2021-01-31 - Letzter Sonntag nach Epiphanias - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( Predigt 2 Petrus 1,16-21 ) [ English Translation ] [ Abkündigungen646.2 KB ]


Dieses Lied aus Taizé wurde 1991 veröffentlich und es begleitet mich schon längere Zeit. „Christus, dein Licht, verklärt unsre Schatten. Lasse nicht zu, dass das Dunkel zu uns spricht. Christus, dein Licht, erstrahlt auf der Erde. Und du sagst uns, auch ihr seid das Licht.“ Ich mag dieses Lied. Es ist mir ans Herz gewachsen. Im Auto höre ich es, weil Taizelieder generell zu meinen Begleitern gehören.

Es tröstet mich. Wenn Angst und Sorge in mir hochkriechen, wenn ich nachts nicht einschlafen kann, weil irgendetwas mich nicht loslässt, dann summe ich gern dieses Lied. „Lasse nicht zu, dass das Dunkel zu uns spricht.“

Geheimnisvoll ist für mich der Satz: „Christus, dein Licht, verklärt unsre Schatten.“

In den Evangelien findet sich ein Ereignis, aus dem die Worte des Liedes erwachsen sind, die sogenannte Verklärung. Es wird so beschrieben: Jesus führt drei seiner Jünger, Petrus, Jakobus und Johannes, auf einen Berg. Dort erleben die drei, dass Jesus in überirdisches Licht getaucht wird, und sie hören eine Stimme vom Himmel: „Dies ist mein lieber Sohn, an ihm habe ich meine Freude. Ihn sollt ihr hören!“ (Matthäus 17,5).

Eine einzigartige Erfahrung, die das Leben der drei Jünger prägen wird. Sie erleben, welche überwältigende Kraft das Licht hat, das von Jesus ausgeht, wie die Schatten weichen.

Um dieses Ereignis und seine Bedeutung geht es heute im Predigttext aus dem 2. Petrusbrief.

Lesen des Textes.

Wenn man den Namen des Briefes hört, 2. Petrusbrief könnte man meinen, der Jünger Petrus habe selbst diesen Brief geschrieben, aber das ist nicht so, denn der Brief stammt aus dem 2. Jahrhundert nach Christus. Der Verfasser gibt sich als Petrus aus, um seinen Worten Kraft und Ansehen zu verleihen. Ich spreche daher vom Verfasser des Briefes, nicht von Petrus.

Der Verfasser lebt in einer Gemeinde, in der die Menschen aufhören zu glauben, dass Jesus Christus wiederkommt. Es ist ja auch schon über hundert Jahre her, dass er unter den Menschen war. Die Christinnen und Christen der ersten und zweiten Generation rechnen zuerst damit, dass Jesus bald wiederkommen wird. Je länger die Wiederkunft ausbleibt, desto schwerer fällt es, daran zu glauben, dass Jesus das Licht und der Retter der Welt ist.

Diese Entwicklung bereitet dem Verfasser des Petrusbriefs große Sorge. Denn der Glaube an Jesus Christus überhaupt hängt daran.

Als Petrus, wie er sich bezeichnet, ruft er „seine“ Erfahrung damals mit Jesus in Erinnerung. Jesus ist das Licht der Welt. Er selbst hat es ja miterlebt auf dem Berg. Gerne würde er in diesem Licht auf ewig bleiben. Doch das ist den drei Jüngern verwehrt. Sie müssen mit Jesus den Berg wieder hinabsteigen, in ihren Alltag. Was bleibt ihnen? Nun, sie sind sich dessen gewiss, dass Jesu Licht mächtiger ist als alles Dunkle, das im Leben passiert.

Dass aber alles Leben sich in dem Licht Jesu vollenden wird.

Jesus ist nun nicht mehr unter den Menschen, aber an seiner Stelle haben die christlichen Gemeinden das Wort der Schrift. Der Verfasser des 2. Petrusbriefs schreibt dem Wort der Schrift dieselbe Leuchtkraft zu, die Petrus an Jesus erfahren hat. Das Wort der Schrift ist ein Licht in dieser dunklen Zeit, es schenkt Orientierung und Halt in Unsicherheit und Verwirrung.

Dass das Wort der Schrift tatsächlich in dunkler Zeit eine Leuchtkraft entfaltet, dass es aufgeht im Herzen wie der Morgenstern, zeigt sich im Leben der niederländischen Jüdin Etty Hillesum.

Sie ist am 30. November 1943 im Konzentrationslager Auschwitz im Alter von 31 Jahren gestorben. Sie hatte darauf gehofft, dass ihr ein langes Leben geschenkt sein würde, um davon zu erzählen, wie sie von Gottes Geheimnis immer mehr angezogen wurde und sich ihr Leben dadurch verwandelt hat. Doch das Konzentrationslager Auschwitz wurde erst am 27. Januar 1945, vor 76 Jahren, befreit.

Ihre Freunde berichten, dass sie die Bibel stets zur Hand, vor allem aber im Herzen hatte. Sie schreibt in ihrem Tagebuch: „Es gibt Augenblicke, in denen ich mich wie ein kleiner Vogel in einer großen schützenden Hand geborgen fühle. Gestern war mein Herz ein in der Falle gefangener Vogel. Jetzt ist der Vogel wieder frei und fliegt ungehindert über alles hinweg.“

Selbst in Auschwitz geht von Etty Hillesum ein Licht aus. Überlebende beschreiben sie als leuchtende Persönlichkeit. Sie ist sich sehr sicher, dass man in Gottes Armen in niemandes Klauen mehr ist. Ihr letzter Tagebuchentrag schließt mit dem Wunsch: „Man möchte ein Pflaster auf vielen Wunden sein.“ Für Etty Hillesum ist Gott ein Licht am dunklen Ort geworden.

„Christus, dein Licht, verklärt unsre Schatten. Lasse nicht zu, dass das Dunkel zu uns spricht. Christus, dein Licht, erstrahlt auf der Erde. Und du sagst uns, auch ihr seid das Licht.“

Es gibt Worte, die leuchten, wie Jesus auf dem Berg der Verklärung geleuchtet hat. Es ist ein Leuchten, das für immer alle Dunkelheit, alle Angst und alle Todesfurcht vergangen sein lässt. Wir können dieses Leuchten nicht selbst machen. Aber wir können uns erleuchten lassen, wir können auf das Wort lauschen, es in uns klingen lassen und warten, bis es in uns leuchtet oder, wie der Verfasser des Briefes es sagt, bis der Morgenstern aufgehe in unseren Herzen. Für mich ist solch ein geistliches Wort das Lied „Christus, mein Licht“. Ich bin dankbar, dass es mich gefunden hat.

Welches Wort aus der Bibel oder der geistlichen Tradition geht Euch zu Herzen? Gibt es ein Wort, das Dich schon eine längere Zeit begleitet? Oder möchtest Du, dass dich eins finden in der nächsten Zeit

Wie Etty Hillesum möchte ich ich darauf vertrauen, dass Gott sein Licht aufgehen lässt in deinem und in meinem Herzen – in äußerer und innerer Bedrohung, in äußerem und innerem Chaos, in Angst und Verzweiflung; dass wir erfahren, dass der Seelenvogel, der eben noch in der Falle gefangen war, sich in Gottes schützender Hand geborgen fühlt und wieder frei und ungehindert auffliegt.


Amen