(Predigt Röm 11,25-32) [ Video ] [ Abkündigungen263.27 KB ]
Die verdrängte Verwandtschaft lässt einen nicht los
Sie hatten sich noch nie verstanden. Der Vater kam ihr immer – schon als sie noch ein Kind war – fremd vor. Über ihn wurde nicht geredet, wenn sie dabei war.
Seit dem Streit vor vielen Jahren waren sie endgültig getrennte Wege gegangen. Kein Anruf, kein Brief, sie sprachen kein Wort mehr miteinander.
„Was weiß denn ich“, sagte sie, wenn sie nach ihm gefragt wurde und sie wusste wirklich nichts von ihm. Es sollte auch bedeuten: „Den brauche ich nicht“ und mancher hörte hinter ihren Worten „Frag bloß nicht“.
Von sich aus redete sie nicht von ihm.
Schlimm wurde es, wenn jemand Ähnlichkeiten zwischen ihr und ihrem Vater zu entdecken meinte und es laut aussprach.
Da konnte sie geradezu ausfallend und laut werden. „Mit dem bin ich fertig“ sagte sie dann und sagte es so, dass man spürte: sie war eigentlich alles andere als fertig mit ihm. Da war etwas, das ihr keine Ruhe ließ.
Ihr Vater war mit dem Lebenswandel seiner Tochter nicht einverstanden gewesen. Der Weg, den sie für sich gewählt hatte, gefiel ihm nicht. Es kam zum Streit und letztendlich trennten sich ihre Wege.
Diese Sache war keineswegs erledigt. Die Wunde nicht geheilt. Ein Wort genügte und die alte Geschichte war wieder da. „Er ist neidisch, verbohrt, verstockt und hat nie wirklich begriffen, wer ich bin und was ich will.“
So ähnlich redete sie über ihren Vater und man spürte, dass es sie doch schmerzte, dass es nie eine Aussprache und Versöhnung gegeben hatte.
Sie hatte von anderen gehört, die sich von ihren Eltern abgegrenzt hatten, um ihren eigenen Weg zu gehen. Das ist auch ein Stück weit nötig, wenn man erwachsen wird. Irgendwann waren diese aber wieder zusammen gekommen. Bei ihr und ihrem Vater war es dagegen bei eisigem Schweigen geblieben.
Aber auch diesen Schmerz durfte man nicht ansprechen – sie hätte ihn nicht zugegeben.
So entfernten sie sich immer weiter voneinander und waren sich doch ähnlicher als vielleicht beiden lieb und bewusst war.
Verdrängtes schwelt im Untergrund
Ich denke, manche unter uns kennen solche komplizierten Beziehungen, wo zwei aneinander hängen und doch miteinander nichts zu tun haben wollen. Sie versuchen, voneinander los zu kommen und können sich doch nicht trennen. So sehr sie es auch versuchen.
Es ist tragisch, wenn es zwischen Eltern und Kindern oder unter Geschwistern so zugeht. Weil man keinen besseren Weg sieht oder weil keiner über seinen Schatten springen kann und will.
Eltern und Geschwister kann man sich nicht aussuchen und man kann sich auch nicht scheiden lassen von ihnen. Und so tut man einander weh mit alten Geschichten und indem man dem anderen weh tut, straft man sich auch selbst. Das Gewissen plagt einen, doch man verbietet es sich, darüber nachzudenken. Weil es sonst zu weh tut und man sich selbst Fehler eingestehen müsste. Und so bricht die Verbindung ab. Man hofft darauf, dass die Zeit alle Wunden heilt.
Gleichzeitig, ob man es merkt oder nicht, stirbt ein Teil in einem selbst, weil der andere ein Teil des eigenen Lebens ist, ihn aber verleugnen muss.
Jahre später vielleicht spüren es nur noch die anderen, die aber umso deutlicher. Wer es ausspricht, hebt etwas an die Oberfläche, was verborgen bleiben soll.
Verwandtschaft von Juden und Christen
Liebe Gemeinde,
so kann man auch die Geschichte zwischen Juden und Christen beschreiben. Vater und Tochter, die voneinander nicht loskommen, obwohl sie einander immer fremder geworden sind im Laufe der Geschichte. Und die doch, je mehr sie ihr Eigenes zu entdecken versuchen, merken, dass sie aus einer Familie kommen.
Aber weil man einander nicht versteht, muss man die Verwandtschaft leugnen.
Wir sind das neue Volk Gottes, sagten Christen lange Zeit. Davon überzeugt, die Juden seien all ihrer Verheißungen von Gott enterbt.
Aber dass nicht alles vorbei und vergessen ist, dass sie mehr verbindet, das spüren diejenigen, die von heftigen Ausfällen von Christen gegen Juden hören oder lesen. Den Hass, mit dem Christen an sich hassen, was sie den Juden vorwerfen.
Paulus trägt die Geschichte in sich – sie ist Teil seiner Lebensgeschichte.
Die Christengemeinden seiner Tage sind dabei, die gemeinsame Geschichte zu vergessen. Wer sich von den Juden zu den Christen bekehrt, ist willkommen. Die Masse der Juden jedoch will von Jesus nichts wissen und so will auch die christliche Gemeinde nichts mehr von ihren Sitten wissen. Sie werden in ihren Augen immer mehr zu Ungläubigen, schlimmer noch als die Heiden. Nur noch den Judenchristen tut es weh, wenn so geredet wird und auch da nicht mehr allen.
Man legt Wert auf die neuen, christlichen Sitten – alles jüdische ist überholt.
So einfach kann es sich Paulus nicht machen, er würde sich von seiner jüdischen Wurzel abschneiden. So einfach sollen es sich die Christen nicht machen. Denn es geht um alles: um Menschen ebenso wie um Gott.
Ich lese den Predigttext aus dem Brief des Paulus an die Römer 11,25-32
25 Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist.
26 Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob.
27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«
28 Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.
29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.
30 Denn wie ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams,
31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.
32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.
Liebe Schwestern und Brüder,
Was wäre das für ein Gott, der seine Verheißungen gegenüber Israel einfach zurück nähme? Könntet Ihr an einen solchen Gott glauben? Heute so und morgen so? Wer sollte seine Liebe annehmen können, wenn er sie so einfach wieder aufhebt?
Nein, Gott steht zu seinem Wort. „Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“ Die Liebe Gottes teilen sich Juden und Christen.
Vielleicht ist das für Viele nur schwer zu ertragen. Offensichtlich. Denn in der Geschichte, beginnend in der Frühzeit des Christentums kam es zu bösen Legenden um die Juden und Bildern von ihnen in so manchen Kirchen. Demnach hätten Juden den Tod Jesu verschuldet und seien darum als erwähltes Volk von den Christen beerbt worden. Im Hochmittelalter wurden den Juden Ritualmorde, Hostienfrevel und Brunnenvergiftung zur Last gelegt. Die religiösen Vorwürfe verbanden sich in der Neuzeit mit kulturellen und rassistischen Diffamierungen; die Juden galten als minderwertiges, faules, geldgieriges und verschlagenes Volk. Sämtliche Verwerfungen mündeten schließlich in die Shoah.
Das alles ist bekannt und in den letzten Jahrzehnten mehrfach zum Inhalt von Schuldbekenntnissen geworden. Die Bekenntnisse nötigten kirchlicherseits auch zu einer Neubewertung des Verhältnisses von Christentum und Judentum, die bis heute andauert.
Paulus besteht darauf und ruft es der Gemeinde in Rom zu: Erinnert euch. Gott hat Israel ewige Zuwendung versprochen.
Israel kann Gott vertrauen, er bricht nicht sein Wort.
Dankbarer Blick auf die eigenen Wurzeln
Im Lauf der Jahre spürte sie, wie viel sie mit ihrem Vater gemeinsam hatte, wie ähnlich sie einander doch in mancher Hinsicht waren. Einiges davon, so merkte sie widerwillig, gehörte zu dem, was andere an ihr so mochten. Das war es wohl, was im Lauf der Zeit das Bild des Vaters in ihr änderte. Was sie ihm verdankte, spürte sie wieder, konnte es nach langer Zeit auch aussprechen.
Sie kamen nie mehr wirklich zusammen. Aber sie sah ein, dass auch sie Fehler gemacht hatte und dem Vater viel Schmerz zugefügt haben musste. Sie lernte, den Weg anzunehmen, den sie gegangen war, um sie selbst zu sein. Sie spürte wohl auch: ich wäre nicht, die ich bin, ohne diesen schmerzhaften Weg.
Gott lässt aus Schlimmem Gutes werden
Es geht Paulus um die Juden und die Christen. „Ihr fühlt euch so selbstverständlich als Christen, dass ihr meint, bessere Gläubige zu sein als die Juden. Was meint ihr, wäre aus euch geworden, wenn ganz Israel Jesus angenommen hätte? Ich will es euch sagen: Ihr hättet nie die Chance gehabt, von Jesus zu hören. Es ist euer Glück, dass Israel so blind war. Und ich sage euch noch etwas: es ist nicht einfach Glück – es ist Gottes Wille.
Gott will, dass alle Menschen gerettet werden, dass alle an ihn glauben – deswegen hat er es zugelassen, dass sein Volk die Augen verschließt. Nur so kam das Evangelium zu euch. Erhebt euch also nicht über die Juden. Auch ihr Weg ist von Gott gesegnet.
Unser Verstand ist zu klein, um Gottes Weg mit seinem Volk wirklich zu verstehen. Darum kommt es darauf an, das Judentum, unsere Wurzel, in ihrer Bedeutung wahrzunehmen, Andersartigkeit zu tolerieren, ihren Weg mit Gott – zu uns verwandt und doch anders - zu akzeptieren. Und es kommt darauf an, uns heute mit Ihnen solidarisch zu zeigen. Überall da, wo Menschen etwas anderes sagen, sie darüber aufzuklären: Jesus war Jude und blieb es. Ohne das Judentum, ohne ihre Schriften und Traditionen, ohne ihren Glauben wären wir nicht, was wir sind. Gott kennt die Wege, er kann aus dem Schlimmen, was passiert und passiert ist, Gutes entstehen lassen. Wie anders könnten wir Christen leben als mit dieser Zuversicht.
Amen.