( Predigt Römer 12, 1-8 ) [ English Translation ] [ Abkündigungen383.79 KB ]
Liebe Gemeinde,
das Jahr 2021 hat gerade erst angefangen. Viele Menschen nehmen sich jedes Jahr etwas für das neue Jahr vor. Manche wollen Gewohnheiten ändern. Einige sagen ihrem Körper den Kampf an, wollen abspecken. Nicht nur zum Jahreswechsel, auch im Laufe des Jahres, oder auch am 10. Tag lohnt es sich, sich einer Veränderung auszusetzen: einer Veränderung des Geistes. Jeder Gottesdienst bringt das Risiko mit sich, dass man nicht als derselbe/ dieselbe geht, als der oder die man gekommen ist, vielleicht auch bei diesem Predigttext, den wir bei der Lesung schon gehört haben.
Der Predigttext beginnt mit „Barmherzigkeit“ und er endet mit „Barmherzigkeit“ – wie passend, dass auch die Jahreslosung in diesem Jahr unter dem Motto der Barmherzigkeit steht. Die erste Barmherzigkeit ist die, die Gott uns erweist. Das ist ein bekanntes Motiv: Gott ist wie ein barmherziger Vater: die Geschichte vom verlorenen Sohn ist einer der Basistexte. Bei der zweiten Erwähnung der Barmherzigkeit sind wir Gemeindeglieder die, die Barmherzigkeit üben, und zwar gerne. Das zweite Wort, das doppelt im Predigttext vorkommt ist der Begriff „Leib“. Im ersten Teil steht „Leib“ für unser ganzes Leben, das wir Gott als Opfer hingeben mögen. Im hinteren Teil steht der „Leib“ für den Leib Christi, für die Gemeinde, in der jeder seine Aufgaben übernimmt, jeder eine andere Funktion hat: lehrend, ermahnend usw. Die ersten Verse ermahnen uns zur Erneuerung, die weiteren warnen vor eigener Überheblichkeit gegenüber den anderen, mit denen wir zusammen agieren.
Lasst uns einmal einen Blick in die Vergangenheit werfen, früher, noch bis 70 nach Christus, gingen Menschen in den Jerusalemer Tempel. Sie standen im Vorhof. Sie suchten mit den Händen in ihren Taschen nach Geld. Sie kauften Opfertiere: Tiere, die möglichst perfekt waren. Die Opfertiere brachten sie den Priestern, die sie Gott darbrachten: als Dank, als Lob, Verbindung zu Gott. Paulus fordert uns auf, dass wir unseren Leib Gott als Opfer hingeben. Leib, das sind wir, unser Sein und Leben. Das sollen wir ihm zur Verfügung stellen. Opfer haben etwas mit schmerzvollem Loslassen zu tun. Wenn man umgangssprachlich etwas „opfert“, dann kostet das einem etwas. Auch Veränderungen sind oft nicht leicht: man hängt an alten Gewohnheiten.
Veränderungen sind Schwerstarbeit und oft laufen sie ins Leere. Und doch verändern wir uns ständig: Das merkt man nicht nur, wenn man Fotos von vor einigen Jahren mit aktuellen vergleicht. Wir verändern uns nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich.
Wolf Biermann, ein Liedermacher, hat einmal gesagt: „Nur wer sich ändert bleibt sich treu.“
Da ist etwas dran.
Eine gleichbleibende Veränderung möchte ich euch heute nahebringen: Ich möchte Euch zur Barmherzigkeit ermuntern. Die Barmherzigkeit ist das, was immer gleichbleibt, sich aber immer neu zeigt. Es ist die Charaktereigenschaft Gottes, die uns hier genannt wurde, die seinem Wesen und Willen entspricht, die vollkommen ist. Es ist die Barmherzigkeit, die uns uns selbst sein lässt, aber auch uns selbst verändert.
Sie wird uns von Gott zugesprochen. Uns ist zugesagt, dass er uns gegenüber barmherzig ist, weil er uns durch Christi Opferung am Kreuz unsere Sünde vergibt. Allein durch Gottes Gnade, durch seine Barmherzigkeit sind wir gerecht vor Gott.
Wir stehen aber in Jesu Nachfolge, selbst barmherzig und vergebend anderen gegenüber zu handeln und darin Gottes Willen zu entsprechen und darin an seiner Vollkommenheit Anteil zu haben.
Liebe Gemeinde:
Barmherzigkeit zu üben, heißt Barmherzigkeit zu üben!
Im Wort Barmherzigkeit steckt das Wort Herz.
Wer barmherzig ist hat ein großes Herz für andere.
Wer barmherzig ist, der ist nicht hartherzig.
Im Studium habe ich ein Seminar zur Gewaltfreien Kommunikation besucht. Das Symboltier der gewaltfreien Kommunikation ist die Giraffe. Stellt euch ruhig eine große Giraffe vor vor. Diese Giraffe hat ein großes Herz. Das ist so groß, dass sie versucht die Bedürfnisse des andren, ihres Gegenübers, zu erspüren. Wenn beispielsweise das Gegenüber der Giraffe ärgerlich sagt: „Nie hast du für mich Zeit!“ dann erspürt die Giraffe, dass der andere sie mag und gerne einfach noch mehr Zeit mit ihr verbringen möchte. Das hört sie mit ihren Giraffenohren. Wäre sie ein Wolf und würde mit Wolfsohren hören. Dann hätte sie sich durch einen Vorwurf angegriffen gefühlt. Der Wolf würde unbarmherzig reagieren, z.B. so: „Du hast doch auch nie Zeit für mich. Ich bin es doch immer, der dich anruft, du meldest dich nie.“ Die Giraffe hingegen, mit ihrem großen Herzen, geht auf das Bedürfnis ein. Sie ruht in sich, atmet vielleicht noch einmal durch, erspürt, was im anderen vor sich geht und sagt: „Ich hätte auch gerne mehr Zeit mit dir. Wie meist du wollen wir uns organisieren, um in Zukunft mehr Zeit miteinander zu haben, die uns beiden gut tut?“ Die Giraffe ist mitfühlend, sie ist barmherzig, sie erspürt und erfragt bei den anderen deren Bedürfnisse, die hinter den Aussagen der anderen liegen. Sie fragt sich: Was braucht der andere? Und sie ist auch bei sich selbst und spürt und sagt, was sie selbst braucht, statt mit gefletschten Zähnen um ihr Recht zu kämpfen. Manchmal muss man den Wolf opfern! Diesen Kampf ums eigene Recht, das opfert die Giraffe zugunsten der Barmherzigkeit. Sie erkämpft sich nicht Status und Position, sondern agiert aus der Weite Ihres Herzens.
Möge in uns die Weite des Herzens, die Barmherzigkeit regieren und nicht die Angst zu kurz zu kommen. Ich behaupte: das ist auch der Schlüssel zum Rest unseres Predigttextes: Wer ein Giraffenherz hat, der stellt sich nicht über andere, sondern ist empathisch den anderen gegenüber. Das heißt nicht, dass man alles und jeden gut finden muss. Der Vater des verlorenen Sohnes fand auch nicht gut, was dieser getan hatte. Aber er nahm den Sohn dennoch großherzig, barmherzig, an.
Liebe Gemeinde, Gott ist der Barmherzige. Gott verändert uns ständig mit seinem Geist, durch seine Gegenwart und durch das, was wir durch die anderen Gemeindeglieder über ihn erfahren. Es ist sein Geist, der durch uns fließt, wie das Blut durch unseren Körper, zu jedem Körperteil, das von unserem Herz gepumpt wird. Lassen wir uns von ihm verändern, dass wir, wir selbst sind und gleichzeitig mit Gott ein Herz und eine Seele. Gottes Herz ist größer als das einer Giraffe. Aber manchmal helfen kleine Bilder und kleine Schritte zu großen Veränderungen. Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes.
Amen