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Denn ich habe gesündigt
Sünde ist, wenn man es ernst meint, gar kein so tolles Wort. Natürlich kann man damit auch wunderbare Witze machen oder die eigenen kleinen Macken belächelnd und verniedlichend beschreiben. Aber eigentlich ist Sünde ein unbequemes Wort. Ein fast schon beleidigendes Wort, denn es beschreibt ein konkretes und aktives Fehlverhalten, dass eine innere und äußere Distanz schafft. Und dieses Fehlverhalten macht mich zum Sünder, zur Sünderin.
Das Fehlverhalten kann gegen mich selbst gerichtet sein, gegen die Umwelt, also Gottes Schöpfung im weiteren Sinne oder gegen Mitmenschen. Ich beschränke mich auf ein Beispiel aus dem zwischenmenschlichen Bereich: Eine Lüge entwickelt sich als Gedanke in meinem Gehirn und ich fange an innerlich abzuwägen, ob ich die Person gegenüber von mir anlügen soll, ihr also bewusst etwas Falsches erzählen. An dieser Stelle beginnt die Distanzierung, weil ich innerlich von mir selbst abrücken muss, weil ich nicht mehr ganz ich selber sein kann, nicht mehr ganz „echt“ Ich bin. Spreche ich die Lüge aus, setzt sich die Distanzierung fort. Jetzt muss ich z. B. anfangen aufzupassen, dass mein Gegenüber nicht mitbekommt, dass ich gelogen habe. Ich muss versuchen, dass sich mein Gegenüber und die Wahrheit nicht begegnen. So werde ich plötzlich zu einer Art Dompteur, der versuchen muss, die Lage zu kontrollieren. Aus einer „Zweier-Beziehung“ ist eine „Dreier-Beziehung“ geworden. Oftmals passiert es, dass eine Lüge weitere Lügen nach sich zieht, um die erste Lüge nicht auffliegen zu lassen. Und wenn dann doch alles auffliegt, dann kommt zu meiner Distanzierung die Distanzierung der anderen Person: durch Enttäuschung, Verletzung, Misstrauen.
Vielleicht hat Martin Luther damals deshalb den Begriff Sünde für das griechische Wort hamartia gewählt. Hamartia meint eigentlich „ein Ziel verfehlen“. Sünde allerdings stammt von dem deutschen Wort Sund ab und meint einen tiefen Graben. Zum Beispiel den Fehmarn Sund, der die gleichnamige Ostseeinsel vom Festland trennt.
Warum Sünde ein theologisches Problem ist
Sünde schafft also Distanz. Zu mir selbst. Zu meinem Gegenüber. Und auch zu Gott. Das macht es erstmal noch komplizierter. Eigentlich könnte man ja denken: „Was hat Gott damit zu tun, wenn ich jemand anderes belüge, betrüge, bestehle, …? Das ist etwas zwischen mir und dieser Person!“ Wie so oft bei theologischen Fragen ist es nicht so einfach, eine einfache Antwort zu geben. Dass von meiner Sünde auch meine Beziehung zu Gott betroffen ist, hat ganz viel damit zu tun, dass ganz viel von Gott ins uns „steckt“. Weil wir nach seinem „Ebenbild“ geschaffen sind (Gen 1,27). Weil sein Lebensatem in uns ist (Gen 2,7). Gott ist sozusagen in allen und allem gegenwärtig. Deshalb betrifft es auch ihn. Wenn ich einen Menschen belüge, belüge ich damit auch Gott (und mich selbst ja auch). Und das bedeutet in der Konsequenz auch Distanz zwischen Gott und mir.
Jesus und die Sünder
Wenn Sünde Distanz zwischen Menschen und Gott bedeutet, wie ist dann Jesus, der menschgewordene Gott, eigentlich mit Sündern umgegangen? Um eine Antwort vorwegzunehmen: nicht so, wie die frommen Eliten, z. B. die Pharisäer, seiner Zeit sich das gedacht und gewünscht hatten. Denn Jesus hatte sich nicht an ihre Regeln gehalten, dass man zu Sündern besser Distanz hält, damit man sich nicht an der Schuld der Sünder und Sünderinnen „ansteckt“. Die Geschichte mit der Ehebrecherin (Johannes 8) ist vielleicht vielen bekannt. In der Geschichte sind Menschen bereit, die maximale Distanz zwischen sich und einer Sünderin zu schaffen, nämlich den Tod durch Steinigung. Dazu kommt es zwar nicht, sie gehen aber trotzdem auf Distanz und ziehen sich zurück. Nur Jesus nicht. Er steht am Ende der Geschichte an ihrer Seite. Statt Distanz sucht Jesus also die Nähe zu Sündern. Das zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben von Jesus. Gleichzeitig weicht Jesus nicht davon ab, Sünde beim Namen zu nennen. Was falsch ist, bleibt auch falsch. Das ist manchmal schwer auszuhalten, wenn jemand einem die Wahrheit vor Augen hält. Und immer wieder passiert es, dass man lieber eine Beziehung, eine Freundschaft verliert, als sich der eigenen Schuld zu stellen und sie einzugestehen. Das hat Jesus auch erlebt (Joh 6,60ff). Vielleicht warnte Jesus deshalb so deutlich davor, andere nicht zu verurteilen (Mt 7,1f), weil es für uns Menschen so schwer ist, „den Sünder zu lieben, aber die Sünde zu hassen“.
Sei mir Sünder gnädig
Es gibt da diese Gleichnisgeschichte, in der Jesus von zwei Menschen erzählte. Der eine Mensch definierte sich vor Gott vor allem darüber, was er NICHT gemacht hatte. Dass die anderen ja alle viel schlimmer sind. Und dann war da dieser andere Mensch, der kaum ein Wort über die Lippen brachte, der wusste, dass er ein Sünder ist. Er blieb auf Distanz, „stand ferne und wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!“ (Lk 18,13). Was Jesus mit dieser Geschichte deutlich macht, ist, dass im Leben andere Dinge wichtig sind, als nach außen gut dazustehen. Man kann schnell die Umstände, die eigene Biographie, die anderen für das eigene Fehlverhalten verantwortlich machen. Auf die Schuld anderer verweisen. Aber es ändert nichts daran, dass ich selber letztlich auch ein Sünder bin. Deshalb kann „Brusttrommeln“, sich an die Brust schlagen, so wichtig sein. Als ein Zeichen, vor sich selbst ehrlich zu sein. Als der erste Schritt, um Sünde, um Distanzen zu überwinden (die Distanz zu mir selbst, zu anderen und zu Gott). Und Gott damit erstmal um nichts anderes zu bitten, als gnädig zu sein.
Was mich am Ende an dieser Geschichte von Jesus bewegt und ermutigt, ist, dass genau dieser Mensch – der vor Gott ganz zu sich selbst stehen konnte, der sich nicht hinter anderen verstecken musste – „gerechtfertigt hinab in sein Haus“ ging. Und das ist im Leben letztlich das Wichtigste, was es gibt. Wirklich. Für mich zumindest. Denn wir alle, du und ich, wir sind Sünder.
Amen