2020-07-26 - 7. Sonntag nach Trinitatis - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

(Predigt Hebräer 13,1-3) [ Video ] [ Abkündigungen384.44 KB ]


Move 1 Es kommt immer was dazwischen

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

gerne würde ich euch hereinbitten, das Tor weit für euch öffnen, mit euch zusammen sein, Zeit verbringen, mit euch essen und trinken, reden. Aber es geht ja nicht. (Tor zuschieben).

Wir müssen vorsichtig sein, damit die Viren keine Chance haben und wir uns selbst und einander schützen.

Ein Zusammensein geht also gerade nicht, so leid es mir tut. Aneinander denke, füreinander beten, für alle in der Nähe und in der Ferne, die uns manchmal recht nahe sind, dank der digitalen Verknüpfung.

Familien treffen sich via Zoom oder Skype, whatsapps gehen hin und her, es werden gemeinsam Spiele gespielt und gemeinsame Essen arrangiert. Hauskreise treffen sich über Landesgrenzen hinweg. Vielleicht kann man sogar sagen, dass in manchen Punkten die Gemeinschaft mit Menschen dichter geworden ist. Vielleicht wird uns auch einiges noch einmal bewusster.

Denn… wenn ich es mir recht überlege, abgesehen von Corona… es gibt oft gute Gründe, warum ein Zusammensein nicht klappt.
Ich hätte dich schon so gern mal eingeladen, aber ich habe keine Zeit. Es finden sich auch immer Gründe, warum ich mich nicht für eine gute Sache einsetze: ich habe nämlich schon so viel anderes zu tun. Und da ich die Welt auch nicht retten kann, was hilft da mein Engagement?

Move 2 Trägheit im Glauben

In gewisser Weise glaube ich also, liegt bei aller Tragik, auch eine Chance in dieser Krise. Das haben Krisen so an sich: sie können uns neue Denkanstöße geben, uns oder etwas anderes zu verändern und zu verbessern.

Wenn wir 2000 Jahre zurück gehen in einen Ort in Kleinasien, da befinden sich die Anhänger von Jesus von Nazareth auch gerade in einer Art Krisenstimmung. Sie haben sich am ersten Tag der Woche zum Gebet und zum gemeinsamen Essen versammelt. Der Gemeindevorsteher erhebt sich: „Liebe Schwestern und Brüder, ich habe von unserem Apostel eine Predigt gesendet bekommen, die möchte ich euch vortragen!“ Er beginnt mit einer gewaltigen Eröffnung: „Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn.“ Jesus Christus. Ich kann mir vorstellen, wie die Versammelten begeistert Halleluja und Amen rufen. Doch dann folgen 12 endlose Kapitel einer sehr gelehrten, sehr klugen und ausschweifenden und langatmigen Predigt. Bibelzitate häufen sich, Auslegungen werden angehängt. Die Halleluja Rufe werden vielleicht weniger, weil einige gedanklich nicht mehr folgen können. Gott geht mit seinem Volk durch die Geschichte, mit allen Höhen und Tiefen. Das Ziel, die Versöhnung von Gott und Mensch, und damit aller Menschen, bleibt immer fest im Blick.

Der Brief an die Hebräer, der uns im Neuen Testament überliefert ist, ist ein harter Brocken. Der Prediger ist in seiner Beurteilung über den Zustand der Gemeinde nicht zimperlich: die Menschen sind sowohl kindlich-unreif, als auch hinfällig und gebrechlich. Die Grundlagen des Glaubens müssen ihnen neu eingeschärft werden.

Irgendwie kommen die 3 einfachen, klaren Sätze gegen Ende etwas überraschend plötzlich. Sie sind auch unser Text für die Predigt. Ich lese aus der Basisbibel im Brief an die Hebräer im 13. Kapitel, die Verse 1-3:


Die Liebe zu den Brüdern und Schwestern soll bestehen bleiben.

Vergesst aber auch die Gastfreundschaft nicht. Denn auf diese Weise haben schon manche, ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen.

Denkt an die Gefangenen, als ob ihr mit ihnen im Gefängnis wärt. Denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem Körper.


Auf einmal ist alles völlig klar und einfach. Damit kann man etwas anfangen. Bis heute. Diese Sätze kann man sofort verstehen. Am Ende geht es also um die geschwisterliche Liebe. Und das bedeutet, solidarisch miteinander und barmherzig zueinander zu sein. Es ist nichts anderes als die Liebe, die Gott seinem Volk gezeigt und in Jesus Christus bestätigt hat.

Die ganze lange Predigt vorher zum Nach-denken hat diese einfachen Sätze zum Nach-folgen im Alltag vorbereitet:

Geschwisterliebe

Gastfreundschaft

Gefangenenfürsorge

An die Misshandelten denken

Prägnante Stichworte - alle können damit etwas anfangen… alle können nickend zustimmen… ja, das ist wichtig und gerade deshalb… ist es gut, sich an diese Selbstverständlichkeiten erinnern zu lassen. Denn wie gesagt, Gründe gibt es oft genug viele, mich anderweitig zu beschäftigen.

Move 3 wir wissen wie es geht.

Aber wir wissen, wie es geht. In vielen Gesprächen höre ich mit Freude, wie sehr sich Menschen in unserer Gemeinde verbunden wissen, wie sehr die Gottesdienste, die Impulse, die Anrufe, das füreinander da sein und Einkaufen geschätzt wird.

Die Geschwisterliebe ist spürbar, trotz Distanz. Einer sprach davon, dass wir kein social distancing, sondern ein social bonding haben und das öffnet für unsere Gemeinde, für die Kirche, ganz neue Möglichkeiten, die wir vor nicht allzu langer Zeit gar nicht für möglich gehalten hätten, ja noch nicht einmal im Blick hatten.

Wie sieht es mit der Gastfreundschaft aus? Damit verbinden wir meist: großzügig und liebenswürdig sein, gesellschaftliche Beziehungen pflegen, behagliche Atmosphäre, gute Gespräche.
Aber Gastfreundschaft im biblischen Sinn meint mehr. Im griechischen Text steht dafür das Wort Philoxenia und das meint Fremdenliebe bzw. Fremdenfreundlichkeit und ist das Gegenteil zu Xenophobie.
Ein Gast, den ich eingeladen habe, der ist mir ja von vornherein willkommen, aber der Fremde kommt unerwartet zu mir. Und kommt mir vielleicht auch ungelegen.

Die Liebe also zu denen, die euch fremd sind, vergesst nicht.

Das meint Gastfreundschaft in diesem Zusammenhang.

Weltweit tun sich Menschen schwer damit, andere mit offenen Armen in ihrem Land aufzunehmen. Vielleicht aus Angst, selbst etwas abgeben zu müssen, zu kurz zu kommen, keinen Platz mehr zu haben, überfrachtet zu werden vom Fremden?

Und wenn jemand an unserer Tür steht, dann ist das Misstrauen berechtigterweise auch groß.

Denn leider erweisen sich eben nicht alle als Engel, die zu uns hinein wollen.

Die Sicherheitsvorkehrungen werden intensiviert, weil wir Angst haben und uns um unser Leben und um unsere Familie sorgen.

Das ist irgendwie traurig für alle, die mit guter Absicht zu uns kommen und auf Hilfe angewiesen sind, aber als erstes mit unserem Misstrauen und unserer Zurückweisung konfrontiert werden. Aber es ist auch tragisch für uns selbst. Weil wir dann u.U. um die Erfahrung gebracht werden, die im Text genannt wird: Vergesst aber auch die Gastfreundschaft nicht. Denn auf diese Weise haben schon manche, ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen.
Ich denke im AT v.a. an Abraham, der unter der Eiche von Mamre die drei Fremden begrüßte und ihnen Wasser, Brot und ein prächtiges Kalb vorsetzte. Dabei offenbarten sie sich ihm als JHWH selbst mit der Verheißung, seine Frau Sara werde ihm einen Sohn gebären oder ich denke auch an die Witwe von Sarepta, die Elija beim Reisig lesen antrifft und die trotz größter Armut nicht zögert, ihn in ihr Haus zu führen und mit ihrem Wenigen zu bewirten, offenbarte er sich als Mann Gottes, gab ihr als Gastgeschenk Öl und Mehl im Überfluss und erweckte ihren Sohn von den Toten.

In Deutschland im Pfarrhaus, das nahe beim Bahnhof lag, hat es bei uns oft an der Tür geklingelt. Die meisten baten um etwas zu essen und um Geld. Aber einige Male ist es vorgekommen, dass Pilger klingelten, Menschen in Not und auf der Wanderschaft und um eine Bleibe für die Nacht baten. Ich erinnere mich an ausgesprochen unterhaltsame Abende, an Lebensgeschichten und an Gemeinschaft beim gemeinsamen Essen und Trinken. Solche Begegnungen erweitern den eigenen Horizont. Immer.

Nur mal so zum Nachdenken: wie anders könnte eine Flüchtlingspolitik sein, wenn man sich diese Verse zu Herzen nimmt… ja, es könnte doch sein, dass Engel unter denen sind, die man da aufnimmt.

Move 4 Gefangene, Misshandelte, Gäste… was haben sie gemeinsam

Fremde Gäste, Gefangene und Misshandelte nennt der Prediger im Hebräerbrief. Was ist ihnen gemeinsam? Wir müssen raus schauen, um sie zu sehen. Und wenn wir sie im Blick haben, dann sehen wir, dass sie, wie ich selbst… Angewiesene sind. Angewiesen nämlich darauf, dass es jemand gut mit ihnen meint. Und das spiegelt doch in gewisser Weise meine eigene Lage.

Ich bin nämlich abhängig von der Liebe Gottes und voneinander und … wir sind alle verletzbar, angreifbar und brauchen Schutz.

An einander denken, füreinander beten ist manchmal das einzige, was wir tun können, und genau das ist so wichtig und schenkt Kraft, Tag für Tag zu bestehen.

Move 5 Kirche… eine Gastgemeinschaft (in der Kirche am Altar)

Wenn ich müde werde, wenn immer irgendwas dazwischen kommt, ich keine Zeit oder Lust habe…dann darf ich mich erinnern lassen wie damals die Hebräer, worauf es ankommt, wenn wir Jesus nachfolgen wollen… und mich dafür stärken lassen.

Wir können nicht gemeinsam hier in der Kirche das Abendmahl feiern, sondern jeder für sich und in Gedanken beieinander.

Wo wir auch sind, Gott ist da, und er lädt uns ein, mit ihm das Mahl zu halten.

Gottes Gastfreundschaft ist grenzenlos. Er schaut nicht auf unsere Stärken und Schwächen. Er misst uns nicht daran, was wir können und nicht können.
Und seine Gastfreundschaft geht noch über Gastfreundschaft hinaus. Der Wochenspruch aus dem Epheserbrief (2,19) drückt es so aus: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.

Weil er es so will.

Mit seiner Liebe fängt es immer an. Vor aller menschlichen Liebe hat Gott uns geliebt. Grenzenlos. Maßlos.

Denn das Maß von Gottes Liebe ist die Liebe ohne Maß. Und so geliebt, ist auch der Mensch zu Großem fähig.


Amen.