2020-10-18 - 19. Sonntag nach Trinitatis - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( Predigt Epheser 4,22-32 ) [ Englische Predigt ] [ Abkündigungen239.49 KB ]


Wie stelle ich mir Gott vor? Welche Bilder habe ich von ihm? 

Im Religionsunterricht, Klasse 7 sprechen wir über Propheten, konkret Amos, der die Stimme Gottes hörte und mehrere Visionen hatte und von Gott beauftragt worden war, Israel mit den Missständen zu konfrontieren, die dort viele Jahrhunderte vor Christus herrschten. Er hatte auf Gottes Stimme gehört. Er war dafür offen. Denn… man muss schon auch hören wollen, was Gott einem sagen möchte. Wir meinen ja oft, wir wüssten schon alles… dann lehrt uns das Leben oft das Gegenteil. 

Ich lade Euch ein hinzuhören auf den Predigttext. Hier spricht Paulus zu den Menschen in Ephesus: Ich lese aus seinem Brief an die Epheser 4,22-32 

Liebe Gemeinde, ich lese zwischen den Zeilen: Gottes Geist kann betrübt sein. Das versuche ich mir vorzustellen. Vor meinem inneren Auge entsteht ein neues Bild von einem Gott, der Tränen vergießt. Aber gibt es das wirklich, einen betrübten, ja weinenden Gott? Bekannt sind mir doch eher andere Bilder Gottes. 

Z.B. der schaffende, kreative und lebenspendende Schöpfer. Oder der zornige Gott.Im Evangelium begegnete heute der Kraft spendende, fürsorgliche Gott in Jesus Christus, der die Sünden vergibt und das Leben wieder aufrichtet. Und dann gibt es eben auch den betrübten, weinenden Gott, dessen Sohn am Kreuz sein Leben aushaucht. 

Wer voller Traurigkeit ist, dem geht es in aller Regel sehr schlecht. Die Gedanken des Tages lassen einen nicht los und lassen einen nicht einschlafen. Sie sind auch noch da, wenn ich morgens aufwache. Man kommt schlecht davon frei. Unaufhörlich denkt man daran und darüber zu sprechen, fällt oft schwer. Dann aber droht der Kummer einen von innen aufzufressen.

Manchmal weinen wir sichtbar, manchmal aber auch unsichtbar und vor der Welt verborgen. Dabei kann sich diese Trauer und dieser Kummer auf verschiedene Dinge beziehen. Wenn ein geliebter Mensch einen Unfall hat, schwer krank wird oder stirbt. Betrübt sein kann man auch, wenn es Streit gibt oder völliges Unverständnis innerhalb der Familie, wenn die Schule einen total stresst samt Lehrer und Klassenkameraden, wenn man völlig überarbeitet ist, wenn man Angst hat, den Arbeitsplatz oder Aufträge zu verlieren. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben im Leben sehr vieler Menschen tiefe Spuren hinterlassen. Wie soll es weitergehen? Für meine Familie, meine Freundinnen und Freunde, für mich.

Manchmal ist es gut, seinen Kummer raus zu lassen. Dazu gehört auch, zu weinen, egal ob als Mann oder als Frau, damit dieses Betrübtsein einen Raum bekommt außerhalb von mir selbst. Von der reinigenden, heilenden Kraft der Tränen wird oft erzählt. Gott weiß das. So entsteht das Bild vom weinenden Gott im Himmel, der seine Tränen vergießt über den Kummer um seine Menschen. Aber wie entsteht dieser Kummer Gottes?

Dazu hilft es, auf den Anfang der Geschichte Gottes mit seinen Menschen zurückzugreifen, als er voller Schöpferkraft war. 

Da war kein Kummer, sondern frohe Zukunftshoffnung. So hat Gott den Menschen geschaffen, damit der sein Werk weiterführe und vollende. 

Diese Erzählung ist der Urgrund der Geschichte und Gemeinschaft Gottes mit uns. Ihm liegt das Ergehen des Menschen selbst tief im Herzen. Er liebt ihn ganz und gar. Genau deswegen ist ihm das Leben auf dieser Welt auch nicht egal. 

Wo es den Menschen aber schlecht geht, da geht es Gott genauso. Nicht zufällig erzählt das Christentum von Anfang an die Geschichte des mitleidenden Gottes. Daraus entsteht nicht nur ein besonderes Gottesbild, sondern ebenso ein besonderes Menschenbild. Der Mensch ist in seiner Zuordnung zu Gott einzigartig unter den Geschöpfen. Es ist ein großes Geschenk. Ein tiefer Vertrauensbeweis der Liebe Gottes. 

Daher kommt aber auch der Auftrag, der aus dieser vertrauenden Liebe folgt: Kümmere dich um das Leben der Menschen. Der Dienst am Menschen ist immer ein Dienst an Gott. Das weiß auch der Apostel, der seine Gemeinde so eindringlich mahnt und damit ein großartiges Panorama der Gemeinschaft und des Miteinanders schafft. 

Die Corona Pandemie hat in vielen das Bewusstsein wieder geweckt: Was braucht meine Nachbarin? Hat Herr XY genug zu essen oder kann ich einmal für ihn einkaufen gehen? Es entstand eine große Solidarität an vielen Orten in der Welt und auch in unserer Gemeinde. Es gab so viel freundliche Nähe in Wort und Tat, was zu dem einfachen Schluss führt: Ja, wir Menschen können dem Auftrag des Apostels nachkommen, dem Bedürftigen abgeben und reden, was gut ist und weiterhilft. 

Ich wünschte mir, es bliebe so. Oftmals kommt die Realität des 21. Jahrhunderts dazu. Und man fragt sich: Wo ist der Segen im Reden und Ausgrenzen von Menschen, wenn Schuldige gesucht werden und Hilfe entzogen wird?

Es gibt einen herzlosen, lieblosen Umgang, den wir Menschen untereinander pflegen. Die Lieblosigkeit aber macht Kummer. Das geht nicht nur den Menschen so, sondern Gott geht das auch so. Das Leid seiner Menschen rührt ihn an. 

Es tut gut, wo Menschen einander zugewandt sind, einander Gutes tun. Deswegen präsentiert Paulus diesen Katalog eines sozialen Programms. Zukunftshoffnung. Wir hören es gerade hier und heute in diese Zeit hinein, in der wir selbst unsere Zukunft gestalten. Der Mensch lebt nur in freundlicher Gemeinschaft gut und gottgemäß. „Betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes! Er ist das Siegel eurer Erlösung.“ Das ist keine Drohung, dass er dieses Siegel lösen könnte. 

Sondern: Wenn Gott über den herzlosen Umgang mit anderen und auch über mein Versagen in dieser Welt bittere Tränen vergießt, dann macht das nur deutlich, wie sehr ihm an seinen Menschen liegt. So erweitert sich das Bild in mir, das ich von Gott habe. 

Paulus endet: „Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“Gott sieht, was die Menschen tun, wo sie versagen, aber er versinkt nicht im Zorn und der Trauer darüber, sondern er kämpft um uns. 

Von der reinigenden, heilenden Kraft der Tränen wird oft erzählt. Gott weiß das. So lösen ihn die Tränen aus seinem Kerker des großen Kummers. Christus kommt in die Welt. Und mit ihm kommt Gottes Vergebung. Immer wieder spricht er zu uns, zeigt sich uns. 

In der Freundlichkeit Jesu Christi ist er uns nahe. Gott wird Mensch, damit wir zu Menschen werden können. Für das Leben in der Welt. Für die Freundlichkeit, Herzlichkeit, Solidarität und Vergebung. 


Amen