Sache in die Hand zu nehmen, ihn zu schützen. Ich kann mir denken, wie groß die Versuchung gewesen sein muss, dort in Gethsemane, diesen kurzen Weg zu nehmen, statt den vollen Weg zu gehen!
Doch Jesus ging den ganzen Weg - er litt und starb - um uns zu erlösen. Er überwand den Tod.
Dann, schließlich, am Ende des Evangeliums, lesen wir, dass Jesus sagt (Mt 28,18): “Mir ist gegeben alle Gewalt, im Himmel und auf Erden!”. Die Abkürzung in Mt 4 hätte ihm die Gewalt auf Erden gegeben. Die Abkürzung in Mt 26 hätte ihn von der Erde befreit - er ging den vollen Weg und hat nun Himmel und Erde in der Hand!
3. Jesus weiss, wie schwer der Weg sein kann.
Jesus ist den ganzen Weg gegangen, obwohl er wusste, wie schwer es sein würde. Mehrere Male hat er versucht, seine Jünger darauf vorzubereiten. Und sein Gebetskampf in Gethsemane macht deutlich, wie sehr er sich vor dem schweren Weg gefürchtet hat.
Den Tiefpunkt des Weges erreichte er am Kreuz, als er rief: “Mein Gott, mein Gott, warumhast dumich verlassen?” - tiefer, schwerer kann es nichtwerden, als von Gott verlassen zu sein!
Trotz allem ist Jesus diesen Weg gegangen, damit uns der Weg zum Leben geöffnet wird.
Aber mehr noch, nun dürfen wir wissen:
4. Jesus führt uns durch Stürme hindurch.
In Mt 14, 22ff lesen wir von der Sturmstillung. Jesus gebietet dem Sturm: Verstumme! - und es wird still. InMt 24 spricht Jesus dann von ganz anderen Stürmen, die kommen werden. Diese Stürme wird er nicht stillen - aber er verspricht, uns hindurch zu tragen! Wenn man nur auf Mt 14 konzentriert, kann man den falschen Eindruck bekommen, dass für wirklich glaubende Menschen alle Stürme ganz schnell zu Ende gehen. Wenn ein Sturm dann aber einfach immer weiter dauert, muss man verzweifeln. Darum ist es wichtig, auchMt 24 zu Herzen zu nehmen, weil dann klar wird: Viele Stürme werden nicht schnell gestillt, sondernwüten lange. Das hat nichts mitmeinem Glauben oder Unglauben zu tun, sondern mit der Welt in der wir leben. Deswegen sagt Jesus es uns auch, damit wir dann, wenn so ein Sturm kommt, nicht überrascht werden, nicht den Mut verlieren, sondern durchhalten!
Auch in dieser Coronazeit ist es wichtig, dass wir uns daran erinnern lassen, dass Jesus nicht gesagt hat: Wer glaubt, dem geht es immer gut - sondern: Auch wer glaubt, wird Stürme erleben!
Die zweitausend Jahre Kirchengeschichte kennen viele Epochen von Stürmen und extrem schwierigen Zeiten - und gleichzeitig sehen wir auch, wie Jesus tatsächlich immerwieder hindurch getragen hat. Nicht alle Christen sind heile hindurch gekommen. Viele sind in Stürmen umgekommen. Aber wir wissen auch, dass viele von ihnen sich gerade dann von Jesus getragen wussten - zum Beispiel Stephanus (Apostelgeschichte 7:54ff), oder Dietrich Bonhoeffer. In allen Stürmen trägt uns Christus als der dienende Herr. Und das bringt mich zum nächsten, wichtigen Punkt:
5. Jesus ist der dienende Herr.
Er ruft uns, es ihm nach zu machen. Hiervon lesen wir inMt 20, 20-28. An dieser Herausforderung hat die Kirche, haben leitende Personen in der Kirche, schon immer schwer schlucken müssen - nicht nur Bischöfe, Priester und Pastoren, sondern auch Kirchenvorsteher und Gemeindeleiter. So oft schon wurden Menschen, zum Dienst in der Kirche gerufen, zu diktatorischen Herrschern, die Gehorsam erwarten und sich dienen lassen. Jesus baut seine Kirche aber nicht durch Menschen, die mitMacht regieren und bestimmen, sondern durchMenschen, die ihre Kraft, Macht und Position nutzen, anderen zu dienen!
Jesus hat deutlich gemacht, dass Dienen keine Schwäche ist. Im Gegenteil: Dienen bedeutet, dass ich meine Kraft nutze, andere aufzurichten!
Meine Macht, meine Position, mein Einfluss sollen anderen helfen, auch starke Diener zu werden. (Der Dritte Gottesdienst dieser Reihe wird darauf eingehen)
6. Jesus lädt ein, ihm zu vertrauen und ihm zu folgen.
Beim Lesen des Matthäusevangeliums ist mir neu aufgefallen, in welcher wunderbaren, behutsamen Weise Jesus Menschen in die Nachfolge ruft. Er gewinnt ihr Vertrauen, indem er mit gutem Beispiel vorangeht. Darum sagen wir auch: Er ruft in die Nachfolge!Auch wenn er aussendet (Mt. 10), erwartet er nichts von den Jüngern, was er nicht selber auch tut und getan hat! Er ist nicht wie ein General, der seine Truppen in den Krieg schickt, während er selbst in Sicherheit sitzt, sondern er lädt ein, nachzufolgen. Wenn wir uns den Missionsauftrag in Mt 28,18-20 genau ansehen, ist es kein Auftrag, sondern eine Einladung: Macht mit!Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden, darum, geht hin ...” Sein “Auftrag” ist eigentlich “Einladung” zum Mitgehen in ein neues Leben.
Das bringt mich zum letzten Aspekt, den ich ansprechen möchte:
7. Jesus ruft uns - einzeln und mit Namen!
Weil es Jesus um die Beziehung geht, ruft er uns einzeln und mit Namen!Wir lesen zwar, dass er zu großenMassen gesprochen hat, und dass die Menschen ihm in Scharen gefolgt sind. Auch haben sie viele, viele Kranke zu ihm gebracht. Aber immer wieder wird deutlich, dass Jesus dann den Einzelnen ruft. Er hätte bei einer Massenveranstaltung um zwölf Freiwillige bitten können - aber er ruft die Zwölf ganz persönlich (Mt 5, 18ff). Er hätte mit einer Geste Hunderte von Kranken heilen können - aber er lässt sie ein für ein zu sich kommen, rührt an, sprichtmit ihnen:Was möchtest du, dass ich tun soll? Er sieht die eigentliche Not hinter der offensichtlichen Not und sagt: “Dir sind deine Sünden vergeben”, obwohl alle dachten, die eigentliche Not wäre die körperliche!
Jesus spricht dich und mich direkt an.
Ich schreibe diese Predigt, und hoffe, dass viele sie lesen. Aber wenn du sie jetzt liest, bist du nicht Teil einer großen Menschenmenge. Jesus sieht dich, kennt dich und redet mit dir - ganz persönlich! Er behandelt nicht alle Menschen nach dem gleichen Schema, sondern jeder Mensch darf wissen: Jesus sieht mich als Unikat, er nimmt mich ernst, so wie ich bin!
Wer ist dieser Jesus? - das war die Frage. Dieses sind die Eigenschaften dessen der gesagt hat: Ich will meine Kirche bauen. Ihm kann ich vertrauen! Wir befinden uns gerade in einem Sturm, wo das Ende noch nicht abzusehen ist. Es ist klar, dass vieles sich ändern wird. Wir werden uns an viel Neues gewöhnen müssen. Es wird nicht leicht sein.
Aber wir dürfen wissen: Jesus geht mit uns, gibt uns, seine Kirche, seine Gemeinde nicht auf, weil er die Welt nicht aufgegeben hat.
Er lädt dich und mich ein - nicht mit einem generellen Appell, einem “Address to the Nation”, sondern ganz persönlich: Vertraue mir! Ich, Jesus, bin noch nicht fertig mit Gottes Plan - und lade dich ein, mit mir unterwegs zu sein in dieser Welt!
Wer ist dieser Jesus? Ich hoffe, dass du sehen kannst: Wir können ihm vertrauen! Er wird uns nicht im Stich lassen. Seit 2000 Jahren hat er es nicht getan - und wird es auch jetzt nicht tun!
Amen
Horst Müller, Bischof NELCSA,
Die Predigt ist auch als Video zu sehen bei
https://www.youtube.com/watch?v=-kWYx9BbKZU