(Predigt Jeremia 1,4-10) [ Video ] [ Abkündigungen215.24 KB ]
Move 1 Menschenpläne – Gottes Pläne
„Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden.“ Dieser im ersten Moment umständlich wirkende Satz kommt von dem dänischen Philosophen Sören Kierkegaard.
Mit der Lesung aus dem Brief an die Philipper noch im Ohr, wird der Satz sicher klar. Paulus, einst Saulus genannt, blickt zurück in sein Leben als gesetzestreuer Pharisäer und nun sieht er alles, was ihm einst Gewinn war, als Schaden an. Er erkennt, dass ihn die Gerechtigkeit aus dem Gesetz nicht weiterbringt, sondern nur die Gerechtigkeit durch Gott, also allein durch den Glauben.
Paulus hatte sich geirrt und rücksichtslos alle verfolgt, die Jesus nachgefolgt waren. Bis Jesus Christus selbst ihn ergriff.
Das änderte sein Leben und auch den ganzen Menschen Paulus. Er schlug eine neue Richtung ein, sah das Ziel im Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.
In der Gegenwart stehend blickt Paulus also zurück, versteht, erkennt…und blickt nach vorne.
So geht es uns: wir müssen so manchen Weg erst hinter uns gebracht haben, um ihn im Nachhinein ganz verstehen zu können. Warum stehe ich jetzt an diesem Punkt und wie kam ich hierher? Dazu gehören die Fragen: wer bin ich, wie bin ich so geworden, wie geht es weiter, wo möchte ich am Ende hinkommen?
Der Mensch denkt, Gott lenkt heißt es so schön. Bei allem Planen – Gott bestimmt mit, wie unser Leben verläuft.
Unser Mann im Predigttext heute hat das selbst erfahren. Hört von der besonderen Berufung des Propheten Jeremia im 1. Kap, 4-10
4 Und des HERRN Wort geschah zu mir:
5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.
6 Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.
7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.
8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.
9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.
10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.
Move 2 Ausreden gibt es immer
Gott spricht zu Jeremia und beruft ihn und Jeremia versucht, diesem Ruf zu entgehen und sagt daher. "Ach, Herr, Herr, ich tauge nicht zu predigen, denn ich bin zu jung.“ Immerhin will Gott ihn zum Propheten über Völker und Königreiche einsetzen – das ist eine sehr verantwortungsvolle und dazu noch lebensgefährliche Aufgabe.
Jeremia dürfte gerade einmal 20 Jahre alt gewesen sein. Das Leben - vermutlich als Priester - liegt offen vor ihm. Vielleicht hat er Pläne. Aber mit Sicherheit ist das, was nun auf ihn zukommt, nicht das, was er sich erträumt hat. Er hat Angst, fühlt sich überfordert, hält sich selbst für zu unerfahren und ungeeignet für diesen Auftrag.
Doch Gott hat einen Plan mit ihm und sich dagegen zu wehren, hat keinen Sinn. Mose z.B. hatte sich gescheut, das Volk Israel aus Ägypten zu führen und Jona, der nach Ninive gehen sollte, ging einen anderen Weg, wurde über Bord geworfen und versprach im Bauch des Wals, Gottes Auftrag auszuführen. Was er dann auch letzten Endes tat.
Und so lässt Gott auch Jeremias Einspruch nicht gelten. Denn er hat Jeremia längst für das Prophetenamt erwählt, als er nicht nur jung, sondern noch gar nicht geboren war. Das heißt, die Bestimmung kam von außen an Jeremia heran und nicht aus der Sehnsucht seines Herzen, nicht aus seinen verborgensten Wünschen und Hoffnungen.
Das Wort, das einen Menschen packt, ist eben das unerwartete Wort des Herrn der in seinen Dienst ruft, wen und wann er will.
Move 3 selbsternannte Propheten
Mir kommen im Gegensatz dazu die vielen "selbsternannten Propheten" in der Bibel in den Sinn, vor denen oft gewarnt wird.
Aber ich denke auch an die selbsternannten Propheten unserer Tage. Cyril Ramaphosa hatte letztes Jahr nach einem Vorfall, der für weltweite Schlagzeilen gesorgt hatte, Geistliche kritisiert, die "Gott und Kirchen in Verruf bringen". In Kapstadt wurde eine angebliche Totenerweckung inszeniert und versucht, die ganze Nation zu täuschen.
Die selbsternannten Propheten und Heilsbringer führen Praktiken durch, die überhaupt nicht mit Gottes Wort in Beziehung stehen.
Sie fühlen sich niemandem verpflichtet außer dem eigenen Ego. Nicht den Gläubigen, für die sie Verantwortung tragen, und schon gar nicht einem Gott, der Gerechtigkeit und Menschenwürde, Frieden und Freiheit für alle Menschen will.
Im Zuge der Covid 19 Pandemie sind einige auf weitere gewinnbringende Ideen gekommen: in den USA pustet der TV Prediger Kenneth Copeland das Virus für immer hinfort und Bischof Wiseman in Großbritannien kreiert mit einem Schutzköfferchen vor Corona, samt Ölfläschchen und rotem Faden, einen einmaligen Gewinn pro Anhänger.
Auch im Lockdown klingelt es in der Kasse von Prophet Shepherd Bushiri. In seinem Einfallsreichtum hat er eine App erstellen lassen, die es seinen Gläubigen den Kontakt zu ihm erlaubt. Für die Nutzung berechnet er monatlich knapp vier Euro.
Den Gewinn gibt er keineswegs für gute Zwecke aus, sondern für sich selbst. „Gott bestimmt, was ich bin. Ich bin zum Gewinner geboren“, sagt er von sich.
Das alles, ist nicht mit Jeremias Haltung zu vergleichen. Er ist bescheiden und selbstkritisch.
Und ich glaube, das Gott gerade einen solchen Menschen ausgewählt hat, seine Botschaft zu verkünden: frei von Eitelkeiten und Eigeninteressen, mit offenen Augen und Ohren für das, was um ihn herum geschieht und vor allem für das, was Gott ihm sagt.
Jeremia, der sich selbst für unbedeutend hält, bekommt eine schwere Aufgabe.
Move 4 Marc Chagall
Das hat der Künstler Marc Chagall in einem Bild auszudrücken versucht (Bild einblenden).
Jeremia wirkt auf dem Bild nicht mehr jung. Mühselig und beladen steht er da, der empfindsame Prophet. Gramgebeugt. Schwer trägt er an der Last seines Amtes: nämlich Unheil zu verkünden.
Das erste Gebot: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“, spielte in Israel im 7. Jh. vor Christus keine Rolle mehr. Dagegen hatte Jeremia Einspruch erhoben. Sieh her! Am heutigen Tag setze ich dich über Völker und Reiche; du sollst ausreißen und niederreißen, vernichten und einreißen, aufbauen und einpflanzen. Hatte Gott zu ihm gesagt.
Jeremia hatte den Mächtigen und Gewaltigen von Staat und Religion, König und Priester, aber auch dem Volk zu verkünden, dass der Geduldsfaden Gottes gerissen ist.
Keiner wollte seine Botschaft hören. Man warf ihm Verrat, Nestbeschmutzung, üble Nachrede und Aufruhr vor.
So sitzt er also nun erschöpft da.
Neben ihm ein sanft blickender Esel. Über ihm erhebt sich eine violett farbene Wolke. Violett – Farbe der Trauer und der Buße. Und in seiner Hand die Thorarolle. Die Schrift, die die Erfüllung der Verheißung verspricht, die Trost spendet und Zuversicht weckt.
8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.
So hart die Kämpfe und Auseinandersetzungen, die Anfeindungen und Gefährdungen auch sind. So qualvoll auch die inneren Dialoge sind, die er zeit seines Lebens führt: Jeremia soll darin nicht untergehen. Gott steht ihm zur Seite.
Move 5 Verantwortung übernehmen
Wenn wir uns das Gesicht des Propheten noch einmal anschauen: es leuchtet gelb auf in der Finsternis. Gelb – im Chassidismus die Farbe des Messias. Vielleicht kündet sein strahlendes Gesicht das neue Heilshandeln Gottes an.
Gott hat Jeremia für einen extremen Weg ausgesondert. Aber wenn man seinen Weg vom Ende her überschaut, sieht es so aus, dass dieser Mensch in all seiner Gebrochenheit doch stimmig ist mit sich selbst: Ein „geborener“ Prophet.

Bild „Jeremia“ aus Marc Chagall „Bilder zur Bibel“.
Wer von uns ist schon als Völkerprophet geboren? Aber auch wir haben Aufgaben im Leben. Herausforderungen, vor denen wir stehen und denen wir uns stellen müssen. Nämlich mit den Gaben und Fähigkeiten, die uns von Gott gegeben sind. „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern“.
Das ist unabhängig von unserem Alter und auch davon, für wie schwach oder unbedeutend wir uns selbst halten. Solche Einwände lässt Gott auch bei uns nicht gelten - wenn auch die Fähigkeit zu Kritik und Selbstkritik, zum Hinhören und Hinschauen wichtige und wertvolle Basis unseres Redens und Handelns ist.
Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.
Das ist eine deutliche Ansage. Sie kann abschrecken, sie kann auch ermutigen. Gott traut Jeremia etwas zu und er traut uns etwas zu. Und was er zu Jeremia sagt, gilt für uns alle.
8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.
Mit diesem Zuspruch sollen wir die Herausforderungen des Lebens annehmen. Die unseres persönlichen Lebens, aber auch die, vor die die Welt und diese Zeit uns stellt.
Ich wünsche es uns, gerade, wenn wir so manche Tage in violetter Stimmung verbringen, trauern und nicht weiter wissen, dass wir Gott spüren, der uns Mut gibt und Stärke, anzunehmen was war, zu erkennen, was ist und zu gehen, wohin Gottes Wort uns führt.
Amen.