2020-09-27 - 16. Sonntag nach Trinitatis - Prädikantin Elke von Schlichting

Predigt 2. Tim.1, 7-10 ) [ Video ] [ Abkündigungen233.78 KB ]


Ich bin immer wieder fasziniert von Türen. Altmodische oder moderne, baufällige oder neue, farbenfrohe oder einfarbige, laut-quietschende oder geräuschlose Türen, Türen aus Holz, Metal, Stahl oder Glas. Was macht Türen spannend? Ganz einfach. Weil sie Geschichten erzählen und Geheimnisse verbergen. Wenn man davor steht, weiß man nicht was sich dahinter verbirgt, und auch umgekehrt: Wenn man drinnen ist, weiß man nicht was draußen vor sich geht. Außer wenn man die Tür öffnet. Und dann setzen wir uns entweder dem Guten oder dem Bösen aus. Mit dem Guten können die meisten von uns recht gut umgehen. Harmonie, Besinnlichkeit, glückliche Lebenserfahrungen, das alles sind die guten Besucher, die in unser Leben einkehren wollen, oder zu denen wir ganz gerne geladen werden wollen. Aber leider leben wir nicht in solch einer heilen Welt. Hinter mehr Türen als was uns lieb ist, verbergen sich Trauer, Mishandlung, Gewalt, Einsamkeit, Arbeitslosigkeit und Krankheit – all das was Angst und Furcht auslöst.

Aber auch an der Außenseite der Tür steht oft ein unwillkommener Gast. Er klopft an und wir lassen ihn rein ...

In unserem Predigttext im 2.Timotheus brief, den wir bereits in der Epistel gehört haben, geht es heute um den Gast, der immer wieder an unsere Tür klopft, und sich auch gegen unseren Willen in unser Leben einschleicht. Dieser Gast ist der Geist der Furcht. Nicht die Furcht oder Angst mit der wir gelernt haben, umzugehen, beispielsweise Angst vor Spinnen oder Höhenangst. Nein, der Geist der Furcht sind die Ängste, die uns so stark beeinflussen, das sie uns bestimmen und uns hilflos machen. Die Vielfalt dieser Ängste kennt keine Grenzen: Die Angst um unsere Lieben und die Angst, sie zu verlieren. Die Angst vor dem Verlust von Haus, Arbeitsstelle und gesellschaftlicher Position. Die Angst vor dem globalen Chaos in der Welt, nicht nur jetzt in der Covid- Pandemie, sondern auch schon vorher – Angst vor Kriegen, Klimawandel, Naturkatastrophen. Angst im eigenen Land vor dem was sich vor unserer Haustür abspielt – zunehmende Kriminalität, Gewalt, Farmmorde, Korruption, Ausbeutung. Aber auch persöhnliche Angst: Angst vor der Dunkelheit, Verlust und Einsamkeit. Angst vor den eigenen Grenzen und Abgründen. Angst um die Gesundheit. Prüfungs- und Versagungsangst. Die Angst, das eigene Leben nicht mehr in der Hand zu haben, oder das Leben gar verfehlt zu haben. Und die Angst, alles zu verlieren sogar das Leben selbst und damit die Angst vor dem Tod.

Ein Leben ohne Angst und Furcht gibt es glaube ich nicht.

In unserem Predigttext würde man meinen, das Paulus solch ähnliche Furcht und Angst ausstehen muss. Er steht am Ende seines Lebens, ist wieder in Gefangenschaft geraten und weiß das er diesesmal nicht wieder freigelassen wird. Die meisten Menschen wären in solch einer Situation verzweifelt, von Angst und Furcht befallen. Aber Paulus ist es nicht. Trotz seiner schwierigen Umstände lehrt und berät er weiter, diesmal Timotheus, einer seiner Schüler, der an der Weltsituation am verzweifeln droht und Angst um sich und um seine Gemeinde hat. Er will ihn in diesem Abschiedsbrief nochmal ermutigen. Dazu braucht er nicht viele Worte denn nur ein paar Worte erinnern Timotheus schon an alles, was die Frohe Botschaft ausmacht. Er errinnert Timotheus daran dass Gott uns nicht den Geist der Furcht gegeben hat, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit, denn Jesus hat dem Tod die Macht genommen und uns ein ewiges unvergängliches Leben geschenkt.

Wie schön wäre es wenn man das einfach so annehmen könnten. Immer wieder heißt es in der Bibel „Fürchte dich nicht!“ Angeblich, laut einer Statistik 366 mal – wenn das stimmt, wäre das ja optimal, dann hätten wir für jeden Tag des Jahres, sogar im Schaltjahr einen neuen „Fürchte dich nicht“ Spruch. Das müsste uns doch überzeugen, ohne Angst und im Gottvertrauen zu leben?

Ich weiß nicht wie es euch geht, aber trotz der Zusage „Fürchte dich nicht“, habe ich täglich meine Ängste. Oft nimmt der Geist der Furcht und der Verzagtheit mich gefangen und engt mich ein. Auch wenn ich Christ bin, auch wenn ich so gesegnet bin, auch wenn es mir gut geht, fürchte ich mich vor so vielem. Mit einigen dieser Ängste wie Höhenangst und Platzangst, Angst vor Schlangen und großen Spinnen, Angst vor Blitzen und Dunkelheit, Angst vor Achterbahnen und vor schnellem Autofahren, habe ich gelernt umzugehen. Diese Art der Angst lähmt nicht mein ganzes Wesen. Aber ich habe viel tieferliegende Ängste, die mich des öfteren quälen: Angst um meine Familie, vor Krankheit, vor Einsamkeit und vor mir selbst, dass ich nicht mehr alles bewältigen kann. Erstarrende Angst wenn ich an die politische und wirtschaftliche Lage unseres Landes denke, wenn ich die Nachrichten sehe und nur Pessimismus bei meinen Mitmenschen höre. Angst vor der Zukunft, aber auch Angst vor Neuanfängen, und letztendlich Angst vor dem Tod. Dieser Geist der Furcht, der Angst nimmt mich oft einfach so in Besitz, auch wenn ich versuche ihm den Weg in mein Leben zu versperren, ihm die Tür nicht zu öffnen wage. Und dann schleicht sich auch bei mir manchmal das Gefühl ein: Lohnt es sich denn? Ich kann nicht mehr, Sollte ich mich nicht einfach gehen lassen? Es hat ja doch keinen Zweck.

Wie kann das sein dass ich als Christ trotzdem die volle Pallette an Ängsten habe. Fehlt es an meinem Glauben? An meinem Vertrauen?

Mitten in dieser Angst und Furcht errinnert Paulus, damals Timotheus, heute mich und vielleicht dich daran, dass Gott uns nicht diesen Geist der Furcht gegeben hat. Nein, er beschenkt uns mit drei Gaben, die wir nicht suchen brauchen hinter geheimnisvollen Türen, sondern die er uns einfach so anbietet – wie auf einem Silbertablet.

Zuerst ist da der Geist der Kraft

Der Geist der Kraft:

Der Geist der Kraft, errinnert uns an die Bekehrungskraft Gottes, die Heilungsskraft Jesu, die Kraft Jesu auf seinem Leidensweg und seiner Auferstehung. Es errinnert uns an zahlreiche Wundergeschichten, Glaubenserfahrungen, nicht nur in Bibelzeiten, nein, auch heute. Gottes Kraft ist es die uns in dieser Corona-zeit jeden Morgen die Sonne hat erblicken und jeden Abend ruhig hat schlafen lassen. Gottes Kraft spricht immer wieder zu uns „Fürchte dich nicht“. Gottes Kraft hat uns den Mut gegeben, weiter zu machen, trotz Isolierung, trotz Ausgangssperre. Gottes Kraft hat unserer Fantasie Flügel verliehen, mit wenigen Mitteln trotzdem jeden Tag zu meistern. Und wir können dankbar zurückblicken und Gott danken für seine Kraft, in den vergangenen Monaten, aber auch in unserem ganzen Leben.

Der Geist der Liebe:

Jesus Christus ist die Liebe. Durch ihn kann auch die Nächstenliebe wachsen denn der Geist der Liebe schenkt uns die Fähigkeit zu Vergeben, zu Versöhnen und zu Trösten um uns zu einer unglaublichen Gemeinschaft zusammen wachsen zu lassen. Diese Liebe gilt allen Menschen, nicht nur die Freunde und Menschen mit denen wir uns gut verstehen, sondern auch Menschen die uns unssympatisch sind, ja sogar Menschen die man als Feinde bezeichnen könnte. Sie zeigt uns auch die Grenzenlosigkeit der Not in der Welt. Die Welt ist so fixiert auf die Coronakrise, dass man leicht andere Notlagen übersieht –Die Gewalt in unserem Land, die Flüchtlingskrisen, Naturkatastrophen und Kriege auf unserem Kontinent und überall in der Welt. Nicht nur Timotheus war damals an der Welt am verzweifeln, auch wir stecken mittendrin. Dennoch sagt Jesus „Fürchte dich nicht!“

Schwere Zeiten sind vielleicht gerade die Zeiten, wo sich der Geist der Liebe besonders bemerkbar macht. Wir brauchen bloß in unserer Gemeinde zu sehen, wieviel Liebe ausgeteilt wurde während des Lockdowns und auch jetzt, danach– liebevolle Anrufe und Textbotschaften an Gemeindeglieder um sich nach ihrem Wohlbefinden zu erkundigen. Abwechslungsreiche Impulse jeden Tag, unermütliches Arbeiten um online Gottesdienste vielfältig zu gestalten, Unterstützung von alten, einsamen und kranken Gemeindegliedern, und Einsatz sogar außerhalb der Grenzen der Gemeinde, um nur ein paar zu nennen. Der Geist der Liebe hat einen weiten Horizont, das dürfen wir immer wieder erfahren.

Der Geist der Besonnenheit:

Gott schenkt uns Weisheit, Vernunft und Disziplin, Mäßigung und Verstand damit wir einen besseren Durchblick in unser Leben bekommen. Wie leicht werden wir im Leben verunsichert und wie oft denken wir, selbst im Stande zu sein, unser Leben zu planen und zu lenken. Und dann merken wir auf einmal, das wir nichts im Griff haben. Wir merken dass wir verwundbar sind, das alles was wir sind und tun auf Erden vergänglich ist. Wie leicht sähen Menschen und Medien Panik und wir lassen uns davon gefangennehmen. Gott nimmt meine Ängste und Sorgen, meine Fehler und meine Vergänglichkeit nicht weg, aber er nimmt meiner Furcht die Macht, durch das Sterben Jesu Christi, das dem Tod die Macht genommen hat, dass ich nicht mir selbst ausgeliefert bin. Der Geist der Besonnenheit ist auch in diesen schwierigen Zeiten wie Medizin, die uns helfen soll, Selbstmitleid, Furcht und Angst zu lindern. Auch er spricht uns zu: Fürchte dich nicht.

Glauben bedeutet nicht, keine Angst mehr zu haben. Glauben bedeutet auch nicht die Angst zu verdrängen und sich stark zu geben – beides wäre naiv, wenn nicht auch gefährlich. Aber Paulus sagt mir im Timotheusbrief das Glaube Angst verändern kann, das Glaube uns hilft mit der Angst umzugehen, und das Gott durch den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit, mich und dich rüstet, Krisen zu durchstehen. Auch wenn wir uns fürchten, dürfen wir wissen, das Gott uns alle Mittel schenkt, diese Furcht zu besiegen, denn in Jesu Leben und Leiden, Tod und Auferstehung sind wir eingebettet in Gottes Ewigkeit.

So wollen wir heute diese Lebensmacht Jesu, der den Tod überwindet feiern. Es soll uns immer wieder ein Trost sein, denn Gottes Geist der Kraft Liebe und Besonnenheit ist uns ein tägliches Geschenk. Sein Wort „Fürchte dich nicht!“ gilt jedem von uns, der es annimmt, gestern, heute und in alle Ewigkeit.

Angst klopft an die Tür

Wer wird sie wohl öffnen?

Die Furcht – die mein Leben regiert und mir die Lebensfreude nimmt?

Oder das Vertrauen, das der Angst keinen Raum lässt, weil es sich geborgen weiß?

Geborgen in der Liebe Gottes

Die mir Mut macht, mich der Bedrohungen meines Lebens zu stellen

Die mir Kraft gibt, jede Angst zu überwinden

Die mir Hoffnung schenkt auf ein besseres Morgen.

Angst klopft an deine Tür

Wer wird sie wohl öffnen? - Pause

Und der Friede der höher ist als alle Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus,


Amen.