(Predigt Lukas 19,1-10) [ Video ] [ Abkündigungen263.87 KB ]
Move 1 Ausgrenzen und ausgegrenzt werden
Liebe Gemeinde, so eine Szene kommt einem bekannt vor, Kinder und Jugendliche sind ja meist direkter in ihrer Art, aber dieses Phänomen an sich, auszugrenzen und ausgegrenzt zu werden, das passiert auch als Erwachsener. Du darfst nicht dabei sein, weil du so oder so aussiehst und dich anziehst oder dich so und nicht angepasst verhältst. Weil du einen Fehler gemacht hast oder einfach nicht dazu gehörst, weil nicht in dem Familienclan oder dort aufgewachsen.
Meistes spürt man es deutlich.
Ja es war dumm von mir, mich so zu verhalten, ich habe einen Fehler gemacht, aber die anderen machen es einem schwer, es wieder gut zu machen. Triumph der anderen. Abgestempelt. In eine Schublade gesteckt. Fertig. Einmal drin, kommt man schwer wieder raus. Und das kann einen fertig machen. Die anderen reden über mich. Ich es an ihren Gesichtern und sobald ich näher komme, schweigen sie.
Move 2 Zachäus
Sowas passiert. Leider. Heute und auch damals zur Zeit Jesu.
In Gedanken reisen wir in eine der ältesten Städte der Welt. Nach Jericho, nur 20 km von Jerusalem entfernt. Es ist dort viel los. Händler bringen ihre Waren in die Stadt. Man tauscht sich über die neuesten Nachrichten aus, trifft Bekannte und Freunde. Manche ärgern sich auch über die Preise am Zoll. Dort sitzt wie jeden Tag. Zachäus im Auftrag der Römer. Heute würde man sagen: er ist ein Geldeintreiber, der keinen Spaß versteht, wenn man seine Schulden nicht zahlen kann.
Die Menschen in Jericho sind sich einig: Zachäus - den mag man nicht. Der ist ein Sünder. Er nutzt seine Position als oberster Zolleinnehmer aus. Er setzt den Zoll fest. Oft zu hoch. So ist er reich geworden.
Reich - aber nicht glücklich. Denn keiner mag ihn.
Zu Recht kann man denken. Und es ist ja auch so: Betrug ist Betrug. Das lässt sich nicht schön reden.
Aber ist Zachäus wirklich nur ein Gauner, der den Hals nicht voll kriegt?
Ist das Mädchen, wirklich nur Petze, nur Streberin, nur Angeberin, nur nervig?
Warum ist jemand so? Vielleicht wäre es interessant, mit dem anderen ins Gespräch zu kommen und zu hören, was da los ist.
Und ist es nicht so, bei anderen fällt es immer leicht, die Fehler zu sehen. Da sind wir oft schnell bei der Sache, den Finger auszustrecken und auf andere zu zeigen. Und einige scheinen ja geradezu die Fehler bei anderen zu suchen. Yes, endlich hab ich was, womit ich dem anderen schaden kann. Leider höre ich davon oft. Aber wie ist es denn bei mir selbst? Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein, höre ich Jesus sagen. Bin ich ohne Fehler? Mache ich immer alles richtig? Bin ich immer ehrlich und gut zu ertragen?
Ich glaube, es ist gut, wenn ich mir ab und zu an die eigene Nase fasse. Bin ich immer so einwandfrei, wie ich mich gern selbst sehe und vor anderen präsentiere?
Move 3 Auf der Suche sein
Zurück nach Jericho. Jesus ist in der Stadt.
"Zachäus wollte unbedingt sehen, wer dieser Jesus sei. Aber er konnte es nicht, denn er war klein und die Volksmenge versperrte ihm die Sicht. Deshalb lief er voraus und kletterte auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus sehen zu können; denn dort musste er vorbeikommen."
Zachäus gehört zu den kleinen Leuten, körperlich und charakterlich. Es kann nicht groß sein, wer andere betrügt. Es kann sich vielleicht groß fühlen, wer andere über den Tisch zieht. Aber nicht lange. Denn Betrug macht einsam. Das ist Zachäus. Einsam. Deshalb möchte er Jesus sehen. Noch mehr: Zachäus möchte gefunden werden. Nun, sein Rang bringt ihm keinen Platz in der ersten Reihe. Sein Ruf im Ort natürlich auch nicht. Seine kleine Gestalt erst recht nicht. Und so klettert Zachäus auf den dicht bewachsenen Maulbeerfeigenbaum. Nicht gerade der richtige Ort, um gefunden zu werden. Aber besser als gar nichts.
Dort droben ist der kleine Mann ganz groß. Böse Zungen sagen: „Schau hin, er meint wirklich, er sei der Größte.“ Für mich ist dieser Mann auf dem Baum auf dem Höhepunkt seiner Verzweiflung. Und auf dem Höhepunkt seiner Suche nach dem, was sein Leben wieder heil macht.
Ich denke an Menschen, die sich innerlich klein fühlen wie der kleingewachsene Zachäus. Das Mädchen im Anspiel fühlt sich sicherlich klein gemacht von den beiden anderen. Es gibt andere Jugendliche und Erwachsene, die viel Ablehnung in ihrem Leben erfahren. Menschen, die sich von den leiblichen Eltern nicht geliebt fühlen oder von Gleichaltrigen nicht akzeptiert werden und somit ihr Leben lang nach einem Halt im Leben suchen. Die sich fragen: Wer bin ich Menschenkind überhaupt noch? Menschen, denen das Leben nicht glückt und die nicht wissen, wo sie Heimat haben.
Zachäus da oben auf dem Baum – für den kleinen Mann eine große Anstrengung. So wie er wenden Menschen eine enorme Energie auf, um das zu finden, was sie verloren haben. Oder noch nie hatten. Manche suchen das Weite. Suchen das Heil in der Flucht. Oft in einer anderen Welt, einem anderen Land. Mittels Arbeit. Mittels Alkohol und Drogen.
Zachäus tut das nicht. Er sucht ein heiles Leben mitten unter den Leuten, die ihn hassen. Das ist der schwierigste Weg. Und der verdient Respekt.
Move 4 und finden lassen
Als Jesus an die Stelle kam, blickte er hoch und sagte zu ihm: „Zachäus steig schnell herab. Ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.“ Der stieg sofort vom Baum herab. Voller Freude nahm er Jesus bei sich auf.
Jesus findet Zachäus. Sucht ihn heim. Hält Tischgemeinschaft mit ihm. Zachäus nimmt seinen Gast auf – voller Freude. Vollkommen unbefangen. Beinahe naiv. Denn eigentlich gibt es – wir wissen es heute - kein größeres Outing eines Sünders, als dass Jesus ihn besucht. Die Menschen von Jericho müssten froh sein, dass Jesus nicht zu ihnen kommt. Sonst müssten alle denken, sie hätten mehr Dreck am Stecken als der Zöllner. Stattdessen murren sie. "Er ist bei einem Mann eingekehrt, der voller Schuld ist."
Zachäus ist das in diesem Moment egal. Er ist erst einmal selig, denn er hat gefunden, was er gesucht hat. Er ist nicht mehr allein. Und Jesus sieht in Zachäus mehr nur als den Sünder. Viel mehr. Zachäus ist für Jesus wertvoll. Unverzichtbar Bestandteil in Gottes Familie. Einst verloren hat Jesus ihn wiedergefunden. Er zeigt nicht mit dem Finger auf ihn, wie die anderen Leute, sondern reicht ihm die Hand.
Move 5 Jesus sucht das Verlorene, Zachäus auch
Für den Evangelisten Lukas haben Zachäus und Jesus etwas gemeinsam:
Sie suchen beide das Verlorene. Jesus sagt von sich: Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Und Zachäus sucht sein Heil in Jesus.
Die Geschichte von Zachäus ist also nicht ausschließlich die eines reuigen Sünders. Es ist die Geschichte eines jeden Menschen, der im Leben nach Heil, nach Glück, nach Ganzsein, nach Liebe sucht. Und ich glaube, zu denen gehören wir alle.
Was da in Jericho geschieht, ist kein gewöhnlicher Hausbesuch. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Heimsuchung. Jesus sagt: Heute ist dieses Haus gerettet worden.
Es geht in dieser Geschichte um die Beantwortung der Frage, wo der Mensch seine Heimat hat. Wo und wie er geborgen ist. Wo und wie er Schutz und Hilfe in seinem Leben erfährt. Was im Leben Halt gibt. Und Halt finde ich nicht darin, andere auszugrenzen, andere zu belügen und betrügen. Halt kann einem letztlich nur Gott geben.
Zachäus Freude ist grenzenlos. Sein Leben ändert sich. Muss sich ändern. Und so beschließt er: Herr, sieh doch: Die Hälfte von meinem Besitz werde ich den Armen geben.
Und wem ich zu viel abgenommen habe, dem werde ich es vierfach zurückgeben. Das wird nicht leicht für ihn. Er muss sein Leben ganz neu gestalten. Jeden Tag wird er sich fragen, was das heißt: Heute ist dieses Haus gerettet worden. Vielleicht kann er sagen: Ich bin selig, weil ich nicht mehr allein bin. Das ist wichtiger als alles Geld der Welt.
Den Anfang für ein neues Leben hat er gemacht. Weil die Sehnsucht so groß war. Und Sehnsucht ist der Anfang von allem. Sehnsucht ist wie der Türöffner für Haus und Herz.
Für die Menschen von Jericho ist der Tag der Heimsuchung Jesu bei Zachäus ein Einschnitt. Zachäus als größter Sünder der Stadt ist Vergangenheit. Keiner kann mehr von seiner eigenen Schuld ablenken. Freilich: Sie könnten einen neuen Sündenbock finden, der für alles Verlorene in ihrem eigenen Leben herhalten muss. Oder sie werden ebenso mutig wie der kleine Zöllner. Der hatte nichts mehr zu verlieren. Darum kann er zu dem stehen, was er getan hat und was in seinem Leben missraten ist. Und wird selig.
Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Jesus findet uns. Er sucht uns heim. Das ist sein Versprechen. Denn wir alle sind unverzichtbar in Gottes Familie.
Amen.