NELCSA Winterreihe Gottesdienst 3
Wir sind die Kirche - die Kirche ist stark durch ihre Glieder
( Predigt Mt 28, 16-20 ) [ Video ] [ Abkündigungen455.07 KB ]
Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach:
Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.
Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Liebe Schwestern und Brüder,
Der Einstieg dieses Textes ruft bei mir das Bild einer Fußballmannschaft auf. Es ist das Meisterschaftsfinale. Die erste Halbzeit hatte katastrophal geendet - zwei Tore wurden gegen die Mannschaft erzielt, und ein Spieler bekam die Rote Karte. Nun sollen sie das Spiel zu Ende bringen, und auch noch gewinnen? Unmöglich! Der Trainer spricht mit ihnen, motiviert sie: Wir können gewinnen! Einige bekommen ein Leuchten in den Augen - andere schütteln nur den Kopf. Es ist vorbei!
Kann man mit so einer Mannschaft noch gewinnen?
So etwa sah es mit den Jüngern aus, als sie sich dort auf dem Berg in Galiläa versammelten. Sie standen immer noch unter Schock von den Ereignissen vor einigen Wochen in Jerusalem - dem grausamen Kreuzestod Jesu, und ihr eigenes katastrophales Versagen. Jeder, nicht nur Petrus, hatte Jesus verraten! Ja, sie hatten nach Ostern von der Auferstehung gehört, und nun sahen sie Jesus vor sich - aber einige zweifelten immer noch. Hinzu kam diese so offensichtliche Lücke in ihren Reihen - der Platz von Judas war leer. Sie waren eine stark behinderte Mannschaft!
Ich liebe die Ehrlichkeit, mit der die Evangelien uns über die Jünger berichten. Sie verschweigen nicht die Schwächen, das Versagen, den Unglauben. Ganz anders ist die Kirchengeschichte damit umgegangen. Die Jünger wurden sämtlich, bisauf Judas Iskariot, mit dem Titel “Sankt” versehen: Sankt Petrus, Sankt Johannes etc. Heilige sind sie, Männer, ja, Helden des Glaubens. Heute noch gibt es in manchen Kirchen den Prozess der Heiligsprechung. Ein wichtiger Aspekt besteht darin, das Leben der Person gründlich zu untersuchen, um sicher zu stellen, dass es keine groben Versagen aufzeigt, einen starken Glauben, und auch Wunder die gewirkt wurden. Heilige sind demnach Helden des Glaubens. Würden wir die Jünger an diesen Maßstäben messen, auf Grund dessen, was die Evangelien berichte, könnten sie nicht bestehen, denn die Jünger waren wirklich ganz normale Menschen, wie du und ich, Menschen, die unter Druck nachgaben, die zwar guten Willens waren, aber dennoch immer wieder versagt haben.
Das also ist die Mannschaft, die dort auf dem Berg in Galiläa antritt.
Jesus begrüßt sie mit den Worten: “Mir ist Gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden!” Das Wort “Gewalt” ist nicht ganz korrekt. Es erinnert an Diktatoren und Kriegsmächte. Eigentlich müsste es heißen: Ich habe die Vollmacht, die Autorität. Jesus sagt damit: Ich kann entscheiden und handeln, wie ich es für richtig halte!
Wenn man nun bedenkt, dass Jesus die Welt erobern will, dass er sein Evangelium in aller Welt verkündigt haben möchte, muss man fragen: Warum mit dieser kläglichen Mannschaft?
Genau das ist wieder etwas unglaublich Tröstendes: Jesus will seine Kirche bauen, sein Reich verbreiten, und entscheidet sich ganz bewusst, Menschen wie dich und mich dafür zu berufen! Er umringt sich nicht mit Glaubenshelden und Heldinnen.
Diese Mannschaft beauftragt Jesus nun - ihnen vertraut er seine Kirche an. Der Auftrag gliedert sich in drei Teile:
1. Machet zu Jüngern alle Völker
Wer Aufmerksam liest, merkt, dass die Luther 2017 Übersetzung anders lautet. Dort steht: “Lehret”. Ich bin bei der Vorbereitung darüber gestolpert. Darum habe ich nochmal nachgelesen. Was steht da eigentlich? Tatsächlich wird ein Wort für “Lehren” gebraucht - aber ein besonderes Lehren. Es geht darum, Menschen Jesus Christus zu zeigen, Jesus so zu vermitteln, dass sie mit ihm gehen wollen. “Machet zu Jüngern” wird oft missverstanden als: Menschen für die Gemeinde oder Kirche zu gewinnen. Es geht aber darum, Menschen so mit Jesus bekannt zu machen, dass sie ihm folgen wollen. Die erste Predigt in dieser Reihe stellte die Frage: Wer ist dieser Jesus? Darum geht es bei dem “zu Jünger machen” - diesen Jesus zeigen, damit wir, wie die Jünger, merken, dass man mit ihm gehen kann!
2. Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Dieses ist mehr als eine Liturgische Formel. In diesem Dreiklang liegt das Geheimnis der Taufe.
Vater: Durch die Taufe ändert sich mein Verhältnis zu Gott. Der allmächtige Schöpfer Himmels und der Erden wird mein Vater, ich bin sein Kind - und das ist viel mehr als nur “sein Geschöpf” zu sein.
Jesus Christus: durch den Sohn habe ich den Zugang zum Vater. Weil Jesus mich angenommen hat, weil er die Tür zu Gott ist, bin ich nun in der Familie, und darf, wie Jesus, zu Gott “Vater” sagen. Damit wird Jesus auch mein Bruder, und wir sind seine Brüder und Schwestern, nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Teil der Familie!
Heiliger Geist: Er leitet mich, damit ich als Glied dieser Familie leben kann, so wie es der Familie des Herrn entspricht. Auch wenn die Taufe ein einmaliges Geschehen ist, ist es der Anfang eines neuen Lebensweges!
Mit der Taufe ändert sich meine Existenz, meine Zugehörigkeit, mein Lebensinhalt.
Daraus fließt dann der dritte Teil der Anweisung Jesu:
3. Lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe
Dieses muss man am besten “von hinten her” erklären. Das Wort “Befehlen” klingt hart, wie beim Militär, wo Soldaten den Befehlen blind folgen. In der Coronazeit erinnert es mich an die vielen Gebote und Verbote, die von der Regierung erteilt werden. Manche sind durchaus einsichtig, aber bei manchen schüttelt man den Kopf und fragt sich: Was hat das mit der Bekämpfung des Virus zu tun?
Auch bei Kirche gib es manchmal Regeln und Ordnungen wo man sich ehrlich fragen muss: Was hat das mit dem Weg der Kirche, dem Ziel der Kirche zu tun? Vielleicht hatten sie mal einen Sinn - aber sind sie jetzt noch relevant?
Wenn Jesus von den Dingen spricht, die er befohlen hat, handelt es sich nicht um eine tote Gesetzessammlung, die wir einhalten sollen. Das Wort, das hier genutzt wird, bedeutet: Anweisungen, die ein klares Ziel im Blick haben. Es geht um das Ziel!
In der zweiten Predigt dieser Reihe ging es um die Botschaft Jesu - eine Botschaft, die das Leben ändert. Die Dinge, die Jesus befohlen hat, sind Anweisungen, die uns helfen, so zu leben, dass Jesus durch uns sichtbar wird. Es sind keine toten Buchstaben, sondern Wegweiser für ein lebendiges Nachfolgen, das je nach Zeit und Situation ganz anders aussehen kann.
Bei diesem Teil des Auftrags Jesu geht es darum, dass Christen lernen sollen, was es bedeutet als Nachfolger Jesu zu leben: Durch uns soll Christus sichtbar werden.
Durch diese drei Dinge entsteht ein Kreislauf - wenn durch uns Christus sichtbar wird, lernen andere Menschen Jesus kennen und lieben, und wollen ihm nachfolgen, werden durch die Taufe in seine Familie eingegliedert, und lernen dann, als Nachfolger Jesu zu leben, sodass Jesus durch sie sichtbar wird ...
Hierin liegt die Kraft der Kirche - wenn wir lernen, als Christen zu leben.
Ähnlich wie der Missverstand, dass Jesus sich mit Glaubenshelden umringt, gibt es einen Missverstand, dass die Kirche durch die Pastoren, Priester, Bischöfe lebt. Dieses Eindruck wird verstärkt, wenn man Gemeindechroniken liest, die manchmal nur eine Auflistung der Pastoren ist, die in einer Gemeinde gedient haben. In Sakristeien hängen die Bilder der Pastoren der Gemeinde, oder im Kirchbüro die Bilder der Kirchenleiter der Kirche. Das bestärkt den Eindruck, dass durch uns ordinierte die Kirche lebt. Aber es ist nicht so. Leiter, Ordinierte, sind wichtig, aber nicht, weil sie in der Mitte stehen, sondern weil sie helfen sollen, dass alle Mitglieder als Christen leben und wirken können. Dort liegt die Kraft der Kirche.
Der Apostel Paulus ist ein gutes Beispiel hierfür: Er gilt als der größte Missionar der Urkirche. Warum? Er hat sich dagegen gewehrt, dass Menschen sich als Jünger von Paulus sehen (1 Kor 3). Auf seinen Reisen hat er Gemeinden gegründet, ihnen geholfen, auf die Beine zu kommen, und ist dann weitergezogen. Nie war er lange in einer Gemeinde. Sie wurden nicht von ihm abhängig. Auch seine Briefe dienten dazu, die Gemeinden in die Mündigkeit zu führen. Weil das passierte, konnte die Saat, die er säte, auch wachsen und die Kirche sich unabhängig von ihm überall ausbreiten.
Auch Martin Luther hat sich immer dagegen gewehrt, zur Mitte der Kirche zu werden. Christus ist die Mitte. Es ging ihm darum, dass Menschen als mündige Christen ihren Glauben leben. Deswegen schrieb er den kleinen und großen Katechismus.
Wir Pastoren sind wichtig - aber nicht die Mitte der Gemeinde! Wir sind wichtig, indem wir der Gemeinde helfen, auch ohne uns klar zu kommen, mündig als Christen zu leben!
Vor vielen Jahren hatten wir einen Gastredner, Bernd Schlotthoff, der zum Thema Gemeindeaufbau Seminare abhielt. Bei einem der Veranstaltungen fragte er: Was ist das Ziel von Gemeindeaufbau? Ein Teilnehmer sagte: “Dass Gemeinde ohne Pastor leben kann!” Alle lachten - aber eigentlich war die Antwort genau richtig: Unsere Aufgabe als Pastoren, als Bischof, ist es, die Gemeinde so zu leiten und zu unterrichten, dass sie auch ohne uns voll und ganz Gemeinde sein können! Dann sind wir gute Leiter! Wenn wir sie von uns abhängig machen, wenn wir darauf bestehen, dass nichts ohne uns passiert, wird auch ohne uns dann nichts mehr passieren!
Die Kraft der Kirche liegt darin, dass die Christen als mündige Christen leben, dort wo sie sind, in welcher Situation sie sich auch immer befinden. Dazu sollen wir helfen. Martin Luther hat einmal gesagt: Das höchste Amt in der Kirche ist der getaufte Christ. Alle anderen Ämter haben diesem zu dienen! (An den Christlichen Adel Deutscher Nation)
Durch die Coronakrise müssen wir neu über Kirche und Gemeinde nachdenken. Vieles ändert sich, manches ist zur Zeit nicht möglich.
Diese Zeit soll uns nicht in die Verzweiflung führen, sondern wir können sie nutzen, als Christen mündiger zu werden. Wir Pastoren können neue Möglichkeiten nutzen - nicht um Abhängigkeiten zu schaffen, sondern um Andere zuzurüsten, auch ohne uns Gemeinde zu sein, ihr Christsein zu leben!
Als Jesus dort auf dem Berg in Galiläa seine Mannschaft um sich scharte, war es ein schwaches Team. Für dieses Team hatte er sich entschieden. Ihnen sagte er dann: Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Er gibt uns nicht auf, auch wenn wir, wie die Jünger damals, zweifeln, auch wenn wir versagt haben.
Darum glaube ich fest: Die Kirche Jesu Christi wird weiter bestehen und wachsen - weil die Menschen, die Jesus nachfolgen, lernen als Christen zu leben. Als Familie Jesu in dieser Welt geben wir seine Liebe weiter, sodass andere ihn kennen lernen - auch in dieser Coronazeit.
Ja, du und ich - wir sind Teil dieser Mannschaft Jesu, mit der er seine Kirche baut!
Amen
Horst Müller, Bischof NELCSA
Die Predigt ist auch als Video zu sehen bei
https://www.youtube.com/watch?v=ZJ6R9uNpTJQ